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Niedersächsischer Landtag - 16. Wahlperiode - 76. Plenarsitzung am 1. Juli 2010
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Stefan Schostok
(SPD):Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrtenDamen und Herren Abgeordnete! Lassen Sie michzu Beginn einem guten demokratischen Brauchfolgen und zum Wechsel dem ehemaligen Minis-terpräsidenten Herrn Wulff einen Dank ausspre-chen. Die mehr als 20 Jahre seiner demokrati-schen Arbeit für Niedersachsen werden in Erinne-rung bleiben. Für das neue Amt wünschen wir ihmalles Gute!(Lebhafter Beifall)Ihnen, Herr Ministerpräsident McAllister, darf ichauch im Namen der SPD-Fraktion ganz herzlichgratulieren. Wir wünschen Ihnen eine glücklicheHand bei allen Entscheidungen und uns, dassdiese Entscheidungen zum Wohle unseres LandesNiedersachsen sein mögen. Vielen Dank!(Beifall bei der SPD sowie Zustim-mung bei der CDU und bei der FDP)Bei allen Glückwünschen - ich stehe hier als Op-positionsführer, der die Sorgen und Nöte der Men-schen in Niedersachsen im Blick hat. Lassen Siemich deswegen zunächst ein Wort zur Präsiden-tenwahl am gestrigen Tag sagen.Aus meiner Sicht war das ein Tag der verpasstenChancen.(Beifall bei der SPD und bei denGRÜNEN)Der selbst beschworene Neuanfang von Schwarz-Gelb ist Ihnen nicht gelungen. Die Wahl des Bun-despräsidenten ist leider in das politische Gezänkhineingezogen worden.(Karl-Heinz Klare [CDU] lacht - Zurufevon der CDU-Fraktion)Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass Herr Gauck eine so große Zustimmung erfahren hat -sogar aus Ihren Reihen. Das sollte uns und Ihnenwirklich zu denken geben.(Beifall bei der SPD und bei denGRÜNEN sowie Zustimmung vonDr. Manfred Sohn [LINKE])Aber auch die Linke hat durch die Nichtwahl vonJoachim Gauck die Chance verpasst, sich als poli-tisch ernst zu nehmende Kraft zu beweisen. Dassehen wir als sehr problematisch an.Die Beschädigung des Amtes, die durch den Rück-tritt von Herrn Köhler eingetreten ist, ist leider auchdurch den gestrigen Tag nicht repariert worden.Diese Bundespräsidentenwahl hätte eigentlich einFesttag der Demokratie sein müssen.Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeord-nete, auch ein Aufbruch zu einer neuen politischenKultur ist gestern wahrlich verpasst worden.(Beifall bei der SPD und bei denGRÜNEN)Herr Ministerpräsident McAllister, auch Oppositionist natürlich kein Selbstzweck. Wir bieten Ihnenweiterhin eine kritisch-konstruktive Zusammenar-beit hier im Parlament an. Wir nehmen unsereKontrollfunktion wirklich ernst, wir nehmen siewahr, und wir werden dort bessere Vorschlägeunterbreiten, wo uns Ihre als nicht ausreichenderscheinen. Sie können also mit einer ganzen Rei-he von Vorschlägen rechnen.(Beifall bei der SPD und bei denGRÜNEN)Mit uns wir es kein „Weiter so“ geben. Herr Minis-terpräsident, Sie haben wahrlich eine schwierigeAufgabe übernommen, aber dies vor allem wegender Erblasten Ihres alten und Ihres neuen Kabi-netts. Wir haben von Ihnen heute eine Zäsur in der Regierungspolitik erwartet. Dieses Signal habenwir durch Ihre Regierungserklärung heute leider nicht vernommen, Herr Ministerpräsident.(Beifall bei der SPD und bei denGRÜNEN)Aus unserer Sicht ist diese Regierungserklärungeher ein untauglicher Versuch Ihrerseits gewesen,sich eine staatsmännische Attitüde zu geben. Siewaren wirklich redlich bemüht, den alten Politiker McAllister hinter sich zu lassen. Sie waren ja bis-her der Mann fürs Grobe in der Regierungsfraktion.Nun wollen Sie den Staatsmann geben. Aber wir haben Ihre Angriffe und Ihre Unbeherrschtheit inder Vergangenheit nicht vergessen. Deshalb wer-den wir jetzt sehr sorgfältig beobachten, ob Siewirklich wandlungsfähig sind, Herr McAllister.(Beifall bei der SPD und Zustimmungbei den GRÜNEN)Meine sehr verehrten Damen und Herren Abge-ordnete, vor Ihrer Regierungserklärung fragten wir uns vor allem, ob Sie tatsächlich in der Lage sind,dem Land eine neue Zukunftsperspektive zu ge-ben oder sie zu entwickeln. Wir sind durch IhreRegierungserklärung wirklich enttäuscht worden.
