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FAZ: Warum Mubarak am Ende ist

FAZ: Warum Mubarak am Ende ist

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In Ägypten kämpft nicht nur die Jugend gegen die alte Garde der Diktatur. Die Dynamik des Aufstands wird auch von Polizei, Militär, Geheim- und Sicherheitsdiensten befeuert. Sie alle haben ihre eigene Geschichte, ihre Kultur, ihre Bindungen und Einkommensquellen. Eine Analyse der aktuellen Kräfteverhältnisse am Nil. Von Paul Amar
In Ägypten kämpft nicht nur die Jugend gegen die alte Garde der Diktatur. Die Dynamik des Aufstands wird auch von Polizei, Militär, Geheim- und Sicherheitsdiensten befeuert. Sie alle haben ihre eigene Geschichte, ihre Kultur, ihre Bindungen und Einkommensquellen. Eine Analyse der aktuellen Kräfteverhältnisse am Nil. Von Paul Amar

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FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG MONTAG, 7. FEBRUAR 2011
·
NR. 31
·
SEITE 25
Feuilleton
Eine Weltkomödie in dreiundfünf-zig Splittern und Brüchen: AndreaBreth inszeniert im Wiener Akade-mietheater „Zwischenfälle“ alsMini-Dramen.
Seite 27
In Princeton ist ein Mitschnitt derlegendären Tagung der Gruppe 47im Jahre 1966 aufgetaucht. Ein Hör-spiel über das Ende der Unschulddeutscher Literatur.
Seite 28
 Wir gratulieren den beiden Haber-mas-Kontrahenten Hans Albert undImanuel Geiss, dazu Katja Lange-Müller, Walter Pehle, Robert Morrisund Ottavio Missoni.
Seite 30
Den Umgang mit Sehstörungen, diedurch Unfälle, Tumoren oder Schlag-anfälle hervorgerufen wurden,beschreibt Oliver Sacks in seinemBuch „Das innere Auge“.
Seite 26
WitzwunderderSaisonKurzerProzessmitHandkeWassermännerund-frauenOliverSacks’Augenblicke
W
ennwirverstehenwollen,wohindie Entwicklung in ÄgyptengehtundwelcheFormdieDemo-kratie dort annehmen könnte, müssenwir die außerordentlich erfolgreiche Mo-bilisierung des Volkes in ihre militäri-schen, ökonomischen und sozialen Kon-texte zerlegen. Welche Kräfte standen au-ßerdemVolknochhinterMubaraksplötz-lichem Machtverlust? Und wie wird dieÜbergangsregierung, die um das Militärherum gebildet wurde, mit der MillionenKöpfe zählenden Protestbewegung umge-hen?Es fällt vielen Kommentatoren in deninternationalen Medien und auch einigenakademischen und politischen Analyti-kernschwer,diekomplexenKräftezuver-stehen,diedasaktuelleGeschehenvoran-treiben. Denn die Gruppen, die sich ge-genüberstehen, lassen sich nicht schlichtin„Gute“und„Böseaufteilen,wieesim-mer wieder versucht wird. Eine solcheSichtweise verdunkelt mehr, als sie er-hellt. Vor allem drei binäre Modelle zurErfassung der Geschehnisse sind in Um-lauf, und jedes hat seine Schwierigkeiten,die Lage in den Griff zu bekommen.Erstens: Volk gegen Diktatur. DieseSicht führt zu liberaler Naivität und einer Verkennung deraktivenRolle,diedasMi-litär und die Eliten bei diesem Aufstandspielen.Zweitens: Laizisten gegen Islamisten.Dieses Modell führt zum Ruf nach „Stabi-lität“ im Stil der achtziger Jahre und zu is-lamophoben Ängsten vor der angeblichextremistischen „arabischen