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Die Re-Humanisierung Der Gesellschaft?

Die Re-Humanisierung Der Gesellschaft?

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09/01/2012

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Die Re-Humanisierungder Gesellschaft?
Psychologische Aspekte eines bedingungslosen Grundeinkommens bGE
Herr Professor Wehner, wie nehmen Sieals renommierter Arbeits- und Organisa-tionspsychologe die psychologischen Aus- wirkungen der aktuellen Konjunkturkri- se wahr?
 Wir wissen heute recht gut, dass die ver-meintlich konjunkturellen Problemestruktureller Art sind und letztlich Kon-tinuität aufweisen. Kontinuität bestehtbeispielsweise – positiv gesprochen inder Technologieentwicklung – real aus-gedrückt in dem sich daraus ergebendenRationalisierungspotenzial: Seit 1970 er-höht sich die Zahl der Güter und Dienst-leistungen, die wir pro Stunde zu produ-zieren in der Lage sind, jährlich umca. 2,6 Prozent. Dies entspricht einer Verdoppelung der Produktivität in 27 Jahren! Berück-sichtigt man zusätzlich die Arbeitslosenquote – in derEurozone liegt sie bei 9,4 Prozent – und nimmt zurKenntnis, dass sich durch die Globalisierung das Ange-bot an Arbeitskräften auf ca. 3 Milliarden erhöht hat,so ist Vollbeschäftigung – wenn man einmal von sitten-widrigen Verträgen und Dumpinglöhnen absieht – dieutopischere Vorstellung als jene des bedingungslosenGrundeinkommens (bGE). Wenn wir nun als Psychologinnen und Psychologen auf diese ökonomischen Fakten schauen, so können wirfeststellen, dass die Angst um den Arbeitsplatzverlust, ja letztlich Existenzängste und Kontrollverlust zur Nor-malbiografie gehören. Die Veränderungen, die durchden neuen psychologischen Vertrag aufgezeigt werden,weisen in dieselbe Richtung: Die Vermarktlichung deseigenen Könnens, das ständige «Nachrüsten» von Kom-petenzen und die Be- bzw. Abwertung der Qualifikati-onen der Mitbewerber sind Dauerthema. Kein Wunder,dass Coaching auf der einen und Wellness auf der an-deren Seite boomen.
Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die bishe-rigen Errungenschaften der Arbeits- und Organisations- psychologie?
Gemäss Kurt Lewins Bild von den zwei Gesichtern der Arbeit ist Arbeit als Mittel zum Zweck einerseits Müheund Last; auf der anderen Seite ist das Leben ohne Ar-beit hohl. Bezogen auf die Anforderungen an die A&O-Psychologie gilt es also, einerseits die Arbeit so kurzund bequem wie möglich und anderseits so menschen-würdig und reichhaltig wie möglich zu gestalten.Seit dem Programm zur Humanisierung des Arbeits-lebens aus den 1970er Jahren sind meine Illusionen,auf beiden Seiten mit gleichem Erfolg gearbeitet zuhaben, geschwunden: So haben wir zwar erreicht, dassdas BückenimFitnesszentrumempathisch gepflegt– am Arbeitsplatz unterdessen geradezu verboten ist.Menschenwürdiger jedoch ist die Arbeit in vielen Be-reichen nicht geworden. Das illegale Abhören von Mit-arbeiterinnen und Mitarbeitern ist noch nicht einmalkapitalismusfähig, geschweige denn menschenwürdig.Man weiss zudem seit Langem, dass zur Gesamtzu-friedenheit der Menschen die soziale Anerkennungbzw.Wertschätzung wesentlich mehr beiträgt als diefinanzielle Anerkennung. Trotzdem gehört das entspre-chende Item in Mitarbeiterbefragungen meistens zu jenen, die am schlechtesten abschneiden.
Sie denken als Psychologe öffentlich über volkswirt- schaftliche Alternativmodelle nach, wie z.B. über dasKonzept eines bedingungslosen Grundeinkommens bGE(s. blaue Spalte S. 12). Wie ist es dazu gekommen?
Ich habe – neben Themenbereichen wie Innovation, Arbeitskonflikte und psychologische Fehlerforschung– vor 10 Jahren begonnen, die Tätigkeitsbedingungenund -motive jenseits der Erwerbsarbeit ins Zentrum un-serer Forschung zu stellen, weil ich der Ansicht bin,dass die heutige Lohnarbeitspsychologie nicht alle Fa-cetten des Tätigseins zu beschreiben in der Lage ist.
Prof. Theo Wehner erforscht als Arbeits-und Organisationspsychologe u.a. auchmenschliche Tätigkeitsmotive. Ihm er-scheint derzeit das Modell eines bedin-gungslosen Grundeinkommens wenigerutopisch als der Mythos von der Vollbe-schäftigung.
