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Hurwitz - Zwi

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S. Hurwitz - Sabbatai Zwi, Zur Geschichte und Psychologie eines Erlösers und seiner Bewegung
S. Hurwitz - Sabbatai Zwi, Zur Geschichte und Psychologie eines Erlösers und seiner Bewegung

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Zur Geschichte und Psychologie eines Erlösers und seiner Bewegung
für Marie-Louise von Franz 
Die jüdische Mystik - die Kabbala - hat mit Isaak Lurja um die Mittedes 16. Jahrhunderts ihren Höhepunkt und damit auch ihre Vollendungerreicht. Ihre Entwicklung hat mit der fast allgemeinen Anerkennung der Lurjanischen Lehre ihren eigentlichen Abschluss gefunden. Die Kabbali-sten der nachfolgenden Jahrzehnte weisen nur wenige originelle Ideen undschöpferische Gestaltungskraft auf. Das geistige Erbe der Kabbala wurdezum Teil von jener mystischen Richtung des Judentums im 18. Jahrhun-dert übernommen, die man als Chassidismus bezeichnet. Aber schon vor der chassidischen Bewegung entstanden etwa hundert Jahre zuvor reli-giöse Strömungen innerhalb des Judentums, deren geistige Wurzeln eben-falls in die Lurjanische Kabbala zurückreichen. Es handelt sich um die bei-den häretischen Bewegungen des Judentums, welche sich an die Namen
Sabbatai Zwi
und
Jakob Frank 
knüpfen, die zur Zeit ihrer Entstehung eineungemein faszinierende und zugleich schockartige Wirkung auf das zeit-genössische Judentum ausübten und eine explosive Dynamik entfalteten,welche das ganze geistige Gebäude des Judentums jener Epoche zuerschüttern vermochte und zu zerstören drohte.Der Sabbatianismus, wie man die auf seinen Stifter zurückgehendeBewegung zu bezeichnen pflegt, ist - so viel steht heute nach den grundle-genden Forschungen von G.
Scholem
1
fest - weder ein national-politi-sches Abenteuer noch eine utopisch-schwärmerische Erlösungs- und Er-weckungsbewegung, deren Aufstieg und Erfolg einzig und allein aus der beinahe zweitausendjährigen Leidensgeschichte des jüdischen Volkes er-klärt werden könnte. Wohl waren die äusseren historischen, politischen,sozialen, ökonomischen und geistigen Voraussetzungen derart, dass inden rechtlosen, geknechteten und gequälten jüdischen Massen, vorab imeuropäischen Osten, eine brennende Erlösungssehnsucht geweckt wurde.
1)
G. Scholem: Sabbatai Sevi. The Mystical Messiah. Princeton 1973
 
Aber bekanntlich ist Geschichte nie ausschliesslich ein Abbild von äusse-ren Ereignissen gewesen. Das äussere, in historischen Daten und Faktenfassbare Geschehen stellt ja im Grunde genommen immer auch eine Spie-gelung eines inneren Schicksalsablaufes dar, wobei sich diese beiden Wirk-lichkeitsebenen jeweils wechselseitig bewirkten und bedingen. Wenndaher ein so gelehrter jüdischer Historiker wie
Joseph Klausner 
2
die Auf-fassung vertreten hat, die «ganze Messiasidee sei im Grunde genommennichts anderes als ein Produkt der Leidensgeschichte Israels», so beweistdies einen bedauerlichen Mangel an psychologischem Verständnis für denSinn innerer Gesetzmässigkeiten. Aus äusseren Voraussetzungen alleinlässt sich - um bei unserem Beispiel zu bleiben - niemals der eindrucks-volle Siegeszug der sabbatianischen Bewegung erklären, welche dasJudentum des gesamten Abendlandes, Nordafrikas und des VorderenOrients in seinen Strudel zog.Der Sabbatianismus und der zeitlich etwas spätere Frankismus stellenkeineswegs den ersten Versuch dar, sich gegen das traditionelle talmudisch-rabbinische Judentum aufzulehnen. Bereits im zehnten Jahrhunderthatte
Anan ben David 
die asketische Sekte der Karäer begründet, die sichvehement gegen den Talmud als Norm jüdischen Lebens wandte. Dochblieb dieser Bewegung ein dauernder Erfolg versagt, vermutlich deswe-gen, weil die geistigen Werte der karäischen Reformbewegung nicht voneinem lebendigen Mythos getragen waren.Im Gegensatz dazu ist gerade die häretische Kabbala in hohem Massevon einem mythischen Hintergrunde geprägt. Denn die sabbatianischeHäresie stellt genau genommen nichts anderes dar als ein spontanes
Erwachen, um nicht zu sagen einen stürmischen Durchbruch jenes gnostisch-
kosmogonischen Mythos
Isaak Lurjas,
der sich mit Ideen der jüdi-schen Apokalyptik und des Messianismus amalgamiert hatte. Durch dieseVerbindung entstanden zwei häretische Bewegungen, deren geradezurevolutionäre Durchschlagskraft noch bis zum Beginn des 20. Jahrhun-derts verspürt werden konnte. Denn bis kurz vor Beginn des ersten Welt-krieges lebten in Saloniki noch vereinzelte sabbatianische Gruppen, die
2)
J. Klausner: Die messianischen Vorstellungen des jüdischen Volkes im Zeitalter der Tannaiten.Berlin 1904 pag. 9f J. Klausner: Jesus von Nazareth. Berlin 1930 pag. 270ff 
 
