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Von Sebastian Schoepp
G
ut leben, das möchte jeder. Aberwas macht ein gutes Leben aus?Immer mehr Sachen anhäufen?Oder auf Materielles verzichten, dafürdieUmwelterhaltenundinsolidarischerGemeinschaft glücklich werden? Letzte-res klingt arg idealistisch für europäi-sche Ohren, aber für Alberto Acosta istklar: „Ohne ein grundsätzliches Umden-ken laufen arme und reiche Länder glei-chermaßen auf einen kollektiven Selbst-mord zu.“ Der ecuadorianische Wirt-schaftswissenschaftler ist in der drittenWelt einer der führenden Kritiker desgängigen Wachstumsbegriffes.Als Vorsitzender der verfassungsge-bendenVersammlungEcuadorshatAcos-ta eine neue Wertedebatte in den politi-schen Prozess eingebracht und das Landdamit – zumindest auf dem Papier – zumVorreiter gemacht, was die Achtung derÖkologie und der Weltsicht der Urein-wohnerangeht.AuchdieYasuní-Initiati-ve,diedemErhaltdesUrwaldesdenVor-rang vor der Ölausbeutung gibt, geht aufihn zurück (siehe Kasten).Dem61-JährigenkommtzuGute,dasser beide Welten kennt, die westliche, al-lein am Wachstum orientierte; und diesüdliche, die der Anden, die eine gänz-lich andere Vorstellung vom Weg zumGlück hat. Acosta studierte in Köln Be-triebswirtschaft, er war Attaché an derBotschaftinBonn,erhieltdasBundesver-dienstkreuz für sein Bemühen um inter-nationale Beziehungen. Er war Energie-minister seines Landes, hat Lehraufträ-ge an zahlreichen Universitäten, gilt alsVordenker linker Regierungen Latein-amerikas, weil er half, das andine Den-ken vom Ruch der Folklore zu befreien.DieandineKosmovisionähneltinman-chemerstaunlichdenTräumen deseuro-päischen Postmaterialismus. Auf Que-chua gibt es den Begriff des
sumak kau-say
, des guten Lebens, das ein harmoni-sches Zusammensein von Mensch undNatur beschreibt. In diesem Sinne ist„gut leben“ durchaus als Gegensatz zumStrebennacheinem„besserenLebenzuverstehen, sagt Acosta, worunter die ka-pitalistischeModernejavorallemdieAn-häufung von Gütern versteht.Ihre Einstellung macht andine Völkergeradezu renitent gegen vermeintlicheSegnungen des Fortschritts, in denen sieeinfachkeinenSegensehenwollen.Que-chuas oder Aymaras können Entwick-lungshelferzurVerzweiflungtreibenmitihrem Beharren auf dem Althergebrach-ten,etwawennsiedieneuenSolarhäusernicht annehmen, sondern weiter in ihrenLehmhütten leben wollen. Es reicht ih-nen einfach. Das führt zu einem Dauer-konfliktmitdenen,dieBodenschätzeaus-beuten wollen – in Ecuador, Peru, Boli-vien, Brasilien. Die liegen vielfach unterindigenemTerritorium.VieleIndio-Füh-rerhabenAcostasLehrenstudiert,erhatihnen das Rüstzeug gegeben für zuneh-mend selbstbewussteres Auftreten.Die Abhängigkeit von BodenschätzenistfürAcostadasKernproblemvielerar-merLänder.Er hatdafürdenBegriff des„Extraktivismus“ in die Debatte einge-führt. In seinem neuen Buch „Der Fluchdes Überflusses“ stellt er die – nur aufden ersten Blick – paradoxe Kerntheseauf: Lateinamerika ist so arm, weil es soreichist.AußerNorwegengebeeskeinöl-förderndes Land, das es geschafft habe,stabilen Wohlstand mit produzierendemGewerbe und intellektuellen Eliten zuschaffen, stellt Acosta fest. Bodenschät-ze machten es einigen Wenigen zu leicht,sich auf Kosten der Mehrheit zu berei-chern. Autoritäre Regierungen halte dasÖlanderMacht.IndieEntwicklungwer-de nicht investiert. Die Natur gehe ka-putt. Acostas Beschreibung bildet aufkleinem Raum die globalen Verhältnisseab. So wie sich in Entwicklungsländerndie Reichen in ihrem Luxus einmauern,soverschanzensichEuropaunddieUSAvor den Massen in den armen Staaten.„Damit einige wenige besser leben kön-nen,müssenMillionenschlechterleben“,stellt Acosta klar, und wiederholt damitdie älteste Wirtschaftsregel der Welt, diedurch das modische Gerede von
