Read without ads and support Scribd by becoming a Scribd Premium Reader.
 
PuZ
Aus Politik und Zeitgeschichte
44/2010 · 1. November 2010
Extremismus
Gero Neugebauer 
Zur Strukturierung der politischen Realität
Matthias Mletzko
Gewalthandeln linker und rechter militanter Szenen
Ulrich Dovermann · Eren Güvercin
„Auf Fragen von Extremisten reagieren können“
 Jan Schedler 
„Autonome Nationalisten“
Roland Eckert
Kulturelle Homogenität und aggressive Intoleranz
 Karin Priester 
Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Europa
Syed Mansoob Murshed · Sara Pavan · Matenia Sirseloudi
Radikalisierung von europäischen Muslimen: Zwei Ansätze
 
Editorial
Im Verfassungsschutzbericht 2009 heißt es: „Extremismusund Terrorismus, Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeind-lichkeit und Gewalt sind für den demokratischen Rechtsstaateine stete Herausforderung. Die umfassende Bekämpfung allerFormen des politischen Extremismus ist daher ein wesentlicherSchwerpunkt der Innenpolitik und dient zugleich der Stärkungdes gesellschaftlichen Zusammenhalts.“ Für Maßnahmen gegenpolitischen Extremismus stehen ab 2011 jährlich 25 MillionenEuro zur Verfügung.Was unter den Begriff des politischen Extremismus fällt, istpolitisch und wissenschaftlich umstritten. Kritiker werfen ein,der Begriff sei analytisch unscharf und relativiere die Gefahr,die vom Rechtsextremismus ausgeht. Unbestritten ist dagegen,dass sich eine wehrhafte Demokratie gegen Bedrohungen desVerfassungsstaats schützen muss. Sie ist darauf angewiesen, dasGefährdungspotenzial demokratiefeindlicher Bestrebungen zu
erkennen. Dazu braucht es Analysekategorien und Begrifich
-keiten, die von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getra-gen werden.
Antidemokratische Reexe zeigen sich vor allem in Krisen
-zeiten: Das Gefühl sozialer Ausgrenzung, zunehmende persön-liche Unzufriedenheit und die Wahrnehmung, über keine wirk-
samen politischen Einussmöglichkeiten zu verfügen, fordern
Abwehrreaktionen heraus, fördern gruppenbezogene Men-schenfeindlichkeit und die Ablehnung der herrschenden Ord-nung. Laut einer aktuellen Studie sind quer durch das politischeSpektrum offenbar fast ein Drittel der Befragten der Meinung,dass Ausländer die Sozialsysteme ausnutzten und knapp ein
Viertel davon überzeugt, dass der „Einuss der Juden“ zu groß
sei. Demokratiegefährdende Bestreben beschränken sich nichtauf die „Ränder“ der Gesellschaft. Solange in einem deutschenLandesparlament Abgeordnete in vollem geistigen Bewusstseinihre provozierenden Redebeiträge mit „Wir Nationalsozialistenwollen“ garnieren, gilt es, noch mehr in das „Engagement fürDemokratie und Toleranz in Deutschland“ zu investieren.
 Asiye Öztürk
 