Straße“.Drittens: alte Garde gegen frustrierteJugend. Diese Perspektive ist durch eineromantische Sicht der Proteste im Stil dersechziger Jahre geprägt, vermag aber we-derdiestrukturelleundinstitutionelleDy-namik, die hinter dem Aufstand steht,nochdiezentraleRollevielerSiebzigjähri-ger aus der Nasser-Zeit zu erklären.Um ein umfassenderes Bild zu zeich-nen, ist es hilfreich, die treibenden Kräfteinnerhalb der militärischen und polizeili-chen Institutionen des staatlichen Sicher-heitsapparatszu identifizierenund zuzei-gen,inwelchemZusammenhangKonflik-te innerhalb und zwischen diesen Institu-tionen mit Veränderungen der Klassen-struktur und der Kapitalbildung stehen.Ich werde diese Faktoren auch in ihrem Verhältniszuneuen,nichtreligiösensozia-lenBewegungenundzur internationalisti-schen oder humanitären Identität einigernun plötzlich im Zentrum der neuen Op-positionskoalition stehender Figuren be-leuchten. WestlicheKommentatoren,obnunlibe-raloderkonservativ,begreifenallerepres-siven Kräfte in nichtdemokratischen Ge-sellschaftengernealsHammerder„Dikta-tur“ oder als Ausdruck des Willens einesautoritären Führers. Doch jede polizeili-che, militärische oder geheimdienstlicheInstitution hat ihre eigene Geschichte,ihre Kultur, ihre Klassenbindungen undoft auch ihre eigenen Einkommensquel-len und einen eigenständigen Rückhalt.
DIE POLIZEI
InÄgyptenstehtdiePolizei(alshurta)un-ter der Leitung des Innenministeriums,das Mubarak und dem Präsidialamt sehrnahe stand und politisch auf Gedeih und Verderbmitihmverbundenist.Dieeinzel-nen Polizeireviere haben in den letztenJahrzehnten eine gewisse Autonomie er-langt. In manchen Polizeirevieren zeigtsich diese Autonomie darin, dass sie einemilitante Ideologie oder eine moralischeMission übernehmen. Andere haben sichauf den Drogenhandel oder auf Schutz-gelderpressung im lokalen Handel undGewerbeverlegt.Vonuntennachobenge-sehen, ist die Zuverlässigkeit der Polizeinicht sonderlich groß.
DIE BANDEN
 VonRevierzuRevierunterschiedlich,ent-wickelte die Polizei ein hohes Maß an Ei-gennutz und Unternehmergeist. In denachtziger Jahren war die Polizei mit einerwachsenden Zahl von „Banden“ konfron-tiert, die im ägyptischen Arabisch als
bal-tagiya
bezeichnet werden. Diese Straßen-banden beherrschten bald zahlreiche in-formelle Siedlungen und Slums in Kairo. Ausländer und die ägyptische Bourgeoisiehielten die
baltagiya
für islamistisch, aberinWirklichkeit waren sie gänzlich unideo-logisch.IndenfrühenneunzigerJahrenbe-schloss das Innenministerium: „Wenn dusienichtschlagenkannst,musstdusiekau-fen.“ So begannen das InnenministeriumundderZentraleSicherheitsdienst,dieRe-pression auf die
baltagiya
auszulagern, siedafür gut zu bezahlen und sie im Einsatzsexueller Gewalt (vom Grapschen bis hinzur Vergewaltigung) auszubilden, um De-monstrantinnen und männliche Gefange-ne gleichermaßen zu bestrafen und abzu-schrecken. In dieser Zeit auch machte dasInnenministeriumdieGeheimpolizei(ma-bahith amn al dawla) zu einer monströsenundgefährlichen Organisation, die zahllo-se innenpolitische Dissidenten verhafteteund folterte.
