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Zeit: Arabien steht auf

Zeit: Arabien steht auf

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Published by Infotisch
Niemand hat es vorausgesehen: Die Völker des Orients haben genug von ihren Despoten. Das ist der größte Umsturz nach dem Fall der Berliner Mauer
Niemand hat es vorausgesehen: Die Völker des Orients haben genug von ihren Despoten. Das ist der größte Umsturz nach dem Fall der Berliner Mauer

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11/09/2012

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2
3. Februar 2011 DIE ZEIT N
o
6
Das Kino der Frauen:
Zur Berlinale widmetdas ZEITmagazin den Heldinnen vor undhinter der Kamera ein ganzes Heft. Darin er-zählen Jury-Präsidentin Isabella Rossellini(Foto) und Regisseurinnen von Miranda July bis Doris Dörrie und Maren Ade von derweiblichen Seite des Films. Die Fotos für die-ses Heft machte die Französin Brigitte La-combe, die bekannt ist für ihre intensivenPorträts großer Schauspieler
MAGAZIN
NÄCHSTE WOCHE IN DER ZEIT
Ich rufe Ägypten auf: Vergesstnicht eure Kultur und Geschichte!«
Recep Tayyip Erdoğan,
türkischerMinisterpräsident, appelliert an die Regierung und die Demonstranten in Kairo, keine Gewalteinzusetzen
»Wir wollen frei sein. Wir wollenein normales Leben leben können. Wir wollen Frieden. Verlangen wirzu viel?«
 Aus dem »Manifest für den Wandel«,
das Jugend-liche aus dem Gaza-Streifen veröffentlicht haben
»Wir wollen, dass die Stimmen derHaitianer gehört und respektiertwerden.«
Hillary Clinton,
US-Außenministerin, über dieUnterstützung der USA für den Wiederaufbaudes Karibikstaates
»Europa hat seine Handausgestreckt, aber HerrLukaschenko hat es vorgezogen,diese Hand auszuschlagen.«
Guido Westerwelle (FDP),
 Außenminister, zu denEU-Sanktionen gegen Weißrussland
»Das ist Terrorismus.«
Niels Stolberg,
Chef der Bremer Beluga-Reederei,über die Lage des Frachters »Beluga Nomination«,der vor Kurzem von somalischen Piraten amHorn von Afrika gekapert wurde
»Wir sind im Augenblick, wasFrauen in den Führungspositionenangeht, auf Höhe mit Indien,hinter Russland, hinterBrasilien, hinter China.«
Ursula von der Leyen (CDU),
Arbeitsministerin,über die Notwendigkeit einer Frauenquote in der Wirtschaft
»Völlig kontraproduktiv.«
Marie-Christine Ostermann,
Bundesvorsitzende desVerbands Die Jungen Unternehmer, zum selbenThema 
»Ich kann nicht mit Sicherheitsagen, ob unsere Maßnahmen einen Anschlag verhindert haben. Einegute Wirkung hatten sie allemal.«
Thomas de Maizière (CDU),
Bundesinnenminister,zu seiner Ankündigung, die öffentlichePolizeipräsenz nach Wochen erhöhterTerrorgefahr zurückzufahren
ZEITSPIEGEL
Nackter Protest
Das hätten sich die Ägypterinnen nicht ge-traut: demonstrieren, nackt, für die Sache. Wie in der Ukraine, dem Land der OrangeRevolution, aber die ist lang her. Anfang Feb-ruar protestierten Frauen der OrganisationFemen auf ihren Balkonen – mit blankenBrüsten. Wogegen? Weil der Staat es seinenBürgern verbieten will, während der Fußball-EM 2012 die Balkone in Kiew für das Trock-nen der Unterwäsche zu nutzen. Es war nichtdie erste Aktion der Frauen von Femen, aberfrüher fanden sie ernstere Anlässe: Sie haben Wahlkabinen gestürmt, um gegen »die Ver-gewaltigung der Demokratie« zu protestieren,und gegen die Todesstrafe in Iran mobil ge-macht – alles nackt, alles erfolglos, aber zurFreude ukrainischer Chauvi-Politiker. Manmöchte dann doch wieder zum Pullover raten.Nicht nur wegen der Temperaturen.
ABT
Worte der Woche
»«
POLITIK
Sie sind so frei
 Wie die Revolution in Arabien unser Weltbild zum Einsturz bringt
VON JAN ROSS UND BERND ULRICH
SAUDI-ARABIEN
 JORDANIEN
LIBANONISRAEL
 JEMEN
IRAN
500 km
ALGERIENTUNESIENMAROKKOLIBYENÄGYPTEN
SYRIEN
ZEIT-
Grafik 
IRAK
A F R I K A
Ägypten
Seite 3-4
Das Drama in derarabischen Welt, einhistorischer Augenblick: Aufbegehren in Ägypten
(Seiten 3/4),
die SorgeIsraels
(Seite 4),
die Rolledes Internets und der Araberin Deutschland
(Seite 5),
Schockwellen von Washington über Brüssel bisnach Jordanien
(Seite 6),
Proteste im Jemen
(Seite 7)
W
ie viele Mauern müssen noch fal-len, bis wir aufhören, uns vor fal-lenden Mauern zu fürchten?Die Bilder aus Ägypten sindbewegend wie die der sanftenRevolution von 1989: die Familien mit Kindern,die Betenden, die Friedlichkeit im Umgang mitden Soldaten. Kairo müsste für eine Menschheits-hoffnung stehen, mit der die Welt mitfiebert. Dierepressiven Regime überall zittern – China, Syrien,die Hamas-Miliz in Gaza sind tief beunruhigt.
 Aber die Freude im Westen ist gehemmt, nicht nur
wegen der Gefahren, die mit jeder Revolution auchverbunden sind. Die Ereignisse treffen uns blamiert
und überrascht. Wer vor zwei Wochen die Freiheit inTunesien feierte, wusste vor einer Woche noch nicht,ob der Funke auf andere Länder überspringen würde– und ist heute überrumpelt vom ägyptischen Drama.
So viel aber ist klar: Die neue arabische Welt wird
 weniger bequem sein, kein Stein auf einem geopoliti-schen Schachbrett mehr, sondern eine dreidimensio-
nale Landschaft mit echten Menschen, die uns vonGleich zu Gleich begegnen und ihre Ansprüche an-
melden werden. Vielleicht fühlt sich der Westen jetzt
auch einfach ertappt, bei seinem verborgenen Kolo-nialismus und seinem Rest-Rassismus.Hinter der gebremsten Freude steckt zunächstder Fetisch der Stabilität. Nur keine abrupte Ver-änderung im gefährlichen Mittleren Osten, siekönnte zur Katastrophe führen. Dass der Statusquo selbst die Katastrophe ist, haben erst die Mas-senproteste bewusst gemacht. Die Stabilität à la Mubarak war in Wahrheit fragil, die »Realpolitik«,die auf Despoten setzt, unrealistisch. Nicht, dassdie Angst vor dem Chaos absurd wäre. MubaraksVorgänger Sadat wurde 1981 von Islamisten er-mordet, da kann man ein geradezu verzweifeltesBedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit verstehen. Aber mit der Zeit ist es zur Ideologie erstarrt.
