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Nachruhm (Von Manfred Kyber)

Nachruhm (Von Manfred Kyber)

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Nachruf auf einen Wissenschaftler
Nachruf auf einen Wissenschaftler

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06/18/2010

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Nachruhm
Von Manfred Kyber 
Die Totenfeier am Sarge des berühmten Anatomen und Leitersdes Physiologischen Instituts der alten Universität gestaltete sichzu einer ergreifenden Huldigung der akademischen Kreise vor denVerdiensten des gren Verstorbenen. Der Katafalk war mitKränzen und seidenen Schleifen behängt, in Lorbeer und Blumengehüllt, brennende Wachskerzen umrahmten ihn, und vor ihmwaren auf samtenen Kissen die zahlreichen Orden ausgebreitet,die der gelehrte Forscher mit berechtigtem Stolz getragenhatte. Zu beiden Seiten der Bahre standen die Chargierten derKorporationen mit blanken Schlägern, und neben den Angehörigensaßen der Senat der Universit in vollem Ornat, mtlicheProfessoren der Hochschule und die Vertreter der Behörden. DerPriester hatte soeben seine Rede beendet, die allen tief zuHerzen gegangen war.»Er war ein vorbildlicher Mensch und ein vorbildlicher Gelehrter«,schloß er, »er war das eine, weil er das andere war, denn eingroßer Forscher sein, heißt ein großer Mensch sein. Wir stehenan der Bahre eines ganz Großen, mit Trübsal in der Seele, weiler uns genommen ist. Aber mitnichten sollen wir trauern undwehklagen; denn dieser große Tote ist nicht tot, er lebt weiterund steht nun vor Gottes Thron im vollen Glänze seines ganzenarbeitsreichen Lebens, wie es denn in der Schrift heißt: Sieruhen von ihrer Arbeit, und ihre Werke folgen ihnen nach!«Alle schwiegen ergriffen, und es fiel auch niemand auf, daß derPriester anscheinend eine Kleinigkeit vergessen hatte, nämlichdie, daß der große Tote, der nun vor Gottes Thron stehen sollte,sein ganzes Leben lang für die Überzeugung eingetreten war, daßes gar keinen Gott gäbe. Aber solche Kleinigkeiten werden beiGrabreden meistens vergessen.
 
Hierauf erhob sich der Rektor der Universität mit der goldenenAmtskette um den Hals und sprach mit bewegter Stimme warmeWorte des Nachrufes für seinen berühmten Kollegen.»Er war allezeit eine Zierde unserer alten Alma mater und eineZierde der Wissenschaft, der er sein ganzes Dasein geweihthatte, ein Vorbild uns und allen, die nach uns kommen werden,denn auf ewig wird sein Name in goldenen Lettern auf denMarmortafeln der menschlichen Kultur glänzen. Ich kann indiesem ernsten und feierlichen Augenblick nur weniges aus derÜberlle seines Geistes herausgreifen, nur andeuten, wie erunerdlich an unhligen Tierversuchen Beweis auf Beweisgehäuft. Es ist nicht auszudenken, welche unerhörtenPerspektiven sich mit diesen völlig neuen medizinischen Tatsachender leidenden Menschheit und der Wissenschaft als solchereröffnen. Nur nacheifern können wir dem gewaltigen Forscher,der uns solche Wege gewiesen, und wir und die ihn bewunderndeakademische Jugend, der er ein Führer zu wahrem Menschentumwar, wir wollen an seiner Asche geloben, sein Lebenswerkfortzusetzen und auszubauen, zum Heile der euroischenWissenschaft und zur Ehre unseres geliebten Vaterlandes. Es hatunserem großen Toten nicht an reicher Anerkennung gefehlt, wiewir dankbar feststellen können, auch von allerhöchster Stelle sindihm ehrenvolle Zeichen der Huld zuteil geworden« – alle Blickerichteten sich staunend auf das Samtkissen mit den Orden, dieeinige Pfund wogen – , »ja, noch kurz vor seinem Tode ward ihmdie Freude, zum Wirklichen Geheimen Medizinalrat mit demPrädikat Exzellenz ernannt zu werden, eine Ehrung, die mit ihmauch unsere ganze Hochschule als solche empfunden hat. So reichaber sein Ruhm auch war, noch reicher wird sein Nachruhm seinfür alle Zeiten, und wir, die wir ihm nachtrauern, wollen es ihmgönnen, daß er nun ruhe von seiner Arbeit, daß er auf derAsphodeloswiese lustwandele mit den gren Geistern allerZeiten, zu denen ihn seine Werke erhoben haben, und so darfauch ich schließen mit den Worten meines geistlichen Vorredners:Und ihre Werke folgen ihnen nach!«
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Alle waren voller Andacht, teils vor der europäischenWissenschaft und teils vor dem Prädikat Exzellenz. Der RektorMagnifikus hatte nur die Kleinigkeit außer acht gelassen, daß dieeuropäische Wissenschaft die Asphodeloswiese eine Fabel nenntund von den großen Geistern der Vergangenheit behauptet, daßsie sich in chemische Substanzen aufgelöst haben. Aber das sind ja Kleinigkeiten, und es ist das Vorrecht der heute üblichenBildung, ein griechisches Wort zu gebrauchen für etwas, bei demman sich nichts mehr denkt. Wenn man überhaupt denken wollte –du lieber Gott, wo me man da hin bei unserer heutigenZivilisation und der europäischen Wissenschaft!Der Vertreter des Staates erklärte, daß der Verstorbene eineSäule des modernen Staatswesens gewesen sei, und derVertreter der Stadt sagte, daß der Magistrat einstimmigbeschlossen habe, einer Straße den Namen des großen Toten zuverleihen. Der Kirchenchor sang ein Lied, es war ein altes Liedaus einer alten Zeit, andere Menschen mit anderer Gesinnunghatten dies alte Lied geschaffen, und es nahm sich seltsam ausnach den tönenden Worten von heute. Sehr leise und überirdischsang es wie mit fremden Stimmen durch den Raum: »Wie wird'ssein, wie wird's sein, wenn wir ziehn in Salem ein, in die Stadtder goldnen Gassen ....«Dann sank der Sarg in die Tiefe.Der Tote hatte die ganze Zeit dabeigestanden. Ihm war, alshabe sich eigentlich nicht viel geändert. Er erinnerte sich nur,einen sehr lichten Glanz gesehen zu haben, dann war alles wiederwie sonst, und er wußte kaum, daß er gestorben war. Nurleichter war alles an ihm, keine Schwere mehr und keine grobeStofflichkeit. Ein großes Erstaunen faßte ihn – es gab also dochein Fortleben nach dem Tode, die alte Wissenschaft hatte recht,und die neue hatte unrecht. Aber es war schöner so, und esberuhigte ihn sehr, obwohl es anfangs etwas Quälendes hatte,daß er mit niemand mehr sprechen konnte, daß keiner seinerAngehörigen und seiner Kollegen merkte, wie nahe er ihnen war.
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