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POSTFACE
de Wieland Grommes
à sa traduction allemande des
21 jours d'unneurasthénique
d'Octave MIRBEAU,
parue aux éditions Manholt Verlag, Bremen 2000 (Allemagne)
et dtv Verlag Munich 2002 (Allemagne)
NACHWORT
von Wieland Grommes
 in: Octave MIRBEAU,
Nie wieder Höhenluft oder Die 21Tage eines Neurasthenikers
(Übersetzung: WielandGrommes),Manholt Verlag, Bremen 2000; dtv Verlag München 2002
>
Octave Mirbeau ist 
der grösste französische Schriftsteller unserer Zeit 
und derjenige, der in Frankreich den Geist des Jahrhunderts 
am besten repräsentiert.
Leo TOLSTOI
Der Rächer der Entrechteten,der sein Herz den Ärmsten der Armen
und den Leidenden dieser Welt geschenkt hat 
Émile ZOLA
Nach Art der Propheten hat er zeitlebens 
die Mächtigen das Zittern g
elehrt 
Thadée NATANSONI. Ein Anarchist der Belle Époque
Octave Mirbeau (1848 –1917), dessen Geburts- und Todesjahr zweiRevolutionen erschütterten, die die abendndische Geschichteveränderten, zählte in Frankreich und weit über seine Grenzen hinaus zuden bekanntesten, literarisch kühnsten und politisch provokantestenRomanciers, Dramatikern und Feuilletonisten um 1900 – in jener Zeit, dievon Philosophen und Künstlern als "Décadence" betrachtet, vonPessimisten als "Fin de siècle" betrauert und nur von Optimisten,Glücksrittern und Finanzbaronen als "Belle Époque" genossen wurde.
Sein Leben 
 
Geboren am 16.2. 1848 in dem Dorf Trévières (Calvados), wächstMirbeau in dem provinziellen Weiler Rémalard (Dép. Orne) auf und erlebtdeprimierende Oberschuljahre im Jesuiten-Collège in Vannes, von dem ermit 15 Jahren aus ungeklärten Gründen verwiesen wird (vermutlich fliehter aber nach sexueller Belästigung durch einen der Patres freiwillig ausder Anstalt), und erreicht nach Besuch mehrerer privater Internate den
 
Schulabschluss in Caen. 1866 beginnt er ein Jurastudium in Paris, das erbald wieder abbricht (dabei erster Entwurf eines Romans, Thema: die Torturen der Liebe). Auf Druck des Vaters nimmt er eine erste Anstellungbei einem Notar im Heimatdorf Rémala
rd, ist wieder zum stumpfsinnigenLeben in der Provinz gezwungen. 1871 bei Kriegsausbruch wird er in einReserve-Kavallerie-Regiment eingezogen, er erkrankt, wird von Lazarett zuLazarett verlegt und lernt dort das Grauen von Verwundung und Sterbenkennen
(1886 schildert er den Krieg in seinen ersten Roman als perversenIrrsinn, weshalb er fortan im Ruf des "Vaterlandsverräters" und Ultralinkensteht); er kehrt, vermutlich als Deserteur, nach Rémalard zurück und hatnur ein einziges Ziel: der Provinz zu ent
rinnen.Nun beginnt eine "lange Periode politischer Prostitution"
1
er verkauftsich an die erstbesten Arbeitgeber: zuerst an den Bonapartisten Dugué dela Fauconnerie, der ihn 1873 als Privatsekretär, Ghostwriter undWahlkampfleiter nach Paris mitnimmt,
in sein Parteiblatt
L'Ordre de Paris 
und in die Gesellschaft einführt, wo sich Mirbeau bald mit wichtigenGrössen der Literatur wie Maupassant und Bourget liiert. 1877 folgt erdem bonapartistischen Abgeordneten Baron de Saint-Paul in die südlicheProvinz Ariège, führt seinen Wahlkampf und schreibt in seiner Zeitung
L'Ariégois
. Schliesslich dient er, wieder zurück in Paris, dem mächtigenZeitungsmagnaten Arthur Meyer, wiederum als Privatsekretär sowie alsGhostwriter, in dessen Zeitung
Le Gauloi
. Daneben
verfasst erAuftragstexte unter Pseudonym auch in anderen Blättern wie
Illustration 
,
Figaro 
,
Paris-Journal 
. Dramatischer Höhepunkt und katastrophales Endeseiner Lehrjahre, die Jahre 1883 – 1884: Inzwischen ist er Chefredakteurdes Massen-Nachrichtenblatts
 
Paris-Midi Paris-Minuit 
und wird gleichzeitigauch noch Chefredakteur des antisemitischen Satirepamphlets
Grimaces 
was er an der Zeitung aber schätzt, ist ihre antibürgerliche,antirepublikanische, antiklerikale und antikapitalistische Tendenz, erschärft seine Feder in ihrem frechen Ton. In diesen Jahren hat er als reineBrotarbeiten unter Pseudonym 3 kommerzielle Zeitungsromane imgeforderten Zeitgeschmack geliefert (und schreibt sogar noch bis 1886mindestens 4 weitere – die z.T. erst jüngst als seine
Werke identifiziertwurden)
2
. Seine Lage wird zusehends dramatischer, er provoziert allein im Jahr 1883 zwei erste Duelle (noch mehrere werden folgen), hat eineselbstzerstörerische Liaison mit der Halbweltdame Judith Vimmer (sie wirddie Juliette im Roma
n
Le Calvaire 
) und flüchtet in die bretonische Provinz,nach Audierne. Von dort treibt es ihn jedoch wieder zurück nach Paris undsofort in eine neue, doch dauerhafte Liaison, diesmal mit der leichtzwielichtigen Ex-Actrice Alice Regnault (die er 1887 heiratet, was einenSkandal auslöst); wegen ihr hat er schon 1884 sein drittes Duell, nun mitdem Décadence-Kollegen und -Pornographen Catulle Mendès.Mirbeau zieht Resümee, empfindet sein bisheriges Leben und Tunals "gescheitert", stürzt in tiefe Depression ("Neurasthenie") undbeschliesst, fortan seine nun geschulte, scharfe Feder nur nochpernlichen Anliegen zu widmen: der Förderung der künstlerischenAvantgarde, dem Kampf gegen soziales Unrecht und politischeVerbrechen.
In den fruchtbaren Jahren 1885
– 1990 etabliert er sich rasch alsvirtuoser Romancier, mpferischer Journalist und visionärer Fördererkünftiger Grössen der Literatur, Malerei und Musik. Nicht zuletzt provoziertdurch Alices Konkurrenz (die ebenfalls schreibt und ihren ersten Romannoch vor ihm veröffentlicht!), beginnt er unter eigenem Namen zuschreiben: 1885
Lettres de ma chaumière
, bedrückende Novellen über
 
