/  4
 
Irina Samochina: Eine erfolgreiche unabhängige Verlegerin in RusslandIrina Samochina ist eine der erfolgreichsten unabhängigen Verlegerinnen inRussland. Die Redaktion ihrer kritischen Wochenzeitung “Krestjanin” hat eineeigene Recherche-Abteilung, die lokalen Autoritäten in Rostow “auf die Zehensteht”. Das Porträt einer ungewöhnlich mutigen Frau aus der russischen Provinz.
Von Jürg Vollmer / maiak.info 
Es ist für Russland ungewöhnlich, dass eine unabhängige Druckerei in der Provinz vierzigBlätter mit 1 Million Gesamtauflage druckt, vom alternativen Gesundheitsmagazin bis zurkritischen Wochenzeitung.Es ist für Russland ungewöhnlich, dass diese unabhängige Wochenzeitung mit demNamen “Krestjanin” eine eigene Recherche-Abteilung hat, die Woche für Woche denlokalen Autoritäten dort auf die Zehen steht, wo es weh tut.
Von der “Prawda” zum “Krestjanin”
All dies ist ungewöhnlich für Russland, dessen Medien von Männern geführt und vomStaat oder von Oligarchen finanziert werden. Genau so ungewöhnlich wie die Frau, diehinter diesem unabhängigen Verlag und der kritischen Wochenzeitung steht.Irina Samochina wurde 1971 in Kursk geboren, geografisch und geschichtlich mitten in derSowjetunion. Ihr Vater war Redakteur der “Prawda”, dem Zentralorgan derKommunistischen Partei, und gründete nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991in Rostow am Don die unabhängige Wochenzeitung “Krestjanin”. Eine der erstenJournalistinnen des “Krestjanin” war seine Tochter Irina, die Journalismus studierte.Nach dem Studienabschluss 1992 plazierte er Irina Samochina aber nicht in derRedaktion, sondern in der Anzeigenabteilung des “Krestjanin”. 1994 wurde sie Leiterin derAnzeigenabteilung und 1996 absolvierte sie ein sechsmonatiges Praktikum inDeutschland, “das mich persönlich und beruflich stark geprägt” hat, erklärt IrinaSamochina.Das Praktikum war für die junge Journalistin wie für den jungen Verlag eine gute“Investition”. Heute ist Irina Samochina Generaldirektorin des Verlagshauses “Krestjanin”in Rostow. Der grösste unabhängige Verlag im Süden Russlands produziert in seinereigenen Druckerei vierzig Blätter mit 1 Million Gesamtauflage, darunter die kritischeWochenzeitung “Krestjanin”.
 
Der “Krestjanin” behauptet sich gegen die Obrigkeit
Die Stadt Rostow gilt als Industriezentrum, das sie umgebende Rostower Gebiet ist wegenseiner fruchtbaren Schwarzerde aber landwirtschaftlich geprägt. Zudem sind vieleStadtbewohner als Selbstversorger in ihrer Datscha so genannte Subsistenz-Bauern.Der “Krestjanin” wird von diesen Bauern und Subsistenz-Bauern gelesen, was in seinemstolzen Namen zum Ausdruck kommt: Als Krestjanin (getaufte Christen) bezeichnen sichseit der Herrschaft der muslimischen Tataren vom 13. bis ins 16. Jahrhundert dieaufsässigen russischen Ackerbauern, die meist Christen waren.Der “Krestjanin” verkauft wöchentlich 24000 Exemplare mit 32 Seiten. Für eine Stadt mit 1
′ 
 Million Einwohnern ist dies auf den ersten Blick keine grosse Auflage. “Es lesen aber nur9,6 Prozent der Russen eine Tageszeitung und unsere staatliche Konkurrenz kann mit dergrossen Kelle anrühren”, erklärt Irina Samochina.So lässt zum Beispiel die Regierung des Rostower Gebietes die Wochenendausgabe der“Rossijskaja Gaseta” in der Gebietshauptstadt Rostow kostenlos an alle Haushalteverteilen. Als Amtsblatt der russischen Regierung zählt die “Rossijskaja Gaseta” nichtgerade zu den regierungskritischen Tageszeitungen.
Die Scheuklappen russischer Medien
“Wir können kritischer schreiben als die anderen Zeitungen, weil wir nicht demBürgermeister von Rostow gehören, nicht dem Gouverneur des Rostower Gebietes undauch nicht dem Kreml!” Irina Samochina stemmt ihre Armee in die Hüften und signalisiertunmissverständlich, wer beim “Krestjanin” den Kurs bestimmt.Tatsächlich kontrolliert der Staat die meisten Medien direkt auf nationaler (“RossijskajaGaseta” von der russischen Regierung) oder lokaler Ebene (TV-Sender TWZ von derMoskauer Stadtverwaltung), indirekt über staatliche Unternehmen (“Iswestija” vonGazprom-Media) oder staatstreue Unternehmer (“Kommersant” von Alischer Usmanow).Deshalb haben die Medien in Russland viel stärker als in Westeuropa den Blickwinkelihres Herausgebers: “Und der ist oft so eng, dass zwischen den Scheuklappen nur dieStaats-Raison Platz findet.”Irina Samochina ist stolz auf die Arbeit ihrer kleinen aber unabhängigen Redaktion: Auf dieaufmüpfige Kolumne “Monologe mit Putin” von Marat Usenko und die eigene Recherche-Abteilung des “Krestjanin”, die jede Woche ein neues Thema kritisch beleuchtet.
 
