Welcome to Scribd. Sign in or start your free trial to enjoy unlimited e-books, audiobooks & documents.Find out more
Download
Standard view
Full view
of .
Look up keyword
Like this
3Activity
0 of .
Results for:
No results containing your search query
P. 1
Der politische Widerspruch der Kritischen Theorie Adornos - Hans-Jürgen Krahl

Der politische Widerspruch der Kritischen Theorie Adornos - Hans-Jürgen Krahl

Ratings:
(0)
|Views: 749|Likes:
Published by nichtmitmir
Kritik der Kritischen Theorie
Kritik der Kritischen Theorie

More info:

Published by: nichtmitmir on Dec 04, 2010
Copyright:Attribution Non-commercial

Availability:

Read on Scribd mobile: iPhone, iPad and Android.
download as PDF, TXT or read online from Scribd
See more
See less

11/08/2012

pdf

text

original

 
24. Der politische Widerspruch der Kritischen Theorie Adomos
*
Adornos
intellektuelle Biographie ist bis in ihre ästhetischen Abstraktionen hinein von
der
Erfahrung des Faschismus gezeichnet. Die
Re-
flexionsweise dieser Erfahrung, die an den Gebilden der Kunst den unauflösbaren Zusammenhang von Kritik und Leiden abliest, macht die
Kompromisslosigkeit
des Anspruchs auf Negation aus und
weist
ihnzugleich in seine Grenzen. ln
der
Reflexion
auf
die durch die ökonomischen Naturkatastrophen
der
kapitalistischen Produktion hervorgetriebene faschistische Gewalt,
weiß
das »beschädigte Leben«, dass
es
sich der Verstrickung in die ideologischen Widersprüche der bürgerlichenIndividualität, deren unwiderruflichen Zerfall
es
erkannt hat, gleichwohlnicht entziehen kann. Der faschistische Terror produziert nicht
nur
dieEinsicht in den hermetischen Zwangscharakter der hochindustrialisierten Klassengesellschaften, er verletzt auch die Subjektivität des Theoretikers und verfestigt die Klassenschranke seines Erkenntnisvermögens.Das Bewusstsein davon spricht
Adorno
in der Einleitung
der
»minimamoralia« aus: »Die Gewalt, die mich vertrieben hatte, verwehrte
mir
zugleich ihre volle Erkenntnis.
Ich
gestand
mir
noch nicht die Mitschuld zu,in deren Bannkreis gerät,
wer
angesichts des Unsäglichen, das kollektivgeschah, von Individuellem überhaupt redet.«
Es
scheint, als sei
Adorno
durch die schneidende Kritik
amideologischen
Dasein des bürgerlichen
Individuums
hindurch unwiderstehlich in dessen Ruine gebannt. Dann aber hätte
Adorno
die Vereinsamung der Emigration nie wirklich verlassen.
Das
monadologische Schicksal des durchdie Produktionsgesetze der abstrakten Arbeit vereinzelten
Individuums
spiegelt sich in seiner intellektuellen Subjektivität. Daher vermochte
Adorno
die private Passion angesichts des Leidens
der
Verdammten dieser Erde nicht in eine organisierte Parteilichkeit der Theorie zur Befreiungder Unterdrückten umzusetzen.Adornos gesellschaftstheoretische Einsicht, derzufolge »das Nachlebendes Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicherdenn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie«anzusehen sei, ließ seine progressive Furcht
vor
einer faschistischen Stabilisierung des restaurierten Monopolkapitals in regressive
Angst
vor
den Formen praktischen Widerstands gegen diese Tendenz des Systemsumschlagen.
Er
teilte die Ambivalenz des politischen Bewusstseins vieler kritischer Intellektueller in Deutschland, die projizieren, die sozialistische Aktion vonlinks setze das Potential des faschistischen Terrors von rechts, das
siebe-
*
Der Beitrag von Hans-Jürgen Krahl zum Tode von Theodor
W.
Adorno
ist am 13.8.1969 inder nFrankfurter Rundschau« erschienen. (Anm. d. Hg.)
Der politische Widerspruch
der
Kritischen Theorie
Adornos
291
 
