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Spiegel: Null Blog

Spiegel: Null Blog

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Die Jugend, zur „Netzgeneration“ verklärt, hat in Wahrheit
vom Internet wenig Ahnung. Und die Moden des Web 2.0 – von Bloggen bis Twittern – sind den Teenagern egal. Neue
Studien zeigen: Es gibt für sie immer noch Wichtigeres im Leben.
Die Jugend, zur „Netzgeneration“ verklärt, hat in Wahrheit
vom Internet wenig Ahnung. Und die Moden des Web 2.0 – von Bloggen bis Twittern – sind den Teenagern egal. Neue
Studien zeigen: Es gibt für sie immer noch Wichtigeres im Leben.

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06/12/2013

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T
ag für Tag ist Jetlir online, oft vieleStunden bis spät in die Nacht. Fastimmer ist auf dem Bildschirm dasFenster seines Chat-Programms offen.Freunde und Bekannte schreiben dagleichzeitig durcheinander. Ab und zutippt Jetlir einen Halbsatz in den ruckeln-den Strom der Dialogzeilen, irgendwasWitziges oder ein Hallo, während er sichnebenher durch die Sportvideos bei You-Tube klickt.Jetlir, 17 Jahre alt, Gymnasiast ausKöln, könnte gut in einer der üblichenGeschichten über die „Netzgeneration“auftreten, die sich angeblich im Virtuellenzu verlieren droht.Der Junge ist aufgewachsen mit demInternet; seit er denken kann, ist es da.Seine halbe Freizeit spielt sich ab zwi-schen Facebook, YouTube und dem Chat.Wirklich wichtig aber sind ihm andereDinge, allen voran der Basketball. „DerVerein geht vor“, sagt Jetlir. „Nie würdeich ein Training auslassen.“ Auch sonsthat das echte Leben Vorrechte: „Wennsich jemand mit mir treffen will, macheich sofort die Kiste aus.“Was Jetlir vom Internet erwartet, isteher bescheiden. Die Älteren mögen esfür ein revolutionäres Medium halten,von den Segnungen der Blogs schwärmenund um die Wette twittern. Jetlir ist zu-frieden, wenn seine Freunde in Reich-weite sind und bei YouTube die Videosnie ausgehen. Nie würde es ihm einfallen,ein Blog zu schreiben. Er kennt auchsonst niemanden in seinem Alter, der aufso was käme. Getwittert hat er ebenfallsnoch nie: „Wofür soll das gut sein?“In Jetlirs Alltag spielt das Internet eineparadoxe Rolle: Er nutzt es ausgiebig –aber es interessiert ihn nicht. Es ist un-verzichtbar, aber nur, wenn sonst nichtsanliegt. „Eine Nebensache“, sagt er.Jetlirs Abgeklärtheit ist typisch für dieJugend von heute; das bestätigen mehre-re aktuelle Studien. Ausgerechnet die ers-te Generation, die sich ein Leben ohneInternet nicht mehr vorstellen kann,nimmt das Medium nicht übermäßigwichtig und verschmäht seine neuestenErrungenschaften: Ganze drei Prozentder jungen Leute schreiben selbst einBlog. Und nicht mehr als zwei Prozent
Technik
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INTERNET
Null Blog 
Die Jugend, zur „Netzgeneration“ verklärt, hat in Wahrheitvom Internet wenig Ahnung. Und die Moden des Web 2.0 –vonBloggen bis Twittern –sind den Teenagern egal. NeueStudien zeigen: Es gibt für sie immer noch Wichtigeres im Leben.
beteiligen sich regelmäßig an der Wiki-pedia oder sonst einem vergleichbarenFreiwilligenprojekt.Nicht minder konsequent ignoriert dieNull-Blog-Generation kollektive Link-sammlungen wie Delicious oder Foto-Ge-meinschaftsportale wie Flickr und Picasa.Das ganze hochgelobte Mitmach-Web,auch Web 2.0 genannt, ist den Netzbür-gern der Zukunft offenbar völlig egal.Das ergab eine große Studie des Hans-Bredow-Instituts.Dabei schwärmen Experten seit Jahrenvon einer technikbeseelten Jugend neuenTyps: mobil, vernetzt und chronisch un-geduldig, verwöhnt von der Überfülle derReize im Internet. Ihr Leben verbringesie in steter Symbiose mit Computernund Mobiltelefonen; die Netztechnik seiihr quasi schon ins Erbgut übergegangen.Die Medien nennen sie deshalb „Cyber-kids“, „Generation @“ oder schlicht die„Netzgeneration“.Zu den vielzitierten Wortführern derBewegung gehören der US-Autor MarcPrensky, 64, und sein kanadischer KollegeDon Tapscott, 62. Prensky hat sich dasBild von den „Digital Natives“ ausge-dacht, den Eingeborenen von Digitalien,traumwandlerisch vertraut mit allem, wasdas Internet möglich macht an Teilhabeund Selbstinszenierung – und den Älterenin diesen Dingen uneinholbar voraus.Wer über 25 ist, zählt bei Prensky zu den„Digital Immigrants“, den Zugezogenen,die sich durch ihre Unbeholfenheit verra-ten wie sonst die Migranten mit ihren ul-kigen Akzenten.Eine kleine Industrie von Autoren, Be-ratern und findigen Therapeuten lebt vonder immer gleichen Botschaft: Die Jugendsei durch und durch geformt von dem On-line-Medium, in dem sie groß gewordenist. Speziell die Schule müsse ihr deshalbganz neue Angebote machen; der her-kömmliche Unterricht erreiche diese Ju-gend gar nicht mehr.Belege dafür gibt es kaum. Statt aufStudien stützen die Visionäre sich vor al-lem auf eindrucksvolle Einzelbeispiele ju-gendlicher Netzvirtuosen. Für die ganzeGeneration besagt das freilich wenig, wiedie Forschung inzwischen weiß; sie ist zü-gig dabei, ihren Rückstand aufzuholen.
�  31/2010
 