Dönmehs, deren Literatur in den vergangenen Jahrzehnten teilweise ver-öffentlicht worden ist.Die Entwicklung der häretischen Kabbala ist aufs engste mit dem per-sönlichen Schicksal ihres Begründers,
Sabbatai Zivi,
verknüpft. Es istnicht das Anliegen der vorliegenden Studie, die Geschichte und dasSchicksal dieser Bewegung mit ihren verzweigten historischen, nationalenund geistigen Wurzeln darzustellen. Durch die umfangreiche Literatur über dieses Gebiet sind wir heute einigermassen gut orientiert. Aber mankann die sabbatianische Häresie nicht verstehen ohne ihren geschichtli-chen Hintergrund zu kennen. Wir werden infolgedessen nicht darum her-umkommen, zunächst die historische Situation in Kürze zu skizzieren.Dabei geht es mir nicht darum, neue geschichtliche Fakten oder Bezüge zubeleuchten. Vielmehr geht es darum, den psychologischen Hintergrün-den dieser Bewegungen nachzugehen. Wenn es dabei gelingen sollte,etwas über die psychischen Motivationen des Stifters dieser Bewegungund seiner Anhänger auszusagen, dann wird es vielleicht auch möglichsein, einen Beitrag zum Verständnis der Theologie und Psychologie dieser Bewegung zu geben.Dass sich der Erforschung häretischer Bewegungen Schwierigkeitenentgegenstellen, ist bekannt. Für das Judentum zeigt sich dies aber in ganzbesonderem Masse. Niemals zuvor in der langen Geschichte Israels istnämlich eine geistige Bewegung von ihren zeitgenössischen Gegnern miteiner derartigen Intoleranz, ja mit einem geradezu vehementen Fanatis-mus bekämpft worden, wie gerade die sabbatianische Bewegung. Auchdie Geschichtsschreibung von
Heinrich Graetz,
3
des grossen Historikersdes Judentums, vermittelt uns trotz seinem umfassenden geschichtlichenWissen ein völlig verzerrtes Bild, und zwar sowohl des Stifters SabbataiZwi wie der häretischen Bewegungen überhaupt. Sogar 
Simon Dubnow,
4
der den Versuch einer historisch fundierten und sorgfältigen Darstellungunternommen hat und der nicht nur Tatsachenberichte wiedergibt, son-dern auch den inneren Zusammenhängen und Motivationen nachgeht, istdem Phänomen der häretischen Mystik in keiner Weise gerecht gewor-den.
3)
H. Graetz: Geschichte der Juden. Leipzig 1897. Vol. X pag. 186ff 
4)
S. Dubnow: Weltgeschichte des jüdischen Volkes. Berlin 1920 Vol. VII pag. 64ff 

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