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TABU-THEMA|MOBILFUNKSTRAHLUNG
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Funkstille über
Wer als Journalist über Gesundheitsschäden durch Mobilfunk berichten will, erlebt merkwürdige Dinge. Von umgeschriebenen Artikeln, Sendetermin-Problemen und gekippten Enthüllungsstorys.
VON
UWE KRÜGER 
D
er Stein des Anstoßes war eine etwasesoterisch anmutende Zeitschrift namens
Raum und Zeit 
. Marc Lutz, Werbefilm-Student an der Filmakademie Ludwigsburg, war zu Besuch bei einer Freundin, die von Beruf Heilpraktikerin ist. Bei ihr lag immer viel eigenartigeLiteratur herum, und nun zeigte sie dem 24-Jährigeneinen Artikel über Mobilfunkstrahlung. Skeptischbegann er zu lesen. Ein Physiker kritisierte eineBroschüre des bayrischen Umweltministeriums, dieSendemasten völlige Unbedenklichkeit bescheinigte.Lutzens Skepsis schwand, als der Physiker ein Argument nach dem anderen sezierte und widerlegte.Ein Funkmastarbeite nur mitder lächerli-chen Leistung von 2 oder 3Watt, beruhigtedie Broschüre.Falsch, sagte derPhysiker: Unten gehen zwar nur wenige Watt hinein,oben kommen aber 80.000 Watt heraus. Marc Lutz war elektrisiert und begann, neben seinem Studiumund den Werbefilm-Dreharbeiten zu recherchieren– über ein Problem, das offiziell nicht existiert.»Ich fand heraus, dass viele Menschen schon krankgeworden sind, dass Deutschland einen der höchs-ten Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung weltweit hatund dass dieser Grenzwert auf einen industrienahenWissenschaftler-Verein in München zurückgeht«,erzählt der heute 31-Jährige, »es war ein Skandal ers-ten Ranges.« Er schrieb ein Exposé für einen Film,fand in seinem Bekanntenkreis eine Kamerafrauund zwei Produzenten und ging auf die Suche nachGeldgebern.Seine erste Station war
RTL Explosiv 
, dort arbeite-te eine gute Bekante. Die sagte: »Super Thema – aberüberleg mal, wer bei uns die Werbespots schaltet.«Er klopfte beim Südwestrundfunk an, dort arbeiteteein Freund. Der fand das Thema spannend, wurdeaber von seiner Redaktion bald ausgebremst. BeimBayrischen Rundfunk wenig später dasselbe. »Eshieß immer, das Thema haben wir ständig in kleinenBeiträgen«, erzählt Lutz, »aber diese Beiträge ende-ten ja immer dort, wo es richtig brisant wird – beimHintergrund der Grenzwerte.«Irgendwann wollte Lutz sein Material nur nocheinem anderen Journalisten übergeben, der es mög-lichst öffentlichkeitswirksam herausbringt. Er rief beider dpa an. »Der für Mobilfunk zuständige Redakteurfragte gleich, woher ich das alles habe. Er schien dasalles schon zu wissen und wollte nur meine Quellenerfahren«, so Marc Lutz. Danach wandte er sich anden
Stern 
. Auch dort reagierte der Redakteur zurück-haltend, vertröstete ihn auf nach seinem Urlaub, undder Kontakt verlief im Sande.
Im Volk brodelt es
Für die Redaktionen ist das Thema Mobilfunkstrahlungoffenbar wenig sexy. Doch sie scheinen in einer anderenWelt zu leben als der Rest der Bevölkerung, wo gewaltigeUnruhe herrscht, seitdem das Netz der UMTS-Mastenrasant ausgebaut wird. Zahllose Bürgerinitiativen kämp-fen gegen Sender in der Nachbarschaft, im Internet wim-melt es von Webseiten wie »Informationszentrum gegenMobilfunk«, »Bürgerwelle« oder »Elektrosmog-News«.Mobilfunkkritische Ärzte gründen Initiativen wie den»Freiburger Appell« oder den »Bamberger Appell« unddokumentieren Krankheiten, von Kopfschmerzen bisBrustkrebs, die nach der Aufstellung von Funkmastengehäuft auftraten.
