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Deutscher Bundestag
Drucksache
15/
5824
15. Wahlperiode
24. 06. 2005
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Auswärtigen Amts vom 22. Juni 2005 übermittelt.Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Antwort
der Bundesregierung
auf die Große Anfrage der Abgeordneten Dr. Werner Hoyer, Dr. Karl Addicks,Daniel Bahr (Münster), weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP– Drucksache 15/4720 –
Auslagerung spezifischer Sicherheits- und Militäraufgaben an nichtstaatlicheStellen
Vorbemerkung der Fragesteller Eine intensive Befassung mit der Problematik der „Privatisierung von Gewalt“und der Auslagerung spezifischer Militär- und Sicherheitsaufgaben auf nicht-staatliche Stellen wird angesichts der aktuellen internationalen Entwicklungenund der weltweit zunehmenden Knappheit öffentlicher Haushalte immer dring-licher. Bei diesem komplexen Themenbereich besteht zum Teil erheblicher nationalstaatlicher und auch völkerrechtlicher Klärungs- oder gar Regelungs-bedarf.Herkömmlicherweise werden Privatpersonen, die in einer militärischen Ausein-andersetzungfür eine der beiden Konfliktparteienkämpfen, als Söldner bezeich-net. Die UN-Söldnerkonvention, die völkerrechtliche Fragen im Zusammen-hang mit derartigen Einsätzen regeln soll, hat trotz ihres langjährigen Bestehensbis heute kaum Beitrittsstaaten gefunden. Auch Deutschland hat die Konventionbis heute nicht ratifiziert. Nur im Ersten Zusatzprotokoll zu den Genfer Konven-tionen von 1949 hat ein Artikel mit Regelungen zum Söldnerwesen Eingang ge-funden. Regional gilt zudem in dem bislang am stärksten betroffenen KontinentAfrika die von der ehemaligen „Organisation of African Union“ OAU entwor-fene regionale Anti-Söldner-Konvention.Die Mitarbeiter privater Sicherheitsfirmen sind jedoch nicht in allen Fällen undohne weiteres als Söldner zu klassifizieren. Ihr Auftrag und damit auch ihrerechtliche Einordnung variiert je nach Art der übernommenen Tätigkeit. DieÜbernahme bestimmter militärischer Aufgaben durch private Firmen hat sichinzwischen über Afrika hinaus in die meisten Teile der Welt ausgebreitet. Heut-zutage kämpfen nicht mehr bloß bezahlte private „Kämpfer“ im Dienste vonRegierungen oder Rebellengruppen. Auch transnationale Firmen und ihre Anla-gen (wie etwa Ölpipelines oder Firmengebäude) werden in krisenanfälligen Re-gionen von privaten Sicherheitsfirmenbewacht. Nichtregierungsorganisationen,aber auch internationale Organisationen einschließlich der Vereinten Nationen,beschäftigen private Unternehmen, um ihre Gebäude und bisweilen auch ihr Personal bei Friedenseinsätzen zu sichern. Dadurch soll die gebotene Neutralitätin den Krisenregionen gerade in der Wahrnehmung der Konfliktparteien besser 
 
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gewährleistet werden, als dies der Fall wäre, wenn etwa Regierungstruppen desLandes solche Einrichtungen schützen würden. Auch Regierungen beauftragenzunehmend private Sicherheitsfirmen, um in anderen Ländern sensible Aufga-ben auszuführen. Zu diesem Mittel wird besonders dann gegriffen, wenn dieeigenen regulären Streitkräfte nicht eingesetzt werden können, weil ein solcher Einsatz entweder die parlamentarische oder auch die öffentliche Zustimmungnicht erhalten würde, oder weil der Vorwurf einer Verletzung der Souveränitätund der territorialen Integrität eines anderen Staates vermieden werden soll. Pri-vate Sicherheitsunternehmen werden so etwa für den Kampf gegen Drogenkar-telle und Guerillas in Lateinamerika eingesetzt.Probleme bei derartigen Einsätzen resultieren zum einen aus dem Schutzbe-dürfnis von Zivilisten und staatlichen Stellen in den Operationsgebieten, zumanderen aber