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Erich Fromm
Haben oder Sein
Die seelischen Grundlagen einer neuen GesellschaftDeutsche Verlags-Anstalt
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel»To Have or to Be?« bei Harper & Row, Publishers, New York, Hagerstown, San Francisco, London.Dieses Buch ist ein Band der »Weltperspektiven«, geplantund herausgegeben von Ruth Nanda Anshen.Herausgeberkomitee der »Weltperspektiven«:Erwin Chargaff, Lord Kenneth Clark, Sir Fred Hoyle,Adolph Löwe, Joseph Needham, I.I. Rabi,Karl Rahner, Lewis Thomas, C. N. Yang, Chiang Yee.© 1976 by Erich FrommIns Deutsche übertragen von Brigitte Stein.l .-20. Tausend Oktober 1976 21-30. Tausend Dezember 1976 31-45. Tausend Februar 1977 46.-60. Tausend verbesserte Aufl. April1977 61-80. Tausend Juni 1977© der deutschen Ausgabe 1976Deutsche Verlags-Anstalt GmbH., StuttgartGesamtherstellung: Druck- und Buchbinderei-WerkstättenMay & Co Nachf., DarmstadtISBN 3 421 01734 4
Der Weg zum Tun ist zu sein.
 Lao-tse
Die Menschen sollten nicht so sehr bedenken was sie
tun
sollen, sondern was sie
 sind.Meister Eckhart 
Je weniger du
bist,
 je weniger du dein Leben äußerst,um so mehr 
hast 
du, um so größer ist dein entäußertes Leben.
 Karl Marx
INHALT
VORWORT 9EINFÜHRUNG:DIE GROSSE VERHEISSUNG, IHR FEHLSCHLAG UND NEUEALTERNATIVEN 11Das Ende einer Illusion 11Warum hat sich die Große Verheißung nicht erfüllt? 13 Die ökonomische Notwendigkeit menschlicher Veränderung Gibt es eine Alternative zur Katastrophe? 1918
Erster Teil:Zum Verständnis des Unterschieds zwischen Haben und Sein
23
l AUF DEN ERSTEN BLICK 25Die Wichtigkeit des Unterschieds zwischen Haben und SeinVerschiedene dichterische Beispiele 26Sprachliche Veränderungen 30Ältere Beobachtungen: Du Marais - Marx 30Zeitgenössischer Gebrauch 31Die etymologische Bedeutung der Begriffe 32Philosophische Konzepte des Seins 34Haben und Konsumieren 3525Inhalt 7 2 HABEN UND SEIN IN DER ALLTÄGLICHEN ERFAHRUNG 37
 
Lernen 37 Erinnern 39 Gespräch 41 Lesen 43Ausübung von Autorität 44 Wissen 47 Glaube 49 Lieben 513 HABEN UND SEIN IM ALTEN UND NEUEN TESTAMENT UND IN DEN SCHRIFTEN MEISTER ECKHARTS 55Das Alte Testament 55 Das Neue Testament 60 Meister Eckhart (1260-1327) 65
 Eckharts Begriff des Habens
65
 Eckharts Begriff des Seins
69
Zweiter Teil:Analyse des grundlegenden Unterschieds zwischen den beidenExistenzweisen
71
4 WAS IST DER HABENMODUS DER EXISTENZ? 73Die Erwerbsgesellschaft - die Basis des HabenmodusDas Wesen des Habens 80Haben - Gewalt - Rebellion 81Weitere Faktoren, die den Habenmodus festigen 84Habenmodus und analer Charakter 85Askese und Gleichheit 86Existentielles Haben 87
73
5 WAS IST DER SEINSMODUS? 89Aktives Sein 90Aktivität und Passivität 91Aktivität und Passivität in der Lehre einiger großer Meister des Denkens 93Sein als Realität 98Der Wille zu geben, zu teilen und zu opfern 101
Inhalt
6 WEITERE ASPEKTE VON HABEN UND SEIN 109Sicherheit - Unsicherheit 109Solidarität - Antagonismus 111Freude - Vergnügen 116Sünde und Vergebung 119Angst vor dem Sterben - Bejahung des Lebens 125Hier und Jetzt - Vergangenheit, Zukunft 126
Dritter Teil:Der neue Mensch und die neue Gesellschaft 129
7 RELIGION, CHARAKTER UND GESELLSCHAFT 131Die Grundlagen des sozialen Charakters 131Sozialer Charakter und »religiöse« Bedürfnisse 132Ist die westliche Welt christlich? 137
 Die »industrielle Religion«
141
 Der »Marktcharakter« und die »kybernetische Religion«
144
