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utsch-re

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07/10/2010

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Aufgaben und Grenzen der ReligionspsychologieE
ine dialogische Perspektive
Michael Utsch
(publiziert in: Praktische Theologie 35/2 (2000), S. 97-107)
Die junge Disziplin der Psychologie hat sich enorm spezialisiert. In ihrer Anfangsphasewidmete sich der Grundlagenforschung von Wahrnehmen, Denken, Entwicklung undseelischen Störungen. In den letzten Jahrzehnten dehnte sie ihr Wissens- undAnwendungsgebiet auf viele Fragestellungen aus. In allen Lebensbereichen - in der Wirtschaft, Politik bis hin zum Sport - wird heute psychologisches Wissen zur Verbesserungder Kommunikation, von Arbeitsabläufen und der Beziehungsgestaltung erfolgreicheingesetzt. Ob es um Personalführung, Wiedererlangung der Fahrerlaubnis, umSuchtprävention, die Optimierung von Werbestrategien oder um die Deeskalation von Gewaltgeht - überall wenden psychologische Fachleute die Erkenntnisse ihrer Disziplin in sehr unterschiedlichen Arbeitsgebieten an.Aufgrund alter und typisch „deutscher“ Streitigkeiten um das Verhältnis zwischen Wissenund Glauben hat das Gespräch zwischen Psychologie und Theologie in Deutschland nur zögernd und skeptisch stattgefunden. Darunter leidet die deutschsprachigeReligionspsychologie noch heute
1
. Aber weil religiöse Phänomene unabhängig von Kultur,Alter, Geschlecht oder Bildung zu beobachten sind, kann die psychologische Forschung dieseelischen Reaktionen auf religiöses Erleben - die damit verbundenen Gefühle, Gedanken,Einstellungen, ihre Motive und Handlungen untersuchen und in Beziehung zu anderenErkenntnissen setzen.
Ziele empirischer Religionspsychologie
Der Religionspsychologie geht um die psychologische Beschreibung und Zuordnung der subjektiven Wirklichkeit von „Religion“. Nicht der „objektive“
 
Wahrheitsgehalt im Sinneeines Gottesbeweises interessiert, sondern das subjektive religiöse Erleben und seineAuswirkungen auf andere psychologisch relevanten Faktoren werden untersucht. Dazu zählendie Fähigkeit, Streß, Krankheit oder Krisen zu bewältigen, seelisch ausgeglichen zu sein oder in zufriedenstellenden Beziehungen zu leben. Welchen Einfluß die persönliche Religiositätdarauf nimmt, ist genuiner Forschungsbereich der Religionspsychologie.Die empirische Religionspsychologie kann aber auch zu einem besseren Verständnisgegenwärtiger Zeitphänomene beitragen. Aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen wieder Dialog der Kulturen und Religionen, ein wachsender Fundamentalismus oder hysteroideStrömungen angesichts der Jahrtausendwende
2
können besser bewältigen werden, wennreligiöses Fühlen, Denken und Handeln einzelner und bestimmter Milieusreligionspsychologisch beschrieben, analysiert und interpretieren würden.Warum hat die deutschsprachige Psychologie so lange religiöses Erleben und Verhaltenignoriert? Mißt man den Stellenwert deutschsprachiger Religionspsychologie iminternationalen Vergleich, so ist besonders auffällig, daß bisher kein einziger Lehrstuhl für Religionspsychologie an einer sozialwissenschaftlichen Fakultät eingerichtet wurde, wie das
1
 
