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Als die ersten Nährmittelfirmen in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts - um 1870 - begannen, künstliche Säuglingsnährmittel aus Kuhmilch,
damals "Kindermehle" genannt, herzustellen, gab es den Begriff ökologischen Systems noch nicht. Keiner ahnte, dass Eingriffe in solche Systeme
Folgen haben können, die erst nach langer Zeit sichtbar werden. Dass die Kinder überlebten, sogar dicker und größer wurden als Brustkinder, war
kein Problem, sondern wurde als Schutz gegen zehrende Krankheiten freudig begrüßt. Jahrzehnte nach Einführung der künstlichen
Säuglingsnahrung wurden aber einige Krankheiten immer häufiger, besonders der Brustkrebs (Bjarnason 1974, Stevens1982, Armstrong 1976,
Schon früher war beobachtet worden, dass nicht alle Frauen gleich häufig von Brustkrebs betroffen waren. Und schon 1915 wies T.H.C. Stevenson
darauf hin, dass ledige Frauen viel häufiger betroffen waren als verheiratete. Und 1926 veröffentlichte Janet Elisabeth Lane-Clapton eine erste
moderne Untersuchung zu dem Problem, in der sie Daten von 508 Patientinnen mit denen von 509 gesunden Frauen verglich. Sie fand heraus, dass
die Patientinnen später geheiratet und weniger Kinder bekommen hatten. Diese Kinder hatten sie auch noch seltener gestillt (zitiert nach Petrakis
Der Gedanke lag nahe, bis gezeigt wurde, dass die Wahrscheinlichkeit, Brustkrebs zu bekommen, wohl schon viel früher im Laufe des Lebens einer
Frau festgelegt wird. Und zwar wurde gezeigt, dass Frauen, die früh ihre erste Periode, die Menarche, bekommen, besonders gefährdet waren
(MacMahon1970, Kalache 1980). Heute wird vermutet, dass der entscheidende Zeitpunkt noch früher liegt. Aber das Ergebnis, dass eine frühe
Menarche mit dem Brustkrebsrisiko zusammenhängen könnte, beeinflusste die Brustkrebserforschung sehr und zwar begann man nach hormonellen
Einflüssen auf die Brustkrebsentwicklung zu suchen, was sich bis heute eigentlich nicht geändert hat.
In den zwanziger Jahren wurden in den Jackson-Laboratorien Versuchstiere für die Krebsforschung gezüchtet. Und das erste erfolgreiche und
praktisch wichtige System, dass man fand, betraf tatsächlich Brusttumoren, die durch einen Milchfaktor, den man später Mouse-Mammatumorvirus
oder MMTV nannte, von der Maus auf ihre oder andere saugende Jungtiere übertragen wurde (Bittner JJ, Sience 84:162, 1936). Man vermutete
einen ansteckenden Krebsvirus gefunden zu haben, der auch noch durch Stillen übertragen wurde. Und obwohl man ja vorher gefürchtet hatte, dass
die künstliche Säuglingsnahrung Probleme mit sich bringen könnte, die ja bei unsachgemäßer Handhabung schon immer große, direkt auftretende
Probleme mit sich gebracht hatte, konnte man jetzt den Gedanken nicht von der Hand weisen, dass auch das Stillen riskant sein könnte. Vielleicht
nicht nur für Mäuse!
