Gedicht-Interpretation
E. B
ERTHOLD
„ B
ERT
(
OLT
)“ F. B
RECHT
(1898–1956):
Frühling 1938
(I)
(Dichter/Poet/Lyriker/Autor)
Eugen Berthold „Bertolt“/„Bert“ Friedrich Brecht (1898–1956) ist ein Dichter, der denmeisten als Begründer des epischen Theaters ein Begriff ist. Schlagartig berühmt wurdeer 1928 mit der Aufführung der
Dreigroschenoper
. Aber auch als Lyriker hat er einbeachtliches Werk geschaffen, bereits als Schüler schrieb er erste Gedichte und brachteeine Art Schülerzeitung heraus, in denen seine Gedicht erschienen. Als Vertreter desMarxismus musste er vor den Nationalsozialisten fliehen. Das zu analysierende Gedicht
Frühling 1938
erschien im Exil.
(Inhalt)
Ein lyrisches Ich beschreibt eine Situation, die es mit seinem Sohn erlebt. Es istOstersonntag, sehr stürmisch und kalt, sie leben auf einer Insel. Der Elternteil (Mutteroder Vater), das lyrische Ich, arbeitet gerade an einem Gedicht, in dem der Krieg beklagt wird. Die im Titel enthaltene Jahreszahl „1938“ (Titel) lässt die Vermutung zu, dass essich um den drohenden Zweiten Weltkrieg handeln könnte. Sein Sohn führt ihn zueinem jungen Obstbaum („Aprikosenbäumchen“, Vers 4), sie bedecken ihn, um ihn vorFrost zu schützen.
(Form sowie Sprache)
Das Gedicht besteht aus einer Strophe, die zehn Verse (Zeilen) sind unterschiedlich lang.Zunächst fällt der „epische“ Charakter auf, wären die Zeilen nicht gebrochen, könnte essich um eine kleine Erzählung handeln, das Fehler von Reimen unterstützt diesenEindruck. Die Verbindung von Naturgeschehen und realer politischer Situation wird insehr konkreter Bildlichkeit vermittelt, was dem Text en Charakter von etwas sachlichDargelegtem verleiht. Aber nicht alle Zeilen entziehen sich einer metrischenBestimmung: So wirkt der daktylisch gegliederte Vers „Zwischen den grünenden Heckenlag Schnee“ (V. 3) fast spielerisch, hier wird eine fröhliche Stimmung erzeugt, die in derBeschreibung des ‚Verses‘ wieder gebrochen wird: „Von einem Vers weg, in dem ich auf diejenigen mit dem Finger deutete“ (V. 5). Das politische Geschehen bekommt auch imMetrum eine Störung, einen Kontrast, der sich im Titel bereits anbahnt. „Frühling“ – positiv konnotiert – „1938“ – Bote nahenden Unheils. Der Kontrast von Blühendem,Lebendem („grünendem“, V. 3; „Sohn“, V. 3; „Aprikosenbäumchen“, V. 4) sowie Gefahr,Bedrohung („Krieg“, V. 6; „Vertilgen“, V. 8) ist also das Thema dieses Gedichts undspiegelt sich nicht nur im Titel, sondern auch in der Wortwahl und im Metrum wider. Auffällig sind die Enjambements (Verssprünge), die zu einer zunehmenden Brechung desLeseflusses führen. Der Satz „Mein junger Sohn / Holte mich zu einem Aprikosenbäum-chen […]“ (V. 3 f.) lässt sich noch ohne Unterbrechung – im Sinne der Erzählung einerscheinbar alltäglichen Begebenheit – lesen. Der Zeilenbruch vor dem Relativsatz „Die