Der humanistische Protest 1508 VORAUSSETZUNGEN FÜR DIE VERÄNDERUNG DESMENSCHEN UND DIE UMRISSE DES NEUEN MENSCHEN 165Der neue Mensch 1679 WESENSZÜGE DER NEUEN GESELLSCHAFT 171Eine neue Wissenschaft vom Menschen 171 NACHWORT VON RUTH NANDA ANSHEN 199BIBLIOGRAPHIE 202 REGISTER 207
VORWORT
Dieses Buch setzt zwei Richtungen meines früheren Werkes fort. Es ist eine Erweiterung meiner Arbeiten auf demGebiet der radikal-humanistischen Psychoanalyse und konzentriert sich auf die Analyse von Selbstsucht undAltruismus als zwei grundlegenden Charakterorientierungen. Im letzten Drittel des Buches, in Teil III, führe ichein Thema weiter aus, mit dem ich mich schon in
 Der moderne Mensch und seine Zukunft 
und
 Die Revolutionder Hoffnung 
 beschäftigt hatte: der Krise der heutigen Gesellschaft und der Möglichkeiten, sie zu lösen.
 
Wiederholungen schon früher geäußerter Überlegungen waren unvermeidlich, aber ich hoffe, daß der neue Ansatz,von dem aus diese kleinere Arbeit geschrieben ist, und der weitere Rahmen auch Lesern Gewinn bringen wird, diemit meinen früheren Schriften vertraut sind.Der Titel dieses Buches ist fast identisch mit zwei Titeln anderer Werke: mit dem Titel von Gabriel Marcels Buch,
Sein und Haben
und mit dem Titel des Buches von Balthasar Staehelin
 Haben und Sein.
Alle drei Bücher sind inhumanistischem Geist geschrieben, aber ihr Zugang zum Thema ist verschieden. Marcels Standpunkt ist eintheologischer und philosophischer; Staehelins Buch ist eine konstruktive Diskussion des Materialismus in der modernen Wissenschaft und ein Beitrag zur 
Wirklichkeitsanalyse;
Thema dieses Buches ist die empirische psychologische und soziale Analyse der beiden Existenzweisen. Lesern, deren Interesse an diesem Thema großgenug ist, empfehle ich die Bücher von Marcel und Staehelin. (Daß eine englische Übersetzung von Marcels Buchexistierte und publiziert war, wußte ich bis vor kurzem nicht und las es statt dessen in einer sehr guten privatenenglischen Übersetzung, die Beverley Hughes
 
für mich gemacht hatte. In der Bibliographie ist die publizierte Versionzitiert.)Aus dem Wunsch, dieses Buch leicht lesbar zu machen, habe ich Fußnoten auf ein äußerstes Minimum reduziert -sowohl was die Zahl wie die Länge betrifft. Einige Literaturhinweise erscheinen im Text in Klammern, die genauenAngaben stehen in der Bibliographie. Es bleibt mir nun noch die angenehme Pflicht, denjenigen zu danken, die zumInhalt und Stil dieses Buches beigetragen haben. Als erstem möchte ich Rainer Funk danken, der mir auf vielenGebieten eine große Hilfe war: In langen Gesprächen half er mir, komplizierte Punkte der christlichen Theologie besser zu verstehen; er war unermüdlich, mich auf theologische Literatur hinzuweisen; er las das Manuskript mehrere Male,und seine ausgezeichneten konstruktiven Vorschläge wie auch seine Kritik halfen sehr, das Manuskript zu bereichernund einige Irrtümer zu beseitigen. Sehr zu Dank verpflichtet bin ich Marion Odomirok, deren feinfühlige Redaktion dasBuch sehr gefördert hat. Mein Dank gilt auch Joan Hughes, die gewissenhaft und geduldig die zahlreichen Versionendes Manuskripts getippt hat und mir viele gute Anregungen gab, was Stil und sprachlichen Ausdruck betrifft. Endlichdanke ich Annis Fromm, die das Manuskript in seinen verschiedenen Versionen gelesen hat, immer mit vielen wertvollenAnregungen und Einsichten.Was die deutsche Ausgabe betrifft, so danke ich Brigitte Stein für ihre Übersetzung und Ursula Locke, die das Buch alsLektorin betreute.
