/  3
 
An die chinesischen KommilitonInnen,
in letzter Zeit ist die Volksrepublik China vermehrt in den deutschen Medien Thema. Zumeinen durch das schlimme Erdbeben, zum anderen wegen der rasant wachsenden Wirtschaft,Olympia und in diesem Zusammenhang auch Tibet. Wir von der „Linken Liste.SDS“sprechen unser Mitgefühl für alle Verletzen und Hinterbliebenen aus, die Verwandte,Bekannte und lieb gewonnene Menschen verloren haben und die trauern. Der Anlass unseresSchreibens ist aber ein anderer und muss neben dem schlimmen Erdbeben ebenfallsangesprochen werden.
Der Umgang der deutschen Presse
Medien sind meinungsbildend. In modernen Gesellschaften kann nicht jeder alleswahrnehmen. Die Dorfgemeinschaft, in der Neuigkeiten noch von Mund zu Mund weitergetragen worden sind, findet in den Mediengesellschaften ihre Grenzen. Informationenwerden gebündelt, selektiert und an ein Massenpublikum weiter getragen - meistens mitfinanziellen Interessen. Das Interesse besteht darin, spektakulär zu informieren, denn nur wasspektakulär ist, wird auch wahrgenommen und lässt sich gut verkaufen.Dieses finanzielle Interesse steht allerdings in einem Widerspruch zu einem anderenGrundsatz der westlichen Modernen, nämlich die Wahrheit zu berichten und durch dieNachrichten den Menschen anzuleiten sich ein objektives Bild von der Realität zu machen.Dahinter steckt der Gedanke der Aufklärung als ein Prozess der in Westeuropa mit derFranzösischen Revolution von 1789 ihren Anfang genommen hat und bis heute andauert.Die Aufklärung (ein anderes Wort ist Emanzipation oder emanzipatorisch) sagt im Grunde,dass der Mensch sich in einer selbstverschuldeten Unmündigkeit befindet. DieseUnmündigkeit wird als etwas Negatives empfunden und gilt daher seit über 200 Jahren alsetwas, dass man überwinden sollte.Der Kantische Leitspruch,
Sapere aude
, habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zubedienen! zielt genau auf den Kern des Gedankens der Aufklärung, wenn er das einzelneIndividuum anspricht, das den Mut aufbringen soll, selbst alles zu prüfen was an ihnherangetragen wird und abzuwägen ob dies Sinn macht oder nicht.Dies setzt voraus, dass man die Informationen die man bekommt einer kritischen Prüfungunterzieht. Das setzt aber auch voraus, dass die Öffentlichkeit umfängliche Informationenbekommt, ein Thema von allen Seiten betrachtet, und damit, wenn das überhaupt geht, einobjektives Bild von Tatsachen bekommt. Hier haben wir allerdings erhebliche Zweifel, ob diekapitalistischen Massenmedien dazu in der Lage sind.Zum einen spricht das finanzielle Interesse an schnellen plakativen Formulierungen und eineauf das Spektakel ausgerichtete „Wissensverbreitung“ dagegen. Auf der anderen Seite istWissen immer auch in Machtstrukturen eingebunden. Es kann nicht jeder alles sagen, bzw.verfügt nicht über die Massenverbreitung wie dies Massenmedien tun. Wissen und der Kampf um Wissen, was die Definitionsgewalt von Worten und Inhalten einschließt, sindAushandlungsprozesse und nicht zuletzt auf Kämpfe um dessen Deutungshoheit zurück zuführen. Damit aber unterläuft auch das Wissen die Ideale der Aufklärung, nämlich wahresWissen zur Verfügung zu stellen.
Kollektivsymbole und Ressentiments
Kollektivsymbole sind solche Symbole die in die Umgangsprache Eingang gefunden habenund mit denen verkürzt in bildhafter Sprache Sachverhalte ausgedrückt werden. Durch die
 
