tere waren schwer verletzt. Auf einmalwirkte die Frage, ob der Minister abge-schrieben hat oder nicht, sehr klein undunwesentlich. Im Angesicht des Todes istalles eine Nebensache. Doch für denpolitischen Alltag Deutschlands bleibt eseine wichtige Frage, ob Guttenberg derVerteidigungsminister bleiben kann.
Bislang hat er nur angekündigt, dass erseinen Doktortitel vorübergehend nicht tra-gen will, also gleichsam zum Doktor derReserve wird. Und er hat gesagt, dass erdie Arbeit „nach bestem Wissen und Ge-wissen“ erstellt habe, er selbst und kein an-derer. Fehler räumt er ein, aber den Vor-wurf des Plagiats weist er „mit allem Nach-druck“ von sich. Die Arbeit sei „über etwasieben Jahre neben meiner Berufs- und Ab-geordnetentätigkeit als junger Familienva-ter in mühevollster Kleinarbeit entstanden“.Doch angesichts der Fülle und Schwere derBelege fragt sich, was für ein Wissen undGewissen da zur Geltung kamen.
Wenn Guttenberg bislang in Schwierig-keiten geraten war, hat er immer einenSchuldigen gefunden. Bei der Kunduz-Af-färe traf es den Generalinspekteur der Bun-deswehr und einen Staatssekretär, bei der„Gorch Fock“-Affäre den Kommandanten.Jetzt ist da niemand, den er entlassen könn-te. Diese Affäre verantwortet er allein, undwenn es richtig eng wird, gibt es nur einenRücktritt, der irgendetwas lösen oder hei-len könnte: seinen eigenen.
Der Ministerialrat Dr. Dr. Ulrich Tamm-ler von den Wissenschaftlichen Dienstendes Bundestags hat für den AbgeordnetenGuttenberg, ohne es zu wissen, viele Sei-ten geschrieben. Am 13. Mai 2004 beendetder Ministerialrat aus dem Fachbereich III„Verfassung und Verwaltung“ Rechercheund Niederschrift und gibt unter der Re-gisternummer WF III-100/04 seine Arbeitan Guttenbergs Büro. Das ungewöhnlicheThema der Arbeit: „Die Frage nach einemGottesbezug in der US-Verfassung und dieRechtsprechung des Supreme Court zurTrennung von Staat und Religion“.
Der Ministerialrat hat so gut gearbeitet,dass Guttenberg nicht viel zu redigierenhat. Er streicht ein paar Zeilen, tauschthier mal das Wort „Begriff“ gegen dasWort „Bezug“ aus, fügt dort mal ein „frei-lich“ ein, ändert ein „teilweise“ in ein „zu-weilen“ und macht aus dem „oberstenBundesgericht“ den „Supreme Court“. Ei-ne der inhaltlich gewichtigsten Änderun-gen nimmt er gleich zu Beginn des Kapitelsvor. Dort ersetzt er das Wort „Geld“ durch„Münzen und Geldscheine“. Wort um
Wort, Fußnote um Fußnote, Absatz um Ab
-satz geht die gesamte Arbeit von Dr. Dr.Tammler in Guttenbergs Doktorarbeit ein.Der wahre Autor wird namentlich in kei-ner von Guttenbergs Quellenangaben zi-tiert. Lediglich die WissenschaftlichenDienste erwähnt Guttenberg auf Seite 391seiner Arbeit. „Vergleiche auch eine im Auf-trag des Verfassers entwickelte Ausarbei-tung der Wissenschaftlichen Dienste desDeutschen Bundestages vom 13. Mai 2004“,steht da unter der Fußnote 83 vermerkt.