Die Unterstützung für den Schah hat die islamische Revolution ermöglicht 
Die Vergötzung der Stabilität ist eine chronischeKrankheit. Es gab eine rechte Variante des Stabili-tätskults: Militärdiktaturen in Lateinamerika und Asien galten während des Kalten Krieges als Boll-werke gegen den Kommunismus. Es gab eine sozi-aldemokratische Spielart: Die polnischen, tsche-chischen, russischen Dissidenten, die gegen dasSowjetsystem aufbegehrten, wurden als Störenfriedebetrachtet, die die Entspannungspolitik gefähr-deten. Die Teilung Europas und der Welt, die Un-terdrückung im sozialistischen Lager, das mochteunerfreulich sein (aber nur für die hinter dem Eiser-nen Vorhang), doch war es stabil. Nur wie lange? Was hat man sich seinerzeit denn gedacht, fürwie viele Jahrzehnte wie viele Millionen Leben imSowjet-Imperium und auf den Nebenkriegsschau-plätzen der Dritten Welt vergeudet werden dürfenum der Stabilität willen? Mit wie vielen unfreien,gedemütigten Leben für wie viele weitere Jahrzehn-te wurde bis zuletzt für Arabien gerechnet?Mit Blick auf die muslimische Welt produziertedieser Stabilitätskult eine Serie von fatalen Fehlein-schätzungen. Es sei ungewiss, heißt es jetzt immer,ob sich in Kairo ein zweites 1989 oder ein neues1979 abspielt. »1979« steht für die islamische Revo-lution in Iran, die auf den Sturz des Schahs folgteund statt Freiheit eine fanatische Religionsdiktaturbrachte. Aber gerade das war ein Fiasko der Stabili-tätspolitik: Nichts hat den Islamisten so geholfenwie die jahrzehntelange Unterstützung des Westensfür den autokratischen, folternden Monarchen, indem Amerika einen unentbehrlichen Bündnispart-ner sah – wie später in Ägyptens Hosni Mubarak.Mit der arabischen Herrscherkrise bricht dieDoktrin von den »moderaten« Staaten zusammen.Demnach herrscht in der Region ein Kalter Krieg zwischen den »gemäßigten« Mächten wie Ägyptenund Saudi-Arabien auf der einen und einem radika-len Block auf der anderen Seite, zu dem Iran undSyrien gehören. Westliche Politik, so die Theorie,muss die »Moderaten« stärken. Jetzt zeigt sich die Anfälligkeit dieser »gemäßigten« Regime, die gegen-über dem Westen kompromissbereit sind, aber nachinnen maßlos gierig und brutal.Nun wird geklagt, mit Mubarak gehe ein wich-tiger Partner im nahöstlichen Friedensprozess ver-loren. Abgesehen davon, dass die Rede vom »Frie-densprozess« nach Jahren des israelisch-arabischenStillstands zur Phrase geworden ist: Es genügt nicht,wenn die Regierenden Frieden schließen, manbraucht dazu auch die Regierten. Regime, die imInnern Angst vor dem eigenen Volk haben, sindauch nach außen nicht auf Dauer geschäftsfähig.Der Aufstand seiner Untertanen hat den Friedens-politiker Mubarak als Attrappe enthüllt.Dass Israel mit bangen Gefühlen auf das allesblickt, ist begreiflich. Es fürchtet, dass die mühsambefriedete Grenze zu Ägypten wieder zur Konflikt-linie, womöglich zur Front werden könnte, unddiese Aussicht ist erschreckend. Das kann dem Westen, Deutschland zumal, nicht gleichgültig sein. Trotzdem muss man hier klar unterscheiden:Es gibt eine unverbrüchliche Verpflichtung, dasExistenzrecht des Staates Israel zu verteidigen – aberes gibt keine Verpflichtung, deswegen die israe-lische Perspektive auf den Nahen Osten komplettzu übernehmen. Israel verfügt über eine nukleare Abschreckung, und es hat mächtige Freunde, allenvoran die USA. Die Veränderungen in Ägyptenbedeuten für das Land insofern keine existenzielleGefahr. Am Ende steckt sogar für Israel im Wandeldie Chance, es mit echten Partnern, nicht mit einerkünstlichen, von Repression und vom Westen ge-stützten Friedensfassade zu tun zu bekommen. Fürden Moment mögen die arabischen Diktatoren fürIsrael bequemer sein als deren Völker. Aber auchhier: Für wie lange denn?Die Sorge um Israel wäre immerhin ein noblerGrund für Stabilitätspolitik. Ist er auch das ehrlicheMotiv? Eher nicht. Zum einen, weil die Potentatenund ZKs, mit denen man sich während des Kalten
Kriegs eingelassen hat, nichts mit Israel zu tun hatten.
Zum anderen, weil es noch nicht einmal acht Jahre
her ist, dass der Westen dieselbe islamische Welt, umderen Stabilität er heute bangt, in den Umsturz treiben wollte, indem er Saddam Hussein von der Macht ge-bombt hat. Damals wollte George W. Bush die Revo-
lution im ganzen Nahen und Mittleren Osten an-stoßen – aber auf der Spitze der eigenen Bajonette,
 weswegen es nicht funktioniert hat. Was wäre damals
aus Israel geworden, wenn es doch geklappt hätte? Wer nun rasch zur Tagesordnung übergehenund alsbald wieder die Region für unsere Interessenzurichten möchte, der möge sich für einen Momentvorstellen, wie das alles für leidlich informierte Ara-ber aussieht. Bis 1989 wurden Staaten in der Regi-on unter dem Blickwinkel gesehen, ob sie demOsten oder dem Westen von Nutzen waren. Da-nach standen das Öl und die israelischen Interessenim Vordergrund. Seit dem 11. September solltendie Araber gegen den Islamismus sein, dann kurz-zeitig auch für die Demokratie. Die dann seit dem Wahlsieg der Hamas 2006 in den Palästinenser-gebieten wieder fallengelassen wurde.
 Wollen Russen die asiatische Despotieund Araber die Knute?