auch aus dem Anspruch der Mitarbeiter der privaten Sicherheits-firmen selbst, die einen klar definierten Rahmen für ihr Handeln erhalten undvor Missbrauch geschützt werden müssen.Deutsche Sicherheitsunternehmen oder deutsche Staatsbürger als Mitarbeiter derartiger Firmen scheinen bislang nur in wenigen Fällen im Ausland Militär-und Sicherheitsaufgaben wahrzunehmen. In Deutschland stellen sich Fragen imZusammenhang mit der Beauftragung von privaten Sicherheitsunternehmenbis-lang etwa mit Blick auf die Privatisierung von Gefängnissen. Aber auch darüber hinaus muss Deutschland als ein Land, das sich dem Völkerrecht und den Ver-einten Nationen besonders verpflichtet hat und Verantwortung für die interna-tionale Sicherheit trägt, ein Interesse daran haben, dass Einsätze von privatenSicherheitsunternehmen in Konflikten völkerrechtlich geklärt und gegebenen-falls reguliert werden.Die Erfahrungen, die etwa die USA, Großbritannien oder Südafrika in jüngster Zeit mit dem Einsatz privater Sicherheitsunternehmen gemacht haben, zeigen,wie überrascht und bisweilen unvorbereitet staatliche bzw. rechtliche Regulie-rungsmechanismen auf dieses Phänomen reagieren. Deutschland sollte sichdaher frühzeitig mit den rechtlichen Implikationen solcher Einsätze vertrautmachen und international auf Klärung und gegebenenfalls Regelung offener Rechtsfragen drängen.Exemplarisch sei verwiesen etwa auf die häufig stark gefährdete Sicherheit desTransports von humanitären Gütern in Krisen- und Kriegsregionen. Viele huma-nitäre Organisationen, wie etwa CARE, das WFP (World Food Programm),ECHO oder auch die Europäische Kommission, verpflichten daher inzwischenprivate bewaffnete Sicherheitsunternehmen, um Konvois zu eskortieren, damitdie Güter ihren Bestimmungsort auch sicher erreichen. An der korrekten Aus-wahl der mit so sensiblen Missionen beauftragten Firmen sind oft Zweifel ange-bracht. So wurde zum Beispiel mit der ArmorGroup eine private Sicherheits-firma zur Absicherung von Hilfsgütertransporten verpflichtet, obwohl dieselbeFirma in Kolumbien bei einem Unternehmen der Petroleumindustrie unter Ver-trag stand und direkt mit staatlichen Sicherheitskräften zusammenarbeitete,während diese etliche Menschenrechtsverletzungenbegangen haben (zu Armor-Group siehe Peter W. Singer: Corporate Warriors. The Rise of the PrivatizedMilitary Industry, Ithaca/London 2003, S. 84–85 und 89). Die Firma DynCorperhielt einen Vertrag in Höhe von 270 Mio. US-Dollar, um die neue irakischePolizei auszubilden. Dabei stehen ausgerechnet Mitarbeiter von DynCorp unter Verdacht, bei Einsätzen im Kosovo und in Afghanistan in den Handel mitillegalen Waffen, gefälschten Reisedokumenten und Frauen verwickelt zu sein(zu DynCorp siehe ders.: War, Profits, and the Vacuum of Law: Privatized Mili-tary Firms and International Law, in: Columbia Journal of Transnational Law 42(2004), S. 525). Selbst auf Video dokumentierte Vorwürfe, hochrangige Ange-hörige der Firma hätten in Bosnien zwei junge Frauen vergewaltigt, wurdenbislang nicht strafrechtlich verfolgt.Neben Zweifeln an der Auswahl und Verantwortung privater Sicherheitsunter-nehmen bestehen aber auch völkerrechtliche Unklarheiten. Einsätze privater Sicherheitsfirmen beeinflussen immer wieder entscheidend den Verlauf von ge-waltsamen Konflikten. So half „Executive Outcome“ maßgeblich dabei mit, denBürgerkrieg in Sierra Leone zu Gunsten der Regierung und gegen die Rebellen-
 
