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Philip Hautmann Yorick

Philip Hautmann Yorick

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Published by Jodok Gross
Leseprobe Abschnitt 1
Leseprobe Abschnitt 1

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02/06/2011

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13
Yorick war ein witziger Kerl. Dick, gutmütig und leutselig, wie er war,war er überzeugt von der Originalität seines Wesens sowie davon, dassauch die anderen Leute um ihn herum derselben Meinung, ihn betreffend,anhängen und diese tief in ihren Herzen mit sich herumtragen würden. Ja, nicht allein in ihren Herzen mit sich herumtragen, dachte er, sondernvielmehr tief aus ihren Herzen heraus und von sich aus, unaufgefordert, indie Gesellschaft, als deren imaginärer Mittelpunkt er sich sogar in Abwe-senheit stets wähnte, hineintragen, kommunizieren und eifrig besprechenwürden. Er war schließlich Yorick! Und mit dieser Überzeugung gerüstetmischte er sich unter die Leute, dick, gutmütig und leutselig, wie er war,mit dem Ziel, durch seinen Witz und seine Originalität die von ihm als un-nötig und unnatürlich empfundene Zwanghaftigkeit und Formalität ihrerGesellschaften aufzulockern, sowie mit der größten Selbstverständlichkeitin der Annahme, dass ihm dieses auch immer unweigerlich gelang. VieleTüren in der Gesellschaft stünden ihm offen, dachte er sich, ein großesHaus mit offenen Türen und vielen Stockwerken sei die Gesellschaft, undwenn er sich schon nicht dazu aufgefordert sah, so trat er eben unaufgefor-dert in sie ein, was könne schließlich schon passieren, war seine Meinung,und durch seine offene Art aufzutreten standen ihm auch tatsächlich vieleTüren in der Gesellschaft offen, nicht aber von sich aus freiwillig. Er kamuneingeladen zum Frühstück, und wenn man ausging, um ihn loszuwer-den, so ging er mit aus, in eine andere Gesellschaft, da er glaubte nirgendsunangenehm sein zu können. Ging man wieder nach Hause, so ging erebenfalls wieder mit, setzte sich endlich zu Tisch, wo er gerne allein undvon sich selbst sprach, und verblieb dort bis spät in die Nacht, oftmals, umam nächsten Morgen wieder zu kommen.
Machen Sie ihre Rechnung nicht ohneYorick! Denken Sie in ihrer allzu gewöhnlichen, alltäglichen Existenz an die Mög-lichkeit eines Yorick! Unterschätzen Sie nicht die Möglichkeit des Auftretens einesYorick!
, dachte er bei sich, es waren seine ihm liebsten Gedanken, wobei erfreilich gar keine rechte Vorstellung hatte was das eigentlich bedeuten undworauf dieses Anwendung hätte finden sollen; wäre unerklärlicherweiseder große Weise Sokrates plötzlich im Zimmer gestanden, er hätte es nichterklären können. Die Leute um ihn herum wussten es freilich umso besser.Einmal war Yorick in der Gesellschaft des distinguierten Herrn A. an-wesend, natürlich nicht, weil er ausdrücklich eingeladen gewesen wäre,sondern es hatte sich über Zufälle so ergeben. Mittelpunkt dieser Zusam-
 
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menkunft bildeten die Schilderungen des distinguierten Herrn A. überein Hubschrauberunglück, bei welchem er zugegebenermaßen kurz zuvorschwere Blessuren erlitten hatte (er saß zu dieser Zeit vorübergehend imRollstuhl), immerhin aber mit dem Leben davongekommen war, und nichtallein aufgrund der persönlichen Beteiligtheit an dem Vorfall, sondernauch aufgrund der Distinguiertheit des Herrn A. war die Dramatik derSchilderung beträchtlich, derart, dass sie vor allen Dingen bei den Damender Gesellschaft kalkulierte
 Aah!-
und
Ooh!
-Seufzer hervorrief. Als dieAusführungen in ebendieser Dramatik auf ihren Höhepunkt zuzusteuernschienen, meldete sich dann plötzlich Yorick zu Wort (denn auch er wolltedie
 Aah!-
und
Ooh!
-Seufzer vor allem der Damen auf seiner Seite wissen),indem er ebenso plötzlich einwarf, dass,
wenn sich jemand in ein so gefährlichesObjekt wie einen Hubschrauber setze, er bis zu einem gewissen Grad ja selber schuld sei; würden diese Dinger zum Beispiel im Krieg ja auch schon mal von sich aus, ohnevom Feind unter Beschuss genommen worden zu sein, abstürzen
, was dem Gesprächeine unerwartete Wendung geben sollte, die Damen dazu veranlassen soll-te, gegenseitig in die Gesellschaft hinein zu fragen,
 
