das primitive, abgestumpfte Leben in der Normandie und dem Finistère,pessimistische Gegenstücke zu den lieblichen Idyllen der
erfolgreichen
Lettres de mon moulin
von Alphonse Daudet; in den Jahren 1886 bis 1890seine drei wichtigen, autobiographisch geprägten Romane, in denen esnacheinander um die Vernichtung des jungen Menschen durch die Liebe,durch Religion und Kirche und schliesslich durch die Gesellschaftinsgesamt (ihre Grundpfeiler Erziehung, Klerus, Militär) geht:
Le Calvaire
(1886), Mirbeaus Verarbeitung seiner ersten Liebeserfahrung, die Geschichteeiner nymphomanen Halbweltdame, die einen Jungen aus der Provinz in die
Liebe einweiht, ihn hemmungslos betrügt, ausbeutet und in den Wahnsinntreibt;
L'Abbé Jules
(1888), die Geschichte eines jungen Mannes, der sichzum geistlichen Stand berufen fühlt, doch schon bald Kirche, Religion,Gott und Keuschheitsgelübde als "Scharlatanerie", "Lüge" und"Hirngespinst" empfindet, nur noch dem Sexualtrieb als "Verwirklichungder wahren Natur des Menschen" frönt und im Wahnsinn endet, einstilistisch kühner, stark von Dostojewski geprägter Roman und inspiriertvon seinen eigenen traumati
schen Erlebnissen bei den Patres;
SébastienRoch
(1890), die Geschichte eines Jungen, der von brutalen Eltern,unsittlichen Erziehern (Jesuitenpatres, denn sie hatten dasErziehungsmonopol) und sadistischen Militärs (im Krieg 1870/71)psychisch, moralisch und physisch vernichtet wird; für Mirbeau verübenEltern, Erziehung und Staat einen dreifachen "Mord an einer Kinderseele",den "Mord an tausend Mozarts". Daneben schreibt Mirbeau unterzahlreichen Pseudonymen für immer bedeutendere Zeitungen wie
Le Gaulois
,
Gil Blas
,
L'Evénement
,
Le
Matin,
Le Figaro
und andere. Er führterfolgreiche "ästhetische Kämpfe" (für Künstler wie Rodin und Monetsowie für Aussenseiter wie Van Gogh, Camille Claudel und Maillol)
3
,verfolgt mutige politische Kampagnen (gegen Kolonialismus, Nationalismusund Militarismus)
4
, rechtfertigt Anarchisten, Prostituierte und Kriminelle alsOpfer der Gesellschaft und kämpft immer wieder für die Verbesserung desSchicksals der Kinder
5
.
In den neunziger Jahren fällt Mirbeau trotz dieser Erfolge undengagierten Kämpfe in tiefe Schaffenskrisen, gefolgt vonneurasthenischen Anfällen; hinzu kommen Krisen in seiner Ehe, erempfindet sein Leben als sinnlos, kommt sich in seinem Wirken machtlosvor. Und doch gelingt ihm ein kleiner prä-existentialistisch
er Roman
Dans le Ciel
, veröffentlicht 1892/93 in
L'Écho de Paris
, ein pessimistischerKünstlerroman, inspiriert durch das Leben des Vincent van Gogh, dessenüberragende Bedeutung er als erster erkennt. Entwürfe der späterenRomane
Journal d'une femme de chambre
und
Jardin des supplices
bleiben jedoch jahrelang unvollendet liegen. 1894 befürchtet er, wahnsinnig zuwerden, seine Neurasthenie zeigt psychosomatische Folgen, 1897 muss ersich erstmals wegen eines Kehlkopfleidens nach Luchon in den Pyrenäenzur Kur begeben. Seinen grössten Erfolg hat Mirbeau in diesen Jahren alsDramatiker, denn inzwischen schreibt er auch erfolgreich für die Bühne:Ende 1897 wird seine proletarische Tragödie
Les mauvais bergers
, – einDrama, das erstmals offen auf der Bühne einen Arbeiterstreik als positivund notwendig darstellt! –, durch die grössten Bühnenstars SarahBernhardt und Lucien Guitry uraufgeführt. In jenen Wochen erhitztgleichzeitig die "Dreyfus-Affäre" die Gemüter: Der junge HauptmannDreyfus wird des Hochverrats angeklagt, denn er hat das Pech, keinerfahrener "Kriegsteilnehmer" und noch dazu Elsässer und Jude zu sein.Als der wahre Schuldige, der französische Abwehrchef Esterhazy,freigesprochen wird, erwacht Mirbeau aus seiner Lethargie, setzt sich als
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