 Was sollen die Menschen dort von uns denken? Wares nicht so, dass hinter all dem realpolitischen Gere-de ein borniertes Interesse stand? Rohstoffe wollteman, reisen, tauchen im Roten Meer, und bitte kei-ne Flüchtlinge aus Afrika. Und, noch tiefer gebohrt:Hieß der heimliche Konsens über die Russen nichteinst, sie seien halt die asiatische Despotie gewohntund für die Demokratie ungeeignet? Dachte manhierzulande mehrheitlich nicht, dass die Arabernichts anderes kennen und wollen als die Knute,dass Geografie, Religion und Tradition gar nichtsanderes zulassen? Könnte es sein, dass geopolitische Analyse und kulturelles »Verständnis« sich zu etwaszusammenfügten, das von schnödem anti-ara-bischen Rassismus kaum zu unterscheiden ist?Und wenn man schon dabei ist, die Perspektiveumzukehren: Die Millionen Araber, die in Europa leben, werden in letzter Zeit immer mehr als fünfteKolonne des Islam betrachtet. (Zu Teilen ist dasauch berechtigt). Aber wie mögen sich diejenigen,die bei uns leben, fühlen, wenn wir gegenüber ihrenHeimatländern so reden, denken und handeln, wiedas in den letzten Jahren der Fall war? Viele vonihnen sind politische oder Wirtschaftsflüchtlinge,sie mussten erleben, wie der Westen, wie ihre neuenHeimatländer die wirtschaftliche Ausbeutung undpolitische Unterdrückung subventioniert haben. Wie sollten sie sich da bei uns zu Hause fühlen?Nein, der Westen hat nicht an seine eigenen Wertegeglaubt, nicht daran, dass Freiheit etwas Ur-menschliches ist – es war eine Schande. Am Wochenende treffen sich 360 Menschenzur Münchener Sicherheitskonferenz. Sie stellendas sicherheitspolitische Establishment des Westensdar, sie sind es gewohnt, die Welt zu erklären, wennnicht gar zu regieren, in unser aller Namen. Nunsollten sie, ebenfalls in unserem Namen, vielleichteinen Moment innehalten, ihre Orientierungslosig-keit eingestehen und über ihre (unsere) Ängste re-den. Und über die Frage, wie unsere Welt wohl aus-sehen wird, wenn wir auf niemanden mehr hinab-blicken können.
Wie rasch es ging
17. 12.
Der tunesische GemüsehändlerMohamed Bouazizi zündet sich an, umgegen Willkür und Misshandlung zuprotestieren. Es folgen Unruhen, De-monstrationen – und Nachahmungs-taten in anderen arabischen Ländern.Tunesiens Präsident Ben Ali lässt Teiledes Internets sperren.
7. 1
. Tote bei Protesten in Algerien.
8./9. 1
. Zahlreiche Tote beiDemonstrationen in Tunesien, an dieTausend Verhaftungen in Algerien.
12. 1.
Tunesiens Innenminister wirdabgelöst, Hochschulen werden geschlos-sen. Stellenweise zieht sich die Polizeizurück, es kommt zu Plünderungen.
14. 1.
Ben Ali flieht nach Saudi-Ara-bien. Demonstrationen in Jordanien.
15. 1.
Familienmitglieder Ben Aliswerden verhaftet. Ankündigung von Wahlen.
17. 1.
Suizid vor dem Parlament inKairo.
18. 1.
Drei öffentliche Suizidversuchein Ägypten. In Tunesien Proteste gegenRepräsentanten des alten Regimes.
21. 1.
Demonstrationen in Jordanien.
25. 1.
Landesweit Demonstrationen in Ägypten, Tote und Verletzte.
26. 1.
Internationaler Haftbefehl gegenBen Ali. Internetblockade in Ägypten.
27. 1.
Der Oppositionspolitiker ElBara-dei trifft in Kairo ein. Massendemons-tration in Jemens Hauptstadt Sanaa.
28. 1.
Hausarrest für ElBaradei, Militärrückt in Ägyptens größeren Städten ein.Demonstrationen in Jordanien.
31. 1.
Ägyptens Armee kündigt an,friedlichen Protest zu dulden. In Syrienverspricht Präsident al-Assad Reformen.
1. 2.
Millionen protestieren in Ägypten,Präsident Mubarak kündigt an, bei den Wahlen im Herbst nicht wiederanzutreten. In Jordanien entlässt König  Abdullah II. seine Regierung. In Algerien streiken Zehntausende von
Staatsbediensteten. Oppositionelle rufen
zum Sturz der Regierung Bouteflika auf.
TITELGESCHICHTE
Israel
Seite 4
Tunesien, Jordanien,Syrien
Seite 6
 Jemen
Seite 7
www.zeit.de/audio
Unten gegen oben:Demonstranten inKairo und ÄgyptensPräsident Mubarak,der am Dienstagseinen Verzicht auf eine weitere Amtszeiterklärte
   F  o   t  o  :   B  r   i  g   i   t   t  e   L  a  c  o  m   b  e   f   ü  r   D   I   E   Z   E   I   T   F  o   t  o  s  :   A   P  ;   K   h  a   l   i   l   H  a  m  r  a   /   A   P   (   l .   )
 
POLITIK
Wir sind das Volk!
Erst wollten sie wenig, dann immer mehr: Wie eine Ärztin, ein verarmter Händler, ein Islamist und ein Dozentauf den Straßen von Kairo gegen ihren Diktator und für die Freiheit kämpfen
VON JULIA GERLACH UND MICHAEL THUMANN
K
A
m Tag, an dem sich Ägyptenerhob, erbebte die Welt undschaute auf die Mitte von Kai-ro. Auf dem Tahrir-Platz, dergroßen Bühne des Aufstands,standen in der Nacht vonDienstag auf Mittwoch eineMillion Menschen. Rockbands traten vor Panzer-kanonen auf, Zivilisten trugen Soldaten durch dieMenge, die Leute tanzten den Tag und die Nachthindurch. Wie kam es zu diesem Aufstand, der Ägypten und die Welt verändert? Warum erhebensich die Ägypter, von denen es immer hieß, sieseien politisch so träge wie der langsam dahinflie-ßende Nil? Am Dienstag hat ihr Herrscher zumVolk gesprochen. In einigen Monaten, noch vorder nächsten Wahl, will er abtreten. Aber warumreicht das den Demonstranten nicht mehr?Die Revolution hat viele Gesichter. Sie gehörenMännern und Frauen, Arbeitern und Akademi-kern, Hungernden, Hoffenden und Radikalen. Siegehören Menschen wie der Ärztin Dina OmarMohammed, dem Universitätslektor Basem Schoi-ab, dem Muslim-Bruder Issam al-Erian und RagabMohammed, einem armen Straßenverkäufer. Am Tag, an dem sich Ägypten erhob, schauteDina Omar Mohammed Fernsehen. Bis tief in dieNacht sah sie die Bilder vom Tahrir-Platz. Amnächsten Morgen bat die 30-Jährige ihren Chef um Urlaub, kaufte sich ein Ticket und flog vonBeirut in ihre Heimatstadt Kairo. Dina OmarMohammed ist Ärztin und lehrt Medizin in Bei-rut. Seit vielen Jahren lebte die Frau aus Kaironicht mehr in Ägypten. Sie hatte ein gutes, geord-netes Leben. Dann sah sie die Menschen endlichaufstehen. Es machte sie als Araberin, als Ägyp-terin sehr stolz. Sie wollte dabei sein. Jetzt zählte jeder Einzelne, um den Protest stärker und sicht-barer zu machen. Mit diesen Gedanken landetesie in Kairo.Dort eingetroffen, überredete sie ihre Schwestermitzugehen. Gemeinsam zogen die beiden zumTahrir-Platz. Dina Mohammed war begeistert.»All diese Menschen, die aus allen Schichten kom-men, gemeinsam. Das ist Ägypten!«, rief sie undwinkte allen zu. Im bleiernen ägyptischen Alltag der letzten Jahre hatten sich diese Menschen niegetroffen. Da waren wütende Jugendliche aus den Armenvierteln, die ohne Job und ohne Geld undohne Zukunft aufgewachsen waren. Da waren die Angestellten, Intellektuellen, Rechtsanwälte, Rich-ter, die meisten von ihnen unter 30. Gemeinsamforderten sie ein besseres, freieres Ägypten.
