Hartmut von Hentig Vorwort zur deutschen Ausgabe
In die Euphorie der Bildungsreform, die auch ihre einstigen Gegner ergriffen hat, wirddieses Buch einschlagen wie eine Bombe. Es wird eine Allianz zwischen Reformernund Bewahrern stiften, die beide sich nicht erträumt haben. Sie werden an ihmentdecken, was sie gemeinsam erhalten wollen, wenn auch mit verschiedenenMitteln: die Schule - die Schule als das öffentlich kontrollierte Instrument der gesellschaftlichen Selbststeuerung. Denn die Schule ist es, die den Fortbestand der Ordnungen und Einrichtungen und Vorstellungen garantiert, aus denen wir alle leben;sie macht das Leben halbwegs berechenbar; sie nimmt den einzelnen ab, was siesich längst nicht mehr zutrauen: die Verantwortung für das, was sie sind. — Für dieReformer wie für die Bewahrer könnte das Buch als Zeichen dafür dienen, wohin eskommen wird, wenn man die Schule nicht «jetzt rettet», ihre Funktion nicht «endlichernst nimmt», sie nicht «voll ausbaut» und «angemessen ausstattet», nicht zu einem«Gesamt-System schließt», wo sie das noch nicht ist.Den Finanzministern und Stadtkämmerern und Parlamenten, die die verkündetennotwendigen Reformen insgesamt nicht bezahlen können; denen, die die Ergebnisseder bisherigen Reform skeptisch gemacht haben; denen, die das alles austragenmüssen, den überlasteten, überforderten, verwirrten Lehrern zumal, kommt das Buchals ein Retter. Es öffnet einen Ausweg — keinen Notausgang, sondern eher einePorta Triumphalis, durch die man gereinigt und gerechtfertigt in die Zitadellezurückkehrt.Der Linken, die die Veränderung der Macht-, der Besitz- und also auch der Bildungsverhältnisse der Gesellschaft will und die in der Schul- und Hochschulreformlängst ein Mittel der Beschwichtung, der technischen Entstörung des alten Systemssieht, damit es um so sicherer überdauere, wird das Buch wie eine Bestätigungerscheinen, so wenig sie der Überantwortung der Bildung an den einzelnen und denfreien Markt zustimmen kann.Die Weisen im Lande schließlich werden den Kopf schütteln: sie werden mitGenugtuung zur Kenntnis nehmen, daß hier einem leichtfertigen Fortschrittsglaubender Prozeß gemacht wird, aber sie werden eine solche Publikation in Deutschland indiesem Augenblick unklug finden — und auch das wird die Aussicht, daß diesesBuch ein Bombenerfolg wird, nicht mindern, sondern eher erhöhen.Denn ob Bombe oder Bresche — das Buch macht ausdrücklich, was andere nur ahnen oder fürchten oder hoffen lassen: Es stellt eine klareRechnung auf; es sagt uns den Preis, den wir für Bildungsfortschritt zahlen, und esnennt die Schuldigen: das sind wir alle, auch die Opfer. Da das Buch geistvoll,politisch engagiert, sprachlich unkonventionell und brillant ist und an unser aller schlechtes Gewissen gegenüber den Armen dieser Welt rührt, wird es von allein vieleLeser finden. Was diese ihm beigegebenen Worte allenfalls tun wollen und können,ist, den Lesern, die bisher anders gedacht haben, ein gutes Gewissen zu geben,wenn sie sich verstört, betroffen oder mitgerissen fühlen. Sie verraten damit ihreSachenicht.Die Wissenschaft, die verantwortete Politik, die Menschen, die mit Ernst und List,Geduld und Klugheit die Veränderung und Verbesserung der Erziehungweitertreiben, werden in einem von Illich aufgeschreckten und beunruhigten Leser einen besseren Bundesgenossen haben als in einem gläubigen Gefolgsmann der fast schon automatischen Bildungsexpansion.Wir leben in einer Welt, in der die Kommunikation nicht nur schnell und unaufhaltsam
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