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TITEL
2000 Jahre Niedergang
Von
der
Wiege Europas
zum
Hi
nterhofEuropas:
Griechen
la
nds Abstiegistbeispiellos.
Wie
konntedas passieren?
Poseldon
to
goSouvenirstandaufderInsel
Ko
rf
u.
.Die
bedeutendsten
Na
tionen", lästerte
derAphoristikerNico las
G6mez
Davila..enden als Orte derSommerfrische"
A
uehgroßePhilosophen könnensich
irren-manche durchaus
"zeitnah",
bei
anderen
dauertesschon mal
Jahr
·
hunderte,
bi
s
der
l
ntum
offenbarwird.Zu
Letzteren gehört Aristoleles
mit
seiner
Feststellung, die Bewohner der kaltenGe
genden
Europasseien, anders alsdie Völ·
kerdes
Südens,
an
geistiger
Einsicht
armund zu
echter Staatenbildung
unfähig.
Heute
gilt
eher
das
Gegenteil.
Aber
vielleicht
sind
die
s
taatlich
inzwischen
eher
stabilen
Völker
des
Nordens
ja
wirklich
mitunter
an
geistiger
Einsicht
arm
-
hät
t
en
sie
sons
t
eingewilligt
die
wertlose
Drachme
aufletztlich ihre Kosten
gegenden
Euro
auszutauschen?
Andererseits
ist
gerade
dies
ein
in
hohem
Maße
geistigmotivierter Aktg
ewesen
.Die Drachme,
das
war
die
älteste
Münzwährung des
Kontinents, mitihr
hatten
bereits Leonidas,Perikles
ode
rEuripides
bezahlt.
Menschen,
in
deren
BeutelD
rachmen
klimperten,
haben
dem
Er
dteil
seinenNamen
g
egeben
undseine
kulturellen
Grundlagen
geschaffen.Wersich
verdeutlichen
will,
was
für
eineinz
igartig
es
Ausstrahlungsphäno-
132
men das
alten Griechenland war, muss
nur
durcheuropäische
Gemäldegalerie
nwandeln,sich
die
klassizistischenBauten in
den
großen
Städten
des Westens
anschauen
oder
den
Blick
zum
Himmelrichten. DieErde
ausgenommen,
heißenalle
Planeten
unse
r
es
Sonne
nsyst
emsnach
hellenischenGottheiten (sechs inlatinisierter Form). Noch
der
letzte
Jupi
termond trägt
einenNamenausder
griechischenMythologie.Auch
den
Sternenhimmel hat mythologisches Personal
aus
Hellaserobert, vonOrion,
Herkules
und Kassiopeia
über
die
Dioskuren
und
Plejaden bis hin zuPerseus
und
Andromeda. Mit
einer
gewissen
Folgericht
igkeit
trugen
die
Raketen,mit
denen
US-Astronauten auf
dem Mond
l
andeten,
den
Namen des
Apollo.Die
Griechen
haben
die Demokratie
erfunden,
die
Tragödie,die PhHosophie,
die
Olympischen Spiele,
das
Symposion
und
den geschriebenen
Vokal-
Grund
genug,
ihren Nachfahren die Möglichkeitzu
geben,
nunmehr
ihre Schulden in Euro
anhäufen
zu
können?
Atti
sches Des
ig
nImWandelder
Zelten
Der Parthenon,"Tempelder Tempel"(so derfranzösischeDichter Alphonsede Lamartine). undein stummer Zeuge
des
Tourismus
Aberwersind
überhaupt
ihre Nachfahren?"Kein Tropfen desaltenHeldenblutes fließt ungemischt in den Adern
der
jetzig
en
Neugriechen",befand anno1830
der
Orientalist
Jakob
PhilippFallmerayer undrügte
die
zeitgenössischen Griechenlandfreunde: • Eure schwärmerischeTeilnahme ist verschwendet
an
ein entartetes
Geschlecht,
an
dieAbkömmlingejener slawi schen Unholde,
die
im fünften
und
sechst
en
Jahrhundert
über
das
byzantinischeReichhereinbrachen und die hellenischeNationalität mitStumpf
und
Stiel ausrotteten." Und zu Fallmerayers Zeitenstanden diegrößten
Be
völkerungsverschiebungendurchdieTürkennoch bevor.
In
der
Tal dürftendie
heutigen
Grie
chen
kaum me
hr mit
jenenverwandt
sei
n,
die
in
der
Antike
das
Land bevölkerten
und
diesestaunenswerte
Kulturschufen.Auf
einem
SüdzipfeldesPelo ponnes,
au
f
de
rHalbinsel
Mani
sollen
die
letzten
"echten"
Griechenleben, sowie die letzten
"echte
n"Kelten in Irlandsiedeln
und die
letzten
"ech
t
en"
Ägypterdie Koptensind,Unddie
letzten"
echten"
Germanen?
Ach,
lassen
wirdas.Focus
8/2010
 
