Zugehörigkeit zu uns und unsere Zugehörigkeit zu ihnen so wenig verleugnen, wie wir diejenigen in weiteFerne von uns abrücken dürfen, die unter Hitler schuldig geworden sind. Zum schmerzlichen Mitfühlen mitden Opfern gehört also auch die Scham, daß wir alle für die Entsolidarisierung, die durch denrechtsradikalen Terror bloßgelegt worden ist, mit einzustehen haben. Es fällt uns wahrlich schwer, dieseVerantwortung, die unsere Leidensfähigkeit fordert, zu tragen. Denn es ist eine traditionelle deutsche -und in den letzten Jahren wieder gezielt geförderte unselige Unsitte, die Kraft zum Akzeptieren vonScham und Schuld mit schmachvoller Schwäche gleichzusetzen. Wir mögen nicht die Weinerlichen, dieLarmoyanten, die Wehleidigen - wie wir alle diejenigen gern zynisch benennen, die uns daran hindern,unsere Schmerzverdrängung, die wir für tapfer, großartig und männlich halten, als kläglich zudurchschauen. Die Deutschen können besser hassen als trauern.Aber nur das Trauern, dessen Vermeidung nach 1945 uns Alexander und Margarete Mitscherlich einstvorgehalten haben, öffnet uns den Weg zur Versöhnung. Wir müssen uns und unseren kritischenNachbarn zugestehen, daß wir uns in der Einbildung verschätzt haben, gegen die Anfälligkeit für Ethnozentrismus und Minderheitenhaß endgültig gefeit zu sein.Der Verfassungsschutz mag ja recht haben, daß die gewalttätigen Skinheads von rechtsradikalenOrganisationen nicht unmittelbar gesteuert werden. Aber sie nähren sich von deren Ungeist. Einen hörteich vor der Fernsehkamera sagen: »Wir machen doch nur mit der Hand, was ihr im Kopf denkt!« Indessengewinnt die neonazistische Szene vor allem Einfluß auf solche schon geschädigte Jugendliche, die nachbelasteter Kindheit und Verlust positiver innerfamiliärer Bindungen ihren letzten Halt in den rebellischmilitanten Gruppen gefunden haben. Aber diese Jugendlichen flüchten nicht nur aus ihren Familien - oder was davon noch übrig ist -, sie verweigern sich auch mit verzweifeltem Trotz einer Gesellschaft, die wenigtut, um sie aufzufangen und ihnen Chancen für eine konstruktive Gestaltung ihrer Zukunft anzubieten.Schon mit dem Wort Zukunft darf man ihnen kaum kommen. Und müssen wir uns nicht fragen, ob wir gemeinsam intensiv genug versucht haben, die Zweifelnden und die Verzweifelnden unter denJugendlichen an eine Zukunft glauben zu lassen, die wir mit hinreichendem Verantwortungssinnfürsorglich für sie vorbereitet haben?Soziale Unverantwortlichkeit entdecken wir zur Zeit in allen sozialen Schichten. Wir entlarven dieKorruption in den Führungsschichten von Politik und Wirtschaft. Wo immer sich Macht angehäuft hat,mißtrauen wir, ob sie nicht mißbraucht wird. Und oft hat unser Mißtrauen recht. Die sozial Schwächeren,einst eine Zielgruppe sozialer Reformen, sehen sich in einem frostigen Ellbogenklima von zunehmender Desintegration bedroht. Immer mehr Druck wird von oben nach unten weitergegeben - und ganz untenentflammt dann die Gewalttätigkeit, die sich in höheren Etagen mit sublimeren Methoden Luft machenkann, als rohe Barbarei. Die Schwachen reagieren sich an den Allerschwächsten ab.Nun können wir, wenn wir wollen, die Brandstifter zu exotischen Bestien stempeln und uns ihrer in der entlastenden Sündenbock-Funktion bedienen. Aber wir haben auch die Chance, im Spiegel der Täter deneigenen Anteil und die eigene Mitverantwortlichkeit auf uns zu nehmen. Richard von Weizsäcker hatteden Mut, nach Solingen zu sagen: »Wenn Jugendliche zu Brandstiftern und Mördern werden, dann liegtdie Schuld nicht allein bei ihnen, sondern bei uns allen, die Einfluß auf die Erziehung haben - bei denFamilien und Schulen, bei den Vereinen und Gemeinden, bei uns Politikern.«Das sollte man nicht nur so verstehen, daß wir bei der Erziehung besser aufpassen sollten, sondern auchso, daß wir bei uns selbst nachsehen müssen, was wir an undurchschauter eigener Destruktivität an dieJugendlichen weitergeben. Es geht also nicht nur um Unterlassungen oder falsche Erziehungswege,sondern zugleich darum, welches Bild wir von uns als Personen und als Gesellschaft im Ganzenvermitteln.Uns diese Prüfung zuzumuten ist keine leichte Anforderung. Sie verlangt die Bereitschaft zur Scham -allerdings mit der Aussicht auf die innere Stärkung, die nur aus der Ehrlichkeit erwachsen kann. Sonstbleiben nur die Flucht in den Haß und das blinde Begehren nach Rache an denen, die unser verlogenesgroßartiges Selbstbild gefährden. So ist die These gemeint: »Wer nicht leiden will, muß hassen.«
ILLUSION, KRÄNKENDE EINSICHT UND VORSICHTIGE HOFFNUNG
Am 18. November 1992 haben sich 1600 Wissenschaftler aus 69 Ländern, darunter 101Nobelpreisträger, mit einer dringenden »Globalen Warnung« an die Weltöffentlichkeit und an dieStaatschefs von 160 Ländern gewandt. In ihrem Text haben sie kurz, präzise und allgemeinverständlichaufgelistet, wodurch die Weltgemeinschaft ihr eigenes Überleben und das Leben auf der Erde überhauptakut bedroht: Vergiftung der Atmosphäre, Ausplünderung der Grundwasservorräte, die bereits in mehr alsachtzig Ländern mit vierzig Prozent der Weltbevölkerung bedenklich geschrumpft sind, Verschmutzungder Meere, Zerstörung von Böden (seit 1945 Verlust landwirtschaftlicher Nutzfläche von mehr als dem
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