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Ernst Kantorowicz Das Geheime Deutschland 1933

Ernst Kantorowicz Das Geheime Deutschland 1933

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In: Robert L. Benson, Johannes Fried (Hgg.), Ernst KantorowiczErträge einer Doppeltagung (Princeton/Frankfurt), Stuttgart 1997
 Ernst Kantorowicz
Das Geheime Deutschland
Vorlesung, gehalten bei Wiederaufnahme der Lehrtätigkeitam 14.November 1933*
- Edition von Eckhart Grünewald -
Es ist alter akademischer Brauch bei Neuantritt eines Amtes sich durch eineeigene Vorlesung mit seinem künftigen Hörerkreis bekannt zu machen. Ich habezwar nur ein Semester hindurch meine öffentliche Lehrtätigkeit ruhen lassen..doch das ungeheuere Geschehen der letzten Monate rechtfertige es, dass auch die blosse 'Wiederaufnahme eines Lehramtes als Gelegenheit ergriffen werde, sichseinen Hörern von neuem vorzustellen. Heute will ich darum, bevor ich zu demeigentlichen Stoffgebiet dieses Wintersemesters übergehe, Ihnen in einer Art"Antrittsvorlesung" über ein ganz anderes Thema sprechen. Mehr alsjede Erklä-rung mag dann dieses Bekenntnis - und warum hrte man den Titel eines"Professor", wollte man nicht in entscheidenden Stunden auch Bekenner zu seinden Mut haben! - Ihnen zum Verständnis dienen, warum- meine Auffassungenüber letzte Quelle und letztes Ziel alles Lehrens sich unverändert gleichbleibendurften, so dass ich heute genauso zu Ihnen sprechen kann wie ehedem undgenauso den Faden wiederaufzunehmen gewillt bin, wie er im Frühjahr zu Bodenfiel.Daraus wird sich freilich Eines ergeben: dass Sie von
 mir 
 nicht erhoffendürfen, ich würde Klüfte mit Flechtwerk überdecken und Schwierigkeiten ver-meidend mir mit Phrasen heraushelfen, wo doch nur Eins dem heutigen wie demnftigen Deutschland zu dienen vermag: Klarheit und ein durch nichts zu
*
 Das Manuskript der Vorlesung von Ernst Kantorowicz liegt in zwei Fassungen vor: dieerste Fassung "F" aus dem Nachlaß von Ernst Kantorowicz im Leo Baeck Institute, New York,das mit hoher Wahrscheinlichkeit den Text wiedergibt, den Kantorowicz in seiner. Frankfurter Vorlesung vorgetragen hat. Die zweite Fassung ist aus dem Nachlaß von Edgar Salin, C 34,Öffentliche Bibliothek der Universität Basel. Diese Fassung hat Ernst Kantorowicz mit Schrei- ben vom 23.11.1933 an Salin übersandt; er wollte sie Stefan George zukommen lassen, der,schon schwer krank, in Minusio bei Locarno wohnte. Diese zweite Fassung ist von ErnstKantorowicz stilistisch leicht überarbeitet worden, ihr Wortlaut wird in dieser Edition wiederge-geben. Der abweichende Wortlaut der ersten Fassung "F" ist jeweils in den alphabetischenFußnoten dokumentiert. Die Rechtschreibung von Ernst Kantorowicz wurde beibehalten, so z.B.die im George-Kreis gebräuchliche Verwendung des "ss" statt .B" und andere Eigenheiten.Orthographische Fehler wurden stillschweigend berichtigt.Ralph Giesey, Tucson, Arizona, dem Schüler und Freund von Ernst Kantorowicz und Erbenseines wissenschaftlichen Nachlasses, sei gedankt für die Erlaubnis, den Text zu publizieren.
a
 F: dass
 
