Zusammenfassung
Richard Cheney oder Condoleezza Rice – wer setzt sich am Ende der Ära George W. Bushin der amerikanischen Politik gegenüber Teheran durch? Der Vize-Präsident und dieAußenministerin repräsentieren die zwei Hauptausrichtungen der Iran-Politik. WährendCheney sich die Maxime der Neokonservativen zu eigen gemacht hat, steht Rice (wieauch Pentagon-Chef Robert Gates) in der Tradition der konservativen Realisten. BeideFlügel agierten, wenn auch höchst unterschiedlich, im Kontext des außenpolitischen Ge-samtkonzepts („Grand Strategy“), das die Grundlinien auch für die Politik gegenüber derIslamischen Republik enthält.Das Gesamtkonzept hat vor allem in der im März 2006 aktualisierten „National Secu-rity Strategy“ (NSS) seinen Niederschlag gefunden. Die NSS stand unter dem starkenEinfluss der Neokonservativen und deren Vorstellungen: Priorität hatte damit die Ab-schaffung aller Tyranneien durch die gezielte Ausbreitung von Demokratien (siehe Kapi-tel 2). Die weltordnungspolitischen Vorstellungen der konservativen Realisten finden sichhingegen in der „Nationalen Sicherheitsstrategie“ kaum wieder.Die beiden konservativen Flügel stimmen mit Blick auf den Iran darin überein, dassdie autoritär-klerikale Führung unter keinen Umständen eine Nuklearwaffenfähigkeiterlangen darf. Denn eine Atommacht Iran stellt aus dieser Perspektive eine unannehm-bare Bedrohung für die Region (in erster Linie für Israel), aber auch für die US-Interessendar. Deshalb muss die Islamische Republik gezwungen werden, insbesondere auf dieUrananreicherung zu verzichten. Denn wer diese Technologie für zivile Zwecke be-herrscht, also etwa für Kernkraftwerke als Teil des geschlossenen Brennstoffkreislaufs, istim Prinzip auch in der Lage, Nuklearwaffen herzustellen – hochangereichertes Uran istder Stoff, aus dem Atombomben gemacht werden (siehe Kapitel 3).Beide Grundausrichtungen setzen nicht nur in puncto Weltordnungspolitik, sondernauch in Bezug auf Ziele und Mittel der Politik gegenüber Teheran andere Akzente (sieheKapitel 4 und 5). Für die Neokonservativen lässt sich das komplexe Iran-Problem – denAtomkonflikt eingeschlossen – nur dann wirklich und nachhaltig lösen, wenn es zu einemeventuell gewaltsamen Regimewechsel („regime change“) in Teheran kommt. Mit den„Neocons“ in der Bush-Administration wird eine mögliche Vernichtung der iranischenNuklearanlagen assoziiert.Rice, Gates und ihre politischen Alliierten halten dagegen im Atomkonflikt das fürmöglich, was die Neokonservativen bezweifeln: Die Führung in Teheran hauptsächlichmit diplomatischen Mitteln zu einer Aufgabe der Urananreicherung zu drängen. DenEliten im Iran soll klar gemacht werden, dass sie einen unannehmbar hohen Preis für ihrbisher unkooperatives Verhalten zahlen müssen. Für die konservativen Realisten liegt es vorrangig im nationalen Interesse der USA, die Islamische Republik international zu iso-lieren. Sie wollen den Atomkonflikt mit dem Instrument wirtschafts- und finanzpoliti-scher Sanktionen und, seit 2007, mit einer regionalen Eindämmungsstrategie lösen. DieseGruppierung will das Verhalten der Führung verändern, ohne sie zu stürzen. Versuchezur Schwächung des Regimes schließt dies keinesfalls aus. Das war eines der Ziele, die die