Die
modemen
Griechen beweisen
ihreUnähnlichkeit mit
ihren
Vorfahren
jeden-
fallsquasi täglich. Das Land,
das
Sokrates
und
Platon, Myron
und
Phidias, Pindar
und
Sophokles, Pythagoras
und
Thukydides hervorbrachte,
bes
itzth
eute
keinen
bedeutenden
Dichter, Komponisten, bil
denden
Künstler
oder
Philosophen. Auch
keinen
Weltstar in
irgendeinemanderenGenre
(die Callas
war
der
letzte
und
einzige).Seit
EI
Greco
hat
Hellas
ke
i
nen
Mal
er
von Weltrang
erzeugt.
Aus Griechenl
and
kommtfastnie ein Film,
über
denman
in Europa redet. Die
bedeutendsten
griechischen Dichter
der Gegenwartsind
j
ene
Statistiker,die
der
EU
unterjubelten,ihr
Staatshaushalt
sei
gesund
unddie
landwirtschaftliche Nutzfläche ihresLandes übertreffe
dessen
Gesamtfläche.
Wer
etwas
werden will,
geht
Ins Aus-
land.Die
Hand
vollweltweit
anerkanntergriech
is
cher
Physiker
und
Kosmologen
etwa
arbeitet
in
den
USA.
Der
bekann-
t
es
te
Grieche
der
Gegenwartindes
heißtOtto Rehhagel,
das
Spiel
seinerMann-
schaftist
ungefähr
so attraktivwie
einAthener
Vorort.Vier
der
sieben
ant
ikenFocus 8/2010
Weltwunder
standen
in
Griech
enlan
d;
heute
vollbringen
griec
hische Baumeis
terGlanztaten
wie
jenen
Tunnelbau
nahe
der
StadtKozani, wosich
dieGrabungs
kommandos,
die
von jeweils
einer
Seite
des Benjes
starteten,in
der
Mitte
um
35
Meter
verfehlten.Nach
jedemErdbeben
wird in
der
Öffentlichkeit diskutiert, ob
man
nicht
auch erdbebensiche
re
Häu-ser
bauen
könnte.
Stadtplanung
ist seit2000
jahren
ke
in
Thema. Halb
Attikaist inzwischen mit Betonsiedlungen von
unglaublicher
Hässlichkeit zugestellt.
ll
haufen, erodierende
Böden
und
no·torisch
brennende
Wälder
gehören
heute
zu
Griechenland
wie
dereinst
Tempel,Dreifüße
und
Opferrauch.
Athenwarum
1800
ein
Flecken mit5000Einwohnern,
die
zwischen
den
antikenT
rümmern
ihr Vieh weideten,
um
1900 lebten dort 130000 Menschen,
heute
sind
es mehr
alsdrei Millionen.Das ex plosionsartige Wachstum,
eine
Folge all
gemeiner
Landflucht. vollzogsichin
der
H
auptstadt
wie
anderswo
ohne
Vorsatz
und
Plan
undverwandelte
Athenin jenen
stinkenden
Moloch, als welcher
die
Wiege
der
Demokratie"
heute
berüchtigtist.Als logische Folge
setzte
seit
den
1980er-
Jahren
eine
t
emporäre
Stadtfluchtein.Zahlreichewilde Siedlungen
entstan
den
entlang
der
Küste, eine
knappe halbe
Million
Schwarzbauten
für
die
Sommer
fri
sche,
deren
enonne
Unansehnlichkeit verdeutlicht,
dass
der
einstmals in
jenem
WeltteilherrschendeSinnfür Proportionen wohlgänzlichausgestorb
en
ist."Dieallzu
menschenreicheStadtkann
nur schwer,vielleicht
überhaupt
nicht in
Ordnung
ge
halten werden
·,
sc
hriebAristoteles. Die
heutigen Griechendemon
strieren,
dass
sie
auch
kleinere Orte mühelos in
einenZustand kompletter
Vef\vahrlosung versetzen
können.
Im Altertum
warGriechenlandeine
der
führendenSeemächte.
Noch
heute
hat das
L
and
mit
se
inen 14000 Kilomet
ern
Küste
eine
der
größten Flotten
der
Welt.
Doch wer
auf
einegriechischeFähre steigt,weiß, worauf
er
sich einlässt:
die
Fortsetzung
der
Odyssee
mit
den
Mitteln
des
Fremdenverkehrs.Hellas besitzt
ein
einzigesOp
ernhaus
und
nur
einen
richtigen Konzertsaal;
...
133
 
