Kaar
W i r we r d e n a l e u n t e r g e h e n !
Und so was soll eine Nixe sein! Anstatt auf einem Stein undeinen Erlöser zu warten, wie es unter Seejungfrauen seitSagen-Jahrhunderten Sitte ist, operiert die Kaltstart-Nixeselbstbewusst in ihrem feuchten Milieu. Allein dieser Blicküber die Schulter! „Komm mit“, sagt er, „in ein Reich desUnbedingten, des Unverstellten, des Unvorstellbaren undder Unzucht! Folge mir in ein Leben, wilder als deins!“ Dazupeitscht ihr Schwanz mit der Fluke durchs Meer. PrallerBusen, wilde Mähne, Benzinkanister - wir müssen kein ora-kelnder Oktopus sein, um die Gefahr zu spüren, die von dieserNixe ausgeht. Solide Prognostiker, die wir sind, wissen wirsofort: Das Weib will uns fertig machen. Und zwar so richtig.Über 120 Veranstaltungen an 14 Abenden stellen eine be-wusste Überforderung des Wahrnehmungsapparates dar.Man ertrinkt in Theater! Die Zermürbung der Aufnahmefähig-keit ist Programm des ausufernden Programms von Kalt-start, das Fehlen eines Festivalzentrums und die Untertei-lung in vier Sub-Festivals plus zwei zusätzliche Plattformenverstärkt diesen Eindruck noch: Keiner von uns wird Kaltstartvollständig erfassen, ordnen und durchschauen können.Wir sind hier, beim Kaltstart-Festival 2010, in einer wilden,abgründigen Welt. Das gilt es, von Vornherein zu akzeptieren.Erst dann können wir versuchen, nach Orientierungspunktenzu suchen.
Scie i u ee Errike
Zuerst nden wir: Schiffe. Was auf dem Meer erstmal soschlecht nicht ist, besagt doch eine alte Seefahrerweisheit,dass Schiffe gut gegen Ertrinken sind. Fünf von ihnen sollenuns im Programmheft Orientierung geben. Für die SparteKaltstart Pro, die Plattform für junges professionelles Thea-ter, fährt ein robustes Dampfschiff vorweg. Kaltstart Finale,das Inszenierungen der Deutschen Theaterakademie präsen-tiert, ist sinnigerweise ein Segelschulschiff, Fringe, die Ru-brik für die freie Szene, ein Freibeuterschiff. In dieser Logikgeht es weiter: Die Jugend-Sparte Youngstar ist ein kleinerOptimist, und die Lounge der Theaterautoren ein Tretboot.(Kennt man ja, diese Theaterautoren: Den ganzen Tag Bötchenfahren, Enten füttern, abends drei Seiten schreiben.)An Deck der einzelnen Schiffe wird es überraschend gesittetzugehen: Das Programm des Eisbrechers Kaltstart Pro etwaliest sich fast wie ein Jugendbuchregal aus den 1980ern:ernst, deutsch und mit einem Hang zu Hitler. Es gibt wenig(Form-)Experimentelles, dafür viel problemorientiertes Au-torentheater: Stücke mit Handlung, die mal in der WeimarerRepublik („(K)ei(n)land)“), mal nach einem Atomschlag imBunker („After the end“) und mal im Neuköllner Ghetto(„Arabboy“) spielen. Es gibt Stücke über Demenz (Nis-Momme Stockmanns „Der Mann, der die Welt aß“) ebensowie über Kindheiten in der DDR (Sibylle Bergs „Hab ich direigentlich schon erzählt...“) sowie über Nazis und Missbrauch(Jakob Arjoums „Hausaufgaben“). Anders traditionell wird esauf dem Großsegler Finale zugehen: Hier treffen wir auf diein jungen Avantgarden altbekannten Phänomene des unaus-sprechlichen Stücktitels („wunde.es.heim innen/nacht“) so-wie des unverständlichen Vorschautextes: „Ob es wohl witzigist, wenn Einer beim Singen stirbt? Ob unsere Beziehungendenn besser funktionieren würden, wenn wir alle, statt zusprechen, singen werden? Zwei Regisseure und viele Musikerim Auftrag musikgeschichtlicher Bergungsarbeiten unter-wegs in Richtung Theater. Ohne Mozart.“ Wer hier sagt „Nee,hat ja auch niemand behauptet, dass das mit Mozart wäre.Warum auch?“ sollte lieber erzittern ob der Formenvielfaltdes Finales: Von Tanz- über Musiktheater bis hin zu Filmen,von Klassikerinszenierungen bis hin zu Performances undLesungen ist alles dabei.
Die Arei ein ac e Feiva
Wir könnten noch ewig so weiter orakeln. Wie es etwa wird,wenn sich im Rahmen der Fringe-Performance „Rebecca“eine Künstlerin 48 Stunden in einen Keller einsperrt, um dasLeid einer 1590 zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteiltenHexe zu „versinnlichen“, interessiert uns brennend. Auch undvor allem, weil der kühle Keller des „Lokals“ bei den prognos-tizierten Temperaturen der einzige Spielort sein wird, wo mansich sein Leiden noch erarbeiten muss. Aber lassen wir das.Suchen wir lieber nach (Diskurs-)Bojen im Kaltstart-Meer:Einiges, das den Affen im Titel führt. Karl May taucht gleichzweimal als Protagonist auf, auch Büchners „Woyzeck“ wirdzweimal inszeniert. Es gibt Bearbeitungen antiker Stoffe undInszenierungen, die ihr eigenes Gemachtsein reektieren.Intermedialität und Hybridformen sind ein großes Thema –Am Ende werden wir jedoch merken, dass das alles nichtsbringt. Denn Kaltstart wird einfach zu vieles sein: zu vielPerformance, zu viel Autorentheater, zu viel Professionelles,zu viel Amateurhaftes, zu viel Begeisterndes, zu viel Enttäu-schendes. Vielleicht wird Kaltstart das erste Festival sein,bei dem die Hauptarbeit des Publikums vor und nach demVorstellungsbesuch beginnt: Wenn es versuchen muss, dieVielfalt der Eindrücke in seine Horizonte einzuordnen — jenendes Festivals, des Theaters, schließlich der Gegenwart. Vordieser Flut werden alle kapitulieren müssen. Der Plan derNixe — uns hinab zu reißen in den Theaterstrudel — ist dannaufgegangen.
Ein Prognosenessa y zum Festi valstart von Jo Schneider
Seie
Drei
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