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Alfred Brendel - Ich sehe das Ende klar und tränenlos

Alfred Brendel - Ich sehe das Ende klar und tränenlos

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Categories:Topics, Art & Design
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04/08/2014

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ZEIT ONLINE
19/2008 S. 53 [http://www.zeit.de/2008/19/Brendel-Interview]
Klassik 
»Ich sehe das Ende klar und tränenlos«
Einer der größten lebenden Pianisten tritt ab: Im Dezember wirdAlfred Brendel sein letztes öffentliches Konzert geben. Ein Gesprächüber die Suche nach dem perfekten Spiel und allerletzte Wünsche
»Kirche – kein Eingang«: Lachend zeigt Alfred Brendel auf das Schild, das er in Wienaufgestöbert hat. Nun hängt es an der wichtigsten Tür seines Londoner Hauses – sie führt in sein »Studio«, wo die beiden Flügel stehen, auf denen sich Noten, Bücher, Fotos türmen, von den Wänden herab begutachten Liszt und Beethoven die Lage. Wir aber gehen hinauf in das andere Arbeitszimmer, das des Dichters und Essayisten Brendel. Auf den Manuskriptstapeln des Schreibtisches sucht eine elektrischeSchreibmaschine Halt, die Regale vermögen die Lektüren dieses universal gelehrtenMusikers kaum zu fassen. Den Gipfel des jüngsten Bücherberges bilden Bruno Schulz’  Zimtläden,
gestützt von einer Biografie Woody Allens. Eine Bibliothek alsSpannungsfeld und neue Heimat, denn den Pianisten Brendel gibt es bald nicht mehr.
DIE ZEIT:
Herr Brendel, steht Ihr Entschluss wirklich fest, keine Konzerte mehr zugeben?
Alfred Brendel:
Absolut. Ich bin mit dieser Entscheidung völlig im Reinen.
ZEIT:
Warum wollen Sie aufhören?
Brendel:
Es sind keine physischen Gründe, denn ich hatte letztes Jahr ein sehr gutesJahr. Ich wollte ja schon mit 75 aufhören, wurde dann aber überredet – und habe michauch ein bisschen selbst überredet –, noch zwei Jahre anzustückeln. Nun aber istgenau der richtige Zeitpunkt. Es ist auch gut, zu spüren, dass man kein Maniac ist,dass man von Konzerten nicht abhängig ist wie von einer Droge. Ich hatte immer dasGefühl, ich spiele aus freien Stücken. Und jetzt höre ich aus freien Stücken auf.
ZEIT:
Viele Musiker können das nicht. Es gab schon Dirigenten, die noch mit 80Konzerttermine auf zehn Jahre im Voraus vereinbarten.
Brendel:
Ich weiß. Der arme Bruno Maderna, in dessen letztem Konzert ich gespielthabe, als er schon todkrank war, hat im Künstlerzimmer auch noch Plänegeschmiedet. Bei mir ist das nicht so. Ich sehe das Ende klar und tränenlos.
ZEIT:
Mit welcher Geste wollen Sie von der Bühne abtreten?
Brendel:
Ohne Geste. Ich bin nämlich sehr gegen Gesten. Und gegen falscheFeierlichkeiten schon ganz und gar. Am liebsten hätte ich es geheim gehalten undirgendwann gesagt: So, daswar das letzte Konzert, jetzt ist Schluss. Aber das ließ sichnicht realisieren. So muss ich jetzt von einem Abschiedskonzert zum anderen reisen.Ich freue mich natürlich, wenn das Publikum ein bisschen jammert.
ZEIT:
Das schon?
 
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Brendel:
Doch. Die Wärme, die ich jetzt indiesen Konzerten spüre, ist ein schönesGefühl. Man hat nicht umsonst gespielt.
ZEIT:
Wann und wo werden Sie Ihren allerletzten Auftritt am Klavier haben?
Brendel:
Am 18. Dezember in Wien mit den Wiener Philharmonikern. Es dirigiertCharles Mackerras, der zwar schon 82 Jahre ist, aber noch sehr munter. Ich spiele dassogenannte
 Jeunehomme-Klavierkonzert 
von Mozart, das ja inzwischen seinenschönen Namen verloren hat, weil man vor ein paar Jahren herausfand, dass dieDame, für die Mozart das Konzert geschrieben hat, Jenamy hieß. Sie war die Tochter des damals berühmten Tänzers Jean Georges Noverre, eine Französin, sie mussglänzend gespielt haben. Ich weiß nicht, ob sie auch schön war, aber Mozart wurde indiesem Stück besonders inspiriert. Es ist einer der größten Qualitätssprünge inMozarts Schaffen überhaupt, sein erstes großes Meisterwerk.
ZEIT:
Als sich der französische Pianist François-René Duchable vor ein paar Jahrenvom Konzertleben zurückzog, ließ er seinen Flügel via Hubschrauber in einem Seeversenken. Was halten Sie von dieser Art Abschied?
Brendel:
Ich hoffe, es war ein schlechter Flügel.
ZEIT:
Wird Ihnen etwas fehlen?
Brendel:
Das Adrenalin. Auch aus physiologischen Gründen, weil es gewisseMuskel- und Nervenschmerzen wegnimmt. Ich muss sehen, wie ich damitzurechtkomme, vielleicht lässt sich das Adrenalin auch durch andere Tätigkeitenaktivieren. Ich höre ja nur auf, Konzerte zu spielen. Ich höre ja nicht auf zu leben. AbSommer 2009 habe ich Termine für Vorträge, Seminare, Lesungen vereinbart.
ZEIT:
Und was wird Ihnen auf keinen Fall fehlen?
Brendel:
Der Leistungsdruck, der mit dem Konzertieren verbunden ist. Und ein Teilder Musikkritik.
ZEIT:
Wir dachten immer, die ignorieren Sie.
Brendel:
Ich nehme sie natürlich wahr. Ich möchte ja wissen, was in der Welt passiert, auch wenn es noch so deprimierend ist. Ich habe allerdings nicht besondersviel Grund, über die Musikkritik zu klagen, andere Leute haben es da viel schwerer.
ZEIT:
Nehmen wir einmal an, Sie dürften ein großes Fest zu Ihrem Abschied gebenund dazu nicht nur Lebende, sondern auch Tote einladen. Wen hätten Sie gern dabei?
 Bis jetzt hat Brendel mit den verpflasterten Daumen, Zeige- und Mittelfingernunablässig einzelne Töne auf der moosgrünen Cordhose angeschlagen. Nun steht er auf und holt ein Blatt vom Schreibtisch, der wie das ganze Zimmer jenem Kunstprinzip zu gehorchen scheint, das Brendel so gern zitiert: dass in jeder Dichtung »das Chaos durch den regelmäßigen Flor der Ordnung schimmern muss« – Novalis.Ordentlich wie auf ein Konzert hat sich Brendel auch auf unser Gespräch vorbereitet,einzelne Fragen vorab erbeten. Für sein imaginäres Abschiedsfest hat er eineGästeliste notiert.
 
