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Glauser, Friedrich - Erzählungen

Glauser, Friedrich - Erzählungen

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Published by pirandello3433
wer Glauser nicht kennt, sollte vielleicht mit diesen Erzählungen beginnen, dann aber seine Wachtmeister-Studer-Krimis mit viel Helvetismen lesen
wer Glauser nicht kennt, sollte vielleicht mit diesen Erzählungen beginnen, dann aber seine Wachtmeister-Studer-Krimis mit viel Helvetismen lesen

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01/21/2013

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Friedrich Glauser  Erzählungen
Inhaltsverzeichnis
Der alte Zauberer Der Hund Der Schlossherr aus England Verhör König Zucker Die Hexe von Endor Der erste August in der Legion Seppl Kif  Zeno Das alte Jahr Kuik Ein toter Mann Die Begegnung Die Eule Juliette Beichte in der Nacht Nausikaa Totenklage 
 
D
er alte Zauberer
Von der Bahnstation bis zur Abzweigung, die nach Waiblikon führte, war die Strasse nochasphaltiert, und Wachtmeister Studer fluchte nicht allzusehr, obwohl es vom Himmelschüttete und ein durchaus unangenehmer Herbstwind pfiff. Ausser dem Wetter störte denWachtmeister einzig die »Rösti«, die seine Frau ihm am Morgen vorgesetzt hatte. Denn auf die »Rösti« am Morgen hielt er, der Wachtmeister Studer. Sein Vater, der im EmmentalBauer gewesen war, hatte sie am Morgen gegessen, sein Grossvater auch; warum sollte ereine Ausnahme machen? Aber dass man alt wurde, war eben eine Tatsache, die Verdauungfunktionierte nicht mehr wie früher, man bekam Sodbrennen von der »Rösti«. Studer schobdies auf das schlechte Fett, das seine Frau wohl der Sparsamkeit wegen gebraucht hatte.Irgend so ein modernes Geschlarpf war wohl das Fett. Er trappte mit den dicken Sohlendurch die Pfützen, zog den Gummimantel enger an den Bauch. Nicht einmal rauchen konnteman bei diesem Wetter.Da war die Abzweigung, sie war gerade breit genug, dass ein Güllenwagen durchfahrenkonnte, rechts ging es steil bergab in ein Bachbett, links stieg ein triefender Wald in dieHöhe. Der Wachtmeister dachte an Dinge, an die man eben so denkt, wenn es schüttet undwenn man friert: an einen Jassabend, an seine Amtsstube, an seinen Sohn, der als Setzerbald ausgelernt hatte. Studer hatte ein dickes, rotes Gesicht, das jetzt ein wenig bläulichangelaufen war, und einen vertrauenerweckenden Schnurrbart. Zwischen den vom Rauchenbraungewordenen Schneidezähnen spuckte er kunstgerecht, wie ein Achtjähriger, in weitemgeradem Strahl, und der Regen war machtlos gegen diese Kunst, und der Wind auch: Dasfreute Studer. Dass ihm hingegen der Regen die Ärmel herab in die Taschen lief, das ärgerteihn wieder, so dass er nicht recht wusste, welches Gesicht er schneiden sollte. Es warüberhaupt schwer, bei diesem Wetter seinen eigenen Willen durchzusetzen, besonders wasdas Gesichterschneiden betraf, denn der Regen fuhr ihm manchmal mit seinen nassenFingern in die Augen, und die breite Krempe des Hutes war ein ungenügender Schutz gegenderartig böswillige Attacken.Die Strasse wurde steil, Studer fluchte ein wenig, schüttelte den Kopf, dass die Tropfen vonseinem Hutrand tangential abflogen. Es war ja schliesslich, dachte er, nicht die Schuld deskantonalen Polizeidirektors, dass er hier in der Nässe herumvagieren musste. Sonst gab man ja dort oben auf anonyme Briefe nicht viel, aber hier schien der Fall doch etwas anders zuliegen, und das Ganze war eine etwas kohlige Geschichte. Wo man da anpacken sollte, warnicht ganz klar, entweder war das Ganze ein Versuch, die Behörde zu blamieren, und damusste man doppelt vorsichtig sein, oder es war etwas ganz Grosses dahinter, einSensationsprozess vielleicht, und dann kamen die Reporter von den ausländischenZeitungen, und man bekam ein wenig internationalen Ruhm weg. Das war nicht zuverachten. Mein Gott, man hatte es ja nicht nötig, man war ja sonst schon in denFachkreisen bekannt, in Wien besonders, in Paris auch; es hatten sich da ein- oder zweimalziemlich schwierige Internationale (halb Spione, halb Einbrecher) in der Schweiz wie in einerMausefalle gefangen. Das sollte doch genügen, besonders wenn die Pensionierung in
 