ob
 
man es denn tatsächlich dem Herrn A. zurechnen könne, dass er bei einem soschrecklichen und dramatischen Unglück kaum mit dem Leben davongekommen sei
 und
 
ob Hubschrauber denn tatsächlich so gefährliche Objekte seien, dass man der Acht-samkeit seines eigenen Leib und Lebens gegenüber auf eine derartige Beförderungs-möglichkeit, auch wenn sie verkehrstechnisch sicher angenehm oder für den Laienvon durchaus interessanter Natur sein möge, besser verzichte und sich ihr entschlage,
 und endlich den (distinguierten) Herrn A. der Höflichkeit und der allge-meinen Beruhigung halber (sowie natürlich auch, um sich in seiner Distin-guiertheit zu unterstreichen) einen vermittelnden Standpunkt einzuneh-men, und siehe da, schnell hatte sich die Sache wieder entspannt. Allein, jener Zustand einer sich wieder in sich verfestigenden Beruhigung in derGesellschaft war zu gegenseitigem Unglücke jedoch gegenläufig zu deminneren Zustand Yoricks, der, wie immer, seine eigenen inneren Zuständefür jene der Gesellschaft um ihn herum hielt, und er war bereits in höch-ster Erregung. Sein Moment sei gekommen, sagte er sich,
 jetzt sei es an der 
 
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Zeit, die Sache endgültig von ihrer heiteren Seite in Beschlag zu nehmen
, worauf-hin er einige Helikopterwitze zum Besten gab, die bald für eine allgemeinfeindselige Erstarrung in der Gesellschaft sorgten.
Gut habe er das gemacht
 und
  für allgemeine Heiterkeit habe er gesorgt
, dachte Yorick sich nachher. (Indie Gesellschaften rund um den Herrn A. wurde er freilich nicht mehreingeladen.)Nicht alle der Anwesenden waren ihm jedoch deswegen feindselig (eigent-lich waren es streng genommen nur der distinguierte Herr A. und seineGemahlin), und im Speziellen die betagte Dame Z. benützte die Verwir-rung, die Yorick hervorgerufen hatte, als eine günstige Gelegenheit, sichselbst in den Mittelpunkt zu rücken (wofür sie Yorick insgeheim dankbarwar), und den Anwesenden jenes Gesprächsthema aufzuzwängen, das ihrselbst am wichtigsten war, nämlich ihre Lebensgeschichte, in deren Er-zählfassung ihr dreißig Jahre zuvor verstorbener Vater,
Pabschi
von ihr ge-nannt, einen eigentümlich herausragenden Platz einnahm. Der Umstand,dass der bewusste Vater zwar eben bereits vor gut dreißig Jahren gestorbenwar, stellte für die Dame Z. im Allgemeinen kein Hindernis dar, über ihnimmer mal wieder und mit einer Innigkeit zu referieren, so als läge seinDahinscheiden erst dreißig Tage zurück, und so sah sich die Gesellschaftwieder einmal dazu gezwungen, einen jener Berichte entgegenzunehmen(die wegen ihrer Langwierigkeit und Umständlichkeit gefürchtet waren)von dem
herrlichen Italienurlaub
, den die beiden irgendwann in der erstenHälfte des zwanzigsten Jahrhunderts unternommen hatten, dem
Hund, dener ihr als Kind gekauft hatte
, der aber bald von einem der
ersten Automobile
 
überfahren
wurde, dem
Hochwasser anno 54
und anderen Gelegenheiten, indenen der Vater gemäß den Schilderungen der Dame Z. seinen insgesamt
ausgezeichneten Charakter 
an den Tag gelegt habe, seine
Herzensgüte
, seinen
herausragenden Verstand 
und die Eigenschaft, dass er
ein Mensch gewesen sei, der immer 
(
immer 
wurde von ihr besonders betont)
seinen Überzeugungen treu ge-blieben sei
, was endlich Yorick, der bereits unruhig geworden war darüber,dass jemand anderer das Gespräch so lange an sich gezogen hatte, ein Signalgab, sich einzubringen, und zwar mit der scherzhaft gemeinten Bemerkung
 Also, mit einem Wort, ein Trottel!
(was immerhin der Rest der Gesellschaft,die bis dahin in dem kollektiv durchgewälzten Gedanken
Und das alles nur wegen Yorick!
vor sich hingegrollt hatte, nunmehr insgeheim komisch fand).Yoricks spontan erdachter Plan, gemäß des Aphorismus eines Denkers,

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