78
 Ernst Kantorowicz
ersctternder Glauben an die Unsterblichen dieses Landes und seine" Verheis-sungen. Und das mag unsere gemeinsame Basis bilden.I.Das Thema dieser Antrittsvorlesung soll heissen: Das Geheime Deutschland.Manchen von Ihnen wird unbekannt sein, dass dieser Begriff "das geheimeDeutschland" schon seine Geschichte hat. Von Lagarde geprägt', hat Langbehn,der .Rernbrandt-Deutschev-, den Begriff übernommen und ihn in dem Sinnangewandt, dass er von Rembrandt, Beethoven, Goethe als den "wahren Kaiserndes geheimen Deutschland" sprach. Dann griff Karl Wolfskehl im ersten Jahr- buch für die geistige Bewegung das Wort vom "geheimen Deutschland" auf undgab ihm einen etwas andern
 Sinn-'.
 Wolfskehl verstand unter dem "geheimenDeutschland" die Träger gewisser deutscher, noch schlummernder Kräfte, inwelchen sich das zukünftige erhabenste Sein der Nation vorgebildet oder schonverkörpert fand. In dem "geheimen Deutschland" sah er die Empfänger eine-unvenderlichen, ewig gleichen- Kraft, die als Unterstrom unter dem sichtbarenDeutschland geheim bleibt und auch nicht anders zu fassen ist als durch Bilder.Zugleich übertrug Wolfskehl den Begriff auf eine lebende Gemeinschaft, welchediese geheimen Kräfte bewahrte und behütete. Ihm war das "geheime Deutsch-land" jenes "einzig lebendige" der Vorkriegszeit, das - erweckt durch die neueDichtung - damals allein in der Umgebung Stefan Georges zu Wort gekommenist und sich in ihr manifestierte."Dass dies geheime Deutschland - so schrieb Wolfskehl im Jahre 1910 -nicht verdorrt ist, dass es vernehmlicher denn seit langem aus seiner Berg- undhlenentrückung herauf will ans Licht, das gibt uns die tiefe Zuversicht r eineZukunft, die gewiss ernst, schwer und ster, gewiss voll der unerrtestenErsctterungen sein wird, in der aber auch zum letzten Male vielleicht dieTiefenkräfte" sich offenbaren wollen.
 "5
)Paul de Lagarde (*1827, t1891), Orientalist, Kulturphilosoph und Zeitkritiker, in seinenSchriften "Die Religion der Zukunft" (1878) und "Über die gegenwärtige Lage des DeutschenReiches" (1886) , s. hierzu das Kapitel "Das 'Geheime Deutschland:" in: Eckhart Grünewald,Ernst Kantorowicz und Stefan George. Beiträge zur Biographie des Historikers bis zum Jahre1938 und zu seinem Jugendwerk "Kaiser Friedrich der Zweite", Wiesbadenl982,
 S.74
 ff; Peter Hoffmann, Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder, Stuttgart 1992,
 S.61
 ff.
2
 Julius Langbehn (* 1851,t1907), Schriftsteller, hatte unglaublichen Erfolg mit seinemBuch .Rernbrandt als Erzieher. Von einem Deutschen" (1. Aufl. 1890,55. Aufl. 1922), darin vor allem das Kapitel "Der heimliche Kaiser", in der Erstauflage
 S.352-356,
 hierzu Grünewald (wieAnm.l)
 S.78
 f.
3
 Karl Wolfskehl (*1869,t1948), Dichter, Freund und Mitarbeiter Stefan Georges, in sei-nem Aufsatz "Die Blätter für die Kunst und die neuste Literatur", in: Jahrbuch für die geistigeBewegung 1 (1910) S. 1-18.
4
 Im Text von Wolfskehl heißt es nur: "Tiefen".
5
 Wolfskehl (wie Anm.3)
 S.15.
b
 F: ihre
c-<;
 F: unveränderlich, sich ewig gleichbleibender 
 
Das Geheime Deutschland
 79Mit dieser Zuversicht, mit dem Glauben an das Sein eines "geheimen Deutsch-land" verband dsich, zunächst nur bei einigen Wenigen, auch" der Glauben an die Nation und ihre glänzende Wiedergeburt. In den Jahren der grössten wirtschaftli-chen Not Deutschlands nach dem Kriege, die manche sonst stumme Saite wieder spannte und leise anklingen liess, fanden sich wohl einige mehr, die sich zueinem "geheimen Deutschland" bekannten. Doch sie weiteten den Begriff nuauf, suchten sich das schwer zu Erringende etwas billiger zu gestalten, es mitganz andern Wesenheiten: Tageszielen und Sonderbelangen, Grüppchen undndchen zu verquicken'', bis schliesslich der Dichter selbst der Gefahr eineVerwässerung entgegentrat: in dem Gedicht "Geheimes Deutschland"? ward einmythisches Bild gegeben und mit ihm das Mysterium des andern Reiches ge-schaffen. Unter den Zeichen einzelner Begegnungen mit Menschen seines Freun-deskreises llt der Dichter hier die fremdesten seltsamsten der wirkenden ch-te des "geheimen Deutschland" ein in die Unhebbarkeit von Lebensbildern,welche jeder Zersetzung trotzen und der Zerre dung entrückt sind ..über diese Lebensbilder Heutigen Aufschluss zu geben, ebrige sich -einmal weil die Kenntnis von Einzelheiten wenig besagte und doch kein stärkeresBild in der Seele hinterliesse als das Gedicht selbst.. dann weil es dem Sinn deSchlussverse widerspräche, dass Geheimes nicht auch geheim bleibe, dass
 Nur was im schützenden schlaf Wo noch kein taster es spür Lang in tiefinnerstem schacht Weihlicher erde noch ruht-Wunder undeutbar r heut Geschick wird des kommenden tages.
 8
 Nicht über das engere "geheime Deutschland", in welchem der Dichter lebtund lebte, sondern über das weitere "geheime Deutschland", das zu erkennen er durch sein Leben lehrt und lehrte, will ich heute zu Ihnen sprechen .. also von jenem grösseren "geheimen Deutschland", dessen Epiphanien uns allen wohlbe-kannt sind und die es hier als ein Gesamt zu fassen gilt.
11.
Unnötig, Ihnen nach dem Angedeuteten noch ausdrücklich zu erklären, dass mandas "geheime Deutschland" weder als einen verbotenen Geheimbund suche, deirgendwo, noch als ein utopisches Hirngebilde hne, das nirgendwo zu treffen
6
 Beispiele ren vielleicht: Friedrich Glum, Das geheime Deutschland. Die geheimeAristokratie der demokratischen Gesinnung, Berlin 1930; Jacob Schaffner, Die Predigt deMarienburg, Berlin 1931; Franz Schauwecker, Deutsche allein. Schnitt durch die Zeit, Berlin1931.
7
 Stefan George, "Geheimes Deutschland", in: Das Neue Reich. Gesamt-Ausgabe deWerke. Endgültige Fassung, Bd.9, Berlin 1928, S.59-65
8
Ebd., S.65.
d-d
 F: sich bei einigen Wenigen auch

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