Meine lieben Mitspaziererinnen und Mitspazierer, sehen Sie es auch noch, ja, grad da hinten am Horizont? Das alte Jahr mein ich, das sich geradeaufmacht, endlich dahin zu gehen, wo der Pfeffer wächst. Nein, nicht nachGrönland, da plant man den Anbau erst in 5 Jahren. Noch ist der Pfeffer eherein Thema für die traumhaften Strände der Karibik, die Inseln in der Sonne,in der sich die schwul-lesbische Urlaubscrowd bräunt und All-Inclusive be-spaßen lässt, während ums nächste Eck die Freunde Sizzlas zu traditionelllustigen Rhythmen ein paar Schwule killen. Wobei wir auch schon mitten inder Realität 2010 wären, die sich wahrscheinlich von der 2009er-Variantenicht gravierend unterscheiden wird. Aber trotz der vielfältigen Wolken amHorizont sollten wir uns die gute Laune nicht verderben lassen und den Neu- jahrskater als das sehen, was er ist: der erste, aber sicher nicht der letzteseiner Art im jungen Jahr. Denn vor jedem Kater kommt erst mal die Party,und ich hoffe doch mal, selbige werden reichlich gefeiert. Schließlich habenwir doch einen wirklich guten Grund zu feiern: uns selbst.Wenn Sie jetzt meinen, dass das irgendwie etwas dünn ist – fällt Ihnen gera-de ein besserer Grund zum Feiern ein? Die nächste Runde Bankenkrise, derArbeitsmarkt, der von und zu am Hindukusch und die Lage im Allgemeinenschreien ja eigentlich nicht gerade nach ausgelassenen Tänzen. Obwohl sich ja die Dämonen des Winters angeblich mit wildem Hüpfen und Stampfen ver-treiben lassen. Und auch das wäre zumindest mal den Versuch wert, schlim-mer kann’s nicht werden, dafür aber zumindest wärmer. Ich für meinen Teilhabe ja beschlossen, das neue Jahr durchwegs nur und ausschließlich posi-tiv zu sehen. Dank des wundersamen Wachstumsbeschleunigungsgesetzeswerden wir die Taschen so voller Geld haben, dass wir gar nicht wissen wer-den, wo wir als erstes zu prassen anfangen sollen. Die Kinderwagenbrigadeim Viertel zum Beispiel wird mit den zwanzig Euro mehr pro Kind so was vonzuschlagen. Schnullerboutiquen werden an jedem Eck entstehen. Und derRest von uns, die wir als Double-Income und meistens No Kids bekanntlichim Geld schwimmen, werden die Wirtschaft geradezu uten, uns dem voll-kommen ungehemmten Konsum ergeben und den Kapitalismus total sanie-ren. Ja, 2010 wird wunderbar.Aber mal abgesehen von staatlich verordnetem nanziellen Leichtsinn, kri-sengeneriertem Galgenhumor und sonstigen fremdbestimmten Gemütsla-gen bietet das kommende Jahr auch einen bunten Mix an wirklich Span-nendem: 30 Jahre CSD, die ersten Gay Games in Deutschland und eine nachwie vor wunderbar lebendige Szene in München. Und in der können wir un-ser Leben so leben wie wir das wollen, Tag für Tag, frei und selbstbestimmt.Das sollten wir wertschätzen und daran arbeiten. Denn wir sind die Szene,und die Community lebt nur durch uns.Ein gutes neues Jahr, voller prallem, bunten Leben wünsche ich uns, einJahr, das uns wieder einen Schritt näher zur Gleichstellung bringt und dieVielfalt der Gesellschaft noch etwas selbstverständlicher macht.
Ich bin Sarah Jäckel und danke mit dem gesamten LEO-Team allen unserenFreunden, Kunden und UnterstützerInnen, die unsere Arbeit überhaupt erstermöglichen. Und freue mich auf Weihnachten, ein geiles Silvester – unddas kommende Jahr mit Ihnen, meinen Mitspazierern. Und lasse den Weih-nachtsmann einen guten Mann sein, ob das Herrn Marx nun passt oder nicht.
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