Die erfolgreiche Recherche-Abteilung des “Krestjanin”
Zum Beispiel den Erpressungsversuch des Staatsanwaltes, der vom erfolgreichstenAgrarunternehmer des Rostower Gebietes einen “Zehnten” verlangte, wie ihn früher dieBauern der Obrigkeit abliefern mussten. Als sich der Unternehmer wehrte, wurde er miteiner fadenscheinigen Begründung zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.“Krestjanin” recherchierte und berichtete in einer gut dokumentierten Artikelserie darüber,dass in Rostow der Staatsanwalt im doppelten Sinne des Wortes für Erpressungenzuständig ist. Den Justizbehörden blieb nichts anderes übrig, als den Agrarunternehmervorzeitig zu entlassen.Die Freude des Staatsanwaltes über diese journalistischen Leistung hielt sich in engenGrenzen. Das wusste auch der Agrarunternehmer, welcher nach seiner Freilassung den“Krestjanin”-Redakteuren eine Ikone schenkte – mit den Worten: „Ich mache mir grosseSorgen um Euch!“
Eigene Druckerei und Redaktionsbüros machen “Krestjanin” unabhängig
Noch vor ein paar Jahren hätte die staatliche Druckerei “zufälligerweise” keinZeitungspapier mehr gehabt, um diese Enthüllungen zu drucken, oder die Justiz hätte diedruckfrische Auflage des “Krestjanin” von der Maschine direkt ins Altpapier gebracht.Deshalb baute Irina Samochina im Jahre 2005 eine eigene Druckerei für den “Krestjanin”.Irina Samochina investierte aber auch in die Redaktion, die in einem modernenBürogebäude mitten in Rostow arbeitet: Sie rüstete die 15 Journalisten der “Krestjanin”-Redaktion mit modernen Computern und Kommunikationsmitteln aus.Alleine mit den Abonnementseinnahmen des “Krestjanin” wäre dies unmöglich. DasAbonnement kostet jährlich nur 680 Rubel, umgerechnet 18 Euro für 52 Ausgaben, mehrkönnte sich die ländliche Bevölkerung gar nicht leisten.Der “Krestjanin” erhält Kredite vom Media Development Loan Fund MDLF, der vomungarisch-amerikanischen Financier George Soros, von der Bank Vontobel und derschweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA finanziert wird.Und Irina Samochina nutzt für ihre kritische Wochenzeitung eine Quersubventionierung mitden Einnahmen aus ihren vierzig Nutzwert-Zeitschriften. Diese Gratisblätter mit hoherAuflage wie “Die Hausapotheke” bringen mit ihren vielen Anzeigen hohe Einnahmen.

Share & Embed

More from this user

Add a Comment

Characters: ...