Dina Mohammed und ihre Schwesterlernen: Gegen Tränengas hilft Cola 
Dina Omar Mohammed sah noch die Spuren desersten großen Kampfes der Demonstranten mit der
Staatspolizei. Als sich zum ersten Mal mehr als 50 000
Menschen auf dem Tahrir versammelten, hatte die
Polizei scharfes CS-Tränengas, Wasserwerfer, Gum-
mikugeln gegen die Demonstranten eingesetzt.
Hunderte von ihnen wurden verletzt, manche schwer.In den Krankenhäusern Kairos wurden die Blutkon-
serven knapp. Bisher waren fast 150 Menschen ge-storben. Dina Mohammed sah, dass viele Demons-
tranten Cola-Flaschen dabei hatten und Lappen, die
mit Wasser getränkt waren. Gegen Tränengas. Man
erklärte ihr, dass sie – sollte es zu einem Einsatz kom-men – das Gas zunächst mit Cola vom Gesicht reiben
und dann die Augen mit klarem Wasser ausspülensolle. Man erklärte ihr auch den Slogan der Bewe-
gung:
»Salmia, salmia 
– friedlich, friedlich!« So riefen
die Demonstranten unaufhörlich und stellten sich
dazwischen, wenn jemand versuchte, die anderen zu
Gewalt anzustacheln oder die Sicherheitskräfte zu
provozieren. Auf dem riesigen Tahrir-Platz müssten
solche kleinen Eskalationen ständig entschärft wer-den, erklärte man ihr. Spitzel der Regierung und
bezahlte Provokateure setzten alles daran, den fried-
lichen Protest zu radikalisieren, vor aller Welt zu ent-
blößen und so kleinzukriegen.In diesen ersten Stunden auf dem Tahrir-Platzveränderte sich Dina Omar Mohammed. Von ei-nem bürgerlichen Individuum wurde sie zu einemTeil der Masse, von einer Medizindozentin zu ei-ner Revolutionärin. Sie sah, wie die Polizei abzog und die Armee einmarschierte. Plötzlich standenPanzer vor dem berühmten ägyptischen Museum.Dahinter brannte die Parteizentrale der herrschen-den Nationaldemokratischen Partei von PräsidentHosni Mubarak. Sie und ihre Schwester beschlos-sen, erst wieder zu gehen, wenn Mubarak endlichzurücktritt. Was dann kommen würde, wussten sienicht. Wer konnte es schon wissen?»Ich bin für einen Kandidaten, den ich nochnicht kenne«, sagte Dina. Für den Geheimdienst-chef Omar Suleiman, der am Tag zuvor vomStaatsoberhaupt Mubarak zum Vizepräsidentenernannt wurde? Nein, der konnte es nicht sein. »Ermag geeignet sein, viele Ägypter achteten undschätzten ihn.« Doch weil ihn jetzt Mubarak er-nannte, habe er alle Glaubwürdigkeit verloren.Der Herrscher hat seinen besten Mann verbrannt.Und Mohammed ElBaradei, Friedensnobelpreis-träger und ehemaliger Direktor der Internationa-len Atomenergiebehörde? Zu opportunistisch. Derkomme immer nur »aus dem Ausland eingeflogen,wenn es etwas für ihn zu gewinnen gibt«, sagte sie.Die größte Enttäuschung dieser Revolte aber lag für sie gar nicht in Ägypten, sondern im Ausland.Sie empörte sich, dass sich der demokratische Wes-ten nicht voll und ganz auf die Seite des demokra-tischen Aufstandes stelle. Zu ängstlich fand sie die Appelle der Vereinigten Staaten an Mubarak, einen»ordentlichen Übergang« zu garantieren. Zu ha-senfüßig die Warnung der Europäer, dass wederGewalt noch Radikale herrschen dürften. »Diefürchten immer, dass, sobald Mubarak stürzt, dieIslamisten das Ruder in die Hand nähmen«, sagtesie. »Die sollten mich mal anschauen!« Sie schüt-telte ihre langen schwarzen Haare. Ein Blick überden Tahrir-Platz sei doch wohl Beweis genug, dassdie Tiefreligiösen und Islamisten hier in der Min-derheit seien.
Mit einem Stock in der Hand verteidigt Basem Schoiab seine Straße
Bunt gemischt waren die Demonstranten an diesemsonnigen Tag auf dem Tahrir-Platz schon. Doch Dina 
Omar Mohammed und ihre Schwester, die beiden
Frauen in engen Jeans und feinen Strickjacken, fielen
dennoch auf. Auch wegen des Goldkettchens an
Dinas Hals. In den mondänen Straßen von Beirut ist
es normal, so auf die Straße zu gehen, keine Fraumache sich darum Gedanken. In Ägypten schon.