 
Niedersächsischer Landtag - 16. Wahlperiode - 76. Plenarsitzung am 1. Juli 2010
(Beifall bei der SPD sowie Zustim-mung bei den GRÜNEN und bei der LINKEN)Aber, meine Damen und Herren, woher soll esdenn auch kommen? - Ich will einen kleinen Rück-blick wagen. Wulffs Agenda 2003 bis 2008 war schnell verbraucht. Ich erinnere an das Sparpro-gramm, das Sie bis auf die Knochen betriebenhaben. Ich erinnere an Ihre antiquierte Umwelt-und Wirtschaftspolitik. Ich erinnere an die Politik,die gegen die Interessen der Menschen in diesemLand gerichtet war. Ich möchte Sie an das Strei-chen des Landesblindengeldes erinnern. Ichmöchte Sie an das Totalerrichtungsverbot für Ge-samtschulen erinnern. Ich möchte Sie an die Mas-senproteste von Schülern, Eltern und Lehrern er-innern. Ich möchte Sie auch an die zahlreichenVerfassungsbrüche im Rahmen der Haushaltsge-setze und der Innenpolitik erinnern.(Beifall bei der SPD und bei denGRÜNEN sowie Zustimmung bei der LINKEN)Nicht vergessen ist auch die unsägliche Umweltpo-litik dieser Koalition, auch die Unzufriedenheit der Kommunen mit Ihrer Arbeit. Das alles stellt keineRuhmesbilanz dieser Arbeit in den vergangenenJahren dar.(Beifall bei der SPD und bei denGRÜNEN)Aber vor zweieinhalb Jahren, zu Beginn der zwei-ten Legislaturperiode, sollte ja alles besser wer-den. Doch daraus wurde nichts. Nach einem ver-patzten Neustart 2008 mit einem katastrophalenRingtausch der Ministerinnen und Minister wurdees noch schlimmer. Ich erinnere mich an die Kul-tusministerin. Sie kam mit der Bildungspolitik inNiedersachsen vom Regen in die Traufe. Ich erin-nere mich an die Umweltpolitik. Sie setzten seit-dem wieder auf das Atomklo Niedersachsen. Icherinnere auch an die Wirtschaftspolitik. Dazu istIhnen bisher außer Streichungen kein einziger innovativer Ansatz eingefallen.(Beifall bei der SPD sowie Zustim-mung bei den GRÜNEN und bei der LINKEN)All das haben Sie, Herr Ministerpräsident, immer wieder hartnäckig verteidigt. Sie waren sehr gut,und Sie waren immer dann zur Stellen, wenn esnötig war, Ministerinnen und Minister herauszu-hauen. Sie haben aber in den letzten Jahren keineeigene Akzente gesetzt, selbst dann nicht, als SieLandesvorsitzender wurden. Als Wulffs Adlatuswurden Sie mitsamt Ihrer CDU-Fraktion nur alsAnhängsel dieser Landesregierung verstanden.Sie wurden nur als Stütze Ihres Ministerpräsiden-ten wahrgenommen.(Lebhafter Beifall bei der SPD)Wir erinnern uns an die Zeit vor acht Wochen, dieletzte Regierungserklärung von Herrn Ministerprä-sidenten Wulff. Es ging um die Frage: Wie gehenwir mit der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise um?Welche Perspektive hat Niedersachsen bis zumJahr 2020? - Wir waren ratlos. Wir waren hilfloshinterlassen worden. Sie haben mit dieser Regie-rungserklärung keine einzige Antwort gegeben.(Beifall bei der SPD)Auch Ihre Regierungserklärung heute hat sehr vielPathos enthalten, keine Frage. Aber Sie haben imKern keine einzige Antwort gegeben. Es gibt kei-nen einzigen neuen Impuls. Sie haben mit dieser Regierungserklärung keinen einzigen neuen Ak-zent gesetzt.(Lebhafter Beifall bei der SPD und beiden GRÜNEN)Herr McAllister, man nennt das dann immer: Eswar ein ganz großes Kino. Aber es war eine ext-rem dünne Handlung, Herr McAllister.(Beifall bei der SPD und Zustimmungbei den GRÜNEN)Wir haben Ihr Programm genau gehört. Ich habefür mich einige Punkte herausgenommen. In der Schulpolitik bilden Sie mit den Kommunen zukünf-tig eine Arbeitsgruppe. Die Arbeitsgruppe wirdmehr Flexibilität für wohnortnahe Schulstrukturenprüfen.(Zuruf von der SPD: Donnerwetter!)In der Hochschulpolitik bitten sie die Wissen-schaftsministerin, eine Analyse in Auftrag zu ge-ben,(Dr. Gabriele Andretta [SPD]: Wow!)damit sie herausfinden kann, was die entschei-denden Hindernisse dafür sind, dass die Quote der Studierenden aus den sogenannten bildungsfer-nen Schichten so niedrig ist.(Dr. Gabriele Andretta [SPD]: Waskönnte das wohl sein?)Da könnten wir Ihnen helfen. Das Geld könntenSie sich sparen, Herr McAllister.
