Jesko Habert. T2-Hausklausur
um eine „Entwurzelung“ [ebd.] zu vermeiden (da selbiger in den „oberen, bewussteren Schichtenunserer Seele“ [ebd.] angesiedelt sei und sich besser anpassen könne). Der Verstand ist Simmelzufolge „der Persönlichkeit am entferntesten“ [ebd.] und könne demzufolge besser auf die Reizflutreagieren.Als auszeichnenden Wesenszug des Typus des Großstädters (der, wie er betont, in „tausendunterschiedlichen Modifikationen“ [ebd.] existiert), nennt Simmel dementsprechend den
Intellektualismus
, der in direktem Zusammenhang mit der Geldwirtschaft steht, die ja ebenfallsmeist in Großstädten angesiedelt ist. Diese sei nur durch eine Herrschaft des Verstandes möglich,wo in Folge eine „formale Gerechtigkeit“ [ebd.] mit einer „rücksichtslosen Härte“ zusammen-komme. Folgenreich ist hierbei die Nivellierung der objektiven Welt auf ihren Geldwert,unabhängig von ihrer Qualität und Eigenart. Dies geht bis zu den persönlichen Beziehungen, die vor allem auf geschäftlicher Ebene nicht auf subjektiven Eigenschaften und Persönlichkeiten gründensondern auf einer verstandesmäßigen Kosten-Nutzen-Rechnung. Ob die Verstandesherrschaft dievorherrschende Geldwirtschaft hervorgerufen hat oder umgekehrt, lässt sich heute nur noch schwer sagen. Sicher ist jedoch, dass aufgrund dieser rationalen Verstandesherrschaft die Wesenszüge der Unzweideutigkeit und der „Sicherheit von Bestimmungen von Gleichheiten und Ungleichheiten“[ebd.] vorherrschen, begleitet von einer zwingenden Pünktlichkeit, da die ineinandergreifendenOrganisationsstrukturen zwischen mehreren Menschen sowie die großen Entfernungen ein Wartenoder ein Vergebens-kommen zu einem gesteigerten Zeitverlust führen. Gleichzeitig werdenEigenschaften wie Irrationalität, Instinktivität und Souveränität meist ausgeschlossen.Eine weitere seelische Erscheinung, die der Großstadt vorbehalten zu sein scheint, ist dieBlasiertheit. Ebenso wie der Intellektualismus folgt auch sie auf die Steigerung der Reizeinflüsse inGroßstädten, die zu dem gleichen Effekt wie ein „maßloses Genussleben“ [ebd.] führen: eineReaktionslosigkeit und Abstumpfung gegenüber dem Unterschied der Dinge. Auch hier ist einBezug zur Geldwirtschaft herzustellen, die, wie bereits erwähnt, lediglich ein „wieviel“ der Dinge betrachtet und alle anderen Differenzen ausblendet und nivelliert. Mit der Blasiertheit entwertet der Großstädter die objektive Welt um sein Selbst zu erhalten – von dieser Entwertung kann er jedochletztenendes auch seine eigene Person nicht ausschließen. Auch in den sozialen Beziehungen hatdies seine Auswirkungen, denn persönlich-positive Beziehungen zu allen räumlich nahenManschen, wie auf dem Land, ist in der Stadt nicht möglich – es würde den Menschen „innerlichvöllig atomisieren“ [ebd.]. Allgemein reserviert gehalten organisiert er seine Begegnungen in„Sympathien, Gleichgültigkeiten und Aversionen“ [ebd.], die meist sogar den eigenen Nachbarn betreffen. Neben diesen negativ konnotierten Eigenschaften zeichnet den Großstadtmenschen in seiner Individualität jedoch vor allem die Freiheit aus, vor allem im Vergleich zu der kleineren sozialen2
Add a Comment