Zahlreiche Studien haben inzwischenzusammengetragen, wie die Jugend tat-sächlich mit dem Internet umgeht. IhreBefunde lassen vom Bild der „Netzgene-ration“ wenig übrig – und zugleich räu-men sie auf mit dem Glauben an die allesverändernde Macht der Technik.
Die Erhebung des Hans-Bredow-Insti-tuts – Titel: „Heranwachsen mit dem So-cial Web“ – ging dabei besonders gründlichvor. Neben einer repräsentativen Umfragekamen 28 junge Leute in ausführlichen Ein-zelinterviews zu Wort. Wie sich auch hierwieder zeigte, dient das Internet vor allemder Freundschaftspflege. In den sozialenNetzwerken von Facebook bis SchülerVZwird getratscht, gewitzelt und posiert –ganz wie im echten Leben.
Sehr selten ist dagegen der Typ des Pioniers, der online mit Freunden aus Amsterdam und Barcelona Musikstückezusammenfrickelt, über Twitter Spontan-Demos für billige Schülermonatskartenorganisiert oder anderweitig einfallsreichNeuland erobert. Für die meisten Befrag-ten ist das Internet keine neue Welt, son-dern eine nützliche Erweiterung der alten.Entsprechend pragmatisch ist das Verhält-nis zwischen Mensch und Medium: „Wirhaben überhaupt keine Belege dafür ge-funden, dass das Internet die Jugendprägt“, sagt die Salzburger Kommunika-tionswissenschaftlerin Ingrid Paus-Hase-brink, die das Projekt geleitet hat.Die angeblich so virtuosen Netzbürgersind nicht einmal besonders geschickt darin, ihr Medium auszureizen. „Fum-meln können sie“, sagt der HamburgerBildungsforscher Rolf Schulmeister. „Siebringen jedes Programm zum Laufen,und sie wissen, wo sie sich Musik und Fil-me besorgen können. Aber wirklich gutdarin ist auch nur eine Minderheit.“Schulmeister, ein Experte für digitaleMedien im Unterricht, muss es wissen: Erhat sich gerade durch mehr als 70 ein-schlägige Studien aus aller Welt geackert.Auch er kommt zu dem Schluss, dassdas Internet keineswegs die Herrschaftüber die Lebenswelt übernommen habe.„Nach wie vor machen die Medien nureinen Teil der Freizeitaktivitäten aus“,sagt er, „und das Internet ist nur ein Me-dium unter anderen. Für Jugendliche istes immer noch wichtiger, Freunde zu tref-fen oder Sport zu treiben.“Der Marke „Netzgeneration“ dürftedas freilich nicht schaden. „Das ist so einenaheliegende, billige Metapher“, sagtSchulmeister, „die kommt einfach immerwieder hoch.“Zudem scheint allein schon die Statis-tik zu zeigen, wie die Technik immer grö-ßere Teile des Alltags verschlingt. Nach
* Unten: an der Kölner Kaiserin-Augusta-Schule.
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Skateboarder, Internetunterricht*
Der Sport geht vor 
   T   H   E   O   D   O   R   B   A   R   T   H   C   U   L   T   U   R   A   I   M   A   G   E   S   /   F   1   O   N   L   I   N   E
 