»Die Jungs dachten wegen meines goldenen Amuletts
und meines Ausschnitts, ich sei Christin«, sagte sieund lachte. Die Leute interessierten sich für sie,
 wollten mit ihr reden, sie vor Kameras und Fotoappa-
rate schieben. Sie wollten zeigen, dass diese Revolte
keine muslimische, keine islamistische, sondern eineägyptische ist. Allerdings, das war Dina Mohammed
anzumerken, kämpfte sie damit, sich ihre Begeiste-rung zu erhalten. Nicht, dass sie Zweifel gehabt
hätte an der Bewegung und daran, dass es richtig war,hierher zu kommen. Doch die bohrenden Blicke der jungen Männer auf ihre langen Haare und ihre Jeans
gingen ihr doch wahnsinnig auf die Nerven. Am Tag, als sich Ägypten erhob, ging BasemSchoiab auf eine Beerdigung. Ein Freund des 36- jährigen Universitätslektors wurde zu Grabe ge-tragen. Lange war er krank gewesen, nun war dererwartete Tod eingetreten. In einem Vorort vonKairo versammelten sich die Trauernden, währendauf dem Tahrir das Volk aufstand. Basem sym-pathisierte mit den Demonstranten wie Dina Omar Mohammed, aber er dachte nicht daran,sich zu beteiligen. Massenaufmärsche waren seineSache nicht. Er wollte keine Revolution, sonderneine geordnete Machtübergabe. Auf der Beerdi-gung verfolgte er keine Nachrichten. So erfuhr ernicht, dass zu der Zeit, da das Grab seines Freun-des zugeschüttet wurde, sich die Gefängnisse öff-neten. Die Gründe kannte niemand genau. Man-che sagen, die Polizei öffnete die Eisentore selbstund zog sich zurück. Andere sprechen von Angrif-fen der Bevölkerung auf die Gefängnisse, bis dieGitter aufgingen. Frei kamen alle, auch die Schwer-kriminellen. Das sollte Basem Schoiab zu spürenbekommen. Als er über die Ringstraße nach Kairo fuhr, war
die Polizei verschwunden, die sonst an jeder Kreuzung 
stand. Fort – wie aus den Gefängnissen. Wo sonst
Schutzpolizisten den Verkehr regelten, hatten Män-
Fortsetzung auf S. 4
Die große Bühnedes Aufstandes:Der Tahrir-Platz.Hier tanztenDemonstranten auf Panzern
3. Februar 2011 DIE ZEIT N
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   F  o   t  o  :   I  v  o  r   P  r   i  c   k  e   t   t   /   P  a  n  o  s   f   ü  r   D   I   E   Z   E   I   T
 
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3. Februar 2011 DIE ZEIT N
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ner aus dem Volk das Winken übernommen. Es
wurde dunkel. Armeepanzer standen auf den Haupt-
straßen und zentralen Kreuzungen. Schoiab wollteeine Freundin nach Hause bringen, die mit auf der
Beerdigung war. Sie wohnte in einem besseren Viertel
im Vorort Heliopolis. Als sie von der Hauptstraße
abbogen, wurden sie an einem Checkpoint gestoppt.Menschen in Zivil, die sich bei näherem Hinsehen als
Nachbarn entpuppten, durchsuchten das Auto. Schnell
durften sie weiterfahren. Als sie bei Basems Freundin
angelangt waren, warnten die Nachbarn sie: »Unser
Viertel wird angegriffen, von Verbrechern, von Plün-
derern!« Heliopolis war kein Einzelfall. Ganz Kairowurde zur Bühne der Banditen.Basem konnte nicht mehr nach Hause fahren. Er
wurde sofort von der Bürgerwehr eingeteilt. Die Män-
ner eines jeden Hauses bauten den inneren Verteidi-
gungsring auf. Da stand der Universitätsdozent plötz-
lich mitten in der Nacht auf der Straße, einen Stock 
in der Hand, wartend auf die Plünderer. Einige Nach-
barn waren für die Waffen zuständig – Latten, Knüp-
pel, wenige Pistolen, Flaschen, mit Sprit gefüllt. Sieerrichteten Straßensperren, parkten Autos quer auf der Fahrbahn. Straße für Straße wurde so gesichert.
Zwischen den Sperren liefen Boten hin und her. Man
erkannte sich an den weißen Armbinden. Wo der Feind herkam, blieb unklar. Aus den Ge-fängnissen, aus den Slums der Vorstädte – oder aus
den Armenvierteln nebenan. Dort hatte der Mob die
Polizei vertrieben und Dutzende Polizeiwagen in Brand
gesteckt. Die Angreifer trugen Knüppel, Messer und
Pistolen bei sich. Basem Schoiab lauschte angespannt
den Schüssen, den Schreien am Rand des Stadtviertels.
Diese Plünderer sind nicht die dunkle Seite des Auf-stands, sondern wohl die Rache des Regimes. DiesesChaos schien gewollt zu sein.Beim Morgengrauen ließ das Schießen nach.Basem Schoiab hatte Glück. Die äußere Verteidi-gungslinie hielt, die Banditen flüchteten, als es hellwurde. Er sank auf einer Kiste zusammen. Aus denHäusern wurden Tee und Fladenbrot gebracht.»Was ist das für ein Regime, das uns Sicherheit stattDemokratie verspricht«, fragte er, »und dann imErnstfall die Polizei abzieht?« Wie konnte das pas-sieren? Alles wirkte wie Absicht. Die demokratischeBewegung sollte diskreditiert werden, Mubarak und die Polizei sollte als unentbehrlich dastehen.Da war sie wieder, die uralte Begründung der Dik-tatur: »Wir oder das Chaos!« Plötzlich glaubteSchoiab nicht mehr an die alten Weisheiten.
In der nächsten Nacht schloss sich Basem Schoiab
der Bürgerwehr in seinem Wohnviertel an. Oben inder Wohnung wartete seine Familie die Nacht hin-
durch und reichte Essen herunter. Unten stand er mit
seinem Stock und mit den Männern. Und währender Wache hielt, dachte er nach. Noch vor wenigenTagen wollte er nicht an den Demonstrationen teil-
nehmen. Wollte eine geordnete Machtübergabe. Doch
wo war die Ordnung geblieben? »Vor einer Woche
hätte Mubarak noch Reformen durchführen können.