Man begann in vielen Geweben und in der Milch von Frauen nach einem menschlichen Brustkrebsvirus zu suchen. Diese Suche scheiterte. Einmal
vermutlich weil man damals noch nicht wusste, dass manche Viren wie z.B. der Aidsvirus, nur zellgebunden übertragen werden und man das
zellgebundene Material vorher entfernte und weil man an der falschen Stelle suchte. Bei der Suche nach den Infektionsquellen einer Krankheit ist es
sinnvoll, sich zuerst zu informieren wo, wann und bei welchen Menschen sie auftritt. Und wenn man das getan hätte, wäre man wahrscheinlich
schnell fündig geworden. Man hätte nämlich gemerkt, dass der Brustkrebs der Frau nicht in Ländern oder bei Bevölkerungsgruppen auftritt, in
denen gestillt wird, sondern in denen eine andere Milch zur Grundlage der Säuglingsnahrung gemacht wurde, nämlich die der Kuh. Schon früh war
nämlich bemerkt worden, dass Brustkrebs typisch für Länder ist, in denen Milch zur Ernährung benutzt wird (Gaskill 1979
Man hätte dabei gerade an den frühen Untersuchungen zur Übertragung von Tumorviren lernen können, dass die Zeit nach der Geburt sozusagen eine besonders geeignete für die Übertragung von Tumorviren ist. Man hatte nämlich oft versucht, solche Viren zu übertragen und solange man mit erwachsenen Tieren arbeitete, laborierte man an dem Problem, dass nur wenige der infizierten Tiere erkrankten. Und deshalb musste man Hunderte von Mäusen, Hamstern,Hühnern oder andere Versuchstiere ernähren, von denen nur wenige die gewünschten Tumore entwickelten. Erst als man auf die Idee kam, neugeborene Tiere zu infizieren, bekam man eine hohe Ausbeute an Tumoren (Gross L. Proc Exp Biol Med 76:27-32,1951, Rubin H Virology 17:143-156,1962).
Am besten funktionierte das, wenn man Viren, die aus einer anderen Art stammten, benutzte. So gelang es mit einem Affenvirus Tumore in
Meerschweinchen und Hamstern zu erzeugen (Eddy BE J Infect Diseases 107: 361-368, 1960; Eddy BE Proc Soc ExpBio Med 107: 191-197,
1961). Erst nachdem man das erkannt hatte, nahm die Tumorvirologie ihren Aufschwung (J.Tooze, The Molecular Biology of Tumor Viruses. Cold
Spring Harbour Laboratory1973).
Man hätte überlegen können, dass es vielleicht auch leicht sein könnte mit einem Rindervirus Tumore in neugeborenen Menschen zu erzeugen.
Denn beim Füttern eines Säuglings mit aus Kuhmilch hergestellten Nährmitteln sind beide Bedingungen, die die Entstehung eines Tumors
begünstigen erfüllt: Der Organismus befindet sich in der sensiblen Neugeborenenphase und das Nährmittel samt den enthaltenen Viren stammt von
einer anderen Art. Aber das Maus-Mammatumor-System inspirierte statt dessen Untersuchungen zu den Gefahren des Stillens. Es wurde zum
Beispiel erforscht, ob gestillte Töchter von Brustkrebspatientinnen ein höheres Brustkrebsrisiko als die nicht Gestillten hatten. Aber hier zeigte sich
kein Risiko.
Aus der auffälligen Epidemiologie des Brustkrebses hätte man nämlich schon auf einen frühen Zeitpunkt einer möglichen Infektion schließen
können. Aber vermutlich versuchte man die epidemiologischen Daten durch die Erfolglosigkeit bei der Virussuche gar nicht mehr im Sinne eine
Suche nach einer Infektionsquelle zu deuten.
Stattdessen bemühte man sich, hormonelle Faktoren zu erkunden, denn Risikofaktoren wie die frühe Menarche können natürlich auch in
hormonellen Zusammenhängen gesehen werden. Andererseits ist eine frühe Menarche, wie andere Risikofaktoren des Brustkrebses, typisch für die
früher häufige Überernährung der Flaschenkinder. Aber auch der Anstieg der Brustkrebshäufigkeit in Geburtsjahrgängen und die Untersuchungen
an Immigrantinnen, die einen Wechsel der Brustkrebshäufigkeit erst in der im neuen Land geboren Generation zeigen, deuten auf eine gefährdete
Phase zum Zeitpunkt der Geburt hin.
ElisabethRiepingWorks left a comment