Die Zentralen Sicherheitsdienste
Die Zentralen Sicherheitsdienste (Amn alMarkazi) sind unabhängig vom Innenmi-nisterium. Das sind die schwarz unifor-mierten und behelmten Männer, die inden Medien „die Polizei“ genannt werden.Die Zentralen Sicherheitsdienste geltenals Mubaraks Privatarmee. Sie sind keineRevolutionsgarden oder Moralwächterwie die
basiji
, die in Iran die Demonstra-tionen der Grünen Bewegung unterdrück-ten. Die Amn al Markazi sind schlecht be-zahlt und unideologisch. Außerdem erho-ben sich Brigaden dieser Organisation im-mer wieder einmal massenhaft gegen Mu-barak, um höhere Löhne und bessere Ar-beitsbedingungen durchzusetzen. Könn-ten sie nicht auf die finstere Unterstüt-zungder
baltagiya
zählen,wärensiewahr-scheinlichkeinesonderlicheinschüchtern-de Streitmacht. Die lustlose Resignationin den Augen mancher Amn-al-Markazi-Soldaten, als sie von Demonstranten ge-küsstundliebevollentwaffnetwurden,ge-hört bislang zu den eindrucksvollsten Iko-nen dieser Revolution. Mubaraks Macht-verlust lässt sich genau auf den Augen-blick datieren, als Demonstranten Marka-zi-Offiziere auf die Wangen küssten, wor-auf diese prompt in Tränengaswolken ver-schwanden und nie mehr zurückkehrten.
DIE STREITKRÄFTE
Die Streitkräfte der Arabischen Republik Ägypten haben kaum Verbindungen zuden Amn al Markazi oder zur Polizei undbetrachten sich gewissermaßen als Staatim Staate. Man könnte sagen, Ägypten seiimmer noch eine „Militärdiktatur“ (fallsman diesen Ausdruck benutzen muss),denn dies ist immer noch das Regime, dasdie Revolution der Freien Offiziere in denfünfziger Jahren geschaffen hat. Doch dasMilitär ist an den Rand gedrängt, seit derägyptische Präsident Anwar Sadat dasCamp-David-Abkommen mit Israel undden Vereinigten Staaten unterzeichnete.Seit1977durftedasMilitärgegennieman-den mehr kämpfen. Dafür erhielten dieGeneräle gewaltige Summen an amerika-nischer Militärhilfe. Man gewährte ihnenKonzessionen für den Bau von Einkaufs-zentren, von umzäunten Städten in der Wüste und von Strandhotels an den Küs-ten. Und man ermunterte sie, in billigenClubs herumzusitzen.Durch diese Bestechungsgelder sind siezueinerunglaublichorganisiertenInteres-sengruppe nationalistischer Geschäftsleu-te geworden, die gerne im Ausland inves-tieren würden, deren Loyalitäten jedochökonomisch und symbolisch in das natio-nale Territorium eingebunden sind. Wieauch in anderen Ländern der Region (Pa-kistan, Irak, Golfstaaten) handeln die Amerikaner sich mit ihrerMilitärhilfekei-ne Loyalität gegenüber Amerika ein, son-dern nur Ressentiments. In den letztenJahrenhatdasägyptische Militärkollektivein wachsendes nationales Pflichtgefühlentwickelt und zugleich ein Gefühl tiefs-ter Scham angesichts seiner, wie es diesempfindet, „kastrierten Männlichkeit“,weil es nicht für das eigene Volk eintritt.Die nationalistischen Streitkräfte möch-ten ihre Ehre wiederherstellen und sindangewidertvonderKorruptionderPolizeiund der Brutalität der
baltagiya
. Und wiees scheint, verstehen die „Nationalkapita-listen“ des Militärs sich als Erzrivalen derneoliberalen „Spezikapitalisten“ im Um-kreis des Mubarak-Sohns Gamal, die allesprivatisieren,wassieindieHändebekom-menkönnen,unddieBesitztümerdesLan-desanInvestorenausChina,Amerikaundden Golfstaaten verkaufen.So wird verständlich, warum wir in derersten Phase dieser Revolution am Frei-tag, dem 28. Januar, einen sehr raschenStaatsstreich des Militärs gegen Polizeiund Sicherheitsdienst erlebt haben, derzum Verschwinden Gamal Mubaraks (desSohns)unddesverhasstenInnenministersHabib el Adly führte. Doch das Militär istseinerseits aufgrund einiger innerer Wi-dersprüchegespalten.InnerhalbderStreit-kräfte gibt es zwei Elitezweige, die Präsi-dentengarde und die Luftwaffe. Sie blie-ben Mubarak enger verbunden, währenddie übrigen Teile des Militärs sich gegenihnwendeten.Soistauchzuerklären,wes-halb der Generalstabschef der Streitkräf-te, Muhammad Tantawi, am 30. Januar zuden Demonstranten ging und ihnen seineUnterstützung signalisierte, während zu-gleich der Luftwaffenchef zu Mubaraksneuem Ministerpräsidenten ernannt wur-de und Flugzeuge losschickte, um die De-monstranten einzuschüchtern. Es erklärtaußerdem, weshalb die Präsidentengardedas Gebäude des staatlichen Fernsehensbeschützte und am 28. Januar gegen dieDemonstranten vorging, statt sich an de-ren Seite zu stellen.
