Passagierflugzeugen der ermittelnde Staatsanwalt. Warum wurde dieses Verfahren eingestellt?Prof. E. Schöndorf: Das kann ich nicht sagen, denn da waren letztendlich meine Nachfolger am Werk. Allerdings soll dieEinstellungsverfügung über 100 Seiten lang gewesen sein. Insider wissen: Dieser Umfang spricht für die Hilflosigkeit desBearbeitersUR: Was kann jeder Anwalt, der einen Chemikaliengeschädigten vertritt, Ihrer Erfahrung nach tun um seine umwelterkranktenMandanten zu unterstützen?Prof. E. Schöndorf: Dafür sorgen, dass sein Mandant das ihm zustehende Recht bekommt. Nicht leicht, denn vieleUmweltkranke haben kein Geld. Diese Mandate sind für den Anwalt wenig lukrativ.UR: Was raten Sie schadstoffgeschädigten Menschen?Prof. E. Schöndorf: Nicht zu verzweifeln und sich einen langen juristischen Atem leisten.UR: Wie können Arbeitgeber ihre Mitarbeiter vor Berufskrankheiten aus dem Bereich des Umweltrechts schützen und wasgilt es zu bedenken, wenn eine Schädigung bereits stattgefunden hat?Prof. E. Schöndorf: Arbeitgeber sollten auf die Verfahren und Stoffe verzichten, die auch nur ansatzweise im Verdacht stehen,Menschen zu schädigen. Es wäre unlauter sich auf die interessengeprägte Schulmedizin zu verlassen, die vielleicht vor juristischer Inanspruchnahme schützt aber den Arbeitnehmer nicht vor Krankheit bewahrt.UR: Am 20. Juni 2008 findet das Fachgespräch "Wenn die Umwelt krank macht, ... muss die Politik handeln" [1], statt. DerGesetzgeber hat ein separates Umweltrecht und ein Umweltstrafrecht geschaffen. Sind Sie der Meinung, dass die Politik etwasfür den Stand des Umweltrechts in Deutschland tun kann und sollte, und wenn ja, wie sollte die Rechtslage derUmwelterkrankten konkret verbessert werden?Prof. E. Schöndorf: Es wäre ein großer Schritt nach vorne, wenn der Gesetzgeber zum Beispiel auf diesem Sektor die Umkehrder Beweislast festschreiben würde.UR: Laut Bundesregierung, die am 17. April 2007 auf die kleine Anfrage der "Bündnis 90 / Die Grünen" [2] antwortete, liegtder Anteil der umweltmedizinisch ausgebildeten Hausärzte bei 1,2% (Bundestagdrucksache 16/4848) [3]. Wenndementsprechend rund 99% aller Hausärzte umweltmedizinisch nicht ausgebildet sind, kann sicherlich nicht jederUmwelterkrankte mit angepasster umweltmedizinischer Diagnostik und Therapie rechnen. Wie sehen Sie hierzu im Vergleichdie Chancen, für ein Chemikalienopfer, einen kompetenten und unbefangenen Fachanwalt in Sachen Umweltstrafrecht bzw.Umweltrecht zu finden?Prof. E. Schöndorf: Bei den Anwälten sieht es ähnlich aus. Es gibt zu wenig Spezialisten. Das hat damit zu tun, dass dieUniversitäten diesen Bereich komplett ignorieren. Dort ist Handlungsbedarf.UR: Sie sind Dozent für Umweltrecht, schreiben Bücher, stehen immer wieder den Medien zur Verfügung und klären auf,warum nach Ihrer Erfahrung nach die Justiz versagt hat und sogar von Wirtschaftskriminalität in bezug auf Chemikalienopferdie Rede sein sollte. All dass erfordert viel Kraft und Engagement und ist äußerst bewundernswert. Warum tun Sie das allesund was würden Sie konkret verändern, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?Prof. E. Schöndorf: Warum man etwas tut oder nicht tut hat mit der Genetik zu tun und mit den Einflüssen unter denen manlebt. Das Sein bestimmt auch insoweit das Bewusstsein. Wenn ich einen Wunsch frei hätte würde ich mir eine Solarzelle miteinem 50prozentigen Wirkungsgrad wünschen.UR: Nach den Inhalten Ihrer Bücher zu urteilen, gehören Menschenrechtsverletzungen wie untersagte Strafverfolgung,Betrug, Diskriminierung und befangene Gutachter zum traurigen Alltag der "versagenden Justiz". Was meinen Sie alsehemaliger Staatsanwalt, was passieren müsste, damit die Justiz, Gutachter und Justizbeamte sich gerechter für mehrMenschenrechte einsetzen? Ist ein Paradigmenwechsel nötig oder würde die Umkehr der Beweislast, wie MdB FrauKotting-Uhl es vorschlägt, schon ein zufriedenstellender Ansatz sein können?
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