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HOMOPHOBIE IM REGGAE _____
Sizzla ist keinUnschuldslamm
Volker Beck, MdB, menschenrechtspolitischerSprecher und parlamentarischer Geschäfts- führer der Grünen hat sich seit Jahren dem Kampf gegen die Homophobie – nicht nur im Reggae und Dancehall – verschrieben. Mit spürbarem Erfolg: Im Laufe der Jahre desaktiven Protestes gegen Konzerte der üblichen jamaikanischen Verdächtigen konntenrechtskräftige Auftrittsverbote und zeit-weilige Einreisesperren in den Schengen-raum erwirkt werden. Einige Reggaefanswerfen Beck jedoch blinden Aktionismus undmangelnde Sachkenntnis vor, sehen in ihm gar den Erzfeind des Reggae. In einem Interview mit Malte Mackenrodt, Moderatorder Internetplattform reggae-town.de, gibt er Einblicke in seine Sichtweisen und macht Hoffnung auf einen Fortschritt im weiterhinandauernden Konflikt.
Foto: Angelika Kohlmeier
 
Malte Mackenrodt (mm):
Herr Beck, invielen Diskussionen über das ThemaHomophobie im Reggae und Dancehalltauchen die Vorwürfe „Eurozentrismus“beziehungsweise „Kulturrelativismus“ alsewige Gegenpole auf. Kann es aus IhrerSicht mit Blick auf das textliche Gebareneiniger zahlenmäßig unterlegener Künstlerso etwas wie „mildernde Umstände“ wegenkultureller Herkunft und Sozialisationgeben?
 
 Volker Beck (vb):
Zunächst einmal: Esist wichtig festzustellen, dass es tatsächlichnur um eine Handvoll Sänger bzw. Gruppeninnerhalb des jamaikanischen Reggaes geht.Die übergroße Mehrheit der deutschen undauch der jamaikanischen Künstler ist nichthomophob. Genau genommen sind diestrafrechtlichen Vorschriften ja erst in derKolonialzeit nach Jamaika importiertworden. Die Homophobie in Jamaika hatdieselben Wurzeln wie in anderenEntwicklungsländern: mangelnde Auf-klärung und Eliten, die ihre eigene Vormachtstellung auch aus derStimmungsmache gegen Minderheitenlegitimieren. Nein: Sizzla und Co. nutzenKlischees und Vorurteile, um daraus
 
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Prominenz und Gewinn zu ziehen. Eshandelt sich hier um Großverdiener, die auf dem Rücken von Minderheiten Geld machen.Das darf man ihnen nicht durchgehenlassen.
 
 Es ist wichtig festzustellen, dass estatsächlich nur um eine HandvollSänger bzw. Gruppen innerhalbdes jamaikanischen Reggaes geht.
 
mm:
Neben der viel zitierten „BunBattyboy“-Metaphorik gibt es ja auchandere, meist subtilere und mit übereifrigzur Schau gestellter Heterosexualitätgepaarte Formen der Homophobie in jamaikanischen Texten. Das Spektrumreicht von Gleichgültigkeit über nüchternesUnverständnis bis hin zu offenkundiger,aggressiver Ablehnung und zumindestverbalen Mordgelüsten. Wo hört für Siekünstlerische Meinungsfreiheit auf, wo fängt Volksverhetzung an?
vb:
In Deutschland ist der Straftatbestandder Volksverhetzung klar definiert: Da wo inder Öffentlichkeit zu Gewalt gegenMinderheiten aufgerufen wird oder der Hassgegen Minderheiten geschürt wird. Ichunterscheide auch: wenn auf Konzertenschwulenfeindliche Witze gemacht werden,dann verurteile ich das und fordere eineEntschuldigung. Der Aufruf zu Mord undGewalt ist aber in keinem Fall von derMeinungs- und Kunstfreiheit gedeckt.
mm:
Manche nennen den derzeitigenKonflikt und die öffentlichkeitswirksamenMittel, mit denen er ausgetragen wird, einungleiches Duell, von einer „mächtigenSchwulenlobby“ ist die Rede, die sich vordem Hintergrund des global existierendenProblems der Homophobie einen fastwehrlosen Gegner als Projektionsfläche ihrer Anliegen ausgesucht hat. Stimmen Sie demzu: Sind jamaikanische „Hasssänger“, wieSie sie gerne und häufig bezeichnen, leichtemediale Beute für einen Berufspolitiker imKampf um mehr Rechte für LGBT?
vb:
Das stellt die Realität auf den Kopf.Sizzla ist kein Unschuldslamm – seine undandere homophobe Lieder führen in Ja-maica nach Berichten von AmnestyInternational oder Human Rights Watch zuganz realen Treibjagden auf schwuleMänner oder Männer, die für schwulgehalten werden. Diese Menschen haben inJamaika nicht nur keine Lobby, sondernwerden sogar vom Staat verfolgt. Darauf aufmerksam zu machen ist auch unsere Aufgabe – getreu dem Motto: Marching forthose, who can’t!
 Homosexualität ist keine freiwillige Entscheidung, sondernunveränderliches Persönlichkeitsmerkmal.
 