APuZ 44/20103
Gero Neugebauer 
Einfach war gestern.Zur Strukturierungder politischen Realitätin einer modernenGesellschaft
Essay
U
nmittelbar nach dem Passus über Zuver-lässigkeitsüberprüfungen von Privatpi-loten erklären die Regierungsparteien im ak-tuellen Koalitions-vertrag, sie wolltengewalttätige und ex-tremistische Formender politischen Ausei-nandersetzung nichthinnehmen und „Ex-tremismen jeder Art,seien es Links- oder Rechtsextremismus, An-tisemitismus oder Islamismus“, entgegentre-ten, um die „Grundwerte der pluralen Gesell-schaft, insbesondere die freie Entfaltung derPerson, Meinungs-, Presse-, Kunst- und Wis-senschaftsfreiheit“ als konstitutive Werte derfreiheitlichen demokratischen Grundordnung„zu schützen und zu verteidigen“.
1
In einemKoalitionsvertrag muss Extremismus nicht er-klärt werden, da davon ausgegangen wird, dassder Begriff im öffentlichen politischen Diskurs
besetzt ist. Zur Begrifichkeit tragen Berichte
über Polizisten, die aus Demonstrationen her-aus mit Sprengkörpern „Marke Eigenbau“ be-worfen werden, ebenso bei wie Bilder randa-lierender rechtsextremistischer Demonstran-
ten oder Mutmaßungen über Jugendliche is
-lamischen Glaubens, die als Anhänger einerradikalen Richtung des Islam wie des mili-
tanten Salasmus als potenzielle islamistische
Terroristen gelten.
2
Wenn dann ein oberstesGericht dem Verfassungsschutz bestätigt, dassder Fraktionsvorsitzende der Partei Die Lin-ke in Thüringen Bodo Ramelow öffentlich be-obachtet werden darf, weil es in dessen Parteiorganisierten politischen Extremismus gäbe,dann verfestigt sich der Eindruck, dass „po-litischer Extremismus“ einen Feind bezeich-
Gero Neugebauer 
Dr. rer. pol., geb. 1941;Politologe am Otto-Stammer-Zentrum, FU Berlin,Ihnestraße 26, 14195 Berlin.gerosoo@zedat.u-berlin.de
net, gegen den angegangen werden muss, weilsonst die freiheitliche demokratische Grund-ordnung beseitigt werden würde.Kann dieser Begriff deshalb tabuisiert wer-den – oder ist er nicht doch entbehrlich? Of-fensichtlich ist Extremismus im politischenKontext ein eindeutig interessengeleiteterBegriff zur Auseinandersetzung mit diver-sen politischen Phänomenen. Ist er das als so-zialwissenschaftlicher Begriff auch? Ist poli-tischer Extremismus als Schnittmenge allerExtremismen die Grundlage dafür, eine Iden-tität von sogenannten linken und rechten Ex-tremismen zu behaupten? Politisch motivier-te Gewaltausübung gegen Sachen wie gegenPersonen kann nicht akzeptiert werden. Was jedoch haben sowohl polemische bis abfälligeÄußerungen über die Verfassung als auch ge-walttätige Auseinandersetzungen zwischenAnhängern verschiedener politischer Rich-tungen mit der Gefährdung der Demokratiezu tun? Werden dadurch nicht strafrechtlichzu verfolgende Taten zu politischen aufge-wertet und damit das Selbstverständnis der jeweiligen Akteure bedient?
Extremismusbegriff 
Extremismus geht auf „extremus“ und „ex-tremitas“ zurück. Ersteres bedeutet äußerst,entferntest, aber auch der ärgste, gefährlichs-te; letzteres bedeutet der äußerste Punkt,Rand. Eine Position gilt als umso extremer, jeweiter entfernt sie von einer – ideellen – Mitteist. In jeder Gesellschaft gibt es individuelleextreme Positionen, doch als politisch extre-mistisch gelten im politischen Kontext solche,die sich – als politische Strömungen – an den
Rändern des politischen Spektrums benden
oder sich in diese Richtung bewegen.
 
3
DieseVorstellung basiert auf der Annahme, dassdas politische Spektrum einer Gesellschaftlinear auf einer eindimensionalen Recht-Links-Achse abgebildet werden kann.
 
4
 
1
Vgl. Wachstum. Bildung. Zusammenhalt. Der Ko-alitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP, on-line:www.csu.de/dateien/partei/beschluesse/091026_ koalitionsvertrag.pdf (10.10.2010), S. 99 f.
2
Vgl. Berliner Morgenpost vom 16. 6. 2010 und vom30. 8. 2010.
3
Vgl. Petra Brendel, Extremismus, in: Dieter Noh-len/Rainer-Olaf Schultze (Hrsg.), Lexikon der Poli-tikwissenschaft, München 2002
2
, S. 222.
4
Vgl. das Extremismusmodell bei Richard Stöss,Rechtsextremismus im Wandel, Berlin 2007
2
, S. 19.
Search History:
Searching...
Result 00 of 00
00 results for result for
  • p.
  • Notes
    Load more