Die Bekannte bei RTL Explosiv sagte: »Super Thema – aber überleg mal, wer bei uns dieWerbespots schaltet.« 
 
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Strahlungsschäden
Doch deren Gutachten und Schreiben anGesundheitsämter, Ministerien und das Bundesamtfür Strahlenschutz stoßen auf Desinteresse. Dabei warnt das Bundesamt für Strahlenschutz selbstschon seit einigen Jahren vor zu viel Handykonsum vor allem bei Kindern, und führenden deutschen Versicherungsfirmen ist die Sache ebenfalls nichtgeheuer: Sie haben in ihren Policen für Handyherstellerund Mobilfunk-Netzbetreiber die Versicherung derRisiken von Elektrosmog wegen der »nicht einschätz-baren Gesundheitsgefahren« ausgeschlossen (
SZ 
 28.1.2004).In den Medien kommt von alledem wenig an.Dabei mangelt es nicht einmal an Journalisten, die zumThema recherchieren – nur mit dem Veröffentlichenist es nicht so einfach. Zwei Jahre lang hat zumBeispiel der Filmemacher Klaus Scheidsteger für sei-nen Film »Der Handykrieg« in den USA recherchiert.Dessen Protagonist, der Washingtoner EpidemiologeGeorge Carlo, ist einer der ärgsten Feinde derMobilfunkindustrie. Dabei leitete er in den 90er Jahren im Auftrag der US-Mobilfunkindustrie eine 28Millionen Dollar teure Studie über Gesundheitsfolgender Handystrahlung. Seine Ergebnisse gefielenden Geldgebern jedoch nicht: DNA-Schäden undHirntumore bei Vieltelefonierern. Als Carlo sie öffent-lich machte, fiel er in Ungnade, wurde verleum-det, und – mysteriös – sein Haus brannte nieder.Heute hilft er Handy-Geschädigten als Gutachter inSchadenersatzprozessen vor US-Gerichten.Filmemacher Scheidsteger, der das Thema entdeck-te, nachdem Freunde von ihm erkrankt waren, konn-te den MDR zur Mitfinanzierung der Dokumentationbewegen. Im Dezember 2005 gab er eine 45-Minuten-Fassung ab. Der MDR überwies das Geld, ließ denFilm aber erst einmal in der Schublade verstauben.Nach einem Jahr fand er sich endlich im Programm:10.35 Uhr morgens lief am 7. Dezember 2006 eine
»Der Handykrieg«: Die Dokuwurde gekürzt im MDR-Vormittagsprogramm gesendet.
 
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um 15 Minuten gekürzte Version; noch dazu so kurz-fristig anberaumt, dass die Programmzeitschriften fürdiesen Sendeplatz die Wiederholung einer anderenReportage ankündigten. Scheidsteger war aufge-bracht: Die Änderungen seien nicht mit ihm abge-stimmt gewesen, und das heiße Thema solle mitdiesem Sendeplatz offensichtlich »unter dem Radar«laufen.Beim MDR gibt man andere Gründe an: man-gelnde Qualität. »Der Film entsprach handwerklichund inhaltlich nicht unseren Standards«, sagt ClaudiaSchreiner, Programmchefin Kultur und Wissenschaft,»was Spannungsbogen, Handlungsstränge, logische Abfolge der Argumente und Kameraarbeit angeht.«Im Vertrag mit Scheidsteger sei deshalb ausdrücklichdie Bearbeitung und Kürzung eingeschlossen gewe-sen. »Außerdem fehlte der Deutschland-Bezug«,so Schreiner weiter, »was schade ist, denn es ist jaein Thema, das auch hierzulande Bedeutung hat.«Was die Qualität angeht, so hat der MDR offenbardeutlich strengere Maßstäbe als Frankreichs größteröffentlich-rechtlicher Sender France 2. Der hatte denFilm im Mai 2006 im späten Abendprogramm aus-gestrahlt, in voller Länge. Das Argument des fehlen-den Lokalbezugs klingt dagegen absurd: Genau jeneSzenen, die in Wiener Labors gedreht wurden und diebeunruhigenden Ergebnisse einer EU-Studie zeigten,fehlten in der MDR-Version.