DER GEHEIMDIENST
OmarSuleiman,deram29.JanuarzumVi-zepräsidenten ernannt wurde, war früherChef des Geheimdienstes (al mukhaba-rat), der gleichfalls zum Militär und nichtzur Polizei gehört. Dieser Geheimdienstist für nach außen gerichtete Geheimope-rationen, Verhaftungen und Verhöre zu-ständig (und daher für die Folterung und Auslieferung von Nichtägyptern). Da So-leimans
mukhabarat 
nicht so viele ägypti-sche Dissidenten verhaftet und gefolterthat, ist er weniger verhasst als
mubahith.
DerGeheimdienst
mukhabarat 
hatbeson-dereBedeutungfüreinen Wechsel. Soweitich sehen kann, schätzt der GeheimdienstGamal Mubarak und die Fraktion der„Spezikapitalisten“ nicht, ist aber beses-sen vom Gedanken der Stabilität und un-terhält seit langem enge Beziehungen zurCIA und zum amerikanischen Militär.Der Aufstieg des Militärs und damitauchdesmilitärischenGeheimdiensteser-klärt, warum alle Geschäftsfreunde Ga-mal Mubaraks am Freitag dem 28. Januaraus dem Kabinett geworfen wurden undwarum Suleiman das Amt des Interims-vizepräsidenten übernahm (der in Wirk-lichkeit die Amtsgeschäfte führt). DieseRevolution oder dieser Regimewechselwird perfekt sein, sobald die gegen Muba-rak gerichteten Strömungen innerhalb desMilitärsihrePositionfestigen undden Ge-heimdienst wie auch die Luftwaffe davonüberzeugen können, dass sie sich vertrau-ensvoll für die neuen Volksbewegungenund die um den Oppositionsführer El Ba-radei versammelten Parteien öffnen kön-nen. Genauso könnten optimistische Le-ser auch den von Obama und Clinton be-schriebenen „geordneten Übergang“ ver-stehen. Am Montag, dem 31. Januar, sahen wir,dassNaguibSawiris,derwohlreichsteGe-schäftsmann Ägyptens und Galionsfigurder auf nationale Entwicklung setzendenKapitalfraktion des Landes, sich den De-monstranten anschloss und MubaraksRücktritt forderte. Im vergangenen Jahr-zehnt sahen Sawiris und seine Verbünde-ten sich durch den extremen LiberalismusMubaraks und seines Sohnes bedroht, diewestlichen, europäischen und chinesi-schen Investoren den Vorzug gegenübernationalen Geschäftsleuten gaben. Daihre Investitionen sich mit denen der Mili-tärs überschneiden, sind die Interessendieser prominenten ägyptischen Ge-schäftsleute buchstäblich in Land, Res-sourcen und Erschließungsprojekte inner-halbÄgyptenseingebunden.Siesindange-widertvonderKorruptiondesinnerenZir-kels um Mubarak.
