ZU DIESEM BUCH
Bertolt Brecht - es ist nur zu natürlich, daß gerade er es tat - hat in seinen«Kalendergeschichten» Chroniken in Prosa und Vers geschrieben, die,nicht anders als die Johann Peter Hebels, mitteilen, worauf es für Tag und Stunde ankommt; daß «alle Kreatur braucht Hilf von allen». Sie sind gewissermaßen Rezepte, Unterweisungen eines Dichters, der nicht für sichschreibt, sondern für die anderen. Bertolt Brechts Geschichten, Gedichteund Schauspiele sind moralisch. Er bezieht diese moralischen Maßstäbe auseiner politischen Weltanschauung, die ihn nach 1945 veranlagte, sein Domizil in Ostdeutschland aufzuschlagen. Doch gehört des wahren Dichters Werk nicht einer «politischen Richtung», «Kalendergeschichten»gar gehören stets dem Volk. Der Dichter hat Meinungen - dieEntscheidungen liegen beim Leser. Der am
10.
Februar 1898 zu Augsburg geborene und am 14. August 1956 gestorbene Bertolt Brecht ist wohl eine der größten zeitgenössischen,aber auch umstrittensten dichterischen Kräfte Deutschlands. Er studierte zunächst Medizin und Naturwissenschaften, wandte sich jedoch bald demTheater zu, wirkte als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen, dannals Regisseur bei Max Reinhardt in Berlin. Gleich für sein erstes Stück «Trommeln in der Nacht» erhielt er von Herbert Jhering den Kleist-Preis. Am Morgen nach der Nacht des Reichstagsbrandes floh er ins Ausland. DieStationen des Emigranten Bertolt Brecht waren Österreich, Dänemark,Schweden, Finnland, Rußland, die USA und die Schweiz. 1948 kehrte er nach Deutschland zurück und leitete zusammen mit seiner Frau HeleneWeigel das «Berliner Ensemble», eine Theatergruppe, die versucht, die Brechtschen Thesen vom epischen Theater zu verwirklichen. - Bertolt Brecht ist der Dichter der gesellschaftlichen «Kehrseite»: Er verbindet seine aggressive soziale Kritik aus der Sicht des gemeinen Mannes mit denharten, nüchternen Formen modernster Sachlichkeit. Ein Parodist großenStils, der viele Einflüsse, so die von Villon und Kipling, verarbeitet hat. Er ist Satiriker der Form, der Gesellschaft und der Dichtung in einem.Unermüdlich mit der Poetik experimentierend, um für die Entlarvung der irregehenden Welt und für die Lehre ihrer Verwandlung die adäquatedichterische Form zu schaffen. Alles, was Brecht geschrieben hat, ist, wie er sich einmal ausdrückte, «für den Gebrauch der Leser» bestimmt: seine«Hauspostille» (rororo Nr. 1159), seine «Geschichten vom Herrn Keuner»und seine Theaterstücke «Mutter Courage und ihre Kinder», «Der gute Mensch von Sezuan», «Herr Puntila und sein Knecht Matti», seineberühmte «Dreigroschenoper» (mit der Musik von Kurt Weill), dieberühmte Szenenfolge «Furcht und Elend des Dritten Reiches» sowie seine