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Zeit der Monster

Zeit der Monster

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Ein Aufruf zur Radikalität von Slavoj Zizek

Zu den Protesten, die in diesem Jahr vor allem in Griechenland, in bescheidenerem Umfang auch in Irland, Italien und Spanien gegen die Sparmaßnahmen der Eurozone stattfanden, gibt es zwei konkurrierende Erzählungen.(1) Die vorherrschende, vom Establishment verbreitete Erzählung schlägt eine entpolitisierte Naturalisierung der Krise vor: Die Regulierungsmaßnahmen werden nicht als politisch begründete Entscheidungen dargestellt, sondern als Imperative einer neutralen finanziellen Logik - wenn wir unsere Volkswirtschaften stabilisieren wollen, kommen wir nicht umhin, die bittere Pille zu schlucken. Die andere, die Erzählung der protestierenden Arbeiter, Studenten und Rentner, sieht in den Sparmaßnahmen nur einen weiteren Versuch des internationalen Finanzkapitals, die letzten Reste des Wohlfahrtsstaats zu demontieren. Der Internationale Währungsfonds erscheint aus der einen Perspektive als neutraler Agent von Disziplin und Ordnung, aus der anderen als Unterdrücker im Dienst des globalen Kapitals.
Ein Aufruf zur Radikalität von Slavoj Zizek

Zu den Protesten, die in diesem Jahr vor allem in Griechenland, in bescheidenerem Umfang auch in Irland, Italien und Spanien gegen die Sparmaßnahmen der Eurozone stattfanden, gibt es zwei konkurrierende Erzählungen.(1) Die vorherrschende, vom Establishment verbreitete Erzählung schlägt eine entpolitisierte Naturalisierung der Krise vor: Die Regulierungsmaßnahmen werden nicht als politisch begründete Entscheidungen dargestellt, sondern als Imperative einer neutralen finanziellen Logik - wenn wir unsere Volkswirtschaften stabilisieren wollen, kommen wir nicht umhin, die bittere Pille zu schlucken. Die andere, die Erzählung der protestierenden Arbeiter, Studenten und Rentner, sieht in den Sparmaßnahmen nur einen weiteren Versuch des internationalen Finanzkapitals, die letzten Reste des Wohlfahrtsstaats zu demontieren. Der Internationale Währungsfonds erscheint aus der einen Perspektive als neutraler Agent von Disziplin und Ordnung, aus der anderen als Unterdrücker im Dienst des globalen Kapitals.

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Zeit der Monster
Ein Aufruf zur Radikalität
von Slavoj Zizek
Zu den Protesten, die in diesem Jahr vor allem inGriechenland, in bescheidenerem Umfang auch in Irland,Italien und Spanien gegen die Sparmaßnahmen derEurozone stattfanden, gibt es zwei konkurrierendeErzählungen.1 Die vorherrschende, vom Establishmentverbreitete Erzählung schlägt eine entpolitisierteNaturalisierung der Krise vor: DieRegulierungsmaßnahmen werden nicht als politisch begründete Entscheidungen dargestellt, sondern alsImperative einer neutralen finanziellen Logik - wenn wirunsere Volkswirtschaften stabilisieren wollen, kommenwir nicht umhin, die bittere Pille zu schlucken. Die andere,die Erzählung der protestierenden Arbeiter, Studentenund Rentner, sieht in den Sparmaßnahmen nur einenweiteren Versuch des internationalen Finanzkapitals, dieletzten Reste des Wohlfahrtsstaats zu demontieren. DerInternationale Währungsfonds erscheint aus der einenPerspektive als neutraler Agent von Disziplin undOrdnung, aus der anderen als Unterdrücker im Dienst desglobalen Kapitals.Beide Perspektiven enthalten ein Moment von Wahrheit.
 
In der Art und Weise, wie der IWF seine Klienten behandelt, gibt es unübersehbar die Dimension einesÜber-Ichs: Der IWF rüffelt und bestraft für nichtzurückgezahlte Kredite, gewährt zugleich aber neue, diedie Klienten, wie jedermann weiß, wieder nicht werdenzurückzahlen können, wodurch sie noch tiefer in denTeufelskreis geraten, in dem Schulden neue Schulden nachsich ziehen. Andererseits funktioniert diese Über-Ich-Strategie gerade deshalb, weil die Kreditnehmerstaatengenau wissen, dass sie die neuen Kredite nicht in vollerHöhe zurückzahlen müssen; sie machen neue Schulden inder Hoffnung, letzten Endes doch davon zu profitieren.Dennoch, auch wenn beide Erzählungen ein KörnchenWahrheit enthalten: Sie sind gleichermaßen fundamentalfalsch. Die Erzählung des europäischen Establishmentsverschleiert die Tatsache, dass die hohen Staatsdefizite dasResultat massiver Hilfen für den Finanzsektor undsinkender Steuereinnahmen während der Rezession sind;den hohen Kredit, der Athen gewährt wurde, werden dieGriechen zur Begleichung der Schulden verwenden, diesie bei den großen französischen und deutschen Bankenhaben. Der eigentliche Zweck der EU-Garantien ist es,Privatbanken beizustehen, da es diese schwer treffenwürde, wenn einer der Staaten der Eurozone pleiteginge.Auf der anderen Seite zeugt die Erzählung derDemonstranten wieder einmal vom Elend der heutigenLinken: Ihren Forderungen fehlt jeder positiveprogrammatische Inhalt, sie bringen nur eine allgemeine
 
Weigerung zum Ausdruck, den bestehendenWohlfahrtsstaat aufs Spiel zu setzen. Ihre Utopie ist nichteine radikale Veränderung des Systems, sondern dieVorstellung, der Wohlfahrtsstaat ließe sich innerhalb desSystems erhalten. Auch hier sollte man das KörnchenWahrheit nicht übersehen, das in der Argumentation derGegenseite enthalten ist: Wenn es beim globalenkapitalistischen System bleiben soll, wird es tatsächlichnotwendig sein, Arbeitern, Studenten und Rentnernweiterhin Geld abzunehmen.Es wird oft behauptet, die wahre Botschaft der Krise derEurozone sei, dass nicht nur der Euro, sondern das Projektdes vereinten Europas tot sei. Doch bevor man dieser sehrallgemeinen Feststellung zustimmt, sollte man ihr einenleninistischen Dreh verpassen: Okay, Europa ist tot; dieFrage ist nur, welches Europa? Antwort: daspostpolitische Europa der Anpassung an den Weltmarkt;das Europa, das in Referenden mehrfach abgelehnt wurde;das Europa der Brüsseler Technokratieexperten; dasEuropa, das für kalte europäische Vernunft und gegengriechische Leidenschaft und Korruption steht, für dieMathematik und gegen das Pathos.Aber so utopisch es erscheinen mag - die Tür für einanderes Europa steht immer noch offen: die Tür für jenesEuropa, das die antike griechische Demokratie, dieFranzösische und die Oktoberrevolution hervorbrachte.Daher sollte man der Versuchung widerstehen, auf diegegenwärtige Finanzkrise mit einem Rückzug auf völlig

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