DIE GEWERKSCHAFTEN
Parallel zur Rückkehr eines mit dem Mili-tär verbundenen und gegen die Polizei ge-richteten organisierten nationalen oderauch nationalistischen Kapitals (ein Vor-gang, zu dem es auch während des Kamp-fes gegen den britischen Imperialismus indendreißigerbisfünfzigerJahrenkam)er-lebteaucheinesehrmächtigeundbreitor-ganisierte Gewerkschaftsbewegung ihre Wiederkehr, vor allem unter jungen Men-schen. Die Jahre 2009 und 2010 warenvon landesweiten Massenstreiks, Sit-insund weithin sichtbaren Gewerkschaftsde-monstrationen geprägt, und das vielfachan denselben Orten, an denen der Auf-stand dieses Jahres seinen Anfang nahm.In ländlichen Gebieten erhoben sich dieMenschen gegen staatliche Versuche,Kleinbauern von ihrem Land zu vertrei-ben,umdiegroßenLändereienwiederher-zustellen, die es in osmanischer Zeit undwährend des britischen Kolonialregimesgegeben hatte.2008 erlebten wir die Entstehung der100 000 Mitglieder zählenden Jugendbe-wegung des 6. April, die einen General-streik organisierte. Am 30. Januar 2011schließlich gründeten zahlreiche Gewerk-schaften aus den meisten größeren Indus-triestädten des Landes einen Unabhängi-gen Gewerkschaftsbund. Diese Bewegun-gen werden von neuen linksgerichtetenpolitischen Parteien organisiert,die keine VerbindungzurMuslimbruderschaftbesit-zen und auch nicht zum Nasserismus dervorangegangenenGeneration.Siesindna-türlich nicht gegen den Islam und erhe-ben die Trennung zwischen Staat und Re-ligion nicht zum Programm. Ihr Interessegilt dem Schutz des produzierendenGewerbes und der landwirtschaftlichenKleinbetriebeinÄgypten,undihreForde-rung nach staatlichen Investitionen in diewirtschaftliche Entwicklung des Landesüberschneidet sich in manchen Teilen mitden Interessen der neuen nationalkapita-listischen Allianz.
NEUE SOZIALE BEWEGUNGEN
So zeigt sich denn, dass hinter den Kulis-sen der nichtstaatlichen OrganisationenundderdurchFacebook-Aktivitätenange-triebenenProtestwellengewaltigestruktu-relleundökonomischeKräftewieauchin-stitutionelle Umorientierungen am Werksind. Die Bevölkerungszahl Ägyptenswird offiziell mit 81 Millionen angege-ben, doch in Wirklichkeit übersteigt sie100Millionen,damancheElternihreKin-der nicht registrieren lassen, damit sienichtzudenAmnalMarkazioderzumMi-litär eingezogen werden. Da die ständigwachsende junge Bevölkerung heute gutorganisiert ist, erlangen diese sozialenund internetbasierten Bewegungen im-mer größere Bedeutung. Hier lassen sichdrei Trends unterscheiden: Eine Gruppeneuer Bewegungen orientiert sich an in-ternationalen Normen und Organisatio-nen,undsoneigendennvielezuweltoffe-nen, laizistischen Perspektiven und Dis-kursen. Eine zweite Gruppe orientiertsich an der sehr aktiven und durchset-zungsfähigen Rechtskultur und den unab-hängigen rechtlichen Institutionen Ägyp-tens.
