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Perspektiven einerneukirchlichen Lorberforschung
Thomas Noack
 
Perspektiven einer neukirchlichen Lorberforschungvon Thomas NoackDas Desiderat einer neukirchlichen Lorberforschung
Während Swedenborg in Lorberkreisen unter den dort herrschenden Glaubensüber-zeugungen schon seit langem rezipiert wird, ist eine spezifisch swedenborgsche Schuleder Lorberinterpretation bisher über Anfänge kaum hinausgekommen. Im Folgendenmöchte ich Ansätze einer solchen neukirchlichen oder swedenborgschen Betrach-tungsweise Lorbers skizzieren. Im ersten Kapitel stelle ich sie unter das Motto des Nunclicet intellectualiter aus der wohl bekanntesten Vision Swedenborgs. Sie thematisiertdas Wesen der neuen Kirche und steht in WCR 508. Im zweiten Kapitel weise ich auf  vorhandene Ansätze hin, das heißt auf Friedemann Horns Offenbarungskritik und auf die Interpretation der Lorberschriften im Sinne der Entsprechungswissenschaft Swe-denborgs. Im dritten und vierten Kapitel ergänze ich das bisherige Repertoire um zweiweitere Fragestellungen, die mich seit einiger Zeit interessieren und im bisherigenDiskurs eher nicht vorkommen. Ich frage nach der Verwurzelung der Offenbarungdurch Lorber in der geistigen Situation des 19. Jahrhunderts und arbeite ihr eigenesProfil im Unterschied zu Swedenborg heraus.
Nunc licet intellectualiter
Die folgenden zwei Texte enthalten Aussagen zum Wesen der neuen Kirche und zurneukirchlichen Herangehensweise an Offenbarungen. Im ersten Text schildert Sweden-borg seine Nunc-licet-Vision. Er sah in der geistigen Welt den Tempel der neuen Kirche.Über seinem Portal stand die Inschrift »Nunc licet« (Nun ist es erlaubt). Sie bedeutete,dass es nun erlaubt sei, mit dem Verstand (intellectualiter) in die Geheimnisse desGlaubens einzutreten. Beim Anblick dieser Schrift kam Swedenborg der Gedanke, »dasses sehr gefährlich sei, mit dem Verstand (intellectu) in
diejenigen
Lehrsätze des Glau-bens (dogmata fidei) einzudringen, die aus der eigenmenschlichen Intelligenz (ex pro-pria intelligentia) und somit aus falschen Vorstellungen gebildet wurden« (WCR 508).Das Ergebnis wäre der Tod des Verstandes und ein Widerwille gegenüber allen theolo-gischen und metaphysischen Aussagen. Doch in der neuen Kirche ist es nun ausdrück-lich gestattet, »mit dem Verstand (intellectu) in alle ihre Geheimnisse einzutreten undeinzudringen« (WCR 508). Denn die vom Herrn geoffenbarten Lehren dieser Kirche sindwahr, so dass die gedankliche Auseinandersetzung mit ihnen erlaubt werden kann, weilder Verstand nun nicht mehr Schiffbruch erleiden muss. Der zweite Text aus Sweden-borgs Büchlein über das Jüngste Gericht geht in dieselbe Richtung: »Der Mensch derKirche wird sich nun, nach dem Jüngsten Gericht (das 1757 in der geistigen Welt statt-fand), in einem freieren Zustand befinden, aus dem heraus er über die Gegenstände desGlaubens, das heißt über das Geistige des Himmels, nachdenken wird, weil nämlich
 
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nun die geistige Freiheit wiederhergestellt ist.« (JG 73)
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. Das Zeitalter des Autoritäts-glaubens wird durch das Zeitalter des durch eigene Einsicht autorisierten Glaubensabgelöst. Die Geistkirche Christi bietet eine Glaubenslehre an, in der sich endlich auchder Verstand frei bewegen darf. Er darf in die heiligen Hallen der spirituellen Wahrhei-ten eintreten und dort die Wunderwerke des göttlichen Geistes auch mit seiner Kraftdurchdringen. Nirgends stehen Schilder mit der Aufschrift: Denken verboten! Geheim-nis des Glaubens!Ausgestattet mit dieser intellektuellen Freiheit betreten Swedenborgianer das benach-barte Gebäude der Neuoffenbarung durch Jakob Lorber. Doch dort löst ihr AuftretenBefremden, Ängste und entsprechende Abwehrmechanismen aus. Denn der Schreib-knecht Gottes warnte sein Gefolge eindringlich vor dem Gebrauch des Verstandes: »Mitdem Verstande aber bleibe ein jeder hübsch ferne von meiner Gabe!« (HiG 2, 30. Okto-ber 1842, Nr. 10). »Denn der Menschen Weltverstand begreift die inneren Dinge desGeistes und der lebendigen Wahrheit nicht« (GEJ 9,132,16). Sehr zur Überraschung derSwedenborgianer wird im benachbarten Lehrgebäude, das ebenfalls zum neuen Jerusa-lem gehören soll, ein anderer Schulungsweg gelehrt: das Denken im Herzen! DerVerstand - genauer der Welt- oder Gehirnverstand (vgl. GEJ 3,182,22) - gilt hier alsNiete, Versager und Störenfried. Der Vorwurf des Verstandesdenkens ist der schlimm-ste, den man sich unter Lorberadepten einhandeln kann. Im Lager der Lorberfreundenimmt man seinen Verstand wieder gerne gefangen unter der Bereitschaft, alles glau-ben zu wollen, was in der Neuoffenbarung steht.Diese hier nur angedeutete, etwas widersprüchliche Situation bedeutet für mein Vorha-ben: Die nachstehenden Gedanken sind meinerseits nicht als Beitrag zum Dialog zwi-schen Swedenborgianern und Lorberianern gedacht. Natürlich ist das Folgende keinGeheimpapier, auch Lorberfreunde dürfen es lesen, aber ich habe es nicht für sie ge-schrieben. Ich habe es für Swedenborgianer geschrieben, allerdings für solche, die eineernsthafte Auseiandersetzung mit den Schriften Jakob Lorbers anstreben, nicht fürsolche, die meinen, die Neuoffenbarung durch Lorber könne man mit Polemik vomTisch wischen. Zwischen der bedingungslosen Annahme der Lorberschriften und derbedingungslosen Ablehnung derselben versuche ich, einen mittleren Weg zu finden. Ichwill die Swedenborgkirche nicht mit Jakob Lorber überschwemmen, aber ich möchtedieser Kirche ausgehend von ihren eigenen Voraussetzungen einen Weg zu diesernahen und manchmal doch so fremden Neuoffenbarung bahnen. Dieser Weg wird einintellektueller sein und somit ein typisch swedenborgischer. Und deswegen ist dasFolgende für den klassischen Lorberfreund nicht besonders interessant. Aber das ist miran dieser Stelle egal, denn ich möchte für die wenigen echten Freunde SwedenborgsPerspektiven einer neukirchlichen Lorberforschung eröffnen.
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Der lateinische Originaltext lautet: »homo ecclesiae erit posthac in liberiori statu cogitandi de rebusfidei, ita de spiritualibus quae sunt caeli, quia liberum spirituale restitutum est« (JG 73).

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