Damit verstößt der Abgeordnete Gut-tenberg nicht nur gegen die guten Sitten.Die rund 60 Gutachter der Wissenschaft-
Titel
� 8/2011
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E pluribus unum – Aus vielem (m)eines
Beispiele für Plagiate in Guttenbergs Dissertation „Verfassung und Verfassungsvertrag“
Abweichende Textstellen sind gefärbt
Beginn der Einleitung,Guttenberg, Seite 15
„E pluribus unum“, „Aus vielem eines“ – so lautete das Motto, unter dem vor
über 215
Jahren die amerikanischenStaaten zur Union zusammenfanden.Ein Motto, das programmatisch zuverstehen ist. Das Land, das wie keinanderes den Pluralismus auf seineFahnen geschrieben hat, eröffnet erst auf dieser einheitlichen, gemein- samen Basis den Spielraum für dieEntfaltung von Vielheit. Sich zu einer Nation zu vereinigen, die ursprüng- liche autonome Vielfalt gegen einenvon einer Zentralregierung gewährtenPluralismus einzutauschen bedeutete indes Verzicht; die bisher unter losem Konföderationsdach weitgehend selbständigen Einzelstaatenmussten um des Gemeinsamen willen den Anspruch auf das Eigene zurückschrauben und...
Guttenberg, Seite 93
Das rechtsstaatliche Gebot, die Grundrechte als Beschränkung vonHoheitsrechten möglichst klar und verbindlich zu regeln,solltesichletztlich
als das stärkere Argument erweisen.Das gilt in besonderem Maße für eine überstaatliche Gemeinschaft,die ihre zwangsläufig größere Bürgerferne überwinden und umVertrauenund Zustimmung ihrer Bürger werben muss.
Dörte Ratzmann:Der Konvent als verfassungsgebende Institution?Masterarbeit, Berlin 2003, S.9
Das rechtsstaatliche Gebot, die Grundrechte als Beschränkung vonHoheitsrechten möglichst klar und verbindlich zu regeln,dürftesichals stärkeres Argument erweisen.Das gilt in besonderem Maße für eine überstaatliche Gemeinschaft,die ihre zwangsläufig größere Bürgerferne überwinden und um Zutrauenund Zustimmung ihrer Bürger werben muss.
Guttenberg, Seite 369
Eine wichtige Lehreaus dem Vergleich beider Verfassunggebungs- prozesse
ist, nicht von der Verfassung als absoluter und einziger Quelle einer stabilen Demokratie bzw. einer stabilen Ordnung der verfassten Einheit auszugehen.Das in der jeweiligen Verfassungswirklichkeit demokratisch verfasster Länder gegebene Verhältnis von Markt, Parlamentarismus, Sozialstaat- lichkeit und den darin enthaltenen Chancen zu einer lebendigen Demo- kratie ist vielmehr von Faktoren abhängig, die über bloße Verfahrensre- geln hinausweisen: von der politischen Kultur, der Öffentlichkeit und vondem Bedürfnis der Bürger, in Freiheit und Friedenleben zu wollen.
Anonyme Hausarbeit, FU Berlin, Wintersemester 2002/03
Die vielleicht wichtigste Lehre ist, nicht von der Verfassung alsabsoluter und einziger Quelle einer stabilen Demokratiebzw. einer stabilen Ordnung der verfassten Einheit auszugehen.Das in der jeweiligen Verfassungswirklichkeit demokratisch verfasster Länder gegebene Verhältnis von Markt, Parlamentarismus, Sozial- staatlichkeit und den darin enthaltenen Chancen zu einer lebendigenDemokratie ist vielmehr von Faktoren abhängig, die über bloßeVerfahrensregeln hinausweisen: von der politischen Kultur, der Öffentlichkeit und von dem Bedürfnis der Bürger, in Freiheit unter ihresgleichenleben zu wollen.
Eine Passage aus der Masterarbeit von Dörte Ratzman verwendet Guttenberg mit leichten Umformulierungen.Mit einem fast unverän-dert übernommenen Textder PolitikprofessorinBarbara Zehnpfennig –1997 in der „FAZ“ veröf-fentlicht – beginntGuttenberg die Einleitung.Den Text einer Hausarbeit ergänzt Guttenberg durch kleine Zusätze.
Zehnpfennig
S E B A S T I A N W I D M A N N / D A P D
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