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- Preprint -Schiefner, M.; Eugster, B. (2010). Sichtbarkeit von Lehre – Gedanken am Beispiel desLehrpreises. Erscheint in: Peter Tremp (Hrsg.) „Ausgezeichnete Lehre!“
 
Lehrpreise anUniversitäten Erörterungen – Konzepte – Vergabepraxis, 2010
Mandy Schiefner & Balthasar Eugster 
Sichtbarkeit von Lehre – Gedanken am Beispiel des Lehr-preises
Zusammenfassung
Mit der Auslobung von Lehrpreisen wird oft auch eine erhöhte Sichtbarkeit der  Hochschullehre angestrebt. Offenbar ist Sichtbarkeit ein zentrales Qualitätsmerk-mal guter Lehre. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Metapher, die nicht weniger verhüllt als offenlegt. Sichtbarmachung soll zum Dialog über Lehre beitragen, de-ren Qualität verbessern und zugleich Lehrkompetenzen belegen. So zielen Lehr- preise auf den Dialog nach aussen, legitimieren Lehranstrengungen und sind, zu-mindest für die Preisträger, ein Kompetenznachweis. Doch es bleibt kritisch zu fra- gen, was Lehrpreise über diese Funktionalität hinaus sichtbar machen. Dieser  Frage wollen wir im Vergleich zu anderen Instrumenten der Sichtbarmachung von Lehre nachgehen. Das Metaphorische der „Sichtbarkeit“ lässt vermuten, dass Lehrpreise nicht herausragende Qualität abbilden, sondern Sinnhorizonte für Qua-litätserwägungen erzeugen
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1 Sichtbarkeit als Schlagwort
Politische Parolen bringen auf den Punkt und simplifizieren die Komplexität der Wirklichkeit bis zur Schmerzhaftigkeit von Schlagworten. Wie auch immer Wahr-heit sich dabei noch zu behaupten weiss, Slogans und Kampfworte bergen einKörnchen ebendieser Wahrheit und verweisen auf das, was Mehrheiten binden solloder kann.Die Sichtbarkeit der Lehre ist scheinbar von solcher eingängigen Einfachheit.So hat im Februar 2008 die Fraktion der CDU dem Abgeordnetenhaus Berlin unter dem Titel "Bedeutung exzellenter Lehre sichtbar machen - Lehrpreis jetzt einfüh-ren" einen Antrag gestellt (CDU Berlin, 2008). Wer oder was spräche da dagegen?Die politische Fraktion befindet sich mit ihrer Wortwahl in bester Gesellschaft.Sie kann sich eines Pathos bedienen, das auf erhabene Feierlichkeit verpflichtet.Lehrpreise werden ausgelobt - immer wieder mit der Beschwörungsformel, dass die
 
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Auszeichnung um der sichtbaren, exzellenten Lehre willen geschehe. Oder wie es bei der Ausschreibung des Lehrpreises 2009 der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster etwa heisst:
"Der Preis soll die besondere Bedeutung der Hochschullehre sichtbar machen undzeichnet überdurchschnittliches Engagement und beispielhafte Leistungen in der Hochschullehre an der Universität Münster aus." (Westfälische Wilhelms-Universität Münster, 2009).
 Nur um Nuancen anders klingt es in der Ausschreibung des Lehrpreises des LandesRheinland-Pfalz:
"Im Rahmen des Hochschulprogramms "Wissen schafft Zukunft" ist mit der Ver-gabe von individuellen Lehrpreisen das Ziel verbunden, herausragende Leistun-gen in der Lehre zu würdigen und hierdurch eine qualitativ hochwertige Lehre zufördern sowie die Lehrleistungen der rheinland-pfälzischen Hochschulen sichtbar zu machen und einen Anreiz zu einem weiteren Engagement im Bereich der Leh-re zu bieten." (Hochschulevaluierungsverbund, 2009)
"Sichtbarkeit" scheint ein starkes Argument, ein Qualitätsmerkmal für sich zu sein,das kaum einer weiteren Erklärung oder Begründung bedarf. Mehr noch: Lehrprei-se postulieren jeweils, dass vor allem gute oder exzellente Lehre sichtbar wird.Diesseits von Sonntagsreden und Preisglamour aber bleibt kritisch zu fragen, wasdenn mit dem Konzept "Sichtbarkeit" wirklich in den Blick genommen wird, wel-che Aspekte von Lehr- und Lernprozessen für Sichtbarkeit relevant sind. Dieser Artikel möchte erste Gedanken in dieser Richtung formulieren und zur Diskussionstellen.
2 Sichtbarmachung als Konzept
Wenn man ein Konzept wie „Sichtbarmachung“ näher beleuchten will, hilftmanchmal ein Blick in andere Welten. Ein schönes Beispiel, das den Denkraumöffnet, schildert William Butler Yeats, wenn er in der viel zitierten Schlusszeileseines Gedichts «Among School Children» vieldeutig fragt "How can we know thedancer from the dance?" (Yeats, 1949, S. 108). Seine figurative Rede verweist auchauf die unerwartete Unsichtbarkeit des wie selbstverständlich Sichtbaren. Was sollder Tanz anderes sein, als was die Tanzenden offensichtlich tun? Und dochschleicht sich womöglich der Zweifel ein, wie und als was der Tanz denn über-haupt erkennbar sei, wenn man ihn losgelöst von den konkreten Bewegungen kon-kreter Tanzender zu denken versucht. Auch wenn man fasziniert die Tanzenden inihrer choreographierten Beweglichkeit beobachtet - dass man dabei den Tanz ansich wahrnimmt, ist so offensichtlich nicht. Um den Tanz zu erkennen, braucht eseine Abstraktionsleistung, die über die Beobachtung der Tanzhandlung hinausgeht
 