Foto: Guido Rottmann
mm
: Einreiseverbote für den Schengen-raum und indizierte Tonträger – ist damitdiese hässliche Sache christlich-kolonialenUrsprungs für Europa vom Tisch?
vb:
Sicherlich nicht – wir müssen Aufklärungsarbeit leisten. Homosexualität
 
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ist keine freiwillige Entscheidung, sondernunveränderliches Persönlichkeitsmerkmal.Dazu arbeiten Stiftungen und Menschen-rechtsorganisationen – ich würde mir aberauch mehr Engagement der Botschaftenwünschen. Wir stärken die Gruppen vor Ort,so dass ihr Engagement nachhaltig wirkenkann. Leider ist es häufig so, dassprominente Kämpfer für die Menschenrechteder Lesben und Schwulen ermordet werdenoder das Land verlassen müssen. Diegenerelle Gewalt in Jamaika ist extrem hoch– da müsste die Bundesrepublik und dieEuropäische Union sehr viel aktiver helfen.
 mm:
Sizzla hat sich im Februar 2010 mitseinem Interview in Zimbabwe quasiselbstständig ins europäische Karriere-abseits befördert und wird auch von derhiesigen Reggaeszene nicht erst seit diesem Vorfall kritisch beäugt. Viele schätzen ihndennoch weiterhin für seine zahlreichenfriedfertigen Lieder. Was meinen Sie müsstepassieren, damit ein Sänger wie Sizzlawieder rehabilitiert und glaubwürdig wird,oder hat er seine Chancen endgültigverspielt?
 
Sizzla hat mehrere Angeboteausgeschlagen und Chancenvertan.
 
vb:
Sizzla hat mehrere Angeboteausgeschlagen und Chancen vertan. Mit dem„Reggae Compassionate Act“ hat manversucht eine Brücke zu bauen. Sizzla hatsich wiederholt davon distanziert undzuletzt – ausgerechnet in Zimbabwe! –betont, dass er die homophoben Lieder ausÜberzeugung singt, weil „die Botschaft daringehört werden müsse“. Andere Künstlerhaben sich glaubwürdiger von ihrenfrüheren Songs verabschiedet. T.O.K. zumBeispiel hat umgedacht, nachdem derBruder eines Bandmitgliedes durch Gewaltums Leben kam. Daraufhin hat T.O.K. denRCA neu unterschrieben und sich nachmeiner Kenntnis bis heute daran gehalten.
mm:
Im Rahmen des verhinderten Auftrittsin Berlin kam es auch zu der gemeinsam vonKünstlermanagement, Veranstalter undLSVD erarbeiteten Idee, Sizzla könne sichmit einer ad hoc unterschriebenen, zwölf-monatigen Kampagne auf Jamaica gegenHomophobie samt Akzeptanzbroschüre und Videostatement einen Auftritt imKesselhaus ermöglichen. Halten Sie das füreine wirksame Erziehungsmaßnahme oderglauben Sie, die Akteure waren sich im Voraus darüber bewusst, dass dieseForderung zu diesem Zeitpunkt zumScheitern verurteilt war?
vb:
Die Idee folgt den Grundsätzen desTäter-Opfer-Ausgleichs und setzt direkt anden Problemen an. Ich finde den Ansatz,dass mehr für die Aufklärung vor Ort inJamaica getan werden müsste, sehr richtig.Ich würde mir wünschen, dass andereKünstler ein solches Engagement zeigen –von Sizzla erwarte ich hier nichts mehr. Ichfand es aber zum Beispiel beeindruckend,dass Shaggy bei seinem großen Benefiz-konzert im Januar in Kingston seinenKollegen Bounty Killer der Bühne verwies,als der mal wieder zum Schwulenbashingansetzte. Das zeigt Zivilcourage und machtauch deutlich, dass nicht „der Reggae“schwulenfeindlich ist, sondern nur einigewenige Interpreten.
mm
: Und Aktionen, wie zum Beispiel derButtersäureanschlag im Wuppertaler U-Club - gerechtfertigt?
vb:
Gewalt ist nie eine Lösung. Ich setze auf  Argumente und auf rechtsstaatliche,präventive Mittel.
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