Win-Win-Situationen
nuretwasinVergessen-heit geraten ist: wo einer verdient, mussein anderer zahlen. So aber könne esnicht weitergehen, meint Acosta.In Lateinamerika sehen manche seineAnalysen als Weiterführung der Theo-riendesWelterklärersEduardoGaleano,nur dass Acosta sein Heil weniger imMarxismus sucht, sondern in einer Mi-schung aus ökologischen, kollektivisti-schen und andinen Zügen. Acosta for-dert, Wirtschaften auf neue ethischeGrundlagen zu stellen. Der Mensch undseine Lebensqualität müsse im Mittel-punkt stehen, das Öffentliche vor demPrivaten. Nur wenn in Intelligenz inves-tiertwerde,auchLänderwieEcuador zuwissensgestützten Gesellschaften wür-den,könntendieBodenschätzeimBodenbleiben. Leider, so Acosta, sei diese Er-kenntnis auch bei den linken Regierun-gen Lateinamerikas noch nicht recht an-gekommen.Siesetztenauf„Neoextrakti-vismus“, verbesserten zwar die Staats-quotebeiderFörderungvonBodenschät-zen, doch die Abhängigkeit von der rei-chen Welt nehme so nicht ab.Das war der Grund für den BruchAcostasmitder RegierungvonPräsidentRafael Correa in Ecuador. Gemeinsamhatten sie die Bewegung „Acuerdo País“gegründet, die die Parteienlandschaftkomplett umkrempelte. Bei den Wahlenzur verfassungsgebenden Versammlung2007 erhielt Acosta die meisten Stim-men, er wurde ihr Vorsitzender. Zuerstwurden Correa und Acosta belächelt,dann aber verschafften sie dem Rekord-Putschland erstmalig eine stabile Regie-rung mit einer klaren Vision– und zwardeswegen,weilsiealleGruppendesLan-desampolitischenProzessbeteiligten,soauch die Armen und Indigenen.Zum Bruch kam es, als Acosta an sei-nem alten Freund Correa „messianischeZügeausmachte. Außerdem konntensie sich über das Tempo der Reformennicht einigen. Correa warf Acosta vor, erübertreibe es mit der Demokratie. Seit2008habendiebeidennichtmehrmitein-ander gesprochen. Kann gut sein, dassnun aus den Weggefährten Konkurren-tenwerden.AufdieFrage,oberAmbitio-nenaufdiePräsidentschafthabe,antwor-tet Acosta mit ausweichender andinerRhetorik:„IchwilldasLandverändernegal,welchePositionmichdabeifindet.“
DerNationalparkYasuníisteineinzigar-tiger Naturraum an der Grenze Ecua-dors zu Peru. Auf einem Hektar wach-sen dort mehr Baumarten als in denUSA und Kanada zusammen. Forscherhaben4000Pflanzen-und600Vogelar-ten gezählt. Es gibt indigene Völker, diein völliger Isolation leben. Mit der wärees aus, wenn Bohrtrupps anrückten,um die 850 Millionen Barrel Öl zu för-dern,diedortvermutetwerden(einBar-rel sind 159 Liter). Ecuador könnte da-mit sechs Milliarden Dollar umsetzen.Das ist zwar eine Menge, reicht abernur aus, damit die Welt ein paar Wo-chen länger Autofahren kann. Vor die-semHintergrundhatEcuadoraufInitiati-ve Alberto Acostas einen Vorschlag ge-macht, der bei vielen Umweltschützernals Pilotprojekt angesehen wird. Wennsich ein Weg findet, wie die Welt dasLandentschädigenkannfürdieentgan-genen Einnahmen, bleibt der Urwaldstehen. Denkbar wäre die Ausgabe ei-ner Art Klimazertifikats, das Industrien,die das Klima schädigen, kaufen. DasGeld soll etwa der Bildung in Ecuadorzu Gute kommen. Doch bei der Klima-konferenz in Kopenhagen spielte Yasu-ní kaum eine Rolle. Es gab Zweifel: Weretwagarantiert,dassdernächstePräsi-dent nicht trotz Entschädigung bohrenlässt? Alberto Acosta kritisiert aberauch seine eigene Regierung: Der Vor-schlag sei in Kopenhagen nicht mit ge-nug Nachdruck betrieben worden.
