H.J. Krysmanski - Wem gehört die EU?3
direkten Einfluß auf die Massenmedien aus, da ihre Konzerne den Zeitungen und Zeitschriften,Rundfunk- und Fernsehstationen riesige Beiträge für die Werbung zahlen.“
Was aber heißt nun eigentlich ‚gehören’? So lange wir nur die Frage stellen müssen, wemeine bestimmte Immobilie, ein Handwerksbetrieb, ein Gemälde usw. gehören, erlaubt das bürgerliche Eigentumsrecht ziemlich präzise Antworten. Fragen wir aber, wem ein Konzern,eine Bank, die Deutsche Bahn AG, der Hamburger Hafen usw. gehören, so wird dieFeststellung der Eigentumsverhältnisse schon schwieriger, manches liegt im Verborgenen,scheint unentwirrbar. Schließlich stößt man auf private
Anteils
eigner und damit erstens auf dieKonzentration von riesigen, aus vielen unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen gefiltertenGeldvermögen in den Händen einiger weniger Personen und Familien, und zweitens auf dieVerschiebung öffentlichen Eigentums (des Staates, der Kommunen) und gesellschaftlichenEigentums (Wasser, Natur usw.) in eben diese Sphäre privaten
shareholder
-Eigentums. Wemaber nun eine Stadt, ein Land oder gar Europa gehören – eine solche Frage ist seit demFeudalismus nicht mehr gestellt worden.Könnte es sich vielleicht gar nicht um die Frage des Gehörens, sondern um die desUsurpierens handeln? In Europa sind in den fünfzehn Jahren nach Abschluss des Maastrichter EU-Vertrags die nationalstaatlichen, eigentumsrechtlichen und verteilungspolitischenStrukturen zutiefst verändert und zum Unterbau neuer Herrschafts- und Verfügungsstrukturengemacht worden, für die demokratische Entscheidungsprozesse zum Teil nur noch Garnierungsind. Unter dem Schleier der neoliberalen Deregulierungsideologie erleben wir einenZusammenbruch der Steuerungsinstanzen der bürgerlich-kapitalistischen Welt.
Und auch diein den bisherigen, ‚alten’ Systemen erworbenen Positionsvorteile, Klassenprivilegien usw.werden zur immer rücksichtsloseren Akkumulation von Geld, bis hin zu systemischer Korruption, eingesetzt. Das ist ein neuartiges Regime.Es hat allerdings alte Wurzeln, die beispielsweise etwas mit den historischen Phänomenen der ursprünglichen Akkumulation und mit der Rolle des (absolutistischen) Staates zu tun haben:"Die öffentliche Schuld wird einer der energischsten Hebel der ursprünglichen Akkumulation.Wie mit dem Schlag der Wünschelrute begabt sie das unproduktive Geld mit Zeugungskraftund verwandelt es so in Kapital, ohne daß es dazu nötig hätte, sich der von industrieller undselbst wucherischer Anlage unzertrennlichen Mühe und Gefahr auszusetzen."
DiesesSchuldenmachen ist ja keineswegs ein schicksalhaftes Verhängnis, sondern gehört zu denKernprojekten des Neoliberalismus und ermöglicht heute ja erst die Anhäufung jener gewaltigen Privatvermögen, die den Geldmachtapparat tragen. Nach Michel Chossudovsky istso ein Teufelskreis in Gang gekommen:
„Die Empfänger staatlicher Geschenke sind nun zugleich die Gläubiger des Staates. Dieöffentlichen Schulden, mit denen die Finanzministerien das Big Business gepäppelt haben, werdenvon Banken und Finanzinstitutionen erworben, die sich weiterhin staatlicher Subventionenerfreuen. Eine absurde Situation: Der Staat finanziert seine eigene Verschuldung, indem seineGeschenke in den Kauf von Staatsanleihen zurückfließen. Der Staat ist so in die Zange geratenzwischen mächtigen Wirtschaftslobbys auf der einen Seite, die dafür sorgen, dass die staatlichenGeschenke nicht versiegen, und privaten Finanzhäusern als Gläubigern auf der anderen Seite ...Außerdem sind in den meisten OECD-Ländern die Zentralbank-Statuten geändert worden, um dieForderungen der Finanzeliten zu erfüllen. Jetzt sind sie in aller Regel nominell unabhängig unddem staatlichen Einfluss entzogen – praktisch also zunehmend auf die Gnade privater Gläubiger angewiesen. Die Zentralbank kann dem Staat unter ihren neuen Statuten keinen Kredit mehr
5
F. Lundberg,
Die Reichen und die Superreichen. Macht und Allmacht des Geldes
, Hamburg 1969, S. 116
6
Vgl. Jürgen Roth,
Der Deutschland-Clan
, Frankfurt/M. 2006; Thomas Leif,
Beraten und verkauft
, München2006; Albrecht Müller,
Machtwahn
, München 2006; Jean Ziegler,
Das Imperium der Schande
, München 2005
7
Karl Marx,
Das Kapital
, Bd. 1, MEW 23, S. 787