der jüngsten JIM-Studie des Medien-pädagogischen Forschungsverbunds Süd-west haben bereits 98 Prozent der 12- bis19-Jährigen einen Zugang zum Internet,und sie verbringen damit nach eigenerSchätzung im Durchschnitt 134 Minutenam Tag nur noch drei Minuten wenigerals mit dem Fernsehen.Allerdings besagt die schiere Dauer we-nig. Die Frage ist, was die „Cyberkids“tun, wenn sie online sind. Und darin un-terscheiden sie sich wenig von früherenJugendgenerationen: Es geht um den Austausch mit ihresgleichen. Fast schondie Hälfte der Zeit verbringen sie damit.E-Mail, Chat und soziale Netzwerke ma-chen zusammen den größten Einzelpos-ten in der Nutzungsstatistik aus.Tom zum Beispiel, ein Mitschüler vonJetlir, steht fast rund um die Uhr mit 30oder 40 Freunden in Verbindung. Die Ka-näle wechseln je nach Gelegenheit: mor-gens ein kleiner Chat am PC, in der gro-ßen Pause ein paar SMS, nach der Schuledie tägliche Facebook-Sitzung, ein paarAnrufe per Handy und abends noch ein,zwei gemütliche Videotelefonate überden Internetdienst Skype.Ob die Verbindung jeweils über das In-ternet hergestellt wird oder nicht, ist of-fenbar ziemlich egal. Es kommt nicht aufdie Medien oder die Geräte an; es zähltnur, wofür sie gut sind. Das können vorallem beim Internet inzwischen ganz ver-schiedene Dinge sein: Mal dient es als Te-lefon, dann wieder als eine Art bessererFernseher. Ein, zwei Stunden guckt Tomtäglich, meist bei YouTube, aber auch gan-ze TV-Sendungen, sofern sie irgendwoabrufbar sind. „Jeder weiß, wie man Fol-gen von Fernsehserien findet, die man se-hen will“, sagt Toms Mitschülerin Pia.Die Unterhaltung ist der zweitgrößtePosten in der Nutzungsstatistik. Inzwi-schen hören mehr Jugendliche ihre Musikbei diversen Abspielstationen im Internetals im Radio. Das ergab schon 2008 eineStudie der Universität Leipzig. Vor allemdas Videoportal YouTube ist nebenher,weitgehend unbemerkt, zur globalenJukebox für den Musikbedarf der Jugendgeworden – kaum ein Song, der dort nichtaufzutreiben wäre.„Das ist auch praktisch, um mal wasNeues zu finden“, sagt Pia. Die Suche istsehr effizient; in der Regel genügt schoneine halbe Textzeile, irgendwo auf einerParty aufgeschnappt, und YouTube liefertdas Video mit dem dazugehörigen Song.So füllt sich das Internet mit den An-geboten älterer Medien; zum Teil tritt esan ihre Stelle. Und das jugendliche Pu-blikum, immer schon auf Austausch undUnterhaltung aus, nutzt dafür nun ver-mehrt das Netz – nicht gerade der Stofffür eine Revolution der Lebensweise.Auch gibt es weiterhin noch ein Lebenfern von Bildschirmen aller Art. Bei neunvon zehn Teenagern steht laut JIM-Studievon 2009 das Treffen mit Freunden ganzoben auf der Liste der Freizeitaktivitäten jenseits der Medien. Noch bemerkenswer-ter: 76 Prozent der Jungen treiben mehr-mals pro Woche Sport; bei den Mädchensind es immerhin 64 Prozent.Vollends erstaunlich ist, was Anfangdes Jahres in den USA herauskam: Selbstdie intensivsten Mediennutzer verbringendort nicht weniger Zeit mit