Welcome to Scribd, the world's digital library. Read, publish, and share books and documents. See more
Download
Standard view
Full view
of .
Look up keyword
Like this
1Activity
0 of .
Results for:
No results containing your search query
P. 1
Politische Dauerkrise in Kiew: Destruktiver Semipräsidentialismus und fehlende EU-Perspektive

Politische Dauerkrise in Kiew: Destruktiver Semipräsidentialismus und fehlende EU-Perspektive

Ratings: (0)|Views: 33|Likes:
Published by Andreas Umland
Aussenpolitik.net [German Council on Foreign Relations DGAP], 12 January 2010.
Aussenpolitik.net [German Council on Foreign Relations DGAP], 12 January 2010.

More info:

Categories:Types, Research, Law
Published by: Andreas Umland on Sep 27, 2010
Copyright:Attribution Non-commercial

Availability:

Read on Scribd mobile: iPhone, iPad and Android.
download as PDF, TXT or read online from Scribd
See more
See less

09/27/2010

pdf

text

original

 
AUSSENPOLITIK.NET 
1
Aussenpolitik.net
Redaktion:
Prof. Dr. Eberhard Sandschneider (V.i.S.d.P)Andreas Alvarez y Semtner, Leiter Lucas Lypp, wissenschaftlicher Mitarbeiter 
----------------------------Analyse
Politische Dauerkrise in Kiew. DestruktiverSemipräsidentialismus und fehlende EU-Perspektive 
von Andreas Umland, veröffentlicht auf aussenpolitik.net: 12.01.2010
Die Präsidentschaftswahlen 2010 rücken die Ukraine erneut ins Blickfeld derinternationalen Politik. Das Land ist Zankapfel zwischen Ost und West, russischemIntegrationsanspruch und NATO-Perspektive, dabei tief gespalten in außenpolitischenGrundsatzfragen. Hinzu kommt die Verunsicherung wegen der Zurückweisung der EU-Ambitionen und der Unzulänglichkeiten des eigenen politischen Systems. Die staatlicheund wirtschaftliche Transformation ist ins Stocken geraten. Kiew sollte sich rasch für eineIntegrationsoption entscheiden. Dazu aber muss die EU der Ukraine eineBeitrittsperspektive geben, zu bedeutsam ist auch für Brüssel die sicherheitspolitischeVerortung des großen östlichen Nachbars. [Zusammenfassung: Lucas Lypp]
 Beitrag erschienen in:aussenpolitik.net, 12. Januar 2010. Die Ergebnisse des Anfang November 2009 veröffentlichten „Pew Global Attitude Project“ zuden postkommunistischen Ländern waren bezüglich der Ukraine ernüchternd. Die Umfragedokumentierte mit bedrückender Eindeutigkeit die wachsende Desillusionierung der Ukrainer mit ihrer in der Orange Revolution 2004 an und für sich eindrucksvoll bekräftigten Entscheidungfür einen demokratischen Entwicklungsweg. Demnach war der Rückgang der Bejahung vonDemokratie in der Ukraine im Zeitraum 1991 bis 2009 mit minus 42 Prozent der größte und dieverbliebene Unterstützung für Demokratie mit 30 Prozent die niedrigste unter den untersuchten postsozialistischen Ländern.
1
 