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In der Schweiz ist, wenn man grosszügig rechnet, jedezweite Person freigemeinnützig tätig. Dabei handeltes sich meist um Menschen mittleren Alters mit re-lativ grossem Freundeskreis, klassischen Familien-strukturen und mit guter Work-life-Balance, wie dasSchweizer Haushaltspanel zeigt. Wir gehen davon aus,dass es sich hierbei nicht «lediglich» um prosoziales Verhalten handelt: Es ist Tätigsein, formal organisiertoder individuell gestaltet.Konkret haben wir gefragt, welche Motive und Bewer-tungen dazu führen, dass Bürgerinnen und Bürgerfreigemeinnützig tätig werden. Bei aller Verkürzungkönnen dazu drei Aspekte angeführt werden: Sinn-generierung, Wertschätzung und Generativität. Men-schen, die freiwillig Arbeit verrichten, tun dies, um derGesellschaft etwas zurückgeben zu können, weil indieser Tätigkeit ihre persönlichen und gemeinwohl-orientierten Werte geschätzt werden und sie letztlichpersönlichen Sinn zu generieren in der Lage sind.In unserer Forschung zur freiwilligen Arbeit und inder Schweiz auch zu Miliztätigkeiten wie z.B. Ehren-ämtern stellen wir zudem einen sehr elaborierten An-spruch auf Anerkennung fest. Plattes Lob oder simplesFeedbackwie«Das hast du gut gemacht; wenn wir dichnicht hätten, …» tragen demnach gar negativ zur Zu-friedenheit bei – schätzungsweise deshalb, weil solcheswohl nicht als den Selbstwert stärkend gemeint ist undentsprechend als die Autonomie einschränkend erlebtwird. Gegen solche Floskeln kann man sich nur dortschützen, wo optionale Freiheit besteht; solche bestehtim Bereich der freigemeinnützigen Tätigkeiten; und siewird auch einer Gesellschaft mit bedingungslosemGrundeinkommen unterstellt.
Womit der inhaltliche Zusammenhang zwischen IhrenSchwerpunktthemen und dem bGE gegeben ist. Wasaber motiviert einen Psychologen wie Sie zu praktischemEngagement wie öffentlichen Stellungnahmen und einerForschungskooperation?
 Angesichts der eingangs beschriebenen strukturellenHintergründe der heutigen Situation erscheint mir dieIdee der Vollbeschäftigung inzwischen als wesentlichutopischer als die Vorstellung eines bGE. Aus meinerSicht geht es nicht mehr nur um eine Humanisierungder Erwerbsarbeit, sondern um eine Re-Humanisie-rung der Gesellschaft.Die bGE-Modelldiskussion muss dabei von unteschied-lichen Disziplinen angegangen werden: Sozialphilo-sophen werden fragen müssen, inwieweit diese Formder Freiheit eine Zumutung ist, Ökonomen sollen rech-nen und möglichst auch noch mal nachrechnen, Poli-tologen werden die Sozialgesetzgebung neu reflektieren– und die Psychologen sollten sich erkenntnistheore-tisch mit der Bewusstseinsfrage auseinandersetzen.
Foto: Andrzej – Fotolia.com
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Ich bin vom Denken der kulturhistorischen Schulegeprägt worden, laut der die Bewusstseinsfunktion derMotive darin besteht, die Lebensbedeutung soge-nannter objektiver Gegebenheiten und subjektiverHandlungen zu bewerten und ihnen dadurch persön-lichen Sinn zu verleihen. Leontjev bringt es auf denPunkt, wenn er sagt: «Psychologisch gesprochenexistieren objektive Bedeutungen überhaupt nur alsRealisierung des persönlichen Sinns.» Wenn das Grundeinkommen mir ein Auskommen ga-rantiert, so kann ich persönlich entscheiden, welcheobjektiven Angebote, die ich durch subjektive Hand-lungen erfüllen könnte, auch persönlichen Sinn gene-rieren. Da dies in unserer Gesellschaft bereits zwischen30–50 Prozent der freigemeinnützig Tätigen gelingt,unterstelle ich, dass genügend Erfahrungspotenzial vor-handen ist, mit der anderen Hälfte diese Diskussion zuführen. Dies kann natürlich nicht von heute auf mor-gen geschehen: Wir müssen in einer kapitalistischenGesellschaft mit Entfremdung, Verdinglichung unddamit mit Verkümmerungen von Eigeninitiative, Ge-meinwohlorientierung und Eigenverantwortung rech-nen. Die Auseinandersetzung mit dem bGE halte ichdeshalb vorerst für einen Kulturimpuls und nicht fürein ausgearbeitetes Tool, welches lediglich noch zu im-plementieren ist.