 Jetzt will er bei den Wahlen nicht mehr antreten«,sagte er. »Aber das reicht nicht. Er will uns alle ver-höhnen.« Konnte sich Basem Schoiab noch heraus-halten? Hatte er nicht längst seine Sicherheit, seinSchicksal in die eigene Hand genommen? Noch amselben Abend übernachtete er auf dem Tahrir-Platz. Am nächsten Tag rief er mit Millionen ÄgypternMubarak zum Rücktritt auf, auf der bisher größtenDemonstration gegen das alte Regime. Am Tag, an dem sich Ägypten erhob, wurde Is-sam al-Erian verhaftet. Für das Vorstandsmitgliedder Muslim-Brüder war das nichts Neues. Er saß inden vergangenen zehn Jahren immer dann im Ge-fängnis, wenn es der Regierung gefiel. Vorzugsweisebei Wahlen, bei Kundgebungen, beim Brotaufstandvor drei Jahren, bei ausländischen Staatsbesuchen.Immer dann, wenn das Regime sichergehen wollte,dass die Islamisten keinen Ärger machen. Al-Erian, Arzt, ein hagerer Typ mit Brille und kurz geschore-nem Bart, ist ein ruhiger, maßvoller Mann. Seinediplomatische Art hat ihn zu einer der wichtigenStimmen der Muslim-Brüder gemacht. Und zu ei-nem Vermittler. Am Vorabend seiner Verhaftung noch hatte er sich mit Mohammed ElBaradei ge-troffen. Während westliche Regierungen vor »Radi-kalen und Islamisten« in Ägypten warnten, sprachder durch und durch säkulare Friedensnobelpreis-träger mit den gemäßigten Islamisten: über Wege,das eiserne Regime zu lockern, über einen friedli-chen Abgang des Präsidenten, über eine demokrati-sche Zukunft für das Heimatland. Darüber redetenMohammed ElBaradei und Issam al-Erian. Am nächsten Morgen bekamen beide Besuchvon der Polizei. ElBaradei wurde unter Hausarrestgestellt, al-Erian in einem vergitterten Polizeibusabtransportiert. Er verschwand. Niemand wusste,wohin. Seinem Sohn hatte er noch in letzter Sekun-de sein Mobiltelefon in die Hand gedrückt. »Wirwissen nichts von ihm«, sagte Ibrahim al-Erian, der26-jährige Sohn, jedem Anrufer.Sein Vater saß in einer Zelle des Wadi-Natrun-Gefängnisses, eines berüchtigten Zuchthauses für
politische Gefangene und Schwerverbrecher zwischen
Kairo und Alexandria. Issam al-Erian hatte in dieserNacht wenig geschlafen, es war laut und unruhig in
den überfüllten Zellen. Plötzlich riss ein Häftling vonaußen die Zellentür auf. »Raus, schnell raus hier!« Al-
Erian fing an zu laufen, so schnell er konnte. Auf der
Flucht begriff er langsam, was passiert war. Die Bevöl-
kerung aus den nahe gelegenen Dörfern hatte die
Gefängniswärter angegriffen – denn in diesem Gefäng-
nis saßen neben Kriminellen zu viele politische Ge-fangene, zu viele Islamisten und Oppositionelle. Als
die Häftlinge merkten, wie ihre Bewacher unter Druck 
gerieten, wagten sie den Aufstand. Die Gefängnis-wärter flüchteten. Polizeiwagen gingen in Flammen
auf. Die Dorfbevölkerung und die Häftlinge öffneten
die Zellen. Issam al-Erian war frei.Zurück in Kairo, sah er als Erstes seine Familie,seinen Sohn. Er nahm sein Mobiltelefon an sichund stürzte sich in die Arbeit. Der Präsident hatteeinen Vizepräsidenten und ein neues Kabinett er-nannt. Das Militär aber erklärte die Proteste für le-gitim. Schien hier das Ende des Regimes, die Chan-ce für eine friedliche Revolution auf? Al-Erian setztesich hin mit den Parteifreunden der Muslim-Brü-der. Was sollte man tun? Auf keinen Fall nun isla-mistische Transparente enthüllen und der Angst-propaganda des Regimes recht geben. Pläne ent-werfen, ja, für die Zeit danach. Aber was sind Plänewert, wenn nichts vorhersehbar ist? Die Muslim-Brüder waren von der gleichen Verwirrung erfasstwie das Regime, wie die Ägypter, wie die Welt. Wo-hin geht diese elementare Volksbewegung? Wiedersprach Al-Erian mit Mohammed ElBaradei unddessen Mitstreitern. Er ging auf den Tahrir-Platz,auf immer neue Sitzungen, er schlief nicht mehr,sein Hals wurde dick, seine Nase schwoll an, seineKehle wurde heiser. Am Tag, als in Kairo eine Mil-lion Menschen auf die Straße drängten, hatte Issamal-Erian seine Stimme verloren. Issam al-Erianschwamm einfach stumm mit im großen Stromvon Millionen Ägyptern. Am Tag, an dem sich Ägypten erhob, sagte Ra-gab Mohammed zu seinen drei Söhnen: »Geht! DieZeit ist gekommen. Wir müssen uns wehren!« Erschickte die drei jungen Männer zur großen De-monstra tion gegen den Pharao. Ragab Mohammedsetzte sich auf einen Plastikstuhl vor sein Geschäftund wartete. Er ist ein Mann aus den Straßen vonKairo, zerschlissene Arbeitskleidung, ein rot ge-fleckter Turban auf dem Kopf, sonnengegerbteHaut. Der 55-Jährige handelt mit Zement. Was erseinen »Laden« nennt, besteht aus einem großenHaufen Zementsäcke und eben jenem Stuhl, vondem er sich erst wieder wegbewegen wolle, wennseine Jungen zurück seien. Er sah sie weggehen,durch die schmale Gasse. »Sie heißt Saad Zaghloul-Straße«, betonte er. Benannt nach dem großen Frei-heitskämpfer gegen die britische Kolonialherrschaft.Heute geht es gegen einen ägyptischen Herrscher.Er sah, wie seine Jungen um die Ecke bogen undden Weg zur großen Moschee am Giza-Platz nah-men. Hier wollten sie ihr Freitagsgebet verrichten.Erst danach sollte die Demonstration beginnen.Ragab Mohammed ist kein Mann, der seineSöhne blind und rücksichtslos in die Schlachtschickt. Er hat in seinem Leben viele Zementsäckegeschleppt, um aus seinen Jungs ordentliche Leutezu machen. Sein ganzes Geld hat er in ihre Ausbil-dung gesteckt. Alle drei Söhne haben die Fachhoch-schule besucht. Der älteste ist Verwaltungsfach-mann, die beiden jüngeren haben Hotelwesen stu-diert. »Ich bin ein einfacher Mann, aber das habeich geschafft, das haben wir geschafft«, sagte er.Stolz und wütend. Was half das teure Studium? SeitLangem sind seine Söhne fertig damit, aber sie fin-den keine Arbeit. Ragab Mohammed fühlt sich be-trogen. Betrogen um die Zukunft seiner Söhne undauch um die eigene: »Ich hatte natürlich gehofft,dass sie gute Arbeit finden und ich mich dann end-lich ausruhen kann.« Nun schleppt er weiter Säcke,und seine Söhne mit Diplom schleppen auch. Sieerarbeiten nicht einmal genug Geld, damit seineeinzige Tochter heiraten kann. »Wenn es denn allen Ägyptern so ginge, wäre es wohl leichter zu ertra-gen«, sagt Mohammed. Doch die Kommilitonenseiner Söhne aus wohlhabenden, einflussreichenFamilien fanden natürlich sofort nach dem Studi-um Arbeit. »Die Reichen herrschen und greifen sichalles.« Es war höchste Zeit, dass sich etwas änderte.Egal wie.Kurze Zeit später hörte Ragab Mohammed den
Ruf der Muezzine. Ihr vielstimmiges Dröhnen klang an diesem Tag aufwühlend, aufmunternd, fast kämp-
ferisch. Aber vielleicht war das auch nur Einbildung. Als der Gebetsruf verhallte, trat erst Stille ein. Dann
drang vom Giza-Platz Geschrei herüber. Kurz danach
liefen die ersten Demonstranten mit verquollenen Augen durch die Gasse, sie suchten Schutz vor denSchlagstöcken der Polizei und dem sich rasch aus-
breitenden Tränengas. Sie suchten Wasser zum Augen-
spülen und Schutz, um sich kurz auszuruhen, dann
zogen sie wieder los. »Ich habe keine Angst um meine
Söhne«, wiederholte Ragab Mohammed immer wie-der. Auch wenn es das erste Mal war, dass sie zu einerDemonstration gingen. Seine Familie hatte sich wie
die meisten Ägypter nie für Politik interessiert. Wahlen
waren eine Farce, natürlich, das war in Ägypten ganz
normal. Die Herrschaft war von oben gegeben, unten
versuchte Ragab Mohammed seine Familie durch-
zubringen. Er war einer von achtzig Millionen Ägyp-tern, von denen das Regime und die Welt dachten, sie
würden ewig stillhalten. Das war gestern.Ragab Mohammed stand von seinem Plastik-stuhl auf. Er selbst hätte nie gedacht, dass die Machtdes Herrschers einmal wanken würde. »Wenn wir jetzt nicht die Chance ergreifen, sind wir bis ansEnde unserer Tage verloren«, sagte er. Seine Söhnehatten sich längst der größten aller Demonstratio-nen angeschlossen. Dem Millionen-Protest auf demTahrir-Platz. Dort versammelten sie sich mit derlanghaarigen Dina Omar Mohammed und denbärtigen Muslim-Brüdern, mit Basem Schoiab undden säkularen Politikern um Mohammed ElBara-dei. Mit dem ägyptischen Volk.