ws
Besser gut leben als besser leben
Der ecuadorianische Wirtschaftswissenschaftler und Politiker Alberto Acosta fordert eine Abkehr vom ewigen Streben nach Mehr
 Als Vorsitzender derverfassungsgebendenVersammlung Ecua-dors hat Alberto Acos-ta (im Foto mitStock) eine neue Wer-tedebatte angestoßen.Die Achtung der Öko-logie geht auf denPolitiker zurück. Ersetzt sich für die Er-haltung des Urwaldesund für Toleranz ge-genüber den Urein-wohnern ein. Acostahat dazu beigetragen,das andine Denkenvom Ruch der Folklo-re zu befreien. DasBild zeigt Acosta auf einer Veranstaltungmit Ureinwohnern imJahr 2007.
Foto:APD
Das Projekt Yasuní – Wald statt Öl
SüddeutscheZeitungWIRTSCHAFTMontag,11.Januar2010   PersonalienBayernSeite18,MünchenSeite18   
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ut leben, das möchte jeder. Aberwas macht ein gutes Leben aus?Immer mehr Sachen anhäufen?Oder auf Materielles verzichten, dafürdieUmwelterhaltenundinsolidarischerGemeinschaft glücklich werden? Letzte-res klingt arg idealistisch für europäi-sche Ohren, aber für Alberto Acosta istklar: „Ohne ein grundsätzliches Umden-ken laufen arme und reiche Länder glei-chermaßen auf einen kollektiven Selbst-mord zu.“ Der ecuadorianische Wirt-schaftswissenschaftler ist in der drittenWelt einer der führenden Kritiker desgängigen Wachstumsbegriffes.Als Vorsitzender der verfassungsge-bendenVersammlungEcuadorshatAcos-ta eine neue Wertedebatte in den politi-schen Prozess eingebracht und das Landdamit – zumindest auf dem Papier – zumVorreiter gemacht, was die Achtung derÖkologie und der Weltsicht der Urein-wohnerangeht.AuchdieYasuní-Initiati-ve,diedemErhaltdesUrwaldesdenVor-rang vor der Ölausbeutung gibt, geht aufihn zurück (siehe Kasten).Dem61-JährigenkommtzuGute,dasser beide Welten kennt, die westliche, al-lein am Wachstum orientierte; und diepitalistischeModernejavorallemdieAn-häufung von Gütern versteht.Ihre Einstellung macht andine Völkergeradezu renitent gegen vermeintlicheSegnungen des Fortschritts, in denen sieeinfachkeinenSegensehenwollen.Que-chuas oder Aymaras können Entwick-lungshelferzurVerzweiflungtreibenmitihrem Beharren auf dem Althergebrach-ten,etwawennsiedieneuenSolarhäusernicht annehmen, sondern weiter in ihrenLehmhütten leben wollen. Es reicht ih-nen einfach. Das führt zu einem Dauer-konfliktmitdenen,dieBodenschätzeaus-beuten wollen – in Ecuador, Peru, Boli-vien, Brasilien. Die liegen vielfach unterindigenemTerritorium.VieleIndio-Füh-rerhabenAcostasLehrenstudiert,erhatihnen das Rüstzeug gegeben für zuneh-mend selbstbewussteres Auftreten.Die Abhängigkeit von BodenschätzenistfürAcostadasKernproblemvielerar-merLänder.Er hatdafürdenBegriff des„Extraktivismus“ in die Debatte einge-führt. In seinem neuen Buch „Der Fluchdes Überflusses“ stellt er die – nur aufden ersten Blick – paradoxe Kerntheseauf: Lateinamerika ist so arm, weil es soreichist.AußerNorwegengebeeskeinöl-förderndes Land, das es geschafft habe,stabilen Wohlstand mit produzierendemGewerbe und intellektuellen Eliten zuschaffen, stellt Acosta fest. Bodenschät-ze machten es einigen Wenigen zu leicht,sich auf Kosten der Mehrheit zu berei-chern. Autoritäre Regierungen halte dasÖlanderMacht.IndieEntwicklungwer-de nicht investiert. Die Natur gehe ka-putt. Acostas Beschreibung bildet aufkleinem Raum die globalen Verhältnisseab. So wie sich in Entwicklungsländerndie Reichen in ihrem Luxus einmauern,soverschanzensichEuropaunddieUSAvor den Massen in den armen Staaten.„Damit einige wenige besser leben kön-nen,müssenMillionenschlechterleben“,stellt Acosta klar, und wiederholt damitdie älteste Wirtschaftsregel der Welt, diedurch das modische Gerede von
