der jüngsten JIM-Studie des Medien-pädagogischen Forschungsverbunds Süd-west haben bereits 98 Prozent der 12- bis19-Jährigen einen Zugang zum Internet,und sie verbringen damit nach eigenerSchätzung im Durchschnitt 134 Minutenam Tag –nur noch drei Minuten wenigerals mit dem Fernsehen.Allerdings besagt die schiere Dauer we-nig. Die Frage ist, was die „Cyberkids“tun, wenn sie online sind. Und darin un-terscheiden sie sich wenig von früherenJugendgenerationen: Es geht um den Austausch mit ihresgleichen. Fast schondie Hälfte der Zeit verbringen sie damit.E-Mail, Chat und soziale Netzwerke ma-chen zusammen den größten Einzelpos-ten in der Nutzungsstatistik aus.Tom zum Beispiel, ein Mitschüler vonJetlir, steht fast rund um die Uhr mit 30oder 40 Freunden in Verbindung. Die Ka-näle wechseln je nach Gelegenheit: mor-gens ein kleiner Chat am PC, in der gro-ßen Pause ein paar SMS, nach der Schuledie tägliche Facebook-Sitzung, ein paarAnrufe per Handy und abends noch ein,zwei gemütliche Videotelefonate überden Internetdienst Skype.Ob die Verbindung jeweils über das In-ternet hergestellt wird oder nicht, ist of-fenbar ziemlich egal. Es kommt nicht aufdie Medien oder die Geräte an; es zähltnur, wofür sie gut sind. Das können vorallem beim Internet inzwischen ganz ver-schiedene Dinge sein: Mal dient es als Te-lefon, dann wieder als eine Art bessererFernseher. Ein, zwei Stunden guckt Tomtäglich, meist bei YouTube, aber auch gan-ze TV-Sendungen, sofern sie irgendwoabrufbar sind. „Jeder weiß, wie man Fol-gen von Fernsehserien findet, die man se-hen will“, sagt Toms Mitschülerin Pia.Die Unterhaltung ist der zweitgrößtePosten in der Nutzungsstatistik. Inzwi-schen hören mehr Jugendliche ihre Musikbei diversen Abspielstationen im Internetals im Radio. Das ergab schon 2008 eineStudie der Universität Leipzig. Vor allemdas Videoportal YouTube ist nebenher,weitgehend unbemerkt, zur globalenJukebox für den Musikbedarf der Jugendgeworden – kaum ein Song, der dort nichtaufzutreiben wäre.„Das ist auch praktisch, um mal wasNeues zu finden“, sagt Pia. Die Suche istsehr effizient; in der Regel genügt schoneine halbe Textzeile, irgendwo auf einerParty aufgeschnappt, und YouTube liefertdas Video mit dem dazugehörigen Song.So füllt sich das Internet mit den An-geboten älterer Medien; zum Teil tritt esan ihre Stelle. Und das jugendliche Pu-blikum, immer schon auf Austausch undUnterhaltung aus, nutzt dafür nun ver-mehrt das Netz – nicht gerade der Stofffür eine Revolution der Lebensweise.Auch gibt es weiterhin noch ein Lebenfern von Bildschirmen aller Art. Bei neunvon zehn Teenagern steht laut JIM-Studievon 2009 das Treffen mit Freunden ganzoben auf der Liste der Freizeitaktivitäten jenseits der Medien. Noch bemerkenswer-ter: 76 Prozent der Jungen treiben mehr-mals pro Woche Sport; bei den Mädchensind es immerhin 64 Prozent.Vollends erstaunlich ist, was Anfangdes Jahres in den USA herauskam: Selbstdie intensivsten Mediennutzer verbringendort nicht weniger Zeit mit körperlichenAktivitäten als ihre übrigen Altersgenos-sen. Das ergab die Studie „GenerationM2“ der Kaiser Family Foundation.Und wie passt das alles in einen Tag?Wer einfach nur Nutzungszeiten addiert,bekommt ein falsches Bild. Die meistenJugendlichen können problemlos gleich-zeitig telefonieren, bei Facebook stöbernund nebenher Musik hören. Und sie sindwohl vor allem zu jenen Zeiten online,die sonst ungenutzt bleiben würden. „Ichbin im Internet, wenn ich nichts Bessereszu tun habe“, sagt Jetlir. „Und leider auchoft, wenn ich längst schlafen sollte.“ DankMobiltelefon und MP3-Player lassen sichauch unterwegs die ehedem leeren Ni-schen im Tageslauf füllen. So kann dieMediennutzung stetig ansteigen, unddoch bleibt reichlich Lebenszeit erhalten.Obendrein gibt es nach wie vor vieleJugendliche, denen der ganze Online-Rummel egal ist. Immerhin 31 Prozentnutzen die sozialen Netzwerke seltenoder nie. Anna würde „in einer Weltohne Internet höchstens den Bahnfahr-plan vermissen“. Torben findet „einfachdie Zeit zu schade“ für den Computer.Er spielt Handball und Fußball; ihm ge-nügen „zehn Minuten Facebook am Tag“.Mitschüler Tom dagegen vergisst schonmal die Uhr im Hin und Her zwischenFacebook und Chat. „Es ist ein seltsamesGefühl“, gesteht er, „wenn mal wiederso viel Zeit vergangen ist, ohne dass manwas davon hat.“ Er weiß auch, dass aufandere dieser Sog noch weit stärker wirkt.„Wir kennen alle welche“, bestätigt Pia,„die den ganzen Tag im Internet herum-hängen“ – vielleicht nur mangels bessererAngebote, wendet Jetlir ein: „Wenn mandie fragt, ob sie mit rauskommen wollen,sagt auch keiner nein.“Selbst eingefleischte Netzbewohnersind im Übrigen noch lange keine gebo-renen Experten fürs Medium. Wer ausdem Internet Nutzen ziehen will, musserst verstehen, wie die Welt funktioniert,die aus dem Internet spricht. Und daranhapert es oft. Das Einzige, was Jugend -liche den Älteren voraushaben, ist ihreUnbefangenheit am Computer. „Die pro-bieren einfach drauflos“, sagt RenéScheppler, Lehrer an einer WiesbadenerGesamtschule. „Dabei entdecken sie auchalles Mögliche. Sie verstehen nur nicht,wie es funktioniert.“Gelegentlich versucht der Lehrer des-halb, die großen Fragen des Mediums auf-zuwerfen. Zum Beispiel: Woher kommteigentlich das Internet? „Dann heißt es:Wie? Was? Das ist doch einfach da!“, be-richtet Scheppler. „Von allein setzen diesich nicht damit auseinander. Für sie istdas wie ein Auto, es soll fahren.“Und weil die Schüler im Grunde unbe-darft sind, neigen sie umso mehr zurSelbstüberschätzung. „Sie halten sich fürdie wahren Experten“, sagt Scheppler,„aber wenn’s drauf ankommt, können sienicht einmal richtig googeln.“
� 31/2010
122
Online-Welt „Second Life“:
Virtuelle Bühnen werden von den Jugendlichen verschmäht
L I N D E N / S I P A
„Sie denken nicht nach über dasInternet. Das ist für sie wieein Auto, es soll einfach fahren.“
Add a Comment