 
AUSSENPOLITIK.NET 
2
Für die nochmals gestiegene Unzufriedenheit der Ukrainer mit ihrem politischen System auchnach dem Demokratisierungsschub von 2004 lassen sich eine Vielzahl an Faktoren anführen.Zwei jener Phänomene der letzten Jahre, die diese Entwicklung mitbestimmt haben, können alsMissverständnisse über die Quellen dieser Dauerkrise verstanden werden. Zum einen werden dieAuswirkungen der semipräsidentiellen Struktur der ukrainischen Demokratie auf die aktuelleninneren Probleme der Ukraine unterschätzt. Die zweite Fehlinterpretation - bezüglich der Effekteder EU-Ukrainepolitik - betrifft zwar scheinbar die Außenbeziehungen und die langfristigeOrientierung des Landes, hat jedoch ebenfalls Folgen für heutige und innere Prozesse,insbesondere für aktuelle Tendenzen in der ukrainischen Elite. Sollten diese beidenMissverständnisse weiterhin die ukrainische und westliche Diskussion um die Zukunft der Ukraine verzerren, erscheinen die Perspektiven der Ukraine für das Jahr 2010 und danach unklar.
Die semipräsidentielle Sackgasse
Ein Grundproblem des postorangen ukrainischen politischen Systems hat seine Ursache in der Ad-hoc-Verfassungsreform von Ende 2004. Im Zuge eines kurzfristig ausgehandelten politischen Kompromisses zwischen pro- und anti-orangen Parlamentsfraktionen wurde damalsein nicht nur, wie unter Leonid Kutschma, nomineller, sondern nunmehr realer Semipräsidentialismus mit einer Machtbalance zwischen Präsident und Premier ab Januar 2006etabliert. Die in der vergleichenden politikwissenschaftlichen Forschung wiederholt und nichtzuletzt bezüglich Osteuropa für problematisch befundene halbpräsidentielle Regierungsform hatdas Verhältnis der Ukrainer zu Demokratie allgemein sowie die internationale Reputation der ukrainischen Politiker nachhaltig beschädigt. Die Perspektive einer Neuverteilung der Machtzwischen Regierungs- und Staatschef während des Jahres 2005 und das Inkraftreten des nahezuidealtypischen parlamentarische-präsidentiellen Systems ab 2006 war ein wesentlicher Faktor für die mit nur kurzen Unterbrechungen ausgetragenen Dauerkonflikte zwischen Präsident Wiktor Juschtschenko auf der einen Seite und den Kabinettchefs Wiktor Janukowitsch bzw. JuliaTymoschenko auf der anderen.Das damit im Zusammenhang stehende Missverständnis der Ursachen und Natur der politischenLangzeitkrise hat nicht nur die Sichtweise der Ukrainer auf ihre junge Demokratie, sondern auchdie Meinung etlicher politologisch unbedarfter ausländischer Beobachter der letzten Jahreverzerrt. Die Crux des Missverstehens besteht in einer Verwechselung der scheinbarenUntauglichkeit von Demokratie für die Ukraine bzw. der Ukrainer für Demokratie mit der generellen Ungeeignetheit von Semipräsidentialismus für postautoritäre und insbesondere posttotalitäre Transformationsstaaten. Das semipräsidentielle politische Regime der heutigenUkraine ist zwar weitgehend demokratisch, jedoch sind die Regierungskompetenzen geteilt. Invergleichender politikwissenschaftlicher Forschung wurde zwar die allgemeine Unzulänglichkeitdualer Exekutiven in Übergangsgesellschaften wiederholt bestätigt.
2
 Außerhalb des engen Kreises der internationalen Regimeanalytiker wurde diese Facetteallerdings nur selten als landesunspezifisches Entwicklungsproblem der postorangen Ukrainethematisiert. Daher trifft man sowohl inner- als auch außerhalb der Ukraine immer wieder auf fatalistisches Lamentieren über die Ukraine: die Skurrilität dieses oder jenes Kiewer Politikers bzw. die politische Unreife der ukrainischen Klasse insgesamt oder gar der Ukrainer als Volk werden umstandslos für die – zugegebenermaßen bizarren – Politikspektakel der vergangenenJahre alleinverantwortlich gemacht. Dabei bleibt häufig unreflektiert, dass aus zeithistorischer Sicht eben diese ukrainischen Politiker und Bürger 1991 bis 2004 eine der – angesichts der enormen Herausforderungen – bemerkenswertesten Demokratisierungen der jüngsteneuropäischen Geschichte verwirklicht haben. Deutsche Beobachter mögen sich etwa daranerinnern, dass die Deutschen im Jahr 1998 erstmals in ihrer Geschichte einen amtierenden
 
