APuZ 44/20103
Gero Neugebauer
Einfach war gestern.Zur Strukturierungder politischen Realitätin einer modernenGesellschaft
Essay
U
nmittelbar nach dem Passus über Zuver-lässigkeitsüberprüfungen von Privatpi-loten erklären die Regierungsparteien im ak-tuellen Koalitions-vertrag, sie wolltengewalttätige und ex-tremistische Formender politischen Ausei-nandersetzung nichthinnehmen und „Ex-tremismen jeder Art,seien es Links- oder Rechtsextremismus, An-tisemitismus oder Islamismus“, entgegentre-ten, um die „Grundwerte der pluralen Gesell-schaft, insbesondere die freie Entfaltung derPerson, Meinungs-, Presse-, Kunst- und Wis-senschaftsfreiheit“ als konstitutive Werte derfreiheitlichen demokratischen Grundordnung„zu schützen und zu verteidigen“.
❙
1
In einemKoalitionsvertrag muss Extremismus nicht er-klärt werden, da davon ausgegangen wird, dassder Begriff im öffentlichen politischen Diskurs
besetzt ist. Zur Begrifichkeit tragen Berichte
über Polizisten, die aus Demonstrationen her-aus mit Sprengkörpern „Marke Eigenbau“ be-worfen werden, ebenso bei wie Bilder randa-lierender rechtsextremistischer Demonstran-
ten oder Mutmaßungen über Jugendliche is
-lamischen Glaubens, die als Anhänger einerradikalen Richtung des Islam wie des mili-
tanten Salasmus als potenzielle islamistische
Terroristen gelten.
❙
2
Wenn dann ein oberstesGericht dem Verfassungsschutz bestätigt, dassder Fraktionsvorsitzende der Partei Die Lin-ke in Thüringen Bodo Ramelow öffentlich be-obachtet werden darf, weil es in dessen Parteiorganisierten politischen Extremismus gäbe,dann verfestigt sich der Eindruck, dass „po-litischer Extremismus“ einen Feind bezeich-
Gero Neugebauer
net, gegen den angegangen werden muss, weilsonst die freiheitliche demokratische Grund-ordnung beseitigt werden würde.Kann dieser Begriff deshalb tabuisiert wer-den – oder ist er nicht doch entbehrlich? Of-fensichtlich ist Extremismus im politischenKontext ein eindeutig interessengeleiteterBegriff zur Auseinandersetzung mit diver-sen politischen Phänomenen. Ist er das als so-zialwissenschaftlicher Begriff auch? Ist poli-tischer Extremismus als Schnittmenge allerExtremismen die Grundlage dafür, eine Iden-tität von sogenannten linken und rechten Ex-tremismen zu behaupten? Politisch motivier-te Gewaltausübung gegen Sachen wie gegenPersonen kann nicht akzeptiert werden. Was jedoch haben sowohl polemische bis abfälligeÄußerungen über die Verfassung als auch ge-walttätige Auseinandersetzungen zwischenAnhängern verschiedener politischer Rich-tungen mit der Gefährdung der Demokratiezu tun? Werden dadurch nicht strafrechtlichzu verfolgende Taten zu politischen aufge-wertet und damit das Selbstverständnis der jeweiligen Akteure bedient?
Extremismusbegriff
Extremismus geht auf „extremus“ und „ex-tremitas“ zurück. Ersteres bedeutet äußerst,entferntest, aber auch der ärgste, gefährlichs-te; letzteres bedeutet der äußerste Punkt,Rand. Eine Position gilt als umso extremer, jeweiter entfernt sie von einer – ideellen – Mitteist. In jeder Gesellschaft gibt es individuelleextreme Positionen, doch als politisch extre-mistisch gelten im politischen Kontext solche,die sich – als politische Strömungen – an den
Rändern des politischen Spektrums benden
oder sich in diese Richtung bewegen.
❙
3
DieseVorstellung basiert auf der Annahme, dassdas politische Spektrum einer Gesellschaftlinear auf einer eindimensionalen Recht-Links-Achse abgebildet werden kann.
❙
4
1
❙
2
❙
Vgl. Berliner Morgenpost vom 16. 6. 2010 und vom30. 8. 2010.
3
❙
Vgl. Petra Brendel, Extremismus, in: Dieter Noh-len/Rainer-Olaf Schultze (Hrsg.), Lexikon der Poli-tikwissenschaft, München 2002
2
, S. 222.
4
❙
Vgl. das Extremismusmodell bei Richard Stöss,Rechtsextremismus im Wandel, Berlin 2007
2
, S. 19.