erreichbarer Nähe stand  noch fünf Jahre ... fünf Jahre wird man doch noch aushalten?Aber  seinen Namen zu lesen, im »Journal« zum Beispiel, mit schmeichelhaften Beiwörtern,das war nicht zu verachten. Etwa so: »Le distingué inspecteur de la sûreté Studer, dont letalent remarquable est bien connu dans les milieux policiers ...« und vielleicht noch seinePhotographie dazu. Ja, die Franzosen hatten es los, in der Schweizer Presse war mansparsamer mit lobenden Beiwörtern.Da kam rechts vom Wege ein Heuschober in Sicht. Ein wenig unterstehen kann man, dachteStuder und fühlte dabei nach seiner Brusttasche. Gut, dass ihm die Frau noch Kognakgerüstet hatte, der würde jetzt gerade lau sein von der Körperwärme, und in derzerfliessenden Sintflut ringsum wäre eine Stärkung doch nicht zu verachten. Studer ging inden Heuschober, das Heu war trocken, er nahm einen Büschel, wischte sich die nassenSchuhe ab, trocknete die Hände an einem sauberen Taschentuch und zog den Brief aus derTasche, der den Polizeidirektor so aufgeregt hatte. Es stand wenig darin:»Der Bauer Berthold Leuenberger in Waiblikon begräbt seine vierte Frau. Er ist sechzig Jahrealt, die drei letzten Frauen sind innerhalb von drei Jahren gestorben. Es waren immer junge.Er sagt, das Wasser bei ihm auf dem Hof ist schlecht. Viele meinen etwas anderes. Wannwird das Gericht endlich einschreiten? Wenn das Wasser schlecht ist auf seinem Hof, warumist er nie krank geworden, noch sein Vieh, Knecht und Gesinde? Jetzt gehet er wieder um,der Bauer, wie ein brüllender Löwe, und suchet, wen er verzehren könne. Aber GottesGericht ist über ihm, wenn ihn das Gericht der Menschen vergisst.«Die Schrift war verstellt, das Papier grob, längliche Rechtecke überspannten es wie ein feinesNetz. Nach dem Schluss des Briefes musste ihn ein »Stündeler« geschrieben haben, einBibelkundiger. In drei Jahren drei Frauen, das war merkwürdig. Aber die Totenscheinemussten doch in Ordnung sein, Studer hatte mit dem Polizeidirektor im Telephonbuchnachgesehen und den Namen eines Arztes gefunden, der als gewissenhaft bekannt war.Dieser Arzt war früher am Spital gewesen, die Polizei hatte bei Unfällen viel mit ihm zu tungehabt, der Mann war untadelig. Aber man weiss ja, wie es in einer Landpraxis zugeht, manhat nicht viel Zeit, wenn man weit herum Besuche machen muss... und irren ist jabekanntlich menschlich.Studer stapfte weiter, ganz wenig hellte sich das Wetter auf, das heisst der Regen hörte auf zu fliessen, dafür senkte sich ein dicker, weisser Nebel über das Land. So dicht war dieserNebel, dass Studer die Häuser zuerst gar nicht erblickte, aus denen der Weiler Waiblikonbestand. Ein Junge mit halblangen Hosen, die bis zur Mitte der nackten Waden reichten, dieFüsse in Holzschuhen, stapfte an ihm vorbei. »Wo ist die Wirtschaft?« fragte Studer. DerJunge glotzte zuerst, dann deutete er mit einer schmutzigen Knabenhand geradeaus undwies nach links, hob dann fünf gespreizte Finger. »Bist du stumm?« Der Junge nickte  alsodas fünfte Haus links, dachte Studer und stapfte weiter. Das Gastzimmer, das an den kleinenLaden stiess, war klein, nieder und finster. Es musste doch bald Mittag sein. Studer zog dentriefenden Mantel aus, zog die Weste straff über seinen Bauch, zog noch den Rock aus,dessen Ärmelenden durchweicht waren, und setzte sich. Dann zog er die Uhr aus der Tasche,

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