Ach, meine liebe Mitspaziererinnen und Mitspazierer, wenn ich dieser Tage so durch unser Wirtschats-wunderland faniere, wird mir doch gleich ganz warm ums Herz. Ja, richtig heimelig ist’s wieder ge-worden bei uns, der Auschwung breitet sant seine Schwingen aus und streichelt unsere Seelen. Zwarkommt davon bei Eva und Otto Normalverbraucher nichts an – aber was soll’s, Hauptsache die DAX-Werte klingen toll. Vergessen die Wirtschatskrise, verziehen die lächerlichen paar hundert Milliarden,die ein paar Banker verbrannt haben. O.k., es war unser Geld, aber die Jungs wollten halt spielen undsich selber ein bisserl bereichern. Alles halb so wild, kein Grund, deswegen das System zu ändern.Ja, Deutschland blüht mitten im Herbst, und wir haben endlich wieder die Zeit, uns um die wirklichwichtigen Dinge zu kümmern. Schließlich ist die Nabelschau seit eh und je des Deutschen liebste Frei-zeitbeschätigung. Und so rotieren die Meinungskochshows zwischen Anne Will und Maybritt Illner mitden immergleichen Gesichtern um die immergleichen Themen. Die Zutaten ür den deutschen Einheits-eintop 2010 sind so einach wie populistisch: ein großes Stück Islam, eine Handvoll Migranten gut abge-hangen, abgewürzt mit Harz IV, dazu eine satte Portion dumpes Prekariat als Sättigungsbeilage und Ko-masauen als Tischgetränk. Werbraucht da noch das perektePromidinner, wenn die Berus-talker Thilo Sarrazin und GregorGysi, seltsame schweizerischeRechtsaußen-Journalisten, bay-erische Haudrau-Minister unddie omnipräsente Renate Künastden Suppentop der Gesellschatumrühren. Dazu düren dann einpaar mehr oder weniger zuälliganwesende Schauspieler oderSchritsteller, die wohl des VolkesStimme repräsentieren sollen,ihren Kommentar abgeben. Nachder üblichen Erönungsrunde, inder alle ihre hinlänglich bekann-ten Positionen in die Kamerasrotzen, düren sie dann eine halbe Stunde völlig belanglos aneinander – und an der Realität – vorbeidebattieren.München hat einen Migrantenanteil von nahezu 30 Prozent, weit mehr als Berlin. Und trotzdem kannman au die Straßen gehen und U-Bahn ahren. Koptücher und Kappen gehören ür mich schon immerzu meiner Alltagsrealität, genau so wie Lodenjanker und Springerstieel. Natürlich kotzen mich Typenan, die an Ecken rumhängen und Passanten blöd anmachen. In bin auch nicht der Ansicht, dass ich miranhören muss, dass ich, meine Mutter und diverse Schwestern mal wieder gescheit geckt gehören –und das schon gar nicht von einem ünzehnjährigen Pickelbubie. Ob der nun deutscher und sonstigerHerkunt ist – völlig egal, Arschloch bleibt Arschloch. Ich kaue gerne beim Türken ein und beim Chine-sen, liebe Pizza, Sushi und meide auch die amerikanischen Spezialitätenrestaurants viel zu selten. Obdas nun Multikulti ist – mit Verlaub, ich hab mich nie darum gekümmert. Interessiert es mich wirklich, obdie nette Kleine am Tisch gegenüber aus dem Kosovo kommt oder aus Karlsruhe? Und der süße Typ mitdem netten Lächeln? Könnte ein Ami sein oder auch ein Bauernbursch vom Tegernsee.Natürlich ist Migration unendlich viel komplizierter. Kulturelle und religiöse Schranken lassen sich nichteinach mit einem Zewa wegwischen. Aber sicher auch nicht einach in das Schema einer deutschenLeitkultur pressen – selbst wenn es eine solche gäbe.Der Islam ist nicht erst seit Herrn Wul eine deutsche Realität. Genau so wie der Islamismus. Die röhli-che schwarz-rot-goldene Begeisterung der Fußball-WM zeigt gleich vorm Stadiontor ihre hässliche Frat-ze in Stieeln und Thor-Steinar-Shirt. Und die Spendensammlerin mit der Caritas-Büchse hat sichernichts mit hasserüllten Katholiban zu tun, die sich Schwule und Lesben als Gegner ür ihren letztengroßen Kreuzzug ausgesucht haben.Und all das ndet sich in dem Mikrokosmos unserer kleinen Welt zwischen Sendlinger Tor und Gärt-nerplatz. Völlig integrierte Türken verabreden sich mit Deutschen, die nie in diesem Land ankommenwerden, während vollverschleierte Frauen aus irgendwo vorbeigehen. Was dieses Land tatsächlich aus-zeichnet, ist sein riesiges Spektrum. Deutschland ist nicht homogen und war das auch noch nie. Von derbeschaulichen Provinz bis ins abgedrehte Berlin, vom Nazispießer bis zur Antia-Aktivistin – all das istDeutschland. Eine „Leitkultur“ ist da weit und breit nicht in Sicht, die haben wir ja nicht einmal in un-serer Community. Und das allerletzte, was wir brauchen, sind Rechtsausleger vom Schlage Wilders undStrach, die ihre Islamphobie und ihren Fremdenhass neuerdings als Kamp ür Frauen- und Bürgerrechteverkauen. Denn eines ist sicher: Tolerant einer oenen queeren Szene gegenüber kann nur sein, werauch andere Lebensstile akzeptiert. Das ist die Messlatte, und das ist die Akzeptanz, die wir einordernkönnen und düren. Wir müssen nicht von allen geliebt werden – das ist surreal. Doch wer seinen Hassau uns oder andere Minderheiten ausschüttet, hat in dieser Gesellschat tatsächlich keinen Platz.
Ich bin Sarah Jäckel und wünsche ihnen viele anregende Begegnungen mit Menschen, egal welchenGeschlechts, Herkunft, sexueller Präferenz, Hautfarbe, Religion oder Turnschuhmarke. Mit anderenWorten: Treiben sie es bunt in den Herbst hinein, wie und mit wem auch immer sie es wollen.
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