Win-Win-Situationen
nuretwasinVergessen-heit geraten ist: wo einer verdient, mussein anderer zahlen. So aber könne esnicht weitergehen, meint Acosta.In Lateinamerika sehen manche seineAnalysen als Weiterführung der Theo-rienuMscscdeGrseipuPrtiewideblkegegevisquzechAcRahagekozu20mw
Besser gut leben als besser lebe
Der ecuadorianische Wirtschaftswissenschaftler und Politiker Alberto Acosta fordert eine Abkehr vo
 
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er beide Welten kennt, die westliche, al-lein am Wachstum orientierte; und diesüdliche, die der Anden, die eine gänz-lich andere Vorstellung vom Weg zumGlück hat. Acosta studierte in Köln Be-triebswirtschaft, er war Attaché an derBotschaftinBonn,erhieltdasBundesver-dienstkreuz für sein Bemühen um inter-nationale Beziehungen. Er war Energie-minister seines Landes, hat Lehraufträ-ge an zahlreichen Universitäten, gilt alsVordenker linker Regierungen Latein-amerikas, weil er half, das andine Den-ken vom Ruch der Folklore zu befreien.DieandineKosmovisionähneltinman-chemerstaunlichdenTräumen deseuro-päischen Postmaterialismus. Auf Que-chua gibt es den Begriff des
sumak kau-say
, des guten Lebens, das ein harmoni-sches Zusammensein von Mensch undNatur beschreibt. In diesem Sinne ist„gut leben“ durchaus als Gegensatz zumStrebennacheinem„besserenLebenzuverstehen, sagt Acosta, worunter die ka-merLänder.Er hatdafürdenBegriff des„Extraktivismus“ in die Debatte einge-In Lateinamerika sehen manche seineAnalysen als Weiterführung der Theo-mwdaPurudedeaunesieniüb20annutenetetRheg
DerNationalparkYasuníisteineinzigar-tiger Naturraum an der Grenze Ecua-dors zu Peru. Auf einem Hektar wach-sen dort mehr Baumarten als in denUSA und Kanada zusammen. Forscherhaben4000Pflanzen-und600Vogelar-ten gezählt. Es gibt indigene Völker, diein völliger Isolation leben. Mit der wärees aus, wenn Bohrtrupps anrückten,um die 850 Millionen Barrel Öl zu för-dern,diedortvermutetwerden(einBar-rel sind 159 Liter). Ecuador könnte da-mit sechs Milliarden Dollar umsetzen.Das ist zwar eine Menge, reicht abernur aus, damit die Welt ein paar Wo-chen länger Autofahren kann. Vor die-semHintergrundhatEcuadoraufInitiati-ve Alberto Acostas einen Vorschlag ge-macht, der bei vielen Umweltschützernals Pilotprojekt angesehen wird. Wennsich ein Weg findet, wie die Welt dasLandentschädigenkannfürdieentgan-genen Einnahmen, bleibt der Urwaldstehen. Denkbar wäre die Ausgabe ei-ner Art Klimazertifikats, das Industrien,die das Klima schädigen, kaufen. DasGeld soll etwa der Bildung in Ecuadorzu Gute kommen. Doch bei der Klima-konferenz in Kopenhagen spielte Yasu-ní kaum eine Rolle. Es gab Zweifel: Weretwagarantiert,dassdernächstePräsi-dent nicht trotz Entschädigung bohrenlässt? Alberto Acosta kritisiert aberauch seine eigene Regierung: Der Vor-schlag sei in Kopenhagen nicht mit ge-nug Nachdruck betrieben worden.
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Das Projekt Yasuní – Wald statt Öl
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