EINFÜHRUNG:
DIE GROSSE VERHEISSUNG,IHR FEHLSCHLAGUND NEUE ALTERNATIVEN
Das Ende einer Illusion
Die große Verheißung unbegrenzten Fortschritts - die Aussicht auf Unterwerfung der Natur und auf materiellenÜberfluß, auf das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl und auf uneingeschränkte persönliche Freiheit - daswar es, was die Hoffnung und die Zuversicht von Generationen seit Beginn des Industriezeitalters aufrechterhielt. Zwar hatte die menschliche Zivilisation mit der aktiven Beherrschung der Natur durch den Menschen begonnen, aber dieser Herrschaft waren bis zum Beginn des Industriezeitalters Grenzen gesetzt. Von der Ersetzung der menschlichen undtierischen Körperkraft durch mechanische und später nukleare Energie bis zur Ablösung des menschlichen Verstandesdurch den Computer bestärkte uns der industrielle Fortschritt in dem Glauben, auf dem Wege zu unbegrenzter Produktion und damit auch zu unbegrenztem Konsum zu sein; durch die Technik allmächtig und durch die Wissenschaftallwissend zu werden. Wir waren im Begriff, Götter zu werden, mächtige Wesen, die eine zweite Welt erschaffenkonnten, wobei uns die Natur nur die Bausteine für unsere neue Schöpfung zu liefern brauchte. Die Männer und inzunehmendem Maß auch die Frauen erlebten ein neues Gefühl der Freiheit; sie waren Herren ihres Lebens; die Kettender Feudalherrschaft waren zerbrochen, sie waren aller Fesseln ledig und konnten tun, was sie wollten. So empfandensie es wenigstens. Und obwohl dies nur für die Mittel- und Oberschicht galt, verleiteten deren Errungenschaften anderezu dem Glauben, die neue Freiheit werde schließlich allen Mitgliedern der Gesellschaft zugute kommen, wenn dieIndustrialisierung nur im gleichen Tempo voranschreite. Sozialismus und Kommunismus wandelten sich rasch von einer Bewegung, die eine
neue
Gesellschaft und einen
neuen
Menschen anstrebte, zu einer Kraft, die das Ideal eines bürgerlichen Lebens für alle aufrichtete:
der universelle Bourgeois
als Mann und Frau der Zukunft. Leben erst alle inWohlhabenheit und Komfort, dann, so nahm man an, werde jedermann schrankenlos glücklich sein. Diese Dreieinigkeitvon unbegrenzter Produktion, absoluter Freiheit und uneingeschränktem Glück bildete den Kern der neuen
 Fortschrittsreligion,
und eine neue irdische Stadt des Fortschritts ersetzte die »Stadt Gottes«. Ist es verwunderlich, daßdieser neue Glaube seine Anhänger mit Energie, Vitalität und Hoffnung erfüllte? Man muß sich die Tragweite der Großen Verheißung und die phantastischen materiellen und geistigen Leistungen des Industriezeitalters vor Augenhalten, um das Trauma zu verstehen, das die beginnende Einsicht in ihr Fehlschlag heute auslöst. Denn das
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