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magazin für politische entscheidungenausgabe 02 / frühjahr 2010hammelsprung.nrwschool.de
„wenigstens verdankenwir ihm den tatort“ –der föderalismus:aktuelle perspektiven
u.a. mit stefan aust andreas blättechristian lindneradolf sauerland jürgen trittin
 
editorial
|de|ra|lis|mus, der(von lat. foedus, foederis, n – Bund, Bündnis, Vertrag);(1) Staatsaufbau, der aus mehr oder minder selbstän-digen Gliedstaaten und dem durch Zusammenschlussgebildeten Zentralstaat besteht;(2) Ursache politischer Blockaden und ökonomischerInefzienzen, trockenes Forschungsthema;(3) identitätsstiftender Hort der Demokratie, Quelleregionaler Unabhängigkeit und Innovation.
Anlass liefert eine Wahl in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland. Dem bürgerlichen Urteil – Victor Hugo zufolge „die höchste Instanz“ einer Demokra-tie – ist nicht nur eine zuletzt skandalumwitterte Landesregierung ausgesetzt. DieNRW-Wahl gilt auch als Plebiszit über die Arbeit einer bislang wenig harmonievol-len Koalition in Berlin. Gleichsam wird von allen Seiten die enorme bundespolitischeBedeutung beschworen, ist doch die Entscheidungsmehrheit im Bundesrat gefähr-det. Zur Wahl stehen indes Landespolitiker und mit ihnen politische Programme,deren Geltungsbereich vom Grundgesetz prinzipiell klar auf Nordrhein-Westfalen beschränkt ist. Jedoch: „Die wechselseitige Durchdringung der Ebenen ist eine Re-alität“, davon zeigt sich FDP -Generalsekretär Christian Lindner im Interview über-zeugt (S. 27). Ähnliches gilt wohl auch im Verhältnis zur Europäischen Union: Kaumeine politische Entscheidung aus Berlin ist heute noch von Regelungen auf europäi-scher Ebene unabhängig. Was aber hat Brüssel mit Landespolitik und letztlich sogarmit einem Fadenkreuz gemeinsam, das Sonntagabends regelmäßig über deutscheBildschirme immert?Abseits von kurzatmiger Wahlberichterstattung soll in der zweiten Ausgabe desHAMMELSPRUNG der Fokus auf dem komplexen Ordnungsprinzip liegen, das alsFöderalismus bezeichnet wird, das den Staatsaufbau der Bundesrepublik konstituiert und das letztlich alle politischen Prozesse regelt und miteinander verschränkt, vonder kommunalen Ebene bis hinauf auf das rutschige Parkett der EU. Die Vielseitigkeit des Themas Föderalismus ist evident, jedoch ist es das Ziel dieser Ausgabe, auch neuePerspektiven zu eröffnen sowie aktuelle Debatten gewinnbringend zu ergänzen. Alsdemokratisches Ordnungsprinzip hat sich der Föderalismus weltweit – in unter-schiedlichen Kongurationen – weitgehend bewährt. Die Deutschen verdanken ihmeine abwechslungsreiche Krimiserie (S. 14), wohl aber noch weit mehr. Gleichwohlsieht sich die deutsche Variante Herausforderungen ausgesetzt, die von gesellschaft-lichen Wandlungsprozessen über die europäische Integration bis hin zur Globalisie-rung reichen. Angesichts dieser Entgrenzungen erscheint es jedenfalls ratsam, seinenidentitätsstiftenden Charakter (S. 28) zu bewahren.Die Reformfähigkeit des deutschen Föderalismus wird jedoch in Frage gestellt: Essei „nicht mehr schick, über Reformen zu reden“, so Stefan Aust im Interview (S.3). Bisherige Umgestaltungsversuche erweisen sich als unzureichend – etwa auf demumstrittenen Gebiet der Bildungspolitik (S. 46). Weitergehende Anstrengungensind daher notwendig: Während sich föderalistische Systeme aus ökonomischer Per-spektive im Prinzip positiv beurteilen lassen (S. 74), nden sich im deutschen Fall1313 77 79826910
kommunelandbundeuropaglobaleditorialinterview: stefan austkein kommentarglosse: leben im schatten der hydraalumni im interview: dr. moritz ballensiefenimpressum sanierungsfall deutschlanddrei fragen an ... adolf sauerlandder kulturkampfder tatort unter verdachtverschwenderische saarländerder föderalismus der politikideenperzeption von landtagstätigkeit und landespolitik drei fragen an ... christian lindnerdie föderale identitätzentralisierungstendenzen in der föderalen ardföderalismus in der klimapolitik das baskenlandein verbot löst sich in rauch auf
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der tag der wahrheit für den schweizer föderalismusverzerrte exzellenzneue enthaltsamkeit im bundesratdrei fragen an ... jürgen trittin stabilisierende entschleunigung oder blockierte zukunft
