NIEDERSACHSENIII
02/2010
vorwärts
In Niedersachsen – einer der Herzkam-mern der Sozialdemokratie – erzielte dieSPD mit 29,3% das schlechteste Ergebnisder Wahlgeschichte. Wir können und wirdürfen mit unserem Abschneiden abso-lut nicht zufrieden sein. Partei und Frak-tion verlieren politische Gestaltungs-kraft und auch die Personal-, Finanz- undOrganisationskraft sind eingeschränkt.Innerparteiliche Reformen sind unum-gänglich.
Organisationspolitische Defiziteschnell beheben
Weitreichende Vorschläge aus den Par-teireform-Kommissionen, insbesondereaus der Beck Kommission »Moderne Mit-gliederpartei« – etwa zur direkten Betei-ligung von Mitgliedern an inhaltlichenund personellen Entscheidungen - liegenbereits vor. Für viele organisationspoliti-sche Fragestellungen gibt es weniger einErkenntnisdefizit, sondern ein Umset-zungsdefizit, auf allen Ebenen der Partei.Beteiligungsformen und –wege müssengelebt werden, die Kultur des Empower-ments muss für Gesellschaft und Parteietabliert werden.Der programmatische »Mainstreamder Moderne« – die Verabschiedung vongrundsätzlicher Umverteilungspolitikzugunsten von Fragmenten eines neoli-beralen Staatsverständnisses – wurde inwenigen Nuancen nach den jeweiligenWahlniederlagen angepasst. Das »Diktatdes Handelns« wurde mit Regierungs-treue übersetzt und beantwortet. DieEntscheidungskaskade: Erst Staat undRegierung, dann Fraktion, dann Parteiund Mitgliedschaft, wurde immer effek-tiver weiterentwickelt und hat sicherlichauch seinen Teil zum Glaubwürdigkeits-und Vermittlungsproblem beigetragen.
Welche Fehler sind gemachtworden?
1. Die inhaltliche Dimension: Begin-nend mit der Entscheidung für denKosovo-Einsatz gab es Glaubwürdig-keitsverluste. Die Agenda 2010 undderen Umsetzung ab 2003 sind vongroßen Teilen der klassischen SPD-Wählerschaft nicht akzeptiert wor-den und die »Rente mit 67« ist in wei-ten Bereichen der Arbeitnehmer-schaft auf Ablehnung gestoßen.ges Mitgliedermanagement, dass Mit-glieder nicht als Vorgang und Nummerbegreift, sondern als Gewinn für neueHandlungsfähigkeit und Potenzierungunserer Kreativität ist ein MUSS.
Organizing – Weiterentwicklungder Kampagnenstrategie?
Vor etlichen Jahren war es noch Glau-bensfrage, ob mit der Methodik der Kam-pagnenstrategie gearbeitet werden solloder nicht. Mittlerweile ist diese Metho-dik in allen Bereichen und Ebenen derPartei, in vielen Großorganisationen undauch Unternehmungen Grundlage desPlanens und des Handelns:— Konzentration auf wenige, dafürnachvollziehbare Punkte(Inhalteoder Maßnahmen),— Planung des Ressourceneinsatzes,— Auswahl der Instrumente abge-stimmt mit allen politischen, organi-satorischen und kommunikativenHandelnden einer Kampagne,— klare und transparente Steuerung /Leitung der Kampagne.Der Kern von Organizing ist ein Leitbildvon »beteiligungsorientierter Parteiar-beit«. Potenzielle Mitglieder werden alsmobilisierungsfähige Aktivisten organi-siert, die dann zukünftig selber den Kernder lokalen Parteiarbeit bilden. Dem tradi-tionellen Stellvertretermodell wird damitein basisnahes Selbstvertretungsmodellentgegengesetzt. Bei den Gewerkschaf-ten ist es ein konkretes Ziel – in der Regelein Tarifvertrag oder die Einleitung vonBetriebsratswahlen. In die Parteiarbeitübersetzt, werden es lokale und regionaleProjekte sein müssen, die der sozialenund/oder ökologischen Verbesserung derLage dienen. Bei ver.di und bei der IGMetall wird seit einigen Jahren mit derOrganizing Methode gearbeitet. Vor allemin den Branchen und Regionen, in den dieGewerkschaften traditionell wenige Mit-glieder und damit wenig Einfluss hatten.Die Durchsetzung des Mindestlohns unddie Steigerung der Mitgliederzahlen gera-de in diesen Branchen (Sicherheitsgewer-be, Reinigungskräfte, Ingenieure) belegenden Erfolg dieser Methode. Wenn die SPDhieraus lernt und den eingeschlagenenWeg konsequent weiter beschreitet, wirdauch sie wieder viele Tore schießen underfolgreich sein.