Bildhaftigkeit können diese sprachlichen Symbole Ressentiments auslösen, was aus demFranzöschen kommt und soviel wie heimlicher Groll bedeutet. Gerade Medien arbeiten mitsolchen suggestiven Kollektivsymbolen. In der Ausgabe 35 hat der „Spiegel“ auf seinemTitelblatt eine
 femme fatale
abgedruckt mit der Überschrift „Die gelben Spione“. Der Titelbezieht sich direkt auf die hier lebenden Studentinnen und Studenten undWissenschaftlerInnen aus China, die hier lernen und forschen. Diese werden unisonoverdächtigt Spionage zu betreiben, die sich gegen die Interessen Deutschland richten.Abgesehen davon, dass sich der Spiegel hier in der Nähe des §130 StGB Volksverhetzungbetreibt, nämlich eine in Deutschland lebende Minderheit pauschal dem Verdacht aussetzt fürdie chinesische Regierung Wirtschaftsspionage zu betreiben, erzeugt sie das Bild vom„schädlichen“ Chinesen. In Deutschland gibt es ein Sprichwort: Steter Tropfen höhlt denStein. Was soviel meint, als dass ein einmaliges Vorkommnis einem Stein nicht aushöhlenkann, das über Jahrtausende Tropfen dies allerdings tun.Übertragen auf die Massenmedien und das durch die Massenmedien vermittelte Bild bedeutetdas, dass mit einem Bild oder Aussage noch kein Ressentiment erzeugt wird, allerdings durchdie Bombardierung (sic!) durch die Massenmedien mit der Flut (sic!) an Bildern jeden Tagwerden genau solche Vorurteile geschürt und Angst verbreitet, die keiner rationalenÜberlegung standhalten. Dabei ist der „Spiegel“ noch ein seriöses Nachrichtenmagazin dasdeutlich über dem Niveau der Boulevard-Presse liegt. Wenn aber schon der „Spiegel“ in eineraus der Kolonialzeit stammenden Sprache spricht, dann kann über Headlines der Bild-„Zeitung“ wie: „Warum sind wir so sozialistisch, Herr MÜN-TE-FE-LING?“ nur noch eininfantiler Leser schmunzeln.
Was aber tun?
Wer sich über den Tibet-Konflikt durch die Massenmedien „informieren“ wollte, konnteseinen Augen kaum trauen. Wohl in Ermangelung an passenden Bildern wurden kurzerhandvon der „freien Presse“, die hier wohl all zu frei ins Reich der Imagination abdriftete, Bilderaus dem Tibet-Nepal-Konflikt genommen, auf denen nepalesische Polizeikräfte auf Möncheeinschlugen und diese als chinesische Polizisten ausgegeben. Wohl in der Annahme das imfernen Okzident niemand den Unterschied merken würde, wurden so in verkürzter Art undWeise, wie es in den Massenmedien, die sich oft nur ein paar Sekunden Zeit nehmen fürkomplexe Themen, der „Sachverhalt“ in Tibet dargestellt. Selbst der „Spiegel“ merkte diepropagandistische Praxis der Medien an, ohne jedoch den Finger bei sich selbst in die Wundezu legen, arbeitete der „Spiegel“ doch mit den gleichen Bildern.http://www.youtube.com/watch?v=uSQnK5FcKas Emanzipatorische Kritik kann sich an die Fersen der Medienschaffenden heften und genausolche Praktiken der gezielten Falschdarstellung aufdecken und als solche entlarven. Abhilfegegen Menschenrechtsverletzungen in China werden sicher nicht dadurch geschaffen, dass inden westlichen Ländern Vorurteile und Ressentiments geschürt werden.Wittgenstein sagte, dass die Grenze unserer Sprache die Grenze unserer Welt ist. Dasbedeutet, dass der Sprachhorizont, den wir über die Welt erarbeiten und der kulturell auchschon in einem gewissen Maße vordefiniert ist, auch nur unsere Sicht über die Welt darstellt.Dass Vernunft nicht mit Kriegen, weder mit Wirtschafts- noch mit Kommunikationskriegenund schon gar nicht mit militärischen Auseinandersetzungen in Menschen hinein gebombtbzw. noch von oben einer Gesellschaft aufgezwungen werden kann, ist mittlerweilehinlänglich bekannt. Widerstand und Wandel entsteht in den Kapillargefäßen derGesellschaft.Das heißt er kommt von unten. Die Kritik an den Menschenrechtsverletzungen Chinas leugnetaber genau diesen Wandel in der chinesischen Gesellschaft, die sich ebenfalls im Wandel

Share & Embed

More from this user

Add a Comment

Characters: ...