körperlichenAktivitäten als ihre übrigen Altersgenos-sen. Das ergab die Studie „GenerationM2“ der Kaiser Family Foundation.Und wie passt das alles in einen Tag?Wer einfach nur Nutzungszeiten addiert,bekommt ein falsches Bild. Die meistenJugendlichen können problemlos gleich-zeitig telefonieren, bei Facebook stöbernund nebenher Musik hören. Und sie sindwohl vor allem zu jenen Zeiten online,die sonst ungenutzt bleiben würden. „Ichbin im Internet, wenn ich nichts Bessereszu tun habe“, sagt Jetlir. „Und leider auchoft, wenn ich längst schlafen sollte.“ DankMobiltelefon und MP3-Player lassen sichauch unterwegs die ehedem leeren Ni-schen im Tageslauf füllen. So kann dieMediennutzung stetig ansteigen, unddoch bleibt reichlich Lebenszeit erhalten.Obendrein gibt es nach wie vor vieleJugendliche, denen der ganze Online-Rummel egal ist. Immerhin 31 Prozentnutzen die sozialen Netzwerke seltenoder nie. Anna würde „in einer Weltohne Internet höchstens den Bahnfahr-plan vermissen“. Torben findet „einfachdie Zeit zu schade“ für den Computer.Er spielt Handball und Fußball; ihm ge-nügen „zehn Minuten Facebook am Tag“.Mitschüler Tom dagegen vergisst schonmal die Uhr im Hin und Her zwischenFacebook und Chat. „Es ist ein seltsamesGefühl“, gesteht er, „wenn mal wiederso viel Zeit vergangen ist, ohne dass manwas davon hat.“ Er weiß auch, dass aufandere dieser Sog noch weit stärker wirkt.„Wir kennen alle welche“, bestätigt Pia,„die den ganzen Tag im Internet herum-hängen“ – vielleicht nur mangels bessererAngebote, wendet Jetlir ein: „Wenn mandie fragt, ob sie mit rauskommen wollen,sagt auch keiner nein.“Selbst eingefleischte Netzbewohnersind im Übrigen noch lange keine gebo-renen Experten fürs Medium. Wer ausdem Internet Nutzen ziehen will, musserst verstehen, wie die Welt funktioniert,die aus dem Internet spricht. Und daranhapert es oft. Das Einzige, was Jugend -liche den Älteren voraushaben, ist ihreUnbefangenheit am Computer. „Die pro-bieren einfach drauflos“, sagt RenéScheppler, Lehrer an einer WiesbadenerGesamtschule. „Dabei entdecken sie auchalles Mögliche. Sie verstehen nur nicht,wie es funktioniert.“Gelegentlich versucht der Lehrer des-halb, die großen Fragen des Mediums auf-zuwerfen. Zum Beispiel: Woher kommteigentlich das Internet? „Dann heißt es:Wie? Was? Das ist doch einfach da!“, be-richtet Scheppler. „Von allein setzen diesich nicht damit auseinander. Für sie istdas wie ein Auto, es soll fahren.“Und weil die Schüler im Grunde unbe-darft sind, neigen sie umso mehr zurSelbstüberschätzung. „Sie halten sich fürdie wahren Experten“, sagt Scheppler,„aber wenn’s drauf ankommt, können sienicht einmal richtig googeln.“
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Online-Welt „Second Life“:
Virtuelle Bühnen werden von den Jugendlichen verschmäht 
   L   I   N   D   E   N   /   S   I   P   A
„Sie denken nicht nach über dasInternet. Das ist für sie wieein Auto, es soll einfach fahren.“

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