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quo vadis, europa?wie steht es um die europafähigkeit der deutschen länder?einer für alle, jeder für sichafrika auf den spuren europas?beam me up, scotty!die ökonomische theorie des föderalismus
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viele Inefzienzen, die etwa über denZuschnitt der Bundesländer (S. 18) odereine Veränderung der Entscheidungs-modi auf Bundesebene (S. 50) nachden-ken lassen. Die Antwort auf alle offenenFragen kann wohl keinesfalls „Zentrali-sierung“ lauten, dennoch sind entspre-chende Tendenzen zu beobachten, etwa bei der föderalen ARD (S. 32). UnserGastautor Andreas Blätte setzt hingegenauf einen „Föderalismus der Politikide-en“ (S. 21), der politische Innovation inden experimentierfreudigeren Bundes-ländern ermöglicht. Während regionaleSelbständigkeit zwar in einzelnen Streit-fragen – etwa einen umfassenden Nicht-raucherschutz betreffend (S. 41) – ingesundheitsgefährdender Langsamkeit münden kann, lässt sich die stabilisie-rende Wirkung dieser Entschleunigungauch positiv beurteilen (S. 54). Dass derFöderalismus bei der Leistungsbeur-teilung von Nationalstaaten nicht ver-nachlässigt werden darf, zeigt das Bei-spiel Klimapolitik (S. 36). Analog dazuverweist Jürgen Trittin im Interview auf  Versäumnisse deutscher Bundesländer bei der Umsetzung umweltpolitischer Vorgaben aus Brüssel (S. 53).Der Auftritt Europas auf internationalerBühne erscheint Kritikern trotz fortge-schrittener Integration als zu heterogen(S. 64). Das Ziel des Einigungsprozessesist zwar umstritten (S. 58) – dennochdient das europäische Modell anders-wo längst als Vorbild (S. 67). NähereNachbarn setzt die Vergemeinschaftungzunehmend unter Druck – so etwa dieSchweiz, die um die Souveränität ihrerKantone fürchtet (S. 43). Simon Wie-gand weist in einem Gastbeitrag darauf hin, dass es auch auf die „Europafähig-keit“ der Regionen ankommt, inwieweit sie ihre politische Gestaltungsfähigkeit beibehalten (S. 61). Die Länder müssen je-doch einen schleichenden Kompetenzverlust hinnehmen, der sie in einer kommu-nikativen „Sandwich-Position“ (S. 79) zwischen Bund und kommunaler Ebene zu-rücklässt und die Solidarität unter ihnen auf eine harte Probe stellt (S. 6). Während sodie Anforderungen an die Kommunen wachsen (S. 10), beklagt Duisburgs Oberbür-germeister Adolf Sauerland im Interview ihren mangelnden politischen Einuss undverlangt eine adäquate nanzielle Ausstattung (S. 9). Zum Ende dieser Ausgabe zeigt übrigens nicht nur der Rückgriff auf die griechische Mythologie (S. 77), dass die Fikti-on zum Verständnis des Föderalismus dienlich sein kann. Die Sience Fiction könnteZukunftsdebatten sogar für ein politikfernes Publikum öffnen (S. 70).Der HAMMELSPRUNG lebt von seinem interdisziplinären Ansatz. Er versammelt nicht nur Autorinnen und Autoren mit diversen akademischen Hintergründen, er bietet zudem eine offene Diskussionsplattform quer zu Jahrgangsgrenzen und Hoch-schulhierarchien. Bewusst werden hier eher wissenschaftlich orientierte Beiträgemit journalistischen Formaten kontrastiert und um praktische Erfahrungsberichteergänzt. Dies verspricht Abwechslung, vor allem aber einen Erkenntnisgewinn, deraus der Summe dieser vielfältigen Perspektiven schöpft.Erneut zeichnet sich Benjamin Brinkmann von der Fachhochschule Düsseldorf fürdie ausgezeichnete grasche Gestaltung des HAMMELSPRUNG verantwortlich.Sabine Meyer und Heide Prange, Studentinnen der Fotograe an der FachhochschuleDortmund, entwickeln zudem mit ihren fotograschen Arbeiten ganz eigene Blick-winkel auf die Themen dieser Ausgabe. Wir bedanken uns für das enorme Interesse an der ersten Ausgabe vom Dezember2009, für die zahlreichen positiven Rückmeldungen wie auch die konstruktive Kri-tik. Diesen Dialog möchten wir fortführen und sind auch diesmal äußerst gespannt auf Ihre Reaktionen, die wir wieder unter hammelsprung@nrwschool.de erwarten. Wir wünschen eine interessante Lektüre!Die Redaktion
Herr Aust, schon häuger haben Sie kritisch Stellung zum deutschen Födera-lismus bezogen – würden Sie ihn aber auch verteidigen, etwa vor staunendenBesuchern aus Japan?
