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Jesko Habert. T2-Hausklausur
Zusammenhang von Großstadtleben und modernerIndividualität in Auseinandersetzung mit
Georg Simmel:«Die Großstädte und das Geistesleben»
Die moderne Individualität als Wesensart ist ein Charakterzug, der deutlich von der Struktur der Großstädte geprägt ist und dort auch seinen Ursprung und sein häufigstes Auftreten findet. Im Zugeder Suburbanisierung im letzen Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hat sich diese Individualität zwar auch in Vorstädten und kleineren Städten verbreitet, dies hat aber längst noch nicht dasselbeAusmaß wie in den Großstädten erreicht. Besonders zu Beginn des letzten Jahrhunderts waren dieGroßstädte Zentren des Individualismus. Georg Simmel (1858-1918), der in Berlin aufgewachsenist und das Leben in der Großstadt somit aus autobiographischer Perspektive kannte, begründete1903 mit seinem Aufsatz«Die Großstädte und das Geistesleben» die sogenannte Stadtsoziologieund setzte sich vor allem mit dem Aspekt der Individualität auseinander.Wie er fünf Jahre später in seiner Monographie«Soziologie» definierte, existiert Gesellschaftüberall dort, „wo mehrere Individuen in Wechselwirkung treten“ [Simmel, 1908:17f]. Erotische,religiöse und gesellige Triebe führen den Menschen zu einem Zusammensein in Gruppierungen, indenen sie auf andere Menschen wirken. Diese daraus entstehenden Gesellschaften können sich auf verschiedenste Weise ausprägen, ob nun als Familie oder Dorfgesellschaft. Die genanntenWechselwirkungen können in Form von Relationalität, Reziprozität und Dynamik auftreten. DieseGrundbetrachtung von Gesellschaften sollte man auch für die Analyse der Großstadt imBewusstsein behalten.Als psychologische Grundlage für die städtische Individualität nennt Simmel in«Die Großstädteund das Geistesleben» die „Steigerung des Nervenlebens“ [ebd., 1903], angeregt durch den raschenWechsel von äußeren und inneren Eindrücken, was wir heute oft auch als „Reizüberflutung“ bezeichnen. Der Mensch als Unterschiedswesen regt Simmel zufolge sein Bewusstsein stets durchdie Differenz zwischen dem jetzigen und dem vorigen Eindruck an, ein gewohntes oder gleichbleibendes Bild verbraucht entsprechend weniger Bewusstseinskapazität. WährendKleinstädter und Menschen auf dem Lande also die wenigen vorhandenen Eindrücke durch dasGemüt und das Gefühl auffassen können (da diese in den „unbewussteren Schichten der Seele“[ebd.] wurzeln und „am ehesten an dem ruhigen Gleichmaß ununterbrochener Gewöhnung“ [ebd.]wachsen), legt der Bewohner der Großstadt den Verstand als „Schutzorgan“ [ebd.] über das Gefühl,1
 
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um eine „Entwurzelung“ [ebd.] zu vermeiden (da selbiger in den „oberen, bewussteren Schichtenunserer Seele“ [ebd.] angesiedelt sei und sich besser anpassen könne). Der Verstand ist Simmelzufolge „der Persönlichkeit am entferntesten“ [ebd.] und könne demzufolge besser auf die Reizflutreagieren.Als auszeichnenden Wesenszug des Typus des Großstädters (der, wie er betont, in „tausendunterschiedlichen Modifikationen“ [ebd.] existiert), nennt Simmel dementsprechend den
 Intellektualismus
, der in direktem Zusammenhang mit der Geldwirtschaft steht, die ja ebenfallsmeist in Großstädten angesiedelt ist. Diese sei nur durch eine Herrschaft des Verstandes möglich,wo in Folge eine „formale Gerechtigkeit“ [ebd.] mit einer „rücksichtslosen Härte“ zusammen-komme. Folgenreich ist hierbei die Nivellierung der objektiven Welt auf ihren Geldwert,unabhängig von ihrer Qualität und Eigenart. Dies geht bis zu den persönlichen Beziehungen, die vor allem auf geschäftlicher Ebene nicht auf subjektiven Eigenschaften und Persönlichkeiten gründensondern auf einer verstandesmäßigen Kosten-Nutzen-Rechnung. Ob die Verstandesherrschaft dievorherrschende Geldwirtschaft hervorgerufen hat oder umgekehrt, lässt sich heute nur noch schwer sagen. Sicher ist jedoch, dass aufgrund dieser rationalen Verstandesherrschaft die Wesenszüge der Unzweideutigkeit und der „Sicherheit von Bestimmungen von Gleichheiten und Ungleichheiten“[ebd.] vorherrschen, begleitet von einer zwingenden Pünktlichkeit, da die ineinandergreifendenOrganisationsstrukturen zwischen mehreren Menschen sowie die großen Entfernungen ein Wartenoder ein Vergebens-kommen zu einem gesteigerten Zeitverlust führen. Gleichzeitig werdenEigenschaften wie Irrationalität, Instinktivität und Souveränität meist ausgeschlossen.Eine weitere seelische Erscheinung, die der Großstadt vorbehalten zu sein scheint, ist dieBlasiertheit. Ebenso wie der Intellektualismus folgt auch sie auf die Steigerung der Reizeinflüsse inGroßstädten, die zu dem gleichen Effekt wie ein „maßloses Genussleben“ [ebd.] führen: eineReaktionslosigkeit und Abstumpfung gegenüber dem Unterschied der Dinge. Auch hier ist einBezug zur Geldwirtschaft herzustellen, die, wie bereits erwähnt, lediglich ein „wieviel“ der Dinge betrachtet und alle anderen Differenzen ausblendet und nivelliert. Mit der Blasiertheit entwertet der Großstädter die objektive Welt um sein Selbst zu erhalten – von dieser Entwertung kann er jedochletztenendes auch seine eigene Person nicht ausschließen. Auch in den sozialen Beziehungen hatdies seine Auswirkungen, denn persönlich-positive Beziehungen zu allen räumlich nahenManschen, wie auf dem Land, ist in der Stadt nicht möglich – es würde den Menschen „innerlichvöllig atomisieren“ [ebd.]. Allgemein reserviert gehalten organisiert er seine Begegnungen in„Sympathien, Gleichgültigkeiten und Aversionen“ [ebd.], die meist sogar den eigenen Nachbarn betreffen. Neben diesen negativ konnotierten Eigenschaften zeichnet den Großstadtmenschen in seiner Individualität jedoch vor allem die Freiheit aus, vor allem im Vergleich zu der kleineren sozialen2
 
