Da in der ursprünglichen Arbeit ja gezeigt worden war, dass das Virus auch aus dem Material von etwa 10% der Kontrollpatientinnen gezüchtetwerden konnte, also von Frauen, die möglicherweise infiziert waren, ohne dass der Krebs sich schon nachweisbar entwickelt hatte, ist es möglich,dass der für die massenhafte Riesenzellentwicklung nötige Virus aus dem zur Anzüchtung benutzten gepoolten Frauenserum kam. GepooltesFrauenserum könnte den Virus von gesunden, aber mit einem Brustkrebsvirus infizierten Frauen enthalten haben.Es war noch ein weiterer Aspekt dieser Arbeit interessant. Trotz der Riesenzellentwicklung ließ sich keine Reverse Transkriptase-Aktivitätnachweisen. Auch beigefügte Kontrollen, hier wurde MMTV, das Mamma-Maustumorvirus benutzt, zeigten keine Virusaktivität. Das könnte dafür sprechen, dass sich eine blockierende Substanz in dem gepoolten Frauenserum befand.Da die Ergebnisse von AlSumidaie nicht wiederholt werden konnten, wurde die Suche und weitere Charakterisierung des menschlichenBrustkrebsvirus von der gesamten Arbeitsgruppe eingestellt.In ihrem 1998 erschienen Übersichtsartikel [viii] über mögliche Zusammenhänge zwischen Virusinfektionen und menschlichem Brustkrebs führtdie Autorin aus, vermutlich inspiriert durch die eigenen Ergebnisse mit Knochenerkrankungen [ix], [x], aber auch durch die anderer mit tierischen[xi] und menschlichen [xii], [xiii] Retroviren, dass bei der Suche nach dem Brustkrebsvirus an erster Stelle Monozyten untersucht werden sollten,wie es ja auch AlSumidaie gemacht hatte. Und das der gesuchte Brustkrebsvirus des Menschen nicht notwendigerweise MMTV oder ein naher Verwandter dieses Virus sein muss.Anders als MMTV, dessen Zugang zum Menschen schwierig vorzustellen ist, ist das Rinderleukämie-Virus BLV (für Bovine Leukemia Virus) einRiesenzellen bildendes Virus, das in den Lymphozyten der Kuhmilch als stabiles DNA-Provirus enthalten ist. Diese Kuhmilch wird in denwestlichen Industrieländern, und zwar verstärkt seit etwa 130 Jahren, als Nahrungsmittel menschlicher Säuglinge, aber auch für die Aufzucht vonHunden und Katzen verwandt, eine Gewohnheit, die sich mittlerweile über die ganze Welt verbreitet hat. BLV war seit seiner Entdeckungverdächtig. Aber mit den vor 30 Jahren üblichen Methoden konnten keine Antikörper gegen das Virus in Menschen gefunden werden.Das hat sich geändert[xiv]. Mit modernen Methoden (Immunoblotting) konnten Antikörper gegen BLV in 74% der untersuchten Seren vonMenschen nachgewiesen werden. Unabhängig davon und einiges früher als die oben erwähnte Arbeit, war eine andere Gruppe, die auf der Suchenach Zusammenhängen zwischen multipler Sklerose und BLV war, zu ähnlichen Ergebnissen kommen[xv]. Da sie aber Spuren von BLV inPatienten und gesunden Kontrollpersonen fanden, wurde die Suche nicht fortgesetzt. Vermutlich war den Forschern nicht bewusst, dass in einigenwichtigen Milch und Fleisch produzierenden Ländern nicht versucht wird, BLV aus dem Bestand zu eliminieren, weil angenommen wird, dass dasVirus gar nicht in den Menschen eindringen kann, obwohl über die Kuhmilch günstige Gelegenheit besteht.
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