TITEL
im
Lande des Orpheus
und
des Kithara-
spielers Apolloist die Tonkunst
im
Grunde
über die
Volksmusik nie
hinausgekommen.
Die Pisa-Studien, bei
denen
Griechenland
hintere Plätze belegte, v{urden
weder
von
den
Politikem noch von
den
Medien
überhaupt zurKenntnis genommen.
Griech
enland
sch
eint
das
idealeBei
spielzusein
für
die
Theorie
des
Ge
schichtsdenkersOswald
Spengler,
dass
Kulturen
Organismen
sind, die notwendig
einen
Lebenszyklus von
der
Jugend
über
Blüte
und
Reifezeit bis
zum
Verfall
durch·
laufen.
Freilich
dauert
dieserAbstieg
von
sobeispielloser Höhe inzwischenschon
2000
Jahre.
Was
das
antike
Griechenland von
den
anderen
Kulturen
des
Altertumsunter
-
schied
(von
der
römischenRepublik
ab
gesehen),
war
das Fehlen
einer
Zentralge·walt,
eines
Alleinherrschers-gewiss
eine
Folge
de
rGeografie, doch
auf
geheimnisvolle Weise verknüpft mit
der
Herrschaft
des
Wettbewerbsgedankens.Eris,dieGöt tin
der
Zwietracht,existiertHesiod zufolgeinzweierlei Gestalt:Die
eine .fördertden
schlimmenKrieg
und
H
ader",
die
andere
"treibt
auchden ungeschickten
Mann
zur
Arbeit;
und
schaut
eine
r,
der des
ße
·
sitztums
ennangelt,
auf
denanderen,
der
reich ist, so eilt
er
sich in
gleicher
Weise zu
säen
und
zu
pflanzen
unddas
Haus
wohl zu bestellen(
..
)
Gut
ist dieseErisfür
den
Menschen."Dass Neid
in
der
Weltwar, schrieben
die
Grie
chen einer
wohltätigen Gottheitzu."Dem Neid
entgeht
nur,
wer
seiner
nichtwürdigist", sprichtdie mykenischeKöni
gin
Klytaimnestra
in
Aischylos' Tragödie
.Aga
memnon
".
Dieses
Gefühldurchzog
den gesamten
Alltag-
dieHellenen konnten
sichihreTatigkeiten
gar
nicht
anders
denken
als imWettstreit."Wo
imme
rwir hinblicken,
stoßen
wiT
bei
denGriechen auf
ein Sich
Messen",
schreibt
der
HistorikerChristianMeier. "Taglicherfolgte
es
auf
der
Agora, wo
man
sich traf."
NIcht
nur
Sportler
und
Krieger
befandensich
im
ständigen
Wettbewerb -wobeiLetzt
ere
beiHorner
und
H
erodol
nicht
nur
nach ihrenTaten, sondern
obend
rein nach
134
ihrer
Sc
h
önheit
"gerankt"
werden
-,
a
uch
dieSänger und
Tragödiendichter, Rheto
renund
Bildhauer
stachelte
der
Ehrgeiz,
der
Erstezu
sein
an
.
Aufjetzt,
dieihrdiebesten
Tanzerseid
der
Phäaken",
ruft
de
renKönigAlkinoos, bei
dem Odysseus
zu
Gast
ist, •
tanzt uns nun etwas
vor,
damit
der
Fremde
den
Sein
en/Dann
zuH
ause
berichte,
wie
weitwir
den anderen
voraus
sind/ImGesang und
imTanz,imWettlauf
und
in
der
Seefahrt." Platons
berühmtes
"Symposion" ist
nurderäußeren
Fonnnach ein
Gelage;
tatsächlichfindet
ein
Wettstreitstatt,
welcher
Teil
nehmer
diebeste
Rede
aufden
Eroshält.
Sogar die
religiösenFeste
bestandenaus
Agonen,
man
ließ nicht ei.nen
Chor
singen,
son
dernmehrere
traten
gegeneinander
an.
Ganze
Stä
dte
wetteiferten,
wer
die bes
ten
Sportler
und
Künstler
hervorbrachte
oder
diesc
h
öns
t
en
Tempel
besaß.