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gruppen von Charles Taylor zu beenden (zu Executive Outcome siehe Singer,Corporate Warriors, a. a. O., S. 101–118). Im Zuge eines Wiederaufflammensdes Konfliktes half „Sandline Int.“ der Regierung, die Rebellenarmee erneutzum Rückzug zu zwingen. Expertengehen davon aus, dass der Krieg erst wieder ausbrechen konnte, als „Executive Outcome“ sich wieder völlig aus SierraLeone zurückgezogenhatte. „SandlineInt.“ war maßgeblichauch in Angola undPapua Neu Guinea aktiv (zu Sandline Int. siehe Singer: Corporate Warriors,a. a. O., S. 93 und 192–196). Zur Ausrüstung der Firma gehören Waffensystemewie die russischen Mig-23, Mig-27 oder auch Su-25 Flugzeuge sowie Mi-17und Mi-24 Helikopter. Aufgrund derartig leistungsstarker Waffensysteme sindprivate Sicherheitsfirmen oftmals in der Lage, einen bewaffneten Konflikt ineinem Drittwelt-Land zu entscheiden, obwohl ihre Stärke kaum über Bataillons-Größe hinausgeht.Wenn Mitarbeiter von privaten Sicherheitsunternehmen mit ihrem militärischenAufklärungsflugzeug über Rebellengebiet abgeschossen werden und in Gefan-genschaft geraten, ist heute unklar, unter welchen Bereich des humanitärenVölkerrechts sie fallen und wie sie daher geschützt oder auch zur Verantwortunggezogen werden können. Ähnliche Fragen stellen sich auch für Mitarbeiter vonprivaten Sicherheitsfirmen, die für die Bedienung von unbemannten Auf-klärungsdrohnen zuständig sind. In diesen Logistik- und Betreuungsbereichensind die meisten dieser Firmen tätig. Hier wird die größte Anzahl von Verträgenerteilt. Die Auswirkungen des Krieges, und damit auch die Anwendbarkeit deshumanitären Völkerrechts, beginnen häufig bereits in diesen Bereichen. So stelltsich die Frage, ob die Auswertung von Satellitenaufnahmen durch privateSicherheits- und Militärfirmen, die zur Zielauswahl der Streitkräfte dient undkriegsentscheidend sein kann, unter das humanitäre Völkerrecht fällt.Auch für die Arbeit von traditionellen privaten Sicherheitsfirmen, die von staat-lichen Stellen für Aufgaben des Personen- oder Objektschutzes eingestelltwerden, besteht Klärungsbedarf. Das gilt für Einsatzmaßnahmen der Personen-schützer von Präsident Hamid Karzai in Afghanistan genauso wie für Sicher-heitsunternehmen, die Botschaften bewachen oder staatliche Ölfelder im Niger-Delta in Nigeria sichern. Wenn diese „Sicherheitsdienstleister“ in bewaffneteAuseinandersetzungen geraten, ist ihr eigener Status oft genauso unklar wie der ihrer „Gegenüber“.
Vorbemerkung der BundesregierungDas Phänomen der Auslagerung spezifischer Sicherheits- und Militäraufgabenan nichtstaatliche Unternehmen ist eine neuartige Konstellation in der Außen-und Sicherheitspolitik, die in der Folge des Endes des Kalten Krieges entstandenist. Die in den letzten Jahrzehnten zu verzeichnende Zunahme nicht internatio-naler bzw. interner bewaffneter Konflikte insbesondere in den Ländern der sogenannten Dritten Welt kann u. a. auf die neue sicherheitspolitische Lagezurückgeführt werden. Zum anderen hat die fortschreitende Globalisierung undTechnologisierung für eine stetige Weiterentwicklung und Spezialisierung der Techniken und Verfahrensabläufe im Militär- und Rüstungssektor gesorgt.Aus entwicklungspolitischer Perspektive ist der Einsatz von privaten Sicher-heitsfirmen fast immer auch ein sichtbares Zeichen für schwach ausgeprägteStaatsgewalt und ein Fehlen von physischem Schutz für die Bevölkerung einer Region. Gerade in Entwicklungsländern wird der Zusammenhang zwischenArmut und Unsicherheit in diesem Sachverhalt besonders deutlich.Die Bundesregierung steht Initiativen sowohl auf internationaler wie auf natio-naler Ebene, die eine effektive Erfassung und Kontrolle von Tätigkeiten privater Sicherheitsfirmen zum Ziel haben, grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber. Zuderartigen Initiativen zählen auch Maßnahmen der freiwilligen Selbstkontrolleund -regulierung durch private Sicherheitsunternehmen.
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