/  10
 
D
as Werk, das den Star der deut-schen Politik sein Amt kostenkann, heißt „Verfassung und Ver-fassungsvertrag“, 475 Seiten für 88 Euro,ein stolzer Titel und ein stolzer Preis. Er-schienen ist es in einem Fachverlag mitRenommee, bei Duncker & Humblot, denBuchumschlag ziert ein schmuckes Blau.Unten auf der Seite prangt das Wappendes Verlags, es zeigt einen Adler und zweilateinische Wörter. „
Vincit veritas“
: DieWahrheit siegt.Bei Karl-Theodor zu Guttenbergs Dis-sertation war das leider nicht so, jeden-falls nicht beim Verfassen. Die Stundeder Wahrheit kommt erst jetzt, fünf Jahrenach der Abgabe. Am Mittwoch der ver-gangenen Woche berichtete die „Süddeut-sche Zeitung“, dass der Bremer Rechts-wissenschaftler Andreas Fischer-LescanoGuttenbergs Arbeit einer Prüfung unter-
�  8/2011
20
Minister Guttenberg
Doktor der Reserve
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat große Teile seiner Dissertationaus anderen Texten entnommen, ohne das kenntlich zu machen. Wenn erseinen Doktortitel abgeben muss, wäre er als Regierungsmitglied kaum noch zu halten.
Titel
 
zogen habe, mit dem Ergebnis: stellen-weise „ein dreistes Plagiat“.Seither läuft im Internet eine muntereRallye, eine Jagd nach abgekupfertenStellen. Wissenschaftler und sonst wie Be-rufene lassen Guttenbergs Dissertationdurch Suchmaschinen laufen und vermel-den die Ergebnisse auf der HomepageGuttenPlag Wiki. Bis zum Freitagabendwaren über 180 Stellen gefunden. DieRichtigkeit ist nicht verbürgt. Die SPIE-GEL-Dokumentation hatte bis Freitag-abend 62 Stellen gefunden.Ist der Freiherr also ein Freibeuter desWissens? Einer, der anderer Leute Ge-danken gekapert und unter eigener Flag-ge verbreitet hat? Die Beweise sind er-drückend.Nach SPIEGEL-Informationen hat Gut-tenberg auch die WissenschaftlichenDienste des Bundestags für sich arbeitenlassen. Es gibt weiterhin den Verdacht,dass er die Arbeit nicht selbst verfassthat, dass es einen Ghostwriter gab. Kol-legen von ihm tuscheln darüber, aber ei-nen Beleg gibt es nicht.Schon jetzt ist die Glaubwürdigkeit desVerteidigungsministers schwer angeschla-gen. Die Universität Bayreuth, wo er pro-moviert hat, gibt ihm zwei Wochen Zeitfür eine Erklärung. Was will er da sagen?Schlamperei kann bei so vielen Fällenkein Argument sein. Bei der Staatsanwalt-schaft Bayreuth ist bereits eine Straf-anzeige gegen Guttenberg eingegangen,wegen Verdachts des Verstoßes gegen dasUrheberrecht. Es kommt ziemlich dickefür den Minister.Ausgerechnet Guttenberg. Er ist derPolitiker, der als besonders ehrlich, auf-richtig und authentisch galt. Im „Ehrlich-keitsranking“ des Wissenschaftlers HorstOpaschowski belegte er von allen aktivenPolitikern den besten Rang. Emnid hatteim September 2010 ermittelt, dass 67 Pro-zent der Deutschen Guttenberg für glaub-würdig hielten, 69 Prozent für geradlinig.Seit längerem war er der beliebteste Po-litiker in Deutschland, 79 Prozent wolltenihn in einer wichtigen Rolle sehen. Undmit einem Mal wirkt alles wie das Mär-chen vom ehrlichen Karl.Deshalb geht es im Fall Guttenberg umviel mehr als um die Frage, ob er betro-gen hat und deshalb zurücktreten muss.Wenn Guttenberg ein Rosstäuscher ist,dann geht die letzte politische Hoffnungvieler Bürger dahin, dann könnte das Ver-trauen in die Politik weiter schwinden.Diese Verantwortung trägt er, damit musser jetzt umgehen.In die Aufregung um die Doktorarbeitplatzte am Freitag die Meldung, dass einafghanischer Soldat auf Kameraden derBundeswehr geschossen hat. Bis zumAbend starben drei Deutsche, sechs wei-
�  8/2011
21
THOMAS PETER / REUTERS (L.), TOBIAS KLEINSCHMIDT / DPA (R.)
 „Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir.“ 
 
