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2009 FM Reisin: Eine Ausladung in Duisburg

2009 FM Reisin: Eine Ausladung in Duisburg

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12/10/2010

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Eine Ausladung in Duisburg
Fanny Michaela ReisinDer Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Duisburg, Armin Schneider, und derLeiter des dortigen Diakonischen Werkes, Stephan Kiepe-Fahrenholz, richteten an denVorsitzenden der Fraktion Die Linke im Duisburger Stadtrat, Hermann Dierkes, einenOffenen Brief, in dem sie ihn von einer kommunalpolitischen Podiumsdiskussion ausladen, zuder er zusammen mit den Vorsitzenden der anderen im Rat vertretenen Fraktionen für den 7.Mai in die Salvatorkirche eingeladen worden war: »Nach den uns vorliegenden Informationenhaben Sie, offenbar unter Bezug auf die aktuelle Politik des Staates Israel impalästinensischen Autonomiegebiet, zu einem Boykott israelischer Produkte aufgerufen. DieTatsache, daß sich die geistige wie verbale Parallele zu der Nazi-Parole ›Deutsche, kauft nichtbei Juden‹ unmittelbar einstellt, hat Sie davon, wenn die heutige Tageszeitung Sie zutreffendzitiert, offensichtlich nicht abgehalten … Daß man die Politik des Staates Israelunterschiedlich bewerten kann, ist unstrittig. Ihre Einlassung hat jedoch keineswegs allein mitpolitischen Ermessensfragen zu tun. Sie nehmen vielmehr bewußt oder fahrlässig, jedenfallsbilligend in Kauf, daß Ihr Aufruf als antisemitische Attacke verstanden wird, die sichunmittelbar gegen
unsere jüdischen Glaubensgeschwister 
(Hervorhebung von mir;
FMR
)richtet.« Hermann Dierkes wurde von so vielen Seiten und so hart gescholten, daß er sich zumRücktritt von seiner Funktion im Duisburger Rat gezwungen sah. Offenbar ließ ihn auch dieFührung seiner Partei allein, wenn sie ihn nicht sogar zum Rücktritt drängte.In Deutschland – nicht nur in Duisburg – ist bisher wenig bekannt, daß schon in vielenLändern eine Bewegung entstanden ist, die gegen die Politik Israels in den besetzten Gebietenvon Palästina und in Gaza mit Boykott-Aufrufen protestiert. Ihre Unterstützung nimmtweltweit zu. Einige wenige Beispiele: In Schweden wird der Boykott israelischer Produktebereits seit Jahren in Kirche und Gesellschaft diskutiert und praktiziert. Am 20. Februar rief das Exekutivkomitee des Weltkirchenrats die Mitgliedskirchen auf, hinsichtlich des Israel-Palästina-Konflikts ihre Regierungen unter Bezugnahme auf das Völkerrecht und ihrer darausresultierenden Verantwortung gegenüber Drittstaaten, wo immer es nötig ist, zurVerantwortung zu ziehen und die für Investitionen und Einkäufe zuständigen kirchlichenOrgane zu einer moralisch verantwortlichen Praxis gegenüber Unternehmen zu verpflichten,die die israelische Besatzung palästinensischer Gebiete unterstützen Anfang März verkündetedie britische Regierung ihren Boykott gegen den israelischen Baulöwen Lev Leviev undnahm, unter Bezugnahme auf sein rassistisches Engagement beim illegalen SiedlungsbauIsraels in den besetzten Gebieten, ihre Entscheidung zurück, eine Etage in dem Kirya-Turm inTel Aviv für ihre dortige Botschaft zu mieten; der Turm gehört einem Unternehmen Levievs.Den seit 1976 von Palästinensern in Israel und allen Ländern am 30. März gegen dieanhaltende Konfiskation palästinensischen Landes begangenen »Tag des Bodens« (Yaum Al-Ardh) werden in diesem Jahr alle palästinensischen und viele internationaleNichtregierungsorganisationen als Boykott-Tag begehen.Superintendenten und Leiter kirchlicher Einrichtungen in Deutschland irren, wenn sie glaubenund verbreiten, daß die von den Nazis ausgegrenzten, vertriebenen, geschädigten undermordeten Juden mit dem Staat Israel oder gar mit der Politik der derzeitigen Regierungdieses Staates gleichzusetzen sind. Viele der heute lebenden Juden und Jüdinnen sehen sichkeineswegs durch Israel vertreten. Es ist hochproblematisch, alle Juden und Jüdinnen nur alshomogene Gruppe zu betrachten. Solche Stereotypen liegen jeder Form des Rassismuszugrunde.
 
