Jesko Habert, Rezension: Popitz' «Phänomene der Macht»
1. Einführung
Der deutsche Soziologe Heinrich Popitz hat dem Werk«Phänomene der Macht» eineanthropologisch wertvolle Theorie dargelegt, die das Thema „Macht“ in allen Fassetten behandelt.Hierbei übersteigt er Max Webers Ansatz, indem er Gewalt in ihrer Extremform als „Todesmachteines Menschen über andere Menschen“ der Macht unterordnet, welche wiederum als „dasVermögen, sich gegen Fremde Kräfte durchzusetzen“ definiert wird. Popitz' Ansatz ist vonbedeutender Wichtigkeit für die soziologische Sicht auf Machtausübung, da er schlüssig darlegt,wie sich Machtstrukturen ausbilden und entwickeln können. Dies ermöglicht nicht nur eineerweiterte Sicht auf historische Ereignisse und der Entstehung unserer Gesellschaft und ihrerMachtordnung, sondern auch die Möglichkeit, sich ausbildende Machtstrukturen zu erkennen undmöglicherweise zu verhindern. Dies hatte für Popitz eine große aktuelle Relevanz, da die ersteAuflage im Jahre 1968, und damit inmitten eines von gegensätzlichen, kriegerischen Mächtengeprägten Zeitalters erschien. Im Kapitel 5 werde ich weiter auf diesen historischen Kontext unddessen Beeinflussung auf «Phänomene der Macht» eingehen.
2. Ausgangsfragen und Grundprämissen
Zu den zentralen Fragen in«Phänomene der Macht» gehört die, worauf Macht beruht. WelcheBedürfnisse und Situationen rufen sie hervor? Welche Eigenschaften und Fähigkeiten führen zumMachtgewinn und -erhalt? Warum müssen Menschen Macht erleiden? Zur Beantwortung dieserFragen legt er folgende Grundprämissen fest, von denen aus er seine Argumentation darlegt. Dieseseien zwar im historischen Prozess entstanden, trotzdem jedoch allgemeingültig.
1.Macht ist machbar und menschlich
. Machtverhältnisse sind nicht unantastbar, sondernveränderbar, da sie von Menschen gemacht wurden und nicht, wie früher dargestellt,gottgegeben. Diese Prämisse gehörte zur Politik der griechischen Polis, die dementsprechend diebestmögliche Ordnung zu schaffen suchten. Eine Wiederbelebung erfuhr diese Idee mit derSchaffung der neuzeitlichen Verfassungsstaaten.
2.Macht ist omnipräsent
. Sie ist in modernen Gesellschaften überall auffindbar. Alsvergesellschaftete Form unterwerfen wir uns täglich verschiedenen Machtverhältnissen. Dieslässt sich seit dem Fall der verstaatlichten, zentralen Macht im Ancient Regime beobachten. Esentstehen die Macht der öffentlichen Meinung, des Eigentums und der Volksmassengewalt.Vergesellschaftete Macht führt nicht zur Staatsentmachtung, lässt Machtkonflikte aber durch dieganze Gesellschaft gehen. So entwickeln sich Konflikte zwischen Geschlechtern oderGenerationen.
3.Macht ist Freiheitsbegrenzung
. Daher ist jede Macht fragwürdig und rechtfertigungsbedürftig.Historisch wird dies in den nationalen Freiheitskämpfen Europas und Emanzipation von Frauenund gesellschaftlichen Minderheiten deutlich. Machtausübung wird heute als Eingrenzung derSelbstbestimmung empfunden. Sie bleibt jedoch unvermeidbar, z.B. in der beschützenden Machtder Eltern über ihr Kind. In modernen Gesellschaften bleibt sie immer begründungsbedürftig.
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