 Ja, das würde ich. Zunächst einmal hat der deutsche Föderalismus tiefe historische Wurzeln: Deutschland ist schließlich aus vielen kleinen Fürstentümern entstanden,deren Zuschnitt auch die großen regionalen Unterschiede reektierte. Zum anderensehe ich, dass in einer zunehmend globalen Gesellschaft, in der die Unterschiede zwi-schen den Staaten verschwimmen und die Grenzen durchlässiger werden, sich beivielen Leuten eine Rückbesinnung auf die Region vollzieht. Und insofern kommt derFöderalismus – auch wenn sich das zunächst absurd anhört – der Globalisierung sehrentgegen, denn in einem zentralistischen Staat wie in Frankreich fühlen sich die Men-schen sehr viel schneller verloren. Sich als Bayer oder Niedersachse zu identizierenkann dieses Gefühl der Verlorenheit ein Stück weit auffangen.Daher halte ich es auch nicht für schlecht, wenn in den Bundesländern auf bestimmtenBereichen autonom entschieden wird, so dass auch Konkurrenzsituationen entste-hen. Es ist vollkommen klar, dass dies mitunter auch zu völlig absurden Folgen führt – dennoch würde ich immer dafür plädieren, das System im Prinzip beizubehalten.Abgesehen davon ist vielleicht in Frage zu stellen, ob manche Ländergrenzen richtiggezogen wurden oder nicht vielmehr einige Bundesländer zusammengelegt werdensollten. Es wäre etwa viel vernünftiger, wenn Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bremen nicht als einzelne Einheiten nebeneinander her existierten. Ineinem gemeinsamen nördlichen Bundesland ließen sich viele Probleme weitaus ef-fektiver angehen, vor allem in den Randbereichen. Aber ich bezweie stark, dass die
„bestimmte dinge sind in diesem landüberhaupt nichtmehr durchzusetzen“
Der Journalist Stefan Aust über diemangelnde Reformfähigkeit der Bun-desrepublik, fehlgeleitete EU-Subven-tionen und die Eigenverantwortung imLuxusurlaub.die Fragen stellteAlexander von Freeden
momentane Aufteilung noch einmal zuändern ist.
Der deutsche Föderalismus kranktalso an Inefzienzen. Wie könntedenn das Verhältnis zwischen Bundund Ländern besser geregelt wer-den?
Das schwerwiegendste Problem über-haupt ist die unklare Verteilung der Zu-ständigkeiten. In vielen Bereichen ist eshöchst problematisch, dass der Bund be-zahlt, die Länder aber darüber bestimmen– oder umgekehrt. Ich denke, dass es viel besser wäre, die nanzielle Verantwor-tung der Ebene zu übertragen, die auchdie inhaltlichen Kompetenzen besitzt.Dieser Meinung sind auch diejenigen,die die Gemeinschaftsaufgaben zur Zeit der ersten großen Koalition eingerichtet haben. Wenn Sie heute Helmut Schmidt dazu befragen, dann wird er antworten,dass das damals für sehr fortschrittlich
Der HAMMELSPRUNG
ist ein überparteiliches und unkommerzielles politi-sches Magazin, von Studierenden der NRW School ofGovernance an der Universität Duisburg-Essen ge-gründet und im Dezember 2009 erstmalig erschienen.Im Internet unter http://hammelsprung.nrwschool.de
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