AUSSENPOLITIK.NET 
3
Regenten – Bundeskanzler Helmuth Kohl – abgewählt haben. Die Ukrainer hatten diesesKriterium zur Bewertung der Konsolidiertheit einer Demokratie bereits 1994 mit der demokratischen Abwahl ihres ersten, 1991 gewählten Präsidenten Leonid Krawtschuk erfüllt.
Das ungenutzte Integrationspotential der EU-Beitritts-perspektive
Ein zweiter Bestimmungsfaktor der fortgesetzten ukrainischen Krise besteht in der grundlegenden Fehleinschätzung sowohl der Bedeutung der Ukraine für die Zukunfteuropäischer Sicherheit insgesamt als auch der Rolle der EU in der andauerndenRichtungslosigkeit des ukrainischen politischen Elitendiskurses und der damit verbundenenZaghaftigkeit und Sprunghaftigkeit der Reformen der letzten Jahre. Zwar ist das bekannteDiktum Zbigniew Brzezinskis, dass Russland ohne die Ukraine aufhört, ein Imperium zu sein,auch in Europa bekannt und häufig zu lesen. Die aktuellpolitische Relevanz undsicherheitspolitischen Implikationen dieses Axioms bleiben jedoch meist unausgesprochen bzw.werden offenbar nicht immer zu Ende gedacht. Direkten Einfluss kann die EU zwar kaum auf die ukrainisch-russischen Beziehungen nehmen. Mittelbar determiniert jedoch das Verhältnis der Ukraine zur EU die ukrainisch-russischen Beziehungen wesentlich.Die EU übt – ob sie dies will oder nicht – erheblichen indirekten Einfluss auf den Gesamtprozessder ukrainischen postsowjetischen Umgestaltung aus. Freilich wurde das relative Gewicht vonEU-Konditionalität für den erfolgreichen Transformationsprozess Mittelosteuropas von proeuropäisch eingestellten Beobachtern gelegentlich überschätzt. Nichtsdestoweniger ist dasVerhalten der Europäischen Union für die heutige Ukraine ein nicht nur außen-, sondern auchinnenpolitischer Faktor. Die EU fördert zwar derzeit durch diverse Programme und Abkommenden ukrainischen Reformprozess, versagt jedoch bislang Kiew eine offizielleMitgliedschaftsperspektive. Für EU-Politiker und -Bürokraten mag der Unterschied zwischenintensiver Kooperation und gezielter Beitrittsvorbereitung ein philosophischer sein. Für dieKiewer Elite, aber auch für Teile der breiten Bevölkerung der Ukraine – etwa die studentischeJugend – ist das offizielle Ja oder Nein der EU zur Beitrittsperspektive des Landes allerdings bedeutsam. Die Antwort auf diese Frage ist darüber hinaus für die Integrität des ukrainischenStaatswesens relevant.Ist doch das Streben nach einer Vollmitgliedschaft in der EU eine jener wenigen Visionen,welche die meisten politischen Führer aber auch große Bevölkerungsgruppen im West- undOstteil des Landes teilen. Bezüglich solcher Fragen, wie eine mögliche NATO-Mitgliedschaftdes Landes, Ukrainisch als einzige Staatssprache oder die Ukraine-Russland-Beziehungen ziehtsich ein tiefer Riss durch das Land. Dagegen findet die Idee eines Beitritts zur EuropäischeUnion auch im Osten (weniger dagegen im Süden) des Landes und nicht zuletzt bei denmächtigen Industriemagnaten des Donezker Beckens (Donbass) breite Unterstützung. Zwar hatsich – nicht zuletzt aufgrund der fortgesetzten Distanziertheit sowie illiberalen Visapolitik der EU – in den vergangenen Jahren die Einstellung der einst EU-enthusiastischen Ukrainer gegenüber der Union deutlich verschlechtert.
3
Trotzdem stellt die Erlangung einer EU-Beitrittsperspektive weiterhin ein Band dar, welches die ansonsten tief zerstrittenen politischenHauptlager Kiews miteinander verbindet. Diese bisher wichtige Klammer könnte sich allerdingslockern, wenn die EU ihre offenbar bewusst uneindeutige Rhetorik gegenüber der ukrainischenFührung und Öffentlichkeit auch für die kommenden Jahre beibehält – mit schlimmstenfallsschwerwiegenden Folgen nicht nur für die Ukraine, sondern auch für die europäische Sicherheit.

You're Reading a Free Preview

Download
scribd
/*********** DO NOT ALTER ANYTHING BELOW THIS LINE ! ************/ var s_code=s.t();if(s_code)document.write(s_code)//-->