Fortsetzung auf Seite 27
Heute
G
eh doch rüber! Wem die ganzeRichtung der Bundesrepubliknicht passte, dem machte man bis 1989den bösen Vorschlag, doch rüber in dieDDR zu gehen. Da sei der Sozialismusdoch zu finden, nach dem man sich im Westen sehne. So ähnlich geht der Ein-wand, wenn alle Jahre wieder Theolo-gen gegen die ganze Richtung der ka-tholischen Kirche protestieren und dasEndedesPflichtzölibats,Frauenordina-tion und Homoehe fordern. Geht dochrüber zu den Evangelischen, hält mandenDissidentendannentgegen,dagibtes das alles doch schon – und seht, mitwelch mäßigem Erfolg! Die Neigung,sich an der immerwährenden kirchli-chen Reformdebatte mit dem Pragma-tismus von politischen Klempnern zubeteiligen, ist auf beiden Seiten derFront verbreitet. Auf der jüngsten Re-formagenda dieser Art, die von 144deutschsprachigen Theologen unter-schrieben wurde, werden kirchlicheNormen von höchst unterschiedlichen Verbindlichkeitsgraden zusammenge-packt – eine Strategie der Entdifferen-zierung, die reformerisch eher kontra-produktiv sein dürfte. Der schiere Prie-stermangel bietet ja noch keine Hand-habe, eine theologisch tief verankerteTradition wie jene, nur Männer zu wei-hen, per Gender-Dekret außer Kraft zusetzen.UnddieScheidungsrateninpro-testantischen Pfarrhäusern machennoch nicht plausibel, warum katholi-scherseits am theologisch eher zufälli-gen Pflichtzölibat festzuhalten sei. Hiergeht bei den Begriffen hüben wie drü-ben einiges durcheinander. Immerhinfindet sich zwischen den altbekannten Argumenten seit dem Wochenendenun auch ein neues: das Sterbebett-Ar-gument. Es stammt von Manfred Lütz,der in Personalunion Psychiater, Best-seller-Autor, Mitglied des PäpstlichenRates für die Laien sowie Berater dervatikanischen Kleruskongregation ist.DasSterbebett-Argument istdie defini-tiveFormeinesvatikanischenK.-o.-Ar-guments. Es lautet: „Auf unserem Ster-bebett wird uns wohl nicht die FragenachZölibat,Frauenordination,Sexual-moralundkirchlichenStruktureninter-essieren, sondern die Frage Luthers: Wie finde ich einen gnädigen Gott?“Mit dieser Überlegung
ad mortem
lässtLützdieReformagendadurchdie„Ster-bebett-Prüfung“krachen.AlsseiimLe-ben nur von Belang, was im Angesichtdes Todes zu Buche schlägt. Wer soscheinheilig seine Ausflucht bei denletzten Dingen sucht, darf sich nichtwundern, wenn’s im Vorletzten refor-merisch mal ordentlich kracht. geyDie Werke von Albert Camus könnenim Internet gratis abgerufen werden.Digitalisiert und ins Netz gestellt hatsieeine kanadische Universität. Sie be-ruft sich auf das nationale Urheber-recht: Fünfzig Jahre nach dem Tod ei-nes Schriftstellers geht sein Werk inden Besitz der Öffentlichkeit über. InFrankreich beträgt diese Frist siebzigJahre: Noch zwanzig Jahre lang kannund will Gallimard mit einem seinerauflagenstärkstenAutorenGeldverdie-nen. Bislang ist es dem Verlag nur ge-lungen, dieVerbreitungdeserstmalsindenneunzigerJahrenerschienenenau-tobiographischen Werks „Der ersteMensch“zu stoppen.Bei allen anderen24 Büchern von Camus beruft sich dieUniversität von Quebec auf das Ge-setz. Der auf Urheberrechtsfragen spe-zialisierte Pariser Anwalt EmmanuelPierrat spricht von einer juristischenGrauzone. Der Fall ist von exemplari-scher Bedeutung: Es geht nicht nur umCamus, sondern ingesamt um zwanzigJahre französischer Literatur. J.A.
WarumMubarakamEndeist
Diese Bilder gehören zu den eindrucksvollsten Ikonen der Revolution am Nil: Küsse für die Angehörigen der Zentralen Sicherheitsdienste
Fotos dapd
 K.o.
Camuskostenlos
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In Ägypten kämpft nicht nur die Jugend gegen diealte Garde der Diktatur. Die Dynamik des Auf-stands wird auch von Polizei, Militär, Geheim- undSicherheitsdiensten befeuert. Sie alle haben ihreeigene Geschichte, ihre Kultur, ihre Bindungenund Einkommensquellen. Eine Analyse der aktuel-len Kräfteverhältnisse am Nil.
Von Paul Amar 
In den letzten Jahren hat das ägyptische Militär kollektiv einwachsendes nationales Pflichtgefühl entwickelt und zugleich einGefühl tiefster Scham, weil es nicht für das eigene Volk eintritt.

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