hinnerk
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Im Internet sind wir am liebsten schwul! Dank Facebook undGayromeo finden Homos Freunde, Sexpartner und Lebensgefähr-ten, selbst wenn sie auf dem Land leben. Auf viele wirkt das Netzparadiesisch, sie outen sich online bedenkenloser als im realenLeben – und verlieren dabei alle Hemmungen.
Lukas Nimscheck
hat die schwulen Profilprofis getroffen und fragt sich: Wie gut tutuns das World Wide Web?
ch bin der erste lebendige Selbstmörderder Welt.“ André ist stolz auf sich. Der 22- jährige Hamburger hat etwas begangen,das unvorstellbar scheint: Internet-Suizid – derRückzug aus Gayromeo, Facebook, Skype undCo. Sogar sein E-Mail-Account musste dranglauben. André lebt analog. Wir treffen unszum Kuchenessen im Schanzenviertel; Him-beerschnitten und Kräutertee. Ein Telefonin-terview fand André „zu digital“. Vor unseremGespräch schaltet der blonde Kunststudentauch noch sein Handy ab. „Jetzt bin ich end-gültig im Jahr 1900 angekommen. Da helfennur noch Morsezeichen.“ Er lacht, ich fühlemich plötzlich unwohl: Mein Laptop sucht nachder W-Lan-Verbindung des Cafés, eine SMSvibriert in meiner Hosentasche, am Nachbar-tisch das nervige Geräusch einer Skype-Unter-haltung – und mir gegenüber sitzt einer, derdas alles nicht nötig hat. „Als ob man einenAussätzigen trifft“, murmelt André, „anfangswar es auch für mich schwer.“ Er bekam wederdie Einladungsmail zum Geburtstag seines be-sten Freundes, noch die Erinnerung an daswichtige Meeting in seinem Uni-Fachbereich.„Die Leute denken einfach nicht daran, dass je-mand übers Netz nicht erreichbar seinkönnte.“Die Gründe für Andrés Ausstieg: „Ich hatteein gebrochenes Herz und war internetsüch-tig.“ Mehr als sieben Stunden täglich habe ervor dem Computer verbracht, jeden ange-schrieben, der sein Gayromeo-Profil ansah.„Mein Profil hatte ein Eigenleben, zu dem ichnicht eingeladen war. Das war schon fast gru-selig“, sagt André und erzählt von seiner bes-ten Freundin und dem Tag, an dem sie allesänderte. „Sie kannte meine Passwörter undhat mein Gayromeo-Profil gelöscht, währendich unter der Dusche war. Das war wie Entzug.Du wirst nervös, aggressiv, denkst ständig, et-was zu verpassen.“ Heute lebt André ohne On-line-Netzwerke. Er denkt sogar darüber nach,sein Handy abzuschaffen.„Ein Sexkontakt aus dem richtigen Lebenist sowieso viel intensiver als dieses virtuelleSchwanzmessen“, findet André. In der Barkönne er vorher an den Menschen riechen.Die Mischung aus Männerschweiß und Par-füm, sagt André, sei für ihn das Wichtigste beider Partnerwahl. „Wenn das Geruchs-Interneterfunden wird, bin ich wieder voll dabei.“„Das Internet ist zweifellos das größte Wa-renhaus der Sexualität, das je auf der Weltexistierte“, glaubt der SexualwissenschaftlerMartin Dannecker und fragt: „Verändert dasInternet unsere Sexualität?“ Für schwule Män-ner, so Dannecker, sei es bereits zu einer neu-en Sexualform geworden. Wer sich in einemChat unterhalte, wisse vor der ersten Begeg-nung mehr über seinen Partner, als er bei ei-nem realen Treffen jemals erfahren könne. Wiegut tut uns das? Zugegeben: Das World-Wide-Web hat unsere Gesellschaft so sehr verän-dert, wie zuletzt der Buchdruck vor fast 600Jahren. Der PC ist bester Freund und Arbeits-kollege zugleich: eine kurze Mail an den Chef,Videokonferenz mit Mutti, später ein Porno-Dreh für Youporn. So vielseitig, so verrucht.Jede sexuelle Neigung, jeder Fetisch kann ge-sucht, gefunden und ausgelebt werden. Wirlassen uns von einem Netz aus Glasfaserka-beln dabei helfen, Kochrezepte oder gleich ei-nen Sexpartner für den Abend zu finden. Un-sere Gefühle nennen wir Emoticons: Doppel-punkt, Bindestrich und Klammer erzählen Wit-ze, oder retten Freundschaften. Eine E-Mailkann viel bedeuten – und alles zerstören. Kün-digung oder Freundschaftsanfrage? Liebes-erklärung oder Spam?„Das Internet ist ein Segen – wenn man da-mit umgehen kann“, findet Michael Bochowvom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozi-alforschung. Er hat das Online-Verhalten von
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