tere waren schwer verletzt. Auf einmalwirkte die Frage, ob der Minister abge-schrieben hat oder nicht, sehr klein undunwesentlich. Im Angesicht des Todes istalles eine Nebensache. Doch für denpolitischen Alltag Deutschlands bleibt eseine wichtige Frage, ob Guttenberg derVerteidigungsminister bleiben kann.
Bislang hat er nur angekündigt, dass erseinen Doktortitel vorübergehend nicht tra-gen will, also gleichsam zum Doktor derReserve wird. Und er hat gesagt, dass erdie Arbeit „nach bestem Wissen und Ge-wissen“ erstellt habe, er selbst und kein an-derer. Fehler räumt er ein, aber den Vor-wurf des Plagiats weist er „mit allem Nach-druck“ von sich. Die Arbeit sei „über etwasieben Jahre neben meiner Berufs- und Ab-geordnetentätigkeit als junger Familienva-ter in mühevollster Kleinarbeit entstanden“.Doch angesichts der Fülle und Schwere derBelege fragt sich, was für ein Wissen undGewissen da zur Geltung kamen.
Wenn Guttenberg bislang in Schwierig-keiten geraten war, hat er immer einenSchuldigen gefunden. Bei der Kunduz-Af-färe traf es den Generalinspekteur der Bun-deswehr und einen Staatssekretär, bei der„Gorch Fock“-Affäre den Kommandanten.Jetzt ist da niemand, den er entlassen könn-te. Diese Affäre verantwortet er allein, undwenn es richtig eng wird, gibt es nur einenRücktritt, der irgendetwas lösen oder hei-len könnte: seinen eigenen.
Der Ministerialrat Dr. Dr. Ulrich Tamm-ler von den Wissenschaftlichen Dienstendes Bundestags hat für den AbgeordnetenGuttenberg, ohne es zu wissen, viele Sei-ten geschrieben. Am 13. Mai 2004 beendetder Ministerialrat aus dem Fachbereich III„Verfassung und Verwaltung“ Rechercheund Niederschrift und gibt unter der Re-gisternummer WF III-100/04 seine Arbeitan Guttenbergs Büro. Das ungewöhnlicheThema der Arbeit: „Die Frage nach einemGottesbezug in der US-Verfassung und dieRechtsprechung des Supreme Court zurTrennung von Staat und Religion“.
Der Ministerialrat hat so gut gearbeitet,dass Guttenberg nicht viel zu redigierenhat. Er streicht ein paar Zeilen, tauschthier mal das Wort „Begriff“ gegen dasWort „Bezug“ aus, fügt dort mal ein „frei-lich“ ein, ändert ein „teilweise“ in ein „zu-weilen“ und macht aus dem „oberstenBundesgericht“ den „Supreme Court“. Ei-ne der inhaltlich gewichtigsten Änderun-gen nimmt er gleich zu Beginn des Kapitelsvor. Dort ersetzt er das Wort „Geld“ durch„Münzen und Geldscheine“. Wort um
Wort, Fußnote um Fußnote, Absatz um Ab
-satz geht die gesamte Arbeit von Dr. Dr.Tammler in Guttenbergs Doktorarbeit ein.Der wahre Autor wird namentlich in kei-ner von Guttenbergs Quellenangaben zi-tiert. Lediglich die WissenschaftlichenDienste erwähnt Guttenberg auf Seite 391seiner Arbeit. „Vergleiche auch eine im Auf-trag des Verfassers entwickelte Ausarbei-tung der Wissenschaftlichen Dienste desDeutschen Bundestages vom 13. Mai 2004“,steht da unter der Fußnote 83 vermerkt.
Damit verstößt der Abgeordnete Gut-tenberg nicht nur gegen die guten Sitten.Die rund 60 Gutachter der Wissenschaft-
Titel
�  8/2011
22
E pluribus unum – Aus vielem (m)eines
Beispiele für Plagiate in Guttenbergs Dissertation „Verfassung und Verfassungsvertrag“
 