Mit jedem Tag des Protests, mit jeder weiteren De-
monstration verlängert sich die Liste ihrer Forderun-
gen. Ragab Mohammed wollte am ersten Tag, an dem
sich Ägypten erhob, nur anständige Jobs für seine
Söhne und eine Senkung der Lebensmittelpreise. Doch
während er auf dem Stuhl saß und die Schreie und
Explosionen von den großen Plätzen der Stadt zu ihm
herüberschallten, kam er zu dem Schluss, dass wohlauch eine neue Regierung fällig sei. Dass der Pharaogehen müsse. Dass endlich das Volk an die Macht
kommen müsse. So saß er auf seinem Plastikstuhl undwartete und hoffte, dass Ägypten am nächsten Morgen
nicht mehr so sein würde wie gestern.
DIE ZEIT:
Herr Stein, in Ägypten erhebt sichdas Volk gegen seinen Diktator – erfüllt Siedas als Demokraten mit Freude?
Shimon Stein:
Ja, ich bin für die Befreiung derVölker. Aber wir beobachten schon mit Sorge,was in Ägypten geschieht.
ZEIT:
Was fürchten Sie? Eine Machtübernah-me der islamistischen Muslimbruderschaft?
Stein:
Wir alle hoffen, dass am Ende die säku-laren, demokratischen Kräfte in Ägypten dieOberhand gewinnen werden. Aber man kannnicht ausschließen, dass die Muslimbruder-schaft nach einer turbulenten Übergangspha-se an die Macht kommt. Momentan ist dasneben der Armee die einzige organisierte poli-tische Kraft in Ägypten, ganz im Gegensatzzur säkularen Opposition. Ob das der Fallsein wird, könnte unter Umständen auch vonder ägyptischen Armee abhängen. Sollten dieIslamisten aber an die Macht kommen, mussman sich große Sorgen machen. Die antijü-dische, antiisraelische, antiwestliche Welt-anschauung der Muslimbruderschaft ist be-drohlich. Was wird dann aus dem Friedens-vertrag zwischen Ägypten und Israel?
ZEIT:
Was glauben Sie?
Stein:
Es ist viel zu früh, einePrognose zu wagen. Ich kannnur eines mit Sicherheit sagen:Es sieht so aus, als sei die Ära Mubarak zu Ende. Was nachihm kommt, ist völlig unklar. Aber vor einem warne ich:Diese Region hat keine demo-kratische Tra dition. Wennman glaubt, wie manche Eu-ropäer in ihrer Naivität, freie Wahlen seien schon Demo-kratie, dann täuschen sie sich.Demokratie ist viel mehr, De-mokratie ist Erziehung, unddas ist ein Prozess, der sehrlange braucht.
ZEIT:
Heißt das, Sie sprechen den arabischenVölkern die Fähigkeit zur Demokratie ab?
Stein:
Im Gegenteil, aber es wird sehr langedauern, bis sich eine demokratische Traditionin der arabischen Welt entwickeln wird.
ZEIT:
Deshalb hat Israel seine Sicherheit andie Stabilität eines autoritären Regimes in Ägypten geknüpft?
Stein:
Es ist einfach eine Tatsache: In dieserRegion gibt es nur eine einzige Demokratie,und das ist Israel. Deshalb hatten wir in denvergangenen Jahrzehnten im Nahen Ostenausschließlich mit autoritären Regimen zutun. Und die haben für eine gewisse Stabilitätgesorgt. Präsident Mubarak ist dem Friedens-vertrag mit Israel, den er übernommen hat,treu geblieben. Dieser Friedensvertrag hatenorme strategische Bedeutung für uns, er hatuns militärisch entlastet, die ägyptische Frontwar ruhig. Im Laufe der vergangenen Jahrehaben wir auch gemeinsame Interessen ent-wickelt, Ägypten hat den Waffenschmuggelder Hamas, die es als Bedrohung sieht, imGaza-Streifen bekämpft, nicht genug, aberimmerhin. Ägypten hat den gemäßigten Pa-lästinenser-Präsidenten Abbas unterstützt undversucht, zwischen ihm und uns zu vermit-teln. Und nicht zuletzt war Ägypten unterMubarak ein entschiedener Gegner Irans.
ZEIT:
Den Preis dafür zahlten die Ägypter.
Stein:
Ja, das Regime in Ägypten hat den legi-timen Wunsch der Bevölkerung nach Freiheitund Wohlstand unterdrückt, aber in der Re-gion hat es für Stabilität gesorgt – für eineScheinstabilität, wie wir jetzt sehen.
ZEIT:
Gab es in Israel nie die Frage: Wie langekann das gut gehen?
Stein:
Ich fürchte nicht. Hätten wir gründlichdie langfristigen Ursachen für künftige Unru-hen analysiert, dann hätten wir eigentlich da-rauf kommen können. Aber was hätten wirtun sollen? Uns einmischen? Mubarak Vor-schläge machen? Aber der Umsturz hätte ver-mieden werden können, wenn Mubarak etwassensibler gewesen wäre. Er hat dreißig Jahrelang regiert, er hat nicht mehr zugehört.