Die Vereinigung Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost (EJJP Deutschland),befreundet mit vergleichbaren jüdischen Organisationen auf allen Kontinenten, auch in denUSA und Israel, wies in einem Brief an die Duisburger Pfarrer das Ansinnen, den Aufruf zumBoykott israelischer Waren als antisemitisch zu diskreditieren, scharf zurück. »Ihren Bezugauf ›unsere (?) jüdischen Glaubensgeschwister‹ finden wir anmaßend!«, heißt es in demSchreiben.Den kirchlichen Amtsträgern in Duisburg, die Israel – weshalb nur? – so gern eineSonderbehandlung angedeihen lassen wollen, sollte eigentlich bekannt sein, was seitGründung der Vereinten Nationen politisch unumstritten ist, nämlich daß jeder Staat zuächten ist, der sich dauerhaft über Internationales Recht erhebt, der anhaltend – im Falle Israelseit nunmehr 61 Jahren – alle UN-Resolutionen in den Wind schlägt, der sich als Siegermachtgrober Verstöße gegen die Genfer Konventionen schuldig macht, indem er die Besiegtenunverhältnismäßig lange Zeit – im Fall Israel 42 Jahre – unter Besatzung hält, in besetztgehaltenen Territorien Land, Wasser und andere Ressourcen raubt sowie die eigenenLandesgrenzen ausdehnt und durch eine Grenzmauer manifest macht, die selbst derInternationale Gerichtshof gutachtlich für völkerrechtwidrig erklärte. Laut UN-Charta ist vorallem ein Staat zu ächten, der nicht auf politische Verhandlungen und eine dauerhaft gerechteFriedenslösung, sondern auf regionale Vorherrschaft durch militärische Stärke, auf Angriffskriege und Rechtswillkür setzt. Wer der Ethik und Moral ganz gleich welcherReligion oder auch nur den elementaren Menschenrechten verpflichtet ist, muß gegen das vonIsrael an den Palästinensern begangene Unrecht aufstehen. Boykottmaßnahmen derZivilgesellschaft, Investitionsstopp durch Verbände und Unternehmen sowie Sanktionendurch national- und internationalstaatliche Institutionen sind bewährte politische Instrumenteder Völkergemeinschaft.Die weltweiten Boykottkampagnen von Bürgern und Bürgerinnen aller Länder gegenNazideutschland in den 30er/40er Jahre, die Zivilbewegungen gegen den Vietnamkrieg der60er/70er und die internationale Anti-Apartheid-Bewegung bis in die 90er Jahre habengezeigt: Waren- und Veranstaltungsboykott, Diskreditierung von einzelnen Kriegsverbrechernsowie von Regierungen, die sich über Recht und Moral erheben, sind die Mittel des einzelnenBürgers und der einzelnen Bürgerin, politischen Druck gegen Unrecht auch individuellgeltend zu machen, wenn alle anderen politischen Aktivitäten und Proteste versagen.Es ist bedauerlich, daß Hermann Dierkes seine Funktionen niedergelegt hat. Es spricht gegenseine Partei, daß sie ihm nicht solidarisch gegen die Kampagne der
Westdeutschen Allgemeinen Zeitung
, der zweitgrößten deutschen Zeitung nach
 Bild 
, beigestanden hat. Es istzu hoffen, daß die Würdenträger der Evangelischen Kirche in Duisburg, mit den hiererwähnten Tatsachen konfrontiert, ihre diskriminierende Entscheidung zurücknehmen.
 Die Berliner Professorin Fanny Michaela Reisin, Präsidentin der Internationalen Liga für  Menschenrechte, gehört der Vereinigung Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost an. Im Januar war sie Hauptrednerin der Berliner Kundgebung gegen das Massaker in Gaza.Sie sagte dort: »Wer glaubt, daß Antisemitismus mit proisraelischer Propaganda zubekämpfen ist, irrt. Wer glaubt, daß Solidarität mit Gaza Antisemitismus verbreitet, irrt ebenso. Und wer unseren gemeinsamen Protest gegen die israelische Besatzung zuantisemitischer Propaganda gegen Juden nutzt, irrt nicht weniger. Nur wer konsequent gegenUnterdrückung und Ausgrenzung vorgeht und Apartheid, Rassismus, Antisemitismus und  Antiislamismus zurückdrängt, eröffnet eine Perspektive, die Zukunft hat. Zwischen Christen, Juden und Moslems steht nicht die Religion. Es sind Machtinteressen, die uns entzweien. Denen, die daraus Nutzen ziehen, müssen wir Einhalt gebieten.«

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