Regionales und Kurioses
Das Thema Handy-Smog wird nicht gänzlich unterden Teppich gekehrt, findet aber in aller Regelnur im Regionalen statt. So berichtete das MDR-Magazin
exakt 
im März 2006 über die thüringischeKleinstadt Steinbach-Hallenberg, in der 17 Menscheninnerhalb weniger Jahre an Krebs erkrankt sind– alle wohnen im Hauptstrahl eines Funkmastes.Der Bayerische Rundfunk brachte einen Vierminüterüber Oberammergau, wo der Bürgermeister den T-Mobile-Masten den Strom abdrehen wollte, nach-dem eine Neujustierung der Masten bei AnwohnernBeschwerden hervorgerufen hatte (22.11.2006);
E
s ist immer dieselbe Antwort, die Gesundheitsämter und Ministerienauf Briefe von Ärzten geben, die auf Leiden ihrer Patientenim Zusammenhang mit Funkstrahlen aufmerksam machen: »BeiEinhaltung der Grenzwerte der 26. Verordnung zur Durchführung desBundesimmissionsschutzgesetzes ist der Schutz der Gesundheit sicherge-stellt.« Ein Blick auf diese Grenzwerte lohnt sich.Deutschland hat einen der höchsten weltweit: 10 MillionenMikrowatt pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Russland, das schon viellänger zum Strahlen-Thema forscht, lässt nur 20.000 Mikrowatt zu, dieWissenschaftsdirektion STOA des EU-Parlamentes empfiehlt höchstens100 Mikrowatt. Der deutsche Grenzwert, 1997 verabschiedet, ist von derWHO empfohlen und hat zwei Kontrollinstanzen passiert: das Bundesamtfür Strahlenschutz (BfS) und die Strahlenschutzkommission (SSK). Dasklingt vertrauenerweckend – bis man in die personellen Details eintaucht.Denn die WHO hat ihre Empfehlung übernommen von derInternational Commission on Non-Ionizing Radiation Protection (ICNIRP).Dieses Gremium ist kein Teil der WHO, sondern ein Verein, der beim Amtsgericht München eingetragen ist. Er besteht aus 14 Wissenschaftlernaus verschiedenen Ländern, die teilweise auch für die Industrie arbei-ten. Vorsitzender der ICNIRP war von 1996 bis 2000 der Physikerund Biophysiker Jürgen Bernhardt. Bernhardt arbeitete in den Jahren1989 bis 1998 im Bundesamt für Strahlenschutz als Abteilungsleiter für»Medizinische Strahlenhygiene und Nichtionisierende Strahlung«, under saß ebenfalls in der Strahlenschutzkommission, als Vorsitzender des Ausschusses »Nichtionisierende Strahlen« (von 1987 bis 1989 und von1999 bis 2002). In einer anderen Funktion hat er also die Grenzwerte, dieer selbst vorgeschlagen hat, abgesegnet.Einen interessanten Einblick in Bernhardts Denken gibt einFernsehinterview vom 29.1.1997 auf 3sat (»Risiko Elektrosmog«). Darinräumte er ein, dass es »Hinweise auf krebsfördernde Wirkungen undStörungen an der Zellmembran« gebe, aber: »Wenn man die Grenzwertereduziert, dann macht man die Wirtschaft kaputt, dann wird derStandort Deutschland gefährdet.« Da macht er sich die gleichen Sorgen wie Ex-Kanzler Schröder, der im November 2001 einen Vorstoß seinesUmweltministers Trittin zur Grenzwertsenkung blockierte, »um Unruhein der Wirtschaft zu vermeiden« (
Berliner Zeitung 
, 10.11.2001).Übrigens: Bei der WHO zuständig für das Thema ElektromagnetischeFelder war bis vor wenigen Monaten der australische WissenschaftlerMichael Repacholi. Von 1992 bis 1996 war er Vorsitzender der ICNIRP,seitdem ist er einfaches Mitglied.
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(Quelle: Thomas Grasberger/Franz Kotteder: Mobilfunk – Ein Freilandversuch am Menschen. Kunstmann-Verlag, München 2003) 
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INTERGRUND
 
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OBILFUNK
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RENZWERTE
 

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