Sichtbarkeit von Lehre Gedanken am Beispiel des Lehrpreises 7
und sich zugleich in einem Widerspruch verheddert. So ist der Tanz, was wir nichtsehen, wenn wir das Tun der Tanzenden als Tanz sehen. Es ist die alte hartnäckigeZirkularität des Wechselspiels von Form und Inhalt (Materie), die das verbindendeGemeinsame (die Form) von konkreten Handlungen (als der materiellen Grundlageeines Handlungsmusters) doch wieder nur im Rückbezug auf das einzelne Handelneines einzelnen Handlungssubjekts begründen kann. Insofern ist die Sichtbarkeitdes Tanzes eine Metapher, die uns im Umgang mit diesem Widerspruch hilft, dasswir nicht anders können, als die Tanzenden als Tanzende zu sehen, obgleich wir eigentlich wissen, dass wir die Tanzenden als Tanzende nicht sehen können.Wie mit dem Tanz verhält es sich auch mit der (Hochschul-)Lehre. Unüberseh- bar wird an Hochschulen gelehrt und gelernt, werden ungezählte Powerpoint-Präsentationen erstellt, Tausende von Leistungsnachweisen erbracht und bewertet,allabendlich Hörsäle und Seminarräume geputzt. Und doch wird vielerorts – wieoben beispielhaft gezeigt – mit Nachdruck gefordert, Hochschullehre, und vor al-lem
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Hochschullehre, (deutlicher) sichtbar zu machen. Auch hier gilt offenbar die oben angedeutete Einsicht, dass wir das, was wir sehen, nicht sehen. Irgendwieist das Lehren und Lernen an Hochschulen überpräsent und doch nicht so richtigeinsehbar, sind Lehrende Akteure in einem Geschehen, das stets auf ein anderes,eigentliches Ereignis verweist.Die Sichtbarkeit der Hochschullehre ist eine Metapher, die auch an die Traditi-on der reichen Bebilderung der Diskurse über Bildung anknüpft. All diesen ist ge-meinsam, dass sie das Innenleben von Bildungsprozessen zu veranschaulichen su-chen, obgleich das Konzept "Bildung" sich solchen bildgebenden Verfahren syste-matisch entzieht (siehe auch bei Koselleck, 2006, S. 105ff.). So ist zu vermuten, eserhebe zumindest ein impliziter Bildungsanspruch, wer die fehlende Sichtbarkeitder Hochschullehre moniert. Wahrgenommene Lehre ist dabei zugleich Gegenstandund Referenzpunkt der (Selbst-)Reflexion auf Lehren und Lernen und wird so zumkonstitutiven Element von Bildung als einem Deutungsmuster für übergeordnetekulturelle Entwicklungsprozesse
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. Hochschulen als Orte, an denen dem LehrenGewicht beigemessen wird, binden das gesellschaftliche Wissen an den Vermitt-lungszusammenhang von gebildeter Expertise und bildungsneugieriger Lernbereit-schaft zurück und überlassen es nicht den Mechanismen einer kulturell unbedach-ten Erkenntnisgewinnungsmaschinerie. Bildungstheoretisch angerufen wird mit der Metapher der sichtbaren Hochschullehre also auch das ebenso viel bemühte wievieldeutige Verhältnis von Forschung und Lehre. Forschung ist das eine, aber nichtdas Ganze der (universitären) Hochschule. Sie generiert wissenschaftliches Wissenin der Verpflichtung auf Wahrheit und muss diese Wahrheit diskursiv, also durch
1 Siehe zur historischen Herausbildung dieses Verweisungszusammenhangs auch bei Bollen- beck (1996, S. 143ff.).

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