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2. Die strategische Dimension: DemSPD-Bundestagswahlkampf hat es2009 an einer klar erkennbaren undvermittelbaren Machtoption gefehlt.Für die SPD gilt, dass wir nur dann alsernst zu nehmende politische Kraftwahrgenommen werden, wenn wirglaubhaft die Chance auf die Füh-rung und die Gestaltung der Regie-rung beanspruchen können.3. Die soziologisch-demographischeDimension: Weniger Jung- und Erst-wähler und gleichzeitig mehr »reife-re Wähler«, die vergleichsweise kon-servative Wertvorstellungen präfe-rieren, stellen neue Anforderungenan unsere programmatische undstrukturelle Aufstellung.4. Die innerparteiliche Dimension: Dieelf Jahre in der Regierung haben denWert der innerparteilichen Willens-bildung stark zurückentwickelt. Mehrals einmal wurde die Parteimitglied-schaft mit der Sackgassenstrategie»dieser Weg ist alternativlos« kon-frontiert. Dieser Vertrauensverlustwirkt sich fatal aus: Es hat die ParteiEinfluss, Möglichkeiten, Kreativitätund auch SPD Mitglieder gekostet.Die Mitglieder fühlen sich zur SPD hinge-zogen oder in ihr beheimatet, weil sieeben kein »Kanzlerwahlverein« und kei-ne Vereinigung zur Absicherung politi-scher Macht ist, vor allem aber weil siedamit konkret die Teilhabe an Gestal-tungsmöglichkeiten im eigenen Umfeld(Arbeitsplatz oder Kommune, aber auchWohlfahrtsverbände, Umweltorganisa-tionen und Sportvereinen) verbinden.
Veränderte Anforderungen
Wir müssen akzeptieren, dass die Mit-gliederinteressen zwischen Vollzeit- undTeilzeit-Engagement schwanken, dieAnforderungen der Menschen an dieSPD haben sich gewandelt. Deshalbgewinnt die Dienstleistungsfunktiondes Parteiapparates weiter an Bedeu-tung. Neumitglieder müssen sofortbetreut werden, die Mitglieder brauchenverlässliche Informationen und die Teil-habe an Entscheidungen muss vorberei-tet und sichergestellt werden. Dabeimuss nicht jede Dienstleistung gleich-zeitig und an allen Orten vorgehaltenwerden. Ein modernes und schlagkräfti-
»WIR MACHEN UNSAUF DEN WEG«
Empowerment, Organizing und atmende Organisation: innerparteiliche Demokratie und neue Formenvon Beteiligung sind notwendig, damit die SPD wieder die Rolle einnimmt, die unser Land braucht.
Von Michael Rüter
Michael Rüter,Landesgeschäftsführer derSPD Niedersachsen
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Die Mitgliederfühlen sich zur SPDhingezogen oderin ihr beheimatet,weil sie eben kein»Kanzlerwahlver-ein« und keineVereinigung zurAbsicherungpolitischer Machtist.
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Michael Rüter
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Die SPD muss dasLeitbild derbeteiligungsorien-tierten Parteiar-beit in den Mittel-punkt stellen.Potenzielle Mit-glieder werden alsmobilisierungs-fähige Aktivistenorganisiert, diedann zukünftigselber den Kernder lokalen Partei-arbeit bilden.
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Michael Rüter
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