vgl. Utsch 1998, 21f 
 
2
 
vgl. Utsch 1999
 
 
in vielen anderen europäischen Nachbarländern der Fall ist. Während in Amerika elf (!)unterschiedliche Fachzeitschriften aus verschiedenen psychologischen PerspektivenReligiosität und Spiritualität untersuchen, erschient als deutschsprachiges Organ das "Archivfür Religionspsychologie" alle drei bis vier Jahre
3
Das Archiv behandelt die Thematik aber eher aus religionswissenschaftlicher, religionspädagogischer und religionsphilosophischer Perspektive als mit religionspsychologischen Methoden und Theorien.Allerdings mehren sich die Hinweise auf eine Renaissance der deutschsprachigenReligionspsychologie, die bei uns Anfang dieses Jahrhunderts eine Blüte erlebte (vgl. Wulff 1997, 524ff):
Seit einigen Jahren stellt der „Arbeitskreis Religionspsychologie“ unter der Leitung vonProf. Moosbrugger (Frankfurt) und Prof. Straube (Jena) neue empirischeForschungsarbeiten auf den Kongressen der „Deutschen Gesellschaft für Psychologie“vor 
4
.
1995 wurde zum ersten Mal in einem psychologischen Standardwerk die Religiosität aus psychologischer Perspektive thematisiert
5
.
Einzelne Psychologen haben Modelle zur Bedeutung und Funktion von Religiositätentwickelt
6
.
Aus psychoanalytischer Perspektive liegen einige neuere Monographien und Aufsätze zur Bedeutung der Religiosität vor 
7
.
Im deutschsprachigen „Wörterbuch der Religionspsychologie“ werden immerhin fünf der vierzig lexikalischen Stichwörtern von Psychologie-Professoren behandelt
8
. Alle anderenstammen von Theologen - was keine Wertung sein soll !
Im letzten Jahr sind einige religionspsychologische Arbeiten veröffentlicht worden, dieetwas von der Vielfalt und Kreativität psychologischer Zugänge zum Phänomen desReligiösen widerspiegeln
9
.
In Bad Kissingen wurde die wissenschaftliche Fachgesellschaft „Deutsches Kollegium für transpersonale Psychologie und Psychotherapie“ gegründet. Sie soll Forschenden undLehrenden, die sich mit der transpersonalen Psychologie beschäftigen, zumExpertenaustausch dienen
.Es ist als Fortschritt zu werten, daß in der seit 1996 gültigen Überarbeitung desStörungsverzeichnisses psychiatrischer Erkrankungen die Kategorie "Religiöses oder spirituelles Problem" hinzugefügt wurde. Diese neue Diagnose wird dann vergeben, wenn
3
 
zuletzt 1990 (Bd. 20), 1994 (Bd. 21) und 1997 (Bd. 22)
 
4
 
vgl. Popp-Baier 1993, Moosbrugger 1995
 
5
.
Die dritte Auflage des Oerter/Montada-Lehrbuchs „Einführung in dieEntwicklungspsychologie“ enthält ein Kapitel zur Entwicklung der Religiosität (Oser &Bucher 1995)
 
6
 
vgl. Flammer 1994, Tausch 1996, Oerter 1996
 
7
 
vgl. Henseler 1995, , Zepf 1996, Heigl-Evers 1997, Bassler 1999, Funke 1999, Moser 1999.Bei dieser Aufzählung habe ich die psychoanalytischen Kolleginnen und Kollegen, die vomGrundberuf her Theologen sind, außer Acht gelassen (vgl .aber Thierfelder 1998 undSchubert 1998!).
 
8
 
H.Benesch, G.Jüttemann, H.Keupp, W.Mertens, H.Selg
 
9
 
Andritzky 1997, Beile 1998, Dt. Bundestag 1998, Flosdorf 1998, Murken 1998, Nestler 1998, Sommer 1998
10
 
Prominente Teilnehmer sind die Professoren W. Belschner, K. Engel, P. Gottwald, H.Walach und E.Zundel. Mitinitiator ist der Psychiater J. Galuska aus Bad Kissingen, der einenach transpersonalem Konzept arbeitende Fachklinik leitet. Zu Forschungskonzepten vgl.Belschner & Galuska 1999, Engel 1998
 
Entwicklungsstörungen und seelische Besonderheiten auf eine existentielle oder weltanschauliche Frage zurückgeführt werden können. Mit dieser Kategorie nimmt dieÄrzteschaft zum ersten Mal die Besonderheit religiöser Erfahrung ernst und hebt sie aus demZusammenhang wahnhafter Gedanken. Bislang existierte nur die Möglichkeit, religiösesErleben dem Oberbegriff "Wahnvorstellungen" zuzuordnen. Die neue Kategorie dokumentiertetwas von der neutralen Zugangsweise zu diesem Feld und respektiert die Besonderheitspiritueller Erfahrung.Ob sich die genannten, bemerkenswerten Tendenzen allerdings nachhaltig auswirken unddazu führen, daß Religion und Spiritualität zu einem legitimen Forschungszweig der Psychologie werden, bleibt abzuwarten. Ein für Psychologen fast schon "typisches" fehlendes persönliches Interesse an der Religiosität stellt eine wesentliche Ursache für die desolate Lagedieses Wissensgebiets dar. Bei einer Befragung von 177 deutschen psychologischenWissenschaftlern an 14 psychologischen Fachbereichen teilten 59% der Untersuchungspersonen mit, keine wissenschaftlich-psychologische Untersuchung zur Religiosität zu kennen
. Erst durch die Forschungsrichtung der Transpersonalen Psychologiehat sich die Situation in den letzten Jahren geändert.In der Vergangenheit haben sich in Deutschland eher Theologen mit der Psychologie der Religiosität befaßt. Konstruktiv wurden Einsichten der Psychologie auf theologische Theorieund Praxis angewandt
. Psychoanalytische Einsichten sind besonders in der Seelsorgelehrekonstruktiv aufgegriffen und umgesetzt worden
. Eine kürzlich durchgeführte Befragungkirchlicher Beratungseinrichtungen
belegt in beeindruckender Weise das hohe Potentialkonstruktiver Zusammenarbeit zwischen Praktischer Theologie und der (Tiefen-)Psychologie.Dennoch weist Berkel (1984, 199) mit Recht auf die Schieflage hin, daß "auf Seiten der Theologie für eine solche Kooperation schon eine beachtliche Vorarbeit geleistet worden ist.Die Antwort der Psychologie steht noch aus”. Warum antwortet die Psychologie nicht oder sehr leise?Durch ihren wesentlich irrationalen Charakter stellt die menschliche Spiritualität eines der letzten psychologischen Geheimnisse und eine der wenigen unbekannten Größen desansonsten gründlich durchanalysierten und strukturell erfaßten Seelenlebens dar. Der Theologe Hans Küng hat die Religion als das letzte Tabu der Psychologie bezeichnet, dessenBedeutung verdrängt und ähnlich behandelt werde wie die Sexualität im ViktorianischenZeitalter 
. Aus psychotherapeutischer Sicht ist die Analyse der mit religiös-spirituellenErlebnissen verbundenen Assoziationen, Phantasien und Gefühle für ihr Verständnis und ihreindividuelle Bedeutung unabdingbar. Der bekannte Psychoanalytiker Tilmann Moser (1999,26) weist darauf hin, daß die „Zurückweisung oder Mißbrauch von ‘heiligen’ Gefühlen einSchmerz und eine Scham ... hinterlassen, die es heutzutage viel schwieriger machen, über solche Probleme zu sprechen als über Sexualität oder Beziehungsstörungen“.Im Hinblick auf religiöse oder spirituelle Erfahrungen herrscht unter Psychologen undPsychiatern große Unklarheit und Zurückhaltung, wie man mit diesen Phänomenensachgerecht umgehen soll (vgl. Utsch/Lademann-Priemer 1999). Umfragen zufolge sindPsychiater und Psychologen eher Menschen, die selber wenig Beziehungen zu einer Religionoder einem persönlichen Glauben haben. Vielleicht liegt es daran, daß sie durch ihren Beruf 
11
 
Petersen 1993, 8
 
12
 
man denke zum Beispiel an Theissen (1983), Bucher (1992) oder Morgenthaler (1999)
 
13
 
vgl. Scharfenberg (1990), kritisch dazu Karle (1998); neuerdings sehr anregend Thierfelder (1998)
14
 
Schubert et al. 199815 Küng 1987, 111ff 

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