viele Inefzienzen, die etwa über denZuschnitt der Bundesländer (S. 18) odereine Veränderung der Entscheidungs-modi auf Bundesebene (S. 50) nachden-ken lassen. Die Antwort auf alle offenenFragen kann wohl keinesfalls „Zentrali-sierung“ lauten, dennoch sind entspre-chende Tendenzen zu beobachten, etwa bei der föderalen ARD (S. 32). UnserGastautor Andreas Blätte setzt hingegenauf einen „Föderalismus der Politikide-en“ (S. 21), der politische Innovation inden experimentierfreudigeren Bundes-ländern ermöglicht. Während regionaleSelbständigkeit zwar in einzelnen Streit-fragen – etwa einen umfassenden Nicht-raucherschutz betreffend (S. 41) – ingesundheitsgefährdender Langsamkeit münden kann, lässt sich die stabilisie-rende Wirkung dieser Entschleunigungauch positiv beurteilen (S. 54). Dass derFöderalismus bei der Leistungsbeur-teilung von Nationalstaaten nicht ver-nachlässigt werden darf, zeigt das Bei-spiel Klimapolitik (S. 36). Analog dazuverweist Jürgen Trittin im Interview auf Versäumnisse deutscher Bundesländer bei der Umsetzung umweltpolitischer Vorgaben aus Brüssel (S. 53).Der Auftritt Europas auf internationalerBühne erscheint Kritikern trotz fortge-schrittener Integration als zu heterogen(S. 64). Das Ziel des Einigungsprozessesist zwar umstritten (S. 58) – dennochdient das europäische Modell anders-wo längst als Vorbild (S. 67). NähereNachbarn setzt die Vergemeinschaftungzunehmend unter Druck – so etwa dieSchweiz, die um die Souveränität ihrerKantone fürchtet (S. 43). Simon Wie-gand weist in einem Gastbeitrag darauf hin, dass es auch auf die „Europafähig-keit“ der Regionen ankommt, inwieweit sie ihre politische Gestaltungsfähigkeit beibehalten (S. 61). Die Länder müssen je-doch einen schleichenden Kompetenzverlust hinnehmen, der sie in einer kommu-nikativen „Sandwich-Position“ (S. 79) zwischen Bund und kommunaler Ebene zu-rücklässt und die Solidarität unter ihnen auf eine harte Probe stellt (S. 6). Während sodie Anforderungen an die Kommunen wachsen (S. 10), beklagt Duisburgs Oberbür-germeister Adolf Sauerland im Interview ihren mangelnden politischen Einuss undverlangt eine adäquate nanzielle Ausstattung (S. 9). Zum Ende dieser Ausgabe zeigt übrigens nicht nur der Rückgriff auf die griechische Mythologie (S. 77), dass die Fikti-on zum Verständnis des Föderalismus dienlich sein kann. Die Sience Fiction könnteZukunftsdebatten sogar für ein politikfernes Publikum öffnen (S. 70).Der HAMMELSPRUNG lebt von seinem interdisziplinären Ansatz. Er versammelt nicht nur Autorinnen und Autoren mit diversen akademischen Hintergründen, er bietet zudem eine offene Diskussionsplattform quer zu Jahrgangsgrenzen und Hoch-schulhierarchien. Bewusst werden hier eher wissenschaftlich orientierte Beiträgemit journalistischen Formaten kontrastiert und um praktische Erfahrungsberichteergänzt. Dies verspricht Abwechslung, vor allem aber einen Erkenntnisgewinn, deraus der Summe dieser vielfältigen Perspektiven schöpft.Erneut zeichnet sich Benjamin Brinkmann von der Fachhochschule Düsseldorf fürdie ausgezeichnete grasche Gestaltung des HAMMELSPRUNG verantwortlich.Sabine Meyer und Heide Prange, Studentinnen der Fotograe an der FachhochschuleDortmund, entwickeln zudem mit ihren fotograschen Arbeiten ganz eigene Blick-winkel auf die Themen dieser Ausgabe. Wir bedanken uns für das enorme Interesse an der ersten Ausgabe vom Dezember2009, für die zahlreichen positiven Rückmeldungen wie auch die konstruktive Kri-tik. Diesen Dialog möchten wir fortführen und sind auch diesmal äußerst gespannt auf Ihre Reaktionen, die wir wieder unter hammelsprung@nrwschool.de erwarten. Wir wünschen eine interessante Lektüre!Die Redaktion
Herr Aust, schon häuger haben Sie kritisch Stellung zum deutschen Födera-lismus bezogen – würden Sie ihn aber auch verteidigen, etwa vor staunendenBesuchern aus Japan?