ZEIT:
Wird die ägyptische Revolution in an-deren arabischen Ländern weitergehen?
Stein:
Die Region ist in Unruhe. Gerade habenwir erfahren, dass der jordanische König sei-nen Ministerpräsidenten entlassen hat. Auchder syrische Präsident signalisiert, dass er man-che Probleme in seinem Land sieht. Und Sau-di-Arabien verfolgt mit Sorge die Ereignisse.
ZEIT:
Inoffiziell heißt es in Israel, der Westenhabe Mubarak fallen gelassen, und darausmüsse Israel seine Schlüsse ziehen.
Stein:
Nicht nur Israel ist überrascht, wieschnell die USA nach 30 Jahren strategischerPartnerschaft bereit waren, Mubarak loszuwer-den. Das ist für die ganze Region eine Lektion.Die Golf-Staaten werden sich fragen, wie zu-verlässig die USA sind.
ZEIT:
Heißt das, Israel kann sich auf nieman-den verlassen?
Stein:
So weit sind wir nicht. Unsere Bezie-hungen zu Amerika sind sehr stabil, über Jahre gewachsen, und ich bin sehr glücklich,dass wir Amerika als Verbün-deten haben. Aber letztlichdürfen wir nicht vergessen,dass Interessen sich verändernkönnen.
ZEIT:
Sich verraten zu fühlenist aber noch keine Politik.
Stein:
Wir müssen alles tun,um unsere Interessen wahr-zunehmen. Klar, Sicherheitspielt dabei eine wichtige Rol-le, aber das kann nicht bedeu-ten, dass sich Israel mit demStatus quo abfindet. Israel mussdie Initiative ergreifen, ein kal-kuliertes Risiko eingehen.
ZEIT:
Und was tun?
Stein:
Wir sollten versuchen, Gespräche mitSyrien aufzunehmen, es gibt auf syrischer Seitedurchaus die Bereitschaft zu einem Frieden mitIsrael. Das werden wir prüfen müssen. Und wirmüssen endlich mit unseren palästinensischenPartnern vorankommen. Ich plädiere für eine Wiederaufnahme der direkten Gespräche.
ZEIT:
Wird Israel auf die neuen Kräfte in Ägypten zugehen?
Stein:
Dazu wären wir gern bereit. Auch unterMubarak waren wir ja nicht in jeder Frage ei-ner Meinung. Der Frieden war von enormerstrategischer Bedeutung für uns, aber es waralles andere als ein warmer Frieden. Es gabkaum Kontakte mit der Zivilgesellschaft, allehaben uns boykottiert, ich hoffe, dass sich dasändern wird, ich bin da aber eher skeptisch.
ZEIT:
Was erwarten Sie jetzt von den Europä-ern und den Vereinigten Staaten?
Stein:
Ich glaube, die Europäer müssen sichsehr kritisch fragen, was sie mit ihrer Nahost-und Mittelmeerpolitik erreicht haben. Europa kann nicht einfach zur Tagesordnung überge-hen. Erklärungen über Demokratie reichennicht aus. Die EU und die USA sollen einenkritischen und gleichzeitig konstruktiven Dia-log mit den Regimen der Region führen. Nie-mand sollte von außen auf einen Regime-wechsel drängen, das ist die Entscheidung des jeweiligen Volkes. Ein stabiler Naher Osten istim Interesse aller, und daher müssen wir allesdafür tun, dass Ägypten stabil bleibt.
ZEIT:
Also notfalls auch den Aufstand nieder-schlagen? Oder eine Machtergreifung derMuslim-Brüder mit Gewalt verhindern?
Stein:
Man kann nur hoffen, dass die Ereig-nisse so weit wie möglich friedlich abgeschlos-sen werden.
Die Fragen stellte
HEINRICH WEFING
Siehe auch
Wochenschau, Seite 18
POLITIK
Revolutionslyrik
Von Tunis bis Alexandria rezitierenDemonstranten in diesen Tagen immerwieder ein Gedicht: »An die Tyrannender Welt«, aus dem Jahr 1933. Es stammtvom tunesischen Dichter
 Abu al-Qasimal-Shab
i (1909 bis 1934), der mit seinerBegeisterung für die Dichtung des frühen20. Jahrhunderts zu den Protagonisten derarabischen Moderne gehörte. An die Tyrannen der WeltIhr ungerechten TyrannenIhr Liebhaber der DunkelheitIhr Feinde des LebensIhr habt die Wunden Unschuldigerverspottet, eure HändeSind bedeckt mit ihrem BlutIhr gingt weiter, während ihr den Zauberdes Lebens entstelltetUnd die Saat der Traurigkeit auf ihrem Land sätet Aber wartet! Lasst euch nicht vom Frühling,des Himmels Klarheit oder demGlanz des Morgenlichts täuschenDenn die Dunkelheit, das Donnergrollenund der Wind kommen vom Horizontdirekt auf euch zuHütet euch! Unter der Asche brenntein Feuer Wer Dornen züchtet, wird Wunden erntenIhr habt Menschen enthauptet, und dieBlumen der Hoffnung Ihr habt den nährenden Sand mit Blut undTränen getränktbis er davon vollgesogen warDer Strom des Blutes wird euchfortschwemmen und ein feuriger Sturmwird euch verbrennen
»Wir sind besorgt«
Der ehemalige Botschafter Shimon Stein über israelische Ängste,amerikanische Kehrtwenden und arabische Demokratie
war von 2001 bis 2007israelischer Botschafter in Deutschland
SHIMON STEIN 
Fortsetzung von S. 3
Protest auf Englisch – für denWesten (li.). EinDemonstrant küsstin Kairo einenSoldaten (re.)
   F  o   t  o  s  :   K   h  a   l  e   d   D  e  s  o  u   k   i   /   A   F   P   /   G  e   t   t  y   I  m  a  g  e  s  ;   M  o   h  a  m  m  e   d   A   b  e   d   /   A   F   P   /   G  e   t   t  y   I  m  a  g  e  s   (  r .   )  ;   H  e  r   l   i  n   d  e   K  o  e   l   b   l   f   ü  r   D   Z   (  u .   )
Revolte in Ägypten: Aktuelle Informationen auf ZEIT ONLINE:
www.zeit.de/aegypten

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is reading 04.06.10 Revolution - wir brauchen eine Revolution -- Roter Stern -- Roter Mond -- Rotation -- SOUL EVOLUTION Unsere Munition -- ist die Emotion Unsere Religion -- ist die REBELLION So soll es sein - meinte wer auch immer. MERKwürdige Zufälle, nicht??? 04.06.10 HELDEN der WENDE Helden der Wende Panorama 04.06.10 so, so gruß bürotiger.
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