Die
griechischeDemok
r
atie
ist im
Gnmde
der
Versuch
gewesen,optimale
Konkur
renzbedingungen
zu schaffen und die Do
minanzeines
Einzelnen
auszuschließen.
Noch
das
Scherbe
n
gericht
diente dem
Agon
..
Dasist
der
Kern
der
hellenischen
Wettkampf-Vorstellung:
sie
verabscheut
die Alleinherrschaft
und
fürchtet ihre
Ge
-
Abendlandunter
Die Türken erobernKonstan-
tinopel1453
(Gemäldenach einemKupferstichvonMatthaeusMeriand.
Ä.).
Im byzantinischenReichwar Griechisch die Amtssprache
fahren,sie
begehrt,
alsSchutzmittel
ge
gen
das Genie
-
einzwe
ites
Genie·,
hieltFriedrichNietzsche fest.Von
diesem
Geistist
heute
imLand
der
Vetternwirtschaftbis
aufRegienmgsebene
nichtsübrig.
Die Schattenseite
despennanenten
We
lt
eifernswar
dieGrausam
keit,
mit
welchercUeses
"liederliche
Artisten
völkchen"
(Thomas
Mann)
Bruderkriege
führte. Mit
dem
Peloponnesischen Krieg
(431-404
v.
Chr.) löschte sich
das
Land als
Akteur
der
Geschichte
quasi selbst
aus.And
essen Ende
forderten zwei
der
mit
Sparta verbündeten
Städte,
das
besiegte
Alhen
"zur
5chah
...
eide·
zu
machen
-
die
Spartiaten
freilich
lehnten
ab
und
schleift
ennur
die
Stad
tm
auern.
Wenn
mandenNiedergang
der
griechi.
schen
Kultur
an jenen
des
Wettbewerbs
gedankens
knüpft,
beginnt
er
schon
mitd
er
Herrschaft
d
er
M
akedonierkönige
Philipp
11.
und
Alexander
der
Große.
Nac
h
dem
146
vor
Christus die
R
ömerGr
i
echenland
eroberthatten,
übernah
mendie
G
ri
echen
die
Idee, fortan Römer
zu
sein-bis
heu
te
bezeichnen
sie sich so
und
das
Griechentum
als«Romiossini».
Im
Gegenzug
machle
sichRom
.die
griechischenWissenschaflen unddie
gesamte
griechische Kulturzu
eigen",wie
der
Geschichtsschrei
ber
Plutarch notierte.
326
nach
Christus
erhe
bt
de
r
römische
Kaiser Kons
tantin
I.
das
Griechen
n
es
tByzantion
wegen seiner
ideale
n
Lage zur
neuen
Hauptstadt
Konstantinopel,vierJ
ahre
späte
rwird
die Stadt
eingewe
iht.ZumZweck ihrerZierdebefiehlt
der
Ka
i
ser einenderbarba
rischsten
Kunstraubealler
Zeiten.
Zahlreiche
griechi
sche
S
dte werden geplün
dert,
die
Skulpturen
der
bedeutendsten
attischen
Bildhauer verschleppt. Auch
das
Riesenst
andbild
d
es
Apollo
aus
Delphi
gela
n
gt
so
nach
Konstantinopelund
bekommt
dort
einen
neuen
Kopf:
den
Konstantins.
In
Konstantinopelvollbrachten griechi
sche Baumeister
ihre
letzte
architek
toni
sche
Großtat: A
nthe
mios
von
Trall
esund
lsodorvonMilet
schu
f
en
die
537
geweihte
Hagia
Sophia.WahrendNeu-Rom
blühte
,
verödeten die einstso
bedeutenden
,..
F
oc
us 8/2010

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Characters: ...

Gianfranco Marinileft a comment

ma è in tedesco :(

arikabaleft a comment

German racist theories and Greek bashing at its best. Shame on the German people, it didn't take another 60 years after the Holocaust to show their real sentiments again.