Ja, das würde ich. Zunächst einmal hat der deutsche Föderalismus tiefe historische Wurzeln: Deutschland ist schließlich aus vielen kleinen Fürstentümern entstanden,deren Zuschnitt auch die großen regionalen Unterschiede reektierte. Zum anderensehe ich, dass in einer zunehmend globalen Gesellschaft, in der die Unterschiede zwi-schen den Staaten verschwimmen und die Grenzen durchlässiger werden, sich beivielen Leuten eine Rückbesinnung auf die Region vollzieht. Und insofern kommt derFöderalismus – auch wenn sich das zunächst absurd anhört – der Globalisierung sehrentgegen, denn in einem zentralistischen Staat wie in Frankreich fühlen sich die Men-schen sehr viel schneller verloren. Sich als Bayer oder Niedersachse zu identizierenkann dieses Gefühl der Verlorenheit ein Stück weit auffangen.Daher halte ich es auch nicht für schlecht, wenn in den Bundesländern auf bestimmtenBereichen autonom entschieden wird, so dass auch Konkurrenzsituationen entste-hen. Es ist vollkommen klar, dass dies mitunter auch zu völlig absurden Folgen führt – dennoch würde ich immer dafür plädieren, das System im Prinzip beizubehalten.Abgesehen davon ist vielleicht in Frage zu stellen, ob manche Ländergrenzen richtiggezogen wurden oder nicht vielmehr einige Bundesländer zusammengelegt werdensollten. Es wäre etwa viel vernünftiger, wenn Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bremen nicht als einzelne Einheiten nebeneinander her existierten. Ineinem gemeinsamen nördlichen Bundesland ließen sich viele Probleme weitaus ef-fektiver angehen, vor allem in den Randbereichen. Aber ich bezweie stark, dass die
„bestimmte dinge sind in diesem landüberhaupt nichtmehr durchzusetzen“
Der Journalist Stefan Aust über diemangelnde Reformfähigkeit der Bun-desrepublik, fehlgeleitete EU-Subven-tionen und die Eigenverantwortung imLuxusurlaub.die Fragen stellteAlexander von Freeden
momentane Aufteilung noch einmal zuändern ist.
Der deutsche Föderalismus kranktalso an Inefzienzen. Wie könntedenn das Verhältnis zwischen Bundund Ländern besser geregelt wer-den?
Das schwerwiegendste Problem über-haupt ist die unklare Verteilung der Zu-ständigkeiten. In vielen Bereichen ist eshöchst problematisch, dass der Bund be-zahlt, die Länder aber darüber bestimmen– oder umgekehrt. Ich denke, dass es viel besser wäre, die nanzielle Verantwor-tung der Ebene zu übertragen, die auchdie inhaltlichen Kompetenzen besitzt.Dieser Meinung sind auch diejenigen,die die Gemeinschaftsaufgaben zur Zeit der ersten großen Koalition eingerichtet haben. Wenn Sie heute Helmut Schmidt dazu befragen, dann wird er antworten,dass das damals für sehr fortschrittlich
Der HAMMELSPRUNG
ist ein überparteiliches und unkommerzielles politi-sches Magazin, von Studierenden der NRW School ofGovernance an der Universität Duisburg-Essen ge-gründet und im Dezember 2009 erstmalig erschienen.Im Internet unter http://hammelsprung.nrwschool.de