Brendel:
Ich würde mich ganz auf die Verstorbenen konzentrieren. Shakespearewürde ich gern aus der Nähe sehen. Manweiß ja nicht, wie er aussah und wie er 
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redete. Stendhal gehört auf dieEinladungsliste, aus Verehrung, Edward Lear undLewis Carroll, die englischen Nonsens-Dichter, auch Daniil Charms, ein wunderbarer russischer Nonsens-Dichter; Robert Musil und Monsu Desiderio, das war einitalienischer Maler, den die Surrealisten wiederentdeckten, weil in dessen Bildernmanchmal Gebäude zusammenstürzen und kleine Mordszenen in den Ecken passieren. Es geht die Legende, dass er schizophren wurde, aber manche Leute sagen: Nein, das war ein ausgedachter Stil, der ziemlich erfolgreich war. Ich würde gernesehen, ob Desiderio verrückt war oder nicht. Eigentlich hieß er François de Nomé.Dann natürlich Mozart, um zu schauen: Wie benimmt sich der Mann? Und: Ginevrade’ Benci, eine italienische Aristokratin, die von Leonardo gemalt wurde. Das Porträtist für mich das schönste aller Frauenporträts und überhaupt eines der großartigstenBilder. Vielleicht könnte sie auch Leonardo mitbringen. Dann Edward Gorey, der amerikanische Zeichner und Schriftsteller, dessen wenige Zeilen unter seinen Bilderngenauso sophisticated sind wie die Zeichnungen selbst. Er ist einer meiner Ehrendadaisten. Und natürlich Isaiah Berlin, ein besonders verehrter Freund von mir.
ZEIT:
In Ihre Konzertprogramme der letzten Jahre haben Sie immer wieder Haydn,Mozart, Beethoven eingeladen.
Brendel:
Ich weiß schon, es gibt Leute, die sagen: Der spielt immer dasselbe. Aber das ist gar nicht der Fall. Ich spiele sehr viele verschiedene Stücke, die die Leute oftgar nicht kennen oder nur mal in der Klavierstunde gesehen haben.
ZEIT:
Wie die vermeintlich leichten Mozartsonaten?
Brendel:
Die gehören zum Schwierigsten. Jeder Ton, jede Nuance zählt. Nichts kannverborgen werden. Das ist eine Angelegenheit für sehr erfahrene Spieler. Aber manche Pianisten können im Alter ihr Spiel nicht mehr so genau kontrollieren, wie esgerade bei den Mozartsonaten notwendig wäre. Deshalb werden sie relativ seltengespielt und aus Unkenntnis unterschätzt. Der berühmte Satz von Artur Schnabel istschon treffend: Zu leicht für Kinder, zu schwierig für Künstler.
ZEIT:
Lernen Sie bis heute in jedem Konzert dazu?
Brendel:
Ja. Darauf kommt es an. Dass man die Werke nicht lernt und dann abhaktund sich sagt: Das Problem habe ich gelöst, jetzt kommt das nächste Stück dran. Beiden Meisterwerken geht es darum, mit ihnen zuleben. In Abständen muss man auf siezurückkommen und eine Kette von Erfahrungen aufbauen. Wirkliche Meisterwerkesind unerschöpflich und ewig sprudelnde Energiequellen für den Spieler. Das ist jadas Wunderbare, dass man mit großer Musik sein Leben verbringen kann – und es bleibt immer spannend! Das Musikstück informiert den Spieler. Und es ist da keinEnde. Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Standpunkte: Der eine Spieler versucht, auf das Werk zu hören und aus ihm mit Geduld zu entnehmen, was esdarstellt und was es braucht. Der andere stellt das eigene Ego in den Vordergrund undverhält sich wie eine Gouvernante,die dem Komponisten sagt, was er hätte tun sollen.Man soll sich nicht selbst ausschalten als Spieler, aber man muss dem Werk dienstbar sein!
ZEIT:
Kommt es oft vor, dass Sie sich mit Ihrem Spiel in totalem Einklang mit demStück fühlen?Brendel: Manchmal sucht man sehr lange. Aber wenn man Geduld hat und die Stückeoft spielt, kommt man der Sache näher…
ZEIT:
Es gab also die Momente, an denenSie gedacht haben: Das war die perfekte
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