Sichtbarkeit von Lehre – Gedanken am Beispiel des Lehrpreises 7
und sich zugleich in einem Widerspruch verheddert. So ist der Tanz, was wir nichtsehen, wenn wir das Tun der Tanzenden als Tanz sehen. Es ist die alte hartnäckigeZirkularität des Wechselspiels von Form und Inhalt (Materie), die das verbindendeGemeinsame (die Form) von konkreten Handlungen (als der materiellen Grundlageeines Handlungsmusters) doch wieder nur im Rückbezug auf das einzelne Handelneines einzelnen Handlungssubjekts begründen kann. Insofern ist die Sichtbarkeitdes Tanzes eine Metapher, die uns im Umgang mit diesem Widerspruch hilft, dasswir nicht anders können, als die Tanzenden als Tanzende zu sehen, obgleich wir eigentlich wissen, dass wir die Tanzenden als Tanzende nicht sehen können.Wie mit dem Tanz verhält es sich auch mit der (Hochschul-)Lehre. Unüberseh- bar wird an Hochschulen gelehrt und gelernt, werden ungezählte Powerpoint-Präsentationen erstellt, Tausende von Leistungsnachweisen erbracht und bewertet,allabendlich Hörsäle und Seminarräume geputzt. Und doch wird vielerorts – wieoben beispielhaft gezeigt – mit Nachdruck gefordert, Hochschullehre, und vor al-lem
gute
Hochschullehre, (deutlicher) sichtbar zu machen. Auch hier gilt offenbar die oben angedeutete Einsicht, dass wir das, was wir sehen, nicht sehen. Irgendwieist das Lehren und Lernen an Hochschulen überpräsent und doch nicht so richtigeinsehbar, sind Lehrende Akteure in einem Geschehen, das stets auf ein anderes,eigentliches Ereignis verweist.Die Sichtbarkeit der Hochschullehre ist eine Metapher, die auch an die Traditi-on der reichen Bebilderung der Diskurse über Bildung anknüpft. All diesen ist ge-meinsam, dass sie das Innenleben von Bildungsprozessen zu veranschaulichen su-chen, obgleich das Konzept "Bildung" sich solchen bildgebenden Verfahren syste-matisch entzieht (siehe auch bei Koselleck, 2006, S. 105ff.). So ist zu vermuten, eserhebe zumindest ein impliziter Bildungsanspruch, wer die fehlende Sichtbarkeitder Hochschullehre moniert. Wahrgenommene Lehre ist dabei zugleich Gegenstandund Referenzpunkt der (Selbst-)Reflexion auf Lehren und Lernen und wird so zumkonstitutiven Element von Bildung als einem Deutungsmuster für übergeordnetekulturelle Entwicklungsprozesse
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. Hochschulen als Orte, an denen dem LehrenGewicht beigemessen wird, binden das gesellschaftliche Wissen an den Vermitt-lungszusammenhang von gebildeter Expertise und bildungsneugieriger Lernbereit-schaft zurück und überlassen es nicht den Mechanismen einer kulturell unbedach-ten Erkenntnisgewinnungsmaschinerie. Bildungstheoretisch angerufen wird mit der Metapher der sichtbaren Hochschullehre also auch das ebenso viel bemühte wievieldeutige Verhältnis von Forschung und Lehre. Forschung ist das eine, aber nichtdas Ganze der (universitären) Hochschule. Sie generiert wissenschaftliches Wissenin der Verpflichtung auf Wahrheit und muss diese Wahrheit diskursiv, also durch
1 Siehe zur historischen Herausbildung dieses Verweisungszusammenhangs auch bei Bollen- beck (1996, S. 143ff.).
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