Geschichten aus der Realität
© 1989, 1990 Stefan Hinz
Ein nicht ganz gewöhnlicher Balkon
Als Sej die Balkontür öffnete, nieselte es draußen immer noch wie beim letztenMal, als er hinausgetreten war. Er stützte die Hände auf die flache Brüstung undblickte auf das nasse Kopfsteinpflaster der Straße, das die Lichter der Gaslaternen reflektierte. Ein Laster kam angeschossen und zerriß für eine Weiledie Klangkulisse der Nebenstraße - das ferne Rauschen der Hauptverkehrsstraße, ein bellender Hund an der Ecke, der versuchte, seinenangeleinten, betrunkenen Menschen in die richtige Richtung nach Hause zuziehen. Der Lastwagen geriet außer Sicht, während seine Bremsleuchten nochrot auf dem Pflaster schimmerten. Der Hund war um die Ecke verschwunden, woer mit seinem Menschen anscheinend eine heftige Diskussion begann, wenn Sejdie Lautäußerungen des Menschen richtig einschätzte. Schon bald darauf warensie nicht mehr zu hören, wahrscheinlich hatte der Hund bei diesem Wetter diebesseren Argumente.Sej fand, daß er das alles schon oft genug gesehen hätte und daß es an der Zeitwäre, zu verschwinden und etwas Neuem Platz zu machen. Er schaute nachoben in den stadtnachtgrauen Himmel - eine Farbe, die etwas eigentümlichGewöhnliches hat, und die Nässe der Luft legte sich ihm auf die Augen, so daßer, als er wieder die Fenster des gegenüberliegenden Hauses ansah, diese nur als verschwommene Lichtflecke wahrnahm. Hinter ihm in der Tür miaute seineKatze. Sej hockte sich hin, um sie zu streicheln, wobei er den Blick aber nichtvon den Lichtflecken nahm, aus denen allmählich wieder gewöhnlicheAltbaufenster wurden. Er wußte, wo die Katze stehen würde: nämlich mit denVorderpfoten auf der Türschwelle, so daß er gar nicht hinsehen brauchte, um siezu berühren. Aber heute war etwas anders.Sej schaute verwundert auf seine Katze hinunter, die ihren Kopf an seinemrechten Bein rieb und schnurrte. Die Katze haßte gewöhnlich den Lärm der Straße oder die Kälte des Balkonbodens oder beides und kam deshalb nieheraus, außer an den wenigen Tagen des Sommers, an denen nachmittags dieSonne auf die Blumenkästen schien, was sie als Aufforderung ansah, sich auf dieBlumen zu legen und sich den Pelz wärmen zu lassen. Heute nieselte es, und siestand hier draußen und schnurrte. Sej nahm sie auf den Arm und drehte sich um,um hineinzugehen. Er hätte das mit Sicherheit auch gemacht, wenn sichzwischen dem Balkon und der Wohnung nicht ein fünf Meter breiter Spaltbefunden hätte, der sich rasch vergrößerte. Die Wohnung befand sich in der vierten Etage, und der Balkon war auf den Erker der darunter liegendenWohnung gebaut oder vielmehr: gebaut gewesen. Sej fragte sich, ob es nun indiese Wohnung hineinregnete. Direkt danach fragte er sich, worauf der Balkondenn nun stände. Wiederum kurz danach fragte er sich, ob er vielleicht träume.Andererseits hatte er sicher im Traum im Nieselregen gestanden, aber er konntesich nicht erinnern, sich jemals so täuschend echt naß gefühlt zu haben.Außerdem wurde ihm langsam kalt."Nun gut", sagte Sej zu seiner Katze, "ich sollte mir ziemlich bald klar werden, obich das nur träume, sonst werden wir uns erkälten. Was hältst du von der Sache?"