Zum bGE konkret: Derzeit nehmen die Probleme im Be-reich des Service public zu, wie u.a. der Pflegenotstandoder die aktuellen Mängel beim teilprivatisierten öV zei- gen. Garantiert die oben beschriebene Sinnkategorie,dass unter Voraussetzung eines bGE genügend Motivati-on zur Sicherung des Service public vorhanden wäre?
 Wenn mir von der Gesellschaft ein bedingungslosesGrundeinkommen gewährt wird, so ist doch die vonErikson bezeichnete Entwicklungsstufe der Genera-tivität eher stärker herausgefordert als grundsätzlichgefährdet. Einer Gesellschaft, die mir nicht nur be-dingungslose Bürgerrechte, sondern auch eine bedin-gungslose Existenz sichert, würde ich gerne auch wie-der etwas zurückgeben. Wie gesagt, ist dies bereits jetzt das Motiv vieler frei-gemeinnützig Tätiger und müsste nicht erst durch dasbGE hervorgebracht werden!
Was für ein Menschenbild liegt dieser optimistischen An- nahme zugrunde?
Die Ergebnisse aus der Freiwilligenforschung sprechenfür ein humanistisches, gemeinwohlorientiertes Men-schenbild, das über biologische und ökonomische Mo-tive hinausgeht, nicht bezüglich seiner Arbeitswilligkeitextrinsisch motiviert und kontrolliert zu werden brauchtund z.B. durch Maslows Bedürfnispyramide veran-schaulicht werden könnte.
Obwohl die Bedürfnispyramide kulturabhängig undnicht überall reproduzierbar ist, so ist es in unserer Ge-sellschaft für viele doch möglich, Nahrung, Kleidungund Behausung zu finden. Andererseits deutet die Ver-engung in Richtung Spitze bereits an, dass nur wenigees vermögen, zusätzlich dazu auch das Bedürfnis nachsozialer Anerkennung, Selbstverwirklichung oder garTranszendenz zu befriedigen. Bei aller Reserve gegen-über der Anthropologie lässt sich zusätzlich sagen:«Auf das Tun-Können kommt es gerade des Geisteswegen an», so dass wir nicht von einem Menschenbildausgehen sollten, welches die Verweigerung von Tätig-sein unterstellt, sondern genau vom Gegenteil.
Dieses «Tun-Können» machen viele von finanziellenRessourcen abhängig, die entsprechend umzuverteilen seien: Wie antworten Sie auf den Kommunismus-Vor- wurf, der auch heute noch an jene gerichtet wird, dieüber ein bGE nachdenken?
 Ja, es stimmt, dass das Thema immer wieder mit kom-munistischem Gedankengut verwechselt wird. Eber-hard Ulich, dem ich die Ausführungen in diesem In-terview zum 80. Geburtstag widmen möchte, hat vorüber 25 Jahren einen Vortrag zum gleichen Thema inder Schweiz gehalten und bekam drei Tage später einenBrief, auf welchem als Adresse lediglich stand: «An denkommunistischen Professor der ETH Zürich».
 Abgesehen von der erstaunlichen Unwissenheit dar-über, was Kommunismus tatsächlich bedeutet, näm-lich die Freiheit des Einzelnen gerade nicht zu stärkenund ihn in den Arbeitsdienst zu schicken, und abgese-hen davon, dass auch einige bGE-Mitstreiter von einer«capitalist road to communism» sprechen, geht es beider Auseinandersetzung nicht um Verteilungsproblemeoder um den Besitz von Produktionsmitteln; es geht vielmehr um ein Menschenrecht, nämlich jenes derExistenzsicherung jenseits der Notwendigkeit zur Lohn-arbeit. So wie wir mit dem Eintritt in die Gesellschaftdie Bürgerrechte bedingungslos bekommen, so kannman sich durchaus vorstellen, dass ein Grundeinkom-men, bedingungslos und über der Armutsgrenze lie-gend, jedem Bürger und jeder Bürgerin gewährt wird.
Gemäss Ihrem Forschungspartner Dr. Sascha Lieber- mann ist das bGE «ein konsequenter Vorschlag, wenn man es mit der Souveränität der Bürger als Bürger, nicht nur als Erwerbstätige, ernst meint». Nun gibt es aber bis-her keine Staatsmacht, die der globalisierten WirtschaftParoli bieten resp. ein solches Bürgerrecht global verhän- gen könnte ...
Mich überrascht die Entschiedenheit, mit der Sie dieOhnmacht des Staates behaupten. Tatsächlich ist es
auch heute so, dass die politische Gemeinschaft derBürger, nichts anderes ist der Staat, die Bedingungen
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