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Wie zwei Suchende eineFreundschaft fanden
Meine erste Begegnung mit Paulo Coelho
„Und wenn er jetzt als älterer Mensch zurückdachte, wurde ihmbewusst, dass das eigentliche Paradies im Suchen bestand.“ Die-ser Gedanke kam mir beim Waldzell Meeting in den Sinn. Das istein Treffen im Stift Melk, bei dem die klügsten Köpfe der Weltzusammenkommen, um nicht mehr und nicht weniger zu tun,alsüber den Sinn des Lebens nachzudenken. Unter ihnen warenbisher etwa der Quantenphysiker Anton Zeilinger, die KünstlerChristo und Jeanne-Claude, die Schriftstellerin Isabel Allendeoder Nobelpreisträger der Medizin, wie Günter Blobel und Chris-tian de Duve.2005 hatte ich dort eine Begegnung, die anders war als allezuvor. Bevor ich Paulo Coelho im Laufe dieser Veranstaltungenkennenlernte, hatte ich schon eine ganz bestimmte Vorstellungvon diesem Schriftsteller aus dem fernen Brasilien. Ich hatte be-reits sein Buch „Der Alchimist“ gelesen und auch noch das eineoder andere seiner Werke. Anlässlich dieses Waldzell Meetingssaßen wir, die Veranstalter, Abt Georg, unser Pater Martin undich, mit Coelho in einem alten Keller bei einem Gläschen Wein zu-sammen. Obwohl wir auf Übersetzungen angewiesen waren, hatsich in diesem Gespräch so viel offenbart, was ich vorher nurgeahnt hatte. Da sprachen eindeutig unsere Herzen miteinander.Was Übersetzungen nicht leisten konnten, wurde uns beiden andiesem Abend einfach so geschenkt.Auch auf Coelho muss dieser Abend einen besonderen Zau-ber ausgeübt haben. Er philosophierte darüber wenig später in19
 
einem Feuilleton, das er für eine österreichische Zeitung schrieb.Der Titel des Textes lautet „Geheimnisse des Kellers“, den unsmein heute lieb gewordener Freund sehr gerne für dieses Buch zurVerfügung gestellt hat.
Geheimnisse des Kellers
Einmal im Jahr komme ich in die Benediktinerabtei Melk inÖsterreich, um an den Waldzell Meetings, einer Initiative vonGundula Schatz und Andreas Salcher, teilzunehmen. Gemein-sammit Nobelpreisträgern, Wissenschaftlern, Journalisten, rund 20Jugendlichen und einigen weiteren geladenen Gästen ver-bringen wir ein ganzes Wochenende in Abgeschiedenheit. Wirkochen, spazieren durch die Gärten des Gebäudekomplexes (wel-cher schon Umberto Eco bei seinem Werk „Der Name der Rose“inspirierte) und unterhalten uns formlos über die Gegenwart und Zukunft unserer Zivilisation. Die Männer nächtigen in der klös-terlichen Klausur, die Frauen sind in Hotels der Umgebung unter- gebracht.Die Waldzell Meetings gehören zu den kreativsten Treffen, andenen ich teilgenommen habe, und bei weiterer positiver Entwick-lung werden sie sich als Sinnbild für Diskussionen über die Zu-kunft und die Gegenwart unseres Planeten etablieren. Das Mee-ting 2005 erfüllte alle Erwartungen. Es war gekennzeichnet vonleidenschaftlichen Diskussionen mit erfreulichen Momenten und natürlich auch Meinungsverschiedenheiten. Fast alle Gäste kehr-ten am Sonntagabend in ihre Heimatländer zurück. Doch da dieInitiatoren und ich an der Einweihungsfeier des österreichischenAbschnitts des Jakobsweges teilnehmen sollten, war es notwendig,eine weitere Nacht in der Abtei zu verbringen. Pater Martin lud uns ein, mit ihm an seinem „geheimen Ort“ zu Abend zu essen.Wir stiegen erwartungsvoll in den unterirdischen Teil desalten Gebäudes hinab. Eine alte Tür öffnete sich und wir befan-
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den uns in einem weitläufigen Saal, in dem alles Mögliche zufinden war – oder zumindest all jenes, was sich im Laufe der Jahr-hunderte angesammelt hatte und von dem sich Pater Martin nicht trennen konnte: alte Schreibmaschinen, Schi, Helme aus demZweiten Weltkrieg, Bücher, die nicht mehr im Umlauf sind, und Weinflaschen – Dutzende, sogar Hunderte von verstaubten Wein-flaschen, aus denen Abt Burkhard, der uns Gesellschaft leistete,im Laufe des Abendessens die besten aussuchte. Obwohl ich niemehr als ein paar Worte mit ihm gewechselt habe (da Abt Burk-hard ausschließlich deutsch spricht), halte ich ihn für einenmeiner spirituellen Mentoren. Sein Blick ist gütig und sein Lä-cheln ist ausnehmend barmherzig. Ich erinnere mich, dass ihmeinmal aufgetragen worden war, mich bei einer Konferenz vor-zustellen und zum allgemeinen Erstaunen hatte er ein Zitat ausmeinem Buch „Elf Minuten“ ausgesucht (das Buch handelt vonSexualität und Prostitution).Während ich aß, wurde mir voll und ganz bewusst, dass icheinen einzigartigen Moment an einem einzigartigen Ort erlebte,und mit einem Mal fiel mir etwas äußerst Wichtiges auf. Allediese Dinge im Keller hatten ihren Platz und ihre Ordnung, dieeinen Sinn ergab. Sie waren alle ein Teil der Vergangenheit, abervervollständigten auch die Geschichte der Gegenwart.So stellte ich mir selbst die Frage: „Was hat sich im Keller mei-ner Vergangenheit angesammelt, das für mich keinen direktenNutzen mehr hat?“ Meine Erfahrungen beziehe ich aus dem All-tag – sie sind nicht in diesem Keller, sie beeinflussen mich unauf-hörlich und helfen mir. Also hier von meinen Erfahrungen zusprechen, wäre der falsche Gedanke. Doch wie lautet nun aberdie richtige Antwort – meine Fehler? Ja, richtig. Als ich mir den Abteikeller von Melk ansah und bemerkte, dass man sich nicht all dessen entledigen sollte, waskeinen Nutzen mehr hat, begriff ich auch, dass sich im letzten und dunkelsten Winkel meiner Seele meine Fehler befanden. Irgend-wann hatten sie mir den Weg gewiesen, doch nachdem ich mir
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