das primitive, abgestumpfte Leben in der Normandie und dem Finistère,pessimistische Gegenstücke zu den lieblichen Idyllen der
erfolgreichen
Lettres de mon moulin 
von Alphonse Daudet; in den Jahren 1886 bis 1890seine drei wichtigen, autobiographisch geprägten Romane, in denen esnacheinander um die Vernichtung des jungen Menschen durch die Liebe,durch Religion und Kirche und schliesslich durch die Gesellschaftinsgesamt (ihre Grundpfeiler Erziehung, Klerus, Militär) geht:
Le Calvaire 
(1886), Mirbeaus Verarbeitung seiner ersten Liebeserfahrung, die Geschichteeiner nymphomanen Halbweltdame, die einen Jungen aus der Provinz in die
Liebe einweiht, ihn hemmungslos betrügt, ausbeutet und in den Wahnsinntreibt;
L'Abbé Jules
(1888), die Geschichte eines jungen Mannes, der sichzum geistlichen Stand berufen fühlt, doch schon bald Kirche, Religion,Gott und Keuschheitsgebde als "Scharlatanerie", "Lüge" und"Hirngespinst" empfindet, nur noch dem Sexualtrieb als "Verwirklichungder wahren Natur des Menschen" frönt und im Wahnsinn endet, einstilistisch kühner, stark von Dostojewski geprägter Roman und inspiriertvon seinen eigenen traumati
schen Erlebnissen bei den Patres;
SébastienRoch
(1890), die Geschichte eines Jungen, der von brutalen Eltern,unsittlichen Erziehern (Jesuitenpatres, denn sie hatten dasErziehungsmonopol) und sadistischen Milirs (im Krieg 1870/71)psychisch, moralisch und physisch vernichtet wird; für Mirbeau verübenEltern, Erziehung und Staat einen dreifachen "Mord an einer Kinderseele",den "Mord an tausend Mozarts". Daneben schreibt Mirbeau unterzahlreichen Pseudonymen für immer bedeutendere Zeitungen wie
Le Gaulois 
,
Gil Blas 
,
L'Evénement 
,
Le 
 
Matin,
 
Le Figaro 
und andere. Er führterfolgreiche "ästhetische mpfe" (für Künstler wie Rodin und Monetsowie für Aussenseiter wie Van Gogh, Camille Claudel und Maillol)
3
,verfolgt mutige politische Kampagnen (gegen Kolonialismus, Nationalismusund Militarismus)
4
, rechtfertigt Anarchisten, Prostituierte und Kriminelle alsOpfer der Gesellschaft und kämpft immer wieder für die Verbesserung desSchicksals der Kinder
5
.
In den neunziger Jahren llt Mirbeau trotz dieser Erfolge undengagierten Kämpfe in tiefe Schaffenskrisen, gefolgt vonneurasthenischen Anllen; hinzu kommen Krisen in seiner Ehe, erempfindet sein Leben als sinnlos, kommt sich in seinem Wirken machtlosvor. Und doch gelingt ihm ein kleiner prä-existentialistisch
er Roman
Dans le Ciel 
, veröffentlicht 1892/93 in
L'Écho de Paris
, ein pessimistischerKünstlerroman, inspiriert durch das Leben des Vincent van Gogh, dessenüberragende Bedeutung er als erster erkennt. Entwürfe der späterenRomane
Journal d'une femme de chambre 
und
Jardin des supplices 
bleiben jedoch jahrelang unvollendet liegen. 1894 befürchtet er, wahnsinnig zuwerden, seine Neurasthenie zeigt psychosomatische Folgen, 1897 muss ersich erstmals wegen eines Kehlkopfleidens nach Luchon in den Pyrenäenzur Kur begeben. Seinen grössten Erfolg hat Mirbeau in diesen Jahren alsDramatiker, denn inzwischen schreibt er auch erfolgreich für die Bühne:Ende 1897 wird seine proletarische Tragödie
Les mauvais bergers 
, – einDrama, das erstmals offen auf der Bühne einen Arbeiterstreik als positivund notwendig darstellt! –, durch die grössten hnenstars SarahBernhardt und Lucien Guitry uraufgeführt. In jenen Wochen erhitztgleichzeitig die "Dreyfus-Affäre" die Geter: Der junge HauptmannDreyfus wird des Hochverrats angeklagt, denn er hat das Pech, keinerfahrener "Kriegsteilnehmer" und noch dazu Elsässer und Jude zu sein.Als der wahre Schuldige, der fransische Abwehrchef Esterhazy,freigesprochen wird, erwacht Mirbeau aus seiner Lethargie, setzt sich als

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