 
Niedersächsischer Landtag - 16. Wahlperiode - 76. Plenarsitzung am 1. Juli 2010
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(Beifall bei der SPD und bei denGRÜNEN)Ein dritter Vorschlag: In der Wirtschafts- und Wis-senschaftspolitik geben Sie jetzt ein Innovations-konzept in Auftrag, um den Wissenstransfer zufördern. Was war denn mit Ihrem Innovations-fonds? - Der scheint gescheitert zu sein. Kein Wortvon Ihnen dazu in dieser Regierungserklärung!Oder die Förderung des Ehrenamtes, des ehren-amtlichen Engagements: Sie bilden jetzt mit denkommunalen Spitzenverbänden eine Gesprächs-runde.Oder in der Familienpolitik lassen Sie jetzt eineBestandsaufnahme erstellen, um Strukturen zuprüfen,(Dr. Gabriele Andretta [SPD]: Mutig!)also Doppelstrukturen, die Sie in Niedersachsenselber eingeführt haben.(Lebhafter Beifall bei der SPD und beiden GRÜNEN)Um die Zusammenarbeit von Ärzten, Krankenhäu-sern und Pflegediensten zu fördern, soll zukünftigmindestens in einer Region ein Modellprojekt für die Gesundheitsversorgung auf den Weg gebrachtwerden.In der Migrationspolitik lassen Sie jetzt eine Infor-mationskampagne vom Stapel. Die Berufsbilder des öffentlichen Dienstes sollen dadurch bekann-ter gemacht werden.Finden Sie nicht, Herr Ministerpräsident, dass dasfür eine Regierung nach sieben Jahren ein biss-chen dürftig ist?(Lebhafter Beifall bei der SPD undZustimmung bei den GRÜNEN)Der Titel Ihrer Regierungserklärung war: „Mut zur Verantwortung“. Was wir gehört haben, war höchs-tens Mut zur Verwaltung und zur Bildung von Ar-beitsgruppen.(Lebhafter Beifall bei der SPD und beiden GRÜNEN)Herr McAllister, in der 
Hannoverschen AllgemeinenZeitung 
vom Sonnabend gibt es ein wunderbaresZitat von Ihnen: Das schönste Amt ist das Amt desSchützenkönigs in Bederkesa.(Ministerpräsident David McAllister [CDU]: Waren Sie schon da?)- Ich bin schon einmal durchgefahren. - Spätestensab 2013 werden Sie dafür wieder viel mehr Zeithaben. Denn Sie sind ein Ministerpräsident desÜbergangs!(Starker, lang anhaltender Beifall beider SPD, bei den GRÜNEN und beider LINKEN)Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, esliegen wahrlich große Herausforderungen desLandes vor uns. Dazu will ich sechs benennen: dieBewältigung des demografischen Wandels - auchSie erwähnten sie -, die Perspektive des Wirt-schafts- und Wissenschaftsstandortes Niedersach-sen, die Zukunft der Schule, die Energiepolitik undder Klimaschutz, die Frage der sozialen Gerechtig-keit - das Stichwort tauchte bei Ihnen nicht auf -und schließlich die Finanzierung der öffentlichenHaushalte.Diese Fragen müssen wir ab heute wirklich ent-schlossen angehen. Dann werden wir morgenAntworten für die Zukunftsfähigkeit Niedersach-sens haben, liebe Kolleginnen und Kollegen.(Lebhafter Beifall bei der SPD)Zum demografischen Wandel, Herr Ministerpräsi-dent: In der letzten Wahlperiode waren Sie dochan den Ergebnissen aus der Enquetekommissionzum demografischen Wandel wirklich interessiert.Warum haben Sie gerade jetzt keine Antworten auf die dadurch verursachten Probleme? - Ich gebeIhnen eine Erklärung dazu: Sie selbst haben dieEntwicklung sehr lange verkannt. Sie haben keineAntworten auf die unterschiedliche Entwicklung der Lebensbedingungen in den Regionen Niedersach-sens. Ihnen fehlt ein Gesamtkonzept für das Land.Sie stellen keine passgenauen Hilfestellungen für die Regionen zur Verfügung. Es fehlen öffentlicheUnterstützungsmodelle für die Sicherung der Da-seinsvorsorge. Auch die Verwaltungsstrukturensind nicht durchdacht. Und Sie haben überhauptkeine Aufgabenanalyse und damit auch kein Ge-samtkonzept für eine zukunftsfähige öffentlicheVerwaltung!(Starker Beifall bei der SPD und beiden GRÜNEN - Johanne Modder [SPD]: So ist das!)Sie erwähnten die Politik mit den Fusionsprämienvon Herrn Schünemann. Aber Sie können dasdoch nicht ernsthaft als einen Versuch für die Ge-staltung des Landes ansehen! Sie müssten wirklicheinmal Farbe bekennen, wie die kommunaleSelbstverwaltung in Zukunft aussehen soll. Oder 

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