kämpft, überhaupt erst frei. Damit aber ist jede Praxis a priori als blindaktionistisch denunziert und die Möglichkeit politischer Kritik schlechthinboykottiert, nämlich die Unterscheidung zwischen einer
im
Prinzip rich-tigen vorrevolutionären Praxis und deren kinderkranken Erscheinungs-formen in entstehenden revolutionären Bewegungen.Im Gegensatz zum französischen Proletariat und seinen politischen In-tellektuellen fehlen in Deutschland eine ungebrochene Tradition gewalt-samer Resistance und
damit
die geschichtlichen Voraussetzungen
r
eine von lrrationalisierungen entlastete Diskussion der historischen Legi-
timität
von Gewalt. Die herrschende Gewalt, die Adornos eigener Ana-lyse zufolge auch nach Auschwitz zur neuen Faschisierung drängte, wärekeine, wenn die marxistische »Waffe der
Kritik<<
nicht durch die proleta-rische »Kritik der
Waffen<<
ergänzt werden müsste.
Nur
dann ist Kritik dastheoretische Leben der Revolution.Dieser objektive Widerspruch in der Theorie Adornos drängte zum of-fenen Konflikt und ließ die sozialistischen Schüler
zu
politischen Geg-nern ihres philosophischen Lehrers werden. So sehr
Adorno
die bürger-liche Ideologie des interesselosen Aufsuchans der Wahrheit als Scheindes Tauschverkehrs durchschaute, so sehr misstraute er den Spuren despolitischen Richtungskampfes im wissenschaftlichen Dialog.Doch seine kritische Option, ein Denken, dem Wahrheit zukommen soll,müsste sich aus sich selbst heraus auf die praktische Veränderung der ge-sellschaftlichen Wirklichkeit ausrichten, verliert
an
Verbindlichkeit,
wenn
es
sich nicht auch in organisatorischen Kategorien
zu
bestimmen ver-mag.
Immerweiter
entfernte sich Adornos dialektischer Begriff der Nega-tion von der historischen Notwendigkeit einer objektiven Parteilichkeitdes Denkens, die in Horkheimers spezifischer Differenzbestimmung derkritischen zur traditionellen Theorie zumindest in der Programmatik vonder »dynamischen
Einheit<<
des Theoretikers
mit
der beherrschten Klasseenthalten war.Die Abstraktion von diesen Kriterien hat
Adorno
schließlich
im
Konflikt
mit
der studentischen Protestbewegung in
e~von
ihm
selbstkaum durchschaute Komplizität
mit
den herrschenden Gewalten getrie-ben. Die Kontroverse bezog sich keineswegs allein auf das Problem pri-vater Praxisabstinenz, sondern das Unvermögen zur Organisationsfrageverweist auf eine objektive Unzulänglichkeit der Theor,ie Adornos, diedennoch gesellschaftliche Praxis als erkenntniskritisch und gesellschafts-theoretisch zentrale Kategorie unterstellt.Gleichwohl vermittelte die Reflexion Adornos den politisch bewusstenStudenten die herrschaftsentschleiernden Emanzipationskategorien, dieunausdrücklich den veränderten geschichtlichen Bedingungen revolutio-närer Situationen in den Metropolen entsprechen, welche nicht
mehr
ausunmittelbaren Verleumdungserfahrungen
bestimmt
werden können.
292
Der politische Widerspruch
der
Kritischen Theorie
Adornos
 
Adornos
mikrologische Darstellungskraft förderte aus
der
Dialektik vonWarenproduktion
und
Tauschverkehr die verschüttete emanzipative Dimension der Marxschen Kritik
der
politischen
Ökonomie
zutage, derenSelbstbewusstsein als einer revolutionären Theorie, also einer Lehre, deren Aussagen dieGesellschaft
unter dem
Aspekt radikaler Veränderungkonstruieren, den marxistischen Wirtschaftstheoretikern
der
Gegenwartzumeist verlorengegangen ist.
Adornos
wesenslogische Reflexion
auf
die Kategorien
der
Verdinglichung
und
Fetischisierung,
der
Mystifika
tion
und
zweiten Natur, überlieferte das Emanzipationsbewusstsein deswestlichen
Marxismus der
zwanziger
und dreißiger
Jahre, Korschs
und
Lukacs', Horkheimers
und
Marcuses,
wie
er sich in Opposition zum offiziellen
Sowjetmarxismus
ausbildete.Ursprung undIdentität entschlüsselte
Adorno
in seiner Philosophiekritik
der
fundamentalontologischen Seins-
und
positivistischen Faktizitätsideologieals Herrschaftskategorie
der
Zirkulationssphäre, deren liberaleLegitimationsdialektik bürgerlicher Sittlichkeit,
der
Schein des gerechtenTausches gleicher Warenbesitzer, sich längst
aufgelöst
hat.Doch dasselbe theoretische
Instrumentarium,
vermittels dessen
Adorno
diese gesamtgesellschaftliche Erkenntnis
zu
realisieren vermochte, verstellte
ihm
auch den Blick
auf
die historischen Möglichkeiten einer befreienden Praxis.ln seiner Ideologiekritik
am
Tod des bürgerlichen
Individuums
zittert ein
Moment
berechtigter Trauer nach. Doch
über
diese radikalisierte letzteBürgerlichkeit seines Denkens konnte
Adornoim
Hegeischen Sinn diesesBegriffs nicht
immanent
hinausgehen. Er blieb an sie
mit
furchtsamenBlick
auf
die schreckliche Vergangenheit fixiert: das
immer
zu
spät kom
mende
Bewusstsein dessen,
der
erst in
der Dämmerung
zu
begreifen anfängt.
Adornos
Negation
der
spätkapitalistischen Gesellschaft ist abstrakt geblieben und hat sich
dem
Erfordernis der
Bestimmtheit
der
bestimmten
Negation verschlossen,
jener
dialektischen Kategorie also,
der
er sich aus
derTradition
Hegels
und
Marxens verpflichtet wusste. Der Praxisbegriffdes Historischen
Materialismus
wird
in seinem letzten Werk,
der
»Nega
tiven
Dialektik«, nicht
mehr
auf den sozialen Wandel seiner geschichtlichen
Formbestimmungen
hin befragt, den bürgerlichen Verkehrs-
und
proletarischen Organisationsformen. ln seiner kritischen Theorie spiegeltsich das Absterben der Klassenkämpfe als Verkümmerung
der
materialistischen Geschichtsauffassung.
Zwar
war
einst
für
Horkheimer
die Zurechnung
der
Theorie zur befreienden Praxis des Proletariats programmatisch; doch die bürgerliche
Or-
ganisationsform
der
KritischenTheorie brachte schon damals Programm
und
Durchführung nicht zur Deckung. Die Zerschlagung der Arbeiterbe
wegung
durch den Faschismus
und
ihre scheinbar unwiderrufliche ln-
Der politische Widerspruch
der
Kritischen Theorie
Adornos
293

You're Reading a Free Preview

Download
scribd
/*********** DO NOT ALTER ANYTHING BELOW THIS LINE ! ************/ var s_code=s.t();if(s_code)document.write(s_code)//-->