Abweichende Textstellen sind gefärbt
Beginn der Einleitung,Guttenberg, Seite 15
 „E pluribus unum“, „Aus vielem eines“ – so lautete das Motto, unter dem vor 
über 215
Jahren die amerikanischenStaaten zur Union zusammenfanden.Ein Motto, das programmatisch zuverstehen ist. Das Land, das wie keinanderes den Pluralismus auf seineFahnen geschrieben hat, eröffnet erst auf dieser einheitlichen, gemein- samen Basis den Spielraum für dieEntfaltung von Vielheit. Sich zu einer Nation zu vereinigen, die ursprüng- liche autonome Vielfalt gegen einenvon einer Zentralregierung gewährtenPluralismus einzutauschen bedeutete indes Verzicht; die bisher unter losem Konföderationsdach weitgehend selbständigen Einzelstaatenmussten um des Gemeinsamen willen den Anspruch auf das Eigene zurückschrauben und...
Guttenberg, Seite 93
Das rechtsstaatliche Gebot, die Grundrechte als Beschränkung vonHoheitsrechten möglichst klar und verbindlich zu regeln,solltesichletztlich
als das stärkere Argument erweisen.Das gilt in besonderem Maße für eine überstaatliche Gemeinschaft,die ihre zwangsläufig größere Bürgerferne überwinden und umVertrauenund Zustimmung ihrer Bürger werben muss.
Dörte Ratzmann:Der Konvent als verfassungsgebende Institution?Masterarbeit, Berlin 2003, S.9
Das rechtsstaatliche Gebot, die Grundrechte als Beschränkung vonHoheitsrechten möglichst klar und verbindlich zu regeln,dürftesichals stärkeres Argument erweisen.Das gilt in besonderem Maße für eine überstaatliche Gemeinschaft,die ihre zwangsläufig größere Bürgerferne überwinden und um Zutrauenund Zustimmung ihrer Bürger werben muss.
Guttenberg, Seite 369
Eine wichtige Lehreaus dem Vergleich beider Verfassunggebungs-  prozesse
ist, nicht von der Verfassung als absoluter und einziger Quelle einer stabilen Demokratie bzw. einer stabilen Ordnung der verfassten Einheit auszugehen.Das in der jeweiligen Verfassungswirklichkeit demokratisch verfasster Länder gegebene Verhältnis von Markt, Parlamentarismus, Sozialstaat- lichkeit und den darin enthaltenen Chancen zu einer lebendigen Demo- kratie ist vielmehr von Faktoren abhängig, die über bloße Verfahrensre- geln hinausweisen: von der politischen Kultur, der Öffentlichkeit und vondem Bedürfnis der Bürger, in Freiheit und Friedenleben zu wollen.
Anonyme Hausarbeit, FU Berlin, Wintersemester 2002/03
Die vielleicht wichtigste Lehre ist, nicht von der Verfassung alsabsoluter und einziger Quelle einer stabilen Demokratiebzw. einer stabilen Ordnung der verfassten Einheit auszugehen.Das in der jeweiligen Verfassungswirklichkeit demokratisch verfasster Länder gegebene Verhältnis von Markt, Parlamentarismus, Sozial- staatlichkeit und den darin enthaltenen Chancen zu einer lebendigenDemokratie ist vielmehr von Faktoren abhängig, die über bloßeVerfahrensregeln hinausweisen: von der politischen Kultur, der Öffentlichkeit und von dem Bedürfnis der Bürger, in Freiheit unter ihresgleichenleben zu wollen.
Eine Passage aus der Masterarbeit von Dörte Ratzman verwendet Guttenberg mit leichten Umformulierungen.Mit einem fast unverän-dert übernommenen Textder PolitikprofessorinBarbara Zehnpfennig –1997 in der „FAZ“ veröf-fentlicht – beginntGuttenberg die Einleitung.Den Text einer Hausarbeit ergänzt Guttenberg durch kleine Zusätze.
Zehnpfennig 
    S    E    B    A    S    T    I    A    N    W    I    D    M    A    N    N    /    D    A    P    D

Share & Embed

More from this user

Add a Comment

Characters: ...