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Gruppe in Dorf- und Landgemeinden. Laut Simmel mehren sich mit der Vergrößerung irgendeiner sozialen Gruppe (religiös, familiär oder gesellschaftlich) auch die Beziehungen zu anderen Gruppenund die innere Arbeitsteilung, was zu einer Verwischung von interner Kontrolle führt, da die Gruppenun durch einen Regelbruch oder sonstwie andersartiges Verhalten nicht mehr in ihrer Existenzgefährdet wäre. Dies ermöglicht eine größere Bewegungsfreiheit der Gruppenmitglieder, ihrePersönlichkeit zu entfalten. Hinzu kommt, dass eine Großstadt nicht nur in ihrer Bevölkerungszahlund räumlichen Größe weiter reicht als kleine Gemeinden, sondern auch durch die nationalen undinternationalen Auswirkungen ihrer Handlungen, die ihr durch einen größeren Einflussbereich einekosmopolitische Vielfalt gibt.Zusammenfassend lassen sich sieben Gründe für die Ausprägung des Individualismus inGroßstädten festlegen:1.Die Schwierigkeit, in der Masse von Menschen seine eigene Persönlichkeit zu Ausdruck zu bringen. Während auf dem Land die wenigen dort lebenden Menschen schon an sichunterschiedlich genug sind, um Personen voneinander zu differenzieren, ist dies in der Großstadtnur durch extravagante Ausprägungen möglich.2.Die Kürze und Seltenheit von Begegnungen. Im Gegensatz zu kleinen Gemeinden, wo mansich häufig und lange sieht, trifft man in Großstädten eher seltener aufeinander und muss so ineiner sehr viel kürzeren Zeit einen bleibenden Eindruck hinterlassen.3.Die Spezialisierung in Folge der Zusammendrängung vieler Menschen, die sich durchgewerbliche „Nischenbildung“ unverdrängbar zu machen suchen, und deshalb neue Bedürfnissein der Gesellschaft schaffen müssen. Hierdurch entstehen auch zahlreiche Subkulturen als einauf neue Gruppen bezogener Individualismus.4.Die oben genannte Ausbreitung der sozialen Gruppe, die eine soziale Kontrolle erschwert undBewegungsfreiheit ermöglicht.5.Der oben erwähnte nationale und internationale Einfluss durch den erweitertenHandlungsraum einer Großstadt.6.Die Möglichkeit, unter der Großzahl von Stadtbewohnern ähnlich orientierte Menschen zufinden, die die eigene Extravaganz akzeptieren (im Vergleich zu oft konservativenDorfgemeinden).7.Das Ankämpfen gegen den stärkeren „objektiven Geist“ [ebd.], der die Kultur strukturiert.Durch das besondere Hervorheben eigener Extravaganzen versuchen die Großstadtmenschenihre Persönlichkeit zu retten um „überhaupt noch hörbar, auch für sich selbst, zu werden“ [ebd.].Die daraus entstehende Entwicklung von Individualität ist nach Simmel ein „Wiederstand desSubjekts“ gegen die Gefahr, „in einem gesellschaftlich-technischen Mechanismus nivelliert und3

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