/  4
 
Handelskonzerne in Entwicklungsländern
36
prmagazin 20105
Genau das jedoch wurde in derBerichterstattung über das Metro-Projekt zum Problem: „Hilfsorgani-sationen sind skeptisch“, kommen-tierte die
Süddeutsche Zeitung 
– undzitierte ausführlich Marita Wigger-thale, Handelsexpertin von OxfamDeutschland. Die Kritikerin der Ex-pansion europäischer Handelskon-zerne in Entwicklungsländer ist Au-torin einer kurz zuvor erschienenenOxfam-Studie, die die Metro-Aktivi-täten in Indien hinterfragt.Metro verfolge mit seiner CSR-Initiative ausschließlich eigene Inte-ressen, es gehe um Marktanteile, warf  Wiggerthale den Düsseldorfern inder
Süddeutschen
vor. Der Konzernbringe Agrarkooperativen und Le-bensmittelhersteller in Ägypten, Ka-sachstan, Pakistan und Indien bloßauf Linie, um sie später in seineBeschaffungsorganisation einzuglie-dern – mit UN-Unterstützung.Für Metro waren die Berichte einkleines Ärgernis an der Peripherieder öffentlichen Wahrnehmung –sollte man meinen. Doch fragt manHändler, mit der Branche befasstePR-Experten und NGOs, wird klar:Das Verhalten von Handelskonzer-nen in Entwicklungsländern birgtähnlichen Zündstoff wie die Klima-debatte. Davor warnt etwa PeterEngel, Aufsichtsratschef von Engel& Zimmermann. Die Agentur berätunter anderem Edeka, KiK, Euro-nics und Hornbach – und war voreinigen Jahren der erste PR-Dienst-leister des umstrittenen DiscountersLidl.
Hiesige Konsumenten
interessie-ren sich zunehmend für die Lieferket-ten internationaler Handelsimperien.Glaubt man Kritikern, drohen denEntwicklungsländern nämlich dra-matische soziale und ökologische Fol-gen: Unternehmen wie Metro, Wal-mart, Tesco und Carrefour bauenalle gleichzeitig Filialnetze in Wachs-tumsmärkten auf – und krempeln so
Hauptsache,ernstgemeint
Westliche Handelskonzerne kaufen in Entwicklungsländern nicht nur Waren ein,sondern expandieren dort auch mit ihren Supermärkten. Globalisierungskritiker prangern die Zerstörung örtlicher Agrar- und Handelsstrukturen an – und stempelnsoziale Projekte oft als Feigenblatt-Aktionen ab. Eine Chance hat nur, wer einedurchdachte CSR-Strategie vorweisen kann – und den Dialog mit NGOs sucht.
igentlich stimmte alles: Eck-hard Cordes, Vorstandschef des Düsseldorfer Handelskon-zerns Metro, reiste eigens nach Wien. Er hielt eine Rede vor Mitar-beitern der UN Industrial Develop-ment Organization (UNIDO) und vereinbarte mit deren Generaldirek-tor Kandeh Yumkella eine Koopera-tion – vor den Kameras der interna-tionalen Presse.
Metro und UNIDO
wollen Bau-ern und Lebensmittelherstellern inEntwicklungsländern zeigen, wiesie internationale Qualitätsmaß-stäbe erreichen – sprich: alles zumThema Kühlkette und hygienischeLagerung. „Ein erster, wichtigerSchritt, tausenden Menschen einegesunde und geregelte Ernährung zu ermöglichen“, so Cordes. Yum-kella lobte den Partner als Unter-nehmen mit „langjähriger Erfah-rung in der Qualifikation vonLieferanten“. Vor allem sei Metroauch „ein verlässlicher Abnehmerfür die Waren“.
E
Aus Sicht von Kritikern expandierenwestliche Handelskonzerne etwa inIndien auf Kosten kleiner Läden.
 
37
prmagazin 20105
Handelskonzerne in Entwicklungsländern
   F  o   t  o  s   (  2   )  :   T   h  o  m  a  s   I  m  o   /  p   h  o   t  o   t   h  e   k .  n  e   t
 
Handelskonzerne in Entwicklungsländern
38
prmagazin 20105
Die Ankläger 
die traditionellen Agrar- und Han-delssysteme der Kleinbauern, Tante-Emma-Läden und Wochenmärkteum. „Die Branche läuft unweigerlichauf eine Konfrontation zu – in denEntwicklungsländern selbst, aberauch hierzulande“, sagt Engel.
Starten Handelskonzerne
nunCSR-Projekte, die mehr Schein alsSein sind, ist das für die Unterneh-men extrem gefährlich. Die Öffent-lichkeit ist sensibilisiert, Meldungenüber Missstände bei einem Zuliefe-rer in Asien oder Afrika verbreitensich durch den BrandbeschleunigerInternet wie ein Lauffeuer.„Schlimmstenfalls ruft eine NGOzum Boykott auf“, sagt Engel.„Wenn zehn Leute im Netz ihre Be-kannten bitten, bei bestimmtenHandelsketten nicht mehr zu kau-fen, und das setzt sich im Schnee-ballsystem nur fünfmal fort, gibt esschon eine Million Kaufverweigerer.Und so ein Boykott ist in ein paarStunden zu organisieren.“Dass sich die Konzerne über-haupt in Entwicklungsländern sozialengagieren, zeigt für Engel immer-hin, dass die Wirtschaft sensibler wird. Versandhändler Otto baut dem-nächst gemeinsam mit Friedens-nobelpreisträger Muhammad Yunusin Bangladesch eine Textilfabriknach sozialen und ökologischenStandards auf. Lidl führt seit 2006fair gehandelte Produkte und unter-stützt Projekte der bundeseigenenGesellschaft für technische Zusam-menarbeit (GTZ).
Zudem ist der Discounter 
, wieKonkurrent Aldi, Mitglied der Busi-ness Social Compliance Initiative(BSCI), einer vom europäischen Außenhandelsverband gegründetenOrganisation, die einheitliche sozialeMindeststandards in Entwicklungs-ländern umsetzen und Lieferanten vor Ort kontrollieren soll. Presse-chefin Petra Trabert unterstreicht:„Lidl ist sich seiner sozialen Verant- wortung bewusst und lehnt jeglicheForm von Kinderarbeit oder Men-schen- und Arbeitsrechtsverletzun-gen in den Produktionsstätten beider Herstellung seiner Waren ab.“Kritiker bezweifeln das: Im Aprilklagten Verbraucherschützer undBürgerrechtler erfolgreich vormLandgericht Heilbronn – gegen an-geblich unlautere Lidl-Werbung mitfairen Arbeitsbedingungen bei Zu-lieferern in der Dritten Welt. DieMedienwelle folgte prompt – ein weiterer Beleg für das öffentlicheInteresse an dem Thema.Oxfam-Expertin Wiggerthale hältdie meisten CSR-Projekte von Han-delsfirmen in Entwicklungsländernfür Leuchtturmprojekte: „Für sichgenommen sicher gut. Aber die Un-ternehmen ändern ihre Geschäfts-politik eben nicht grundsätzlich – sienehmen keinen Kurswechsel vor.“Glaubt man ihr und anderen NGO- Vertretern, hat es vielmehr System,dass westliche Konzerne soziale Pro-bleme erst verursachen: „Sie wollenmöglichst niedrige Preise. Und sie verfügen über eine enorme Nachfra-gemacht. Also diktieren sie ihrenLieferanten die Konditionen.“
Die Folgen schildern
NGOs wieOxfam oder die Clean Clothes Cam-paign (CCC) in Reports: Textilpro-duzenten in Asien und Bananenfar-mer in Afrika beuten Mitarbeiterund Umwelt demnach aufs Übelsteaus – trotz Sozial- und Ökostan-dards westlicher Händler. CCC zi-tiert einen indischen Walmart-Zulie-ferer: „Natürlich hat der Einkäufereinen Verhaltenskodex. Wenn wir versuchen, den einzuhalten, können wir auch zu Hause bleiben. KeineProduktion würde mehr stattfinden.“Solche Kritik findet ihren Weg schon jetzt in die Medien. Und dieNGOs sind auf dem Sprung: „Wir werden uns 2010 auf das Thema Ein-kaufsmacht konzentrieren“, kündigtOxfam an. Man will Selbstverpflich-tungen erzwingen, einen Verhal-tenskodex für den Handel, notfallsgesetzliche Regeln. In der so genann-ten Supermarktinitiative haben sich24 NGOs zusammengetan, um gegen„unfaire Einkaufspraktiken“ vorzuge-hen (siehe „Die Ankläger“, links).Die Aktivisten arbeiten schon amnächsten Thema: Was passiert, wenn
I
m Jahr 1942 gegründet, 1995 als Oxfam Inter-national neu aufgestellt. Die unabhängige Hilfs-und Entwicklungsorganisation mit Hauptsitz imbritischen Oxford kämpft für gerechtere Welthan-delsregeln und gegen Armut in Entwicklungs-ländern. Handelsunternehmen hat Oxfam schonoft für ihren Umgang mit Bauern und Lieferanten vor Ort kritisiert. Ende 2009 legte sich die NGO inder Studie „Zur Kasse bitte“ unter anderem mitMetro wegen deren Geschäftspolitik in Indien an.
www.oxfam.de
 A 
 uf Initiative niederländischer Organisationen1989 entstanden, gehören der Clean ClothesCampaign (CCC) heute 300 Partner in zwölf euro-päischen Ländern an. Ihr Ziel: bessere Arbeits-bedingungen in der weltweiten Bekleidungs- undSportartikelindustrie. Im Februar 2009 veröffent-lichte CCC eine Studie über die Geschäftspraktiken von Discountern wie Walmart, Carrefour, Lidl und Aldi (Titel: „Kassensturz“). Sie werfen den Händ-lern vor, Arbeitnehmer in Entwicklungsländernsystematisch auszubeuten.
www.cleanclothes.org
I
m Jahr 2008 schlossen sich 23 NGOs undGewerkschaften zur Supermarktinitiative zusam-men. Oxfam hat eine Führungsrolle. Die Initiative,die hauptsächlich aus einer aufwendigen Internet-plattform besteht, prangert unfaire Einkaufsprakti-ken von Lebensmittelhändlern an und fordert dieEinhaltung sozialer und ökologischer Standards inder gesamten Lieferkette, auch in Entwicklungslän-dern. Aus ihrer Sicht sind unfaire Praktiken un-trennbar mit dem Geschäftsmodell vor allem derDiscounter verbunden.
www.supermarktmacht.de

Share & Embed

More from this user

Add a Comment

Characters: ...