Politik
Feb 2008,
No. 66
HEFTINHALT MARE NO. 66
LEBEN IM MEER
Die Wiederentdeckungeines fastvergessenenUniversums
KRIM
Sex & Drugs & Techno
ISLANDPFERDE
Klein, aber Riesen inMut und Ausdauer
Die Tränke der wilden Tiere
Text: Ronald DükerBettenburgen, Vergnügungsparks und Flat-rate-Bars - das spanische Benidorm ist für viele einSymbol des proletarischen Massentourismus.Sieht man genauer hin, ist alles halb soschlimm.
AUTOR ROLAND DÜKER
Ronald Düker istKulturwissenschaftler undJournalist und lebt inBerlin. Auch wenn er eingroßer Freund derliterarischen ApokalypsenJ. G. Ballards ist - ermöchte seinenLebensabend aberkeinesfalls in einer gatedcommunity verleben. DieCosta Blanca hat er vorallem von der Autobahn aus gesehen.
Es war einmal eine Zeit, da gab es weder Arbeit noch Urlaub. Nur Menschen und Tiere, dieums Überleben konkurrierten und sich dazu den entscheidenden Standortvorteil verschaffenmussten. Wer fällt wem von wo aus in den Rücken? Das war eine Frage von existenzieller Bedeutung. So ging aus der Alternative von Fressen oder Gefressenwerden jener Sehnsuchtsort hervor, der bis heute den Gipfel von Annehmlichkeit und Luxus repräsentiert:Hanglage mit Seeblick. Den schützenden Berg im Rücken, hält der Jäger den Blick auf dasunter ihm liegende Ufer gerichtet.Eine privilegierte Position - erlaubt sie doch, das zur Tränke ziehende Wild genau in demMoment zu erlegen, wo es, seinerseits nach hinten schutzlos, den Kopf zum Wasser neigt. DieEvolutionsbiologie bezeichnet diese strategische Wahl eines geeigneten Wohnorts mit demAusdruck Habitatselektion. Man braucht aber im Grunde kaum etwas über die Fundorte prähistorischer Waffen und Werkzeuge zu wissen, um sich von dieser These auch als Laieüberzeugen zu lassen. Schließlich bietet sie eine schlüssige Erklärung dafür, warum dieseidealtypische Kombination von Deckung und Ausblick so beliebt ist - warum also der Menschso gern am Hang wohnt und von dort so gern aufs Wasser schaut.Dass das so ist, kann jeder Makler und Tourismusmanager bestätigen. Jagdgründe sind zuFerienzielen geworden, Überlebenstechniken zum Luxus; und weil am Ufer nun auch das Wildausbleibt, schweift der Blick übers Wasser bis zum Horizont, wo bestenfalls die Sonneuntergeht. Das ist die absichtslose Sehnsucht der Strandtouristen und das grundloseGlücksversprechen der Reisebüros. Um die Geschichte der berühmtesten Ferienorte zuverstehen, darf hier allerdings ein historischer Zwischenschritt nicht übersprungen werden: diezumeist mythisch verklärte Frühgeschichte des Fischerdorfs. Denn so unterschiedlich sich Orteallein am Mittelmeer entwickelt haben - zur Bettenburg oder Luxusidylle - und so sehr sichdaher Saint-Tropez von Torremolinos und Portofino von Benidorm unterscheidet: Alle habensich jenes Goldene Zeitalter ins Wappen geschrieben, in dem die Urväter auf Bootenhinausfuhren, um ihre Netze auszuwerfen.Das Meer, das seine Früchte stets gratis undim Überfluss bereithielt, steht dabei für einvergangenes All-inclusive-Paradies, von demauch das üppigste Hotelbuffet nur nocheinen matten Abglanz aufscheinen lässt. Der größte Luxus imitiert das einfache Leben,und von ferne grüßen stets die Caprifischer.Im noblen Portofino oder anderswo scheintes aber heute beinahe so, als verliefe dieFischerei in umgekehrter Richtung. Wenndie dicken Fische des internationalenFinanzadels ihre Dreimaster in die beschauliche Bucht steuern, dann tun sie das, um an Landauf Fang zu gehen; in miniaturisierten Flagship-Stores von Brioni und Prada, die in ehemaligenFischerhäuschen untergebracht sind.Ähnlich paradox ist es, wenn die Gäste des 52-geschossigen „Gran Hotel Bali" in Benidorm -es ist mit 186 Metern das höchste Gebäude Spaniens und zugleich das höchste Hotel Europas -sich dadurch geerdet fühlen, dass sich zu ihren Füßen einmal ein lauschiges Fischerdorf befunden haben soll. Mit Männern, die ihren Familien abends den fangfrischen Fisch auf denTisch gebracht haben mögen. Tatsächlich aber waren die Fischer von Benidorm im 18.Jahrhundert als Nomaden der Weltmeere berühmt. Sie brachen von der Costa Blanca nach Nordspanien, in den Atlantik und sogar nach Südamerika auf, um mit ausgefeiltenFangmethoden Tunfisch auf hoher See zu jagen.Eine Flugreise von Großbritannien nach Benidorm ist nichts dagegen, und so führen dieTouristen von heute wohl eine weitaus weniger nomadische Existenz als ihre vermeintlich soortsfixierten Vorgänger. Vom Gegenteil auszugehen hieße aber, das Wesen des modernenMassentourismus zu verkennen. Ein Urlaub in Benidorm unterscheidet sich nämlich dadurchvon der grand tour, dass es weniger um die Reise geht als ums Ankommen. Der Weg ist hier nicht das Ziel; touristische Habitatselektion bedeutet vielmehr, einen annähernd idealen Ort,das heißt einen Ort mit Paradiescharakter zu finden, und dann dort zu verharren. So stehenAusflüge ins Umland von Benidorm nur ausnahmsweise an.Die Berglandschaften im Hinterland erscheinen weniger attraktiv als die Tivolis der Stadt;etwa „Terra Mítica", eine Riesenkirmes, die die Erzählungen der griechisch-römischen Antikein Form von Karussellen und Achterbahnen vergegenwärtigt, oder der „Terra Natura", einkürzlich eröffneter Erlebniszoo, in dem es Sumatratiger und Riesenskorpione zu bewunderngibt. Worauf es aber vor allem ankommt, ist das Hotel selbst: die Ausstattung der Apartments,der Pool, das Buffet, das Animationsprogramm. Vielleicht ist das auch der Grund dafür,warum die Wiege des mediterranen Massentourismus nicht in Italien, sondern in Spanien steht: Nordeuropäer orientieren sich von jeher nach Italien, wenn es um die Adaption kultureller Werte geht - von der Musik, der Mode, dem Design bis zur Küche. Das aber ist mit einer Anstrengung verbunden, die es nahezu unmöglich macht, den historischen und kulturellenKontext des Urlaubsorts auszublenden.
04.04.2010